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15.03.10: Debatte über Erneuerung der Gewerkschaften |
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»Entwaffnung der Arbeiterklasse« |
In seinem neuen Buch »Power at work. Die Rückgewinnung gewerkschaftlicher Macht am Beispiel Australiens« fordert Michael Crosby einen Umbau in den Gewerkschaften. Die australische Gewerkschafterin und Sozialistin Liz Ross über das Buch. Ein Beitrag zur Debatte.
»Wir
befinden uns in einem Klassenkrieg«, ob wir wollen oder nicht, so
Michael Crosby, australischer Gewerkschaftsfunktionär und Verfasser
des jetzt auf Deutsch erschienenen Buchs »Power at work. Die
Rückgewinnung gewerkschaftlicher Macht am Beispiel Australiens« (1).
Hier skizziert Crosby die vor allem von der US-amerikanischen
Dienstleistungsgewerkschaft SEIU (2), aber auch von anderen Gewerkschaften weltweit, verfolgte Strategie, der
jahrzehntelangen Unternehmeroffensive gegen Beschäftigte in den
Industrieländern etwas entgegenzusetzen.
Crosbys
Anliegen besteht darin, eindringlich - sogar leidenschaftlich, wie
er sagt - dafür zu plädieren, die australischen Gewerkschaften
nach Jahren der Niederlage und einem katastrophalen Niedergang der
Gewerkschaftsmitgliedschaft wieder aufzubauen. Damit steht er nicht
alleine. Über 50 Prozent der australischen Arbeiterschaft wollen
Mitglied einer Gewerkschaft sein, während nur knapp 20 Prozent
tatsächlich organisiert sind. Die Notwendigkeit und auch das
Bedürfnis für den Wiederaufbau liegen auf der Hand (3). Mit
der Behauptung, ein Scheitern sei »undenkbar« und wir bräuchten
einen radikalen Umbau in den Gewerkschaften, bietet Crosby einige
nützliche Taktiken für die Wiederbelebung der Gewerkschaften an. Er
betont: »Wir sind kein Geschäft, das Dienstleistungen verkauft. (...)
Wir sind das Mittel, durch das unsere Mitglieder ihren Arbeitgebern
und den Mächtigen der Gesellschaft die Stirn bieten und sagen
können: »Hört mal her, (...) Wir fordern das Recht, gehört zu
werden, nicht aus Gnade, sondern weil ihr keine andere Wahl habt, als
uns zuzuhören« (4).
Der
Wiederaufbau gewerkschaftlicher Präsenz ist bereits mit nur einem
Mitglied möglich, sagt Crosby und nennt konstruktive Beispiele dafür
aus so unterschiedlichen Bereichen wie Schickimickiläden oder
Bergwerken, aus denen die Gewerkschaften vertrieben wurden. Als
beispielsweise die Beschäftigten des Star Casinos in Sydney
anfingen, sich gewerkschaftlich zu organisieren, waren sie sich trotz
eines Mehrheitsvotums für Streik der konkreten Unterstützung ihrer
Kolleginnen und Kollegen nicht sicher. Sie entschieden sich für
einen Test, indem sie die Streikbereiten baten, ein blaues Pflaster
um den kleinen Finger zu tragen. Am nächsten Tag hatten alle einen
blau verklebten Finger, der Streik wurde eingeleitet und sie
gewannen. Wie
Crosby sagt: Den Arbeitern
»muss der Erfolg der Gewerkschaft zugerechnet werden«
(5).
Crosby
ist ehrlich genug, hier und da die von ihm gemachten Fehler und die
daraus zu ziehenden Lehren zu beschreiben. Ebenso gibt er zu, viele
seiner Ideen von US-amerikanischen Gewerkschaften »gestohlen« zu
haben, die mit einem ähnlich harten antigewerkschaftlichen Umfeld
kämpfen.
Aber
trotz all seiner Rhetorik vom Aufbau der »Macht im Betrieb« und der
kollektiven Macht der Arbeiter geht es ihm nicht um Arbeitermacht.
Immer wieder scheint eine managementbetonte und
unternehmensfreundliche Agenda durch. Während Arbeiter gezwungen
sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen oder zu hungern, verwendet
Crosby die Begrifflichkeit der Börse, um Arbeiter als »Mitspieler
auf dem Arbeitsmarkt«
(6)
zu beschreiben, als ob sie wie die Reichen entscheiden könnten, »auf
dem Markt zu spielen«. Als
Individuen innerhalb des kapitalistischen Systems können sie jedoch
- wie auch Crosby zugeben muss - nicht gewinnen. Arbeiter
schließen sich zusammen oder bilden Gewerkschaften, gerade weil sie,
wie Marx es nannte, »Sammelpunkte
des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals« (7)
brauchen. Während
Gewerkschaften Verteidigungsorganisationen innerhalb des Kapitalismus
sind und nicht die kapitalistische Herrschaft an sich angreifen, kann
die Art
ihres Kampfes dennoch zum Ausgangspunkt für einen revolutionären
Wandel werden. Crosby hat aber nicht die Absicht, den Gewerkschaften
diese Richtung zu geben.
Er
gibt stattdessen mit seiner Reputation als »Henker«
an,
wenn Gewerkschaften ihn herbeirufen, um ihren Haushalt auszugleichen,
und macht keine Anstalten, sich dafür zu entschuldigen, dass das oft
auch Personalabbau heißt, da dies der größte Kostenfaktor bei
Gewerkschaften ist (8).
Die Finanzsektorgewerkschaft, sagt er, hat »sich wieder
aufgerappelt. Sie senkte dramatisch die Ausgaben, (...) und
ist jetzt ein Vorbild für effizientes Management
gewerkschaftseigener Mittel.« (9)
Er
geht kaum darauf ein, dass der Abbau von Arbeitsplätzen im
Finanzsektor, gegen den die Gewerkschaft nichts tat, sondern
lediglich Abfindungen für die Beschäftigten aushandelte, hinter dem
realen Verlust an Gewerkschaftseinkommen und dem katastrophalen
Niedergang der Mitgliedschaft steht. Warum sich die Gewerkschaften in
diesem prekären Zustand befanden, kann Crosby, wie ich später
zeigen werde, ebenfalls nicht erklären. Er bietet infolgedessen eine
unpolitische, geradezu mechanistische Strategie für den
Organisationsaufbau an. Es ist kein Zufall, dass auf dem Einband der
australischen Ausgabe des Buchs eine Vierfachsteckdose und auf dem
der deutschen eine Rohrzange abgebildet ist und nicht Arbeiterinnen
und Arbeiter zu sehen sind, die aus dem Betrieb marschieren oder auf
Streikposten stehen, oder Bilder von den Zusammenstößen bei dem
Hafenarbeiterstreik von 1998 oder von der »Your Rights at
Work«-Kampagne von 2005 bis 2007, durch die der konservative
Ministerpräsident John Howard gestürzt wurde.
Wenn
Gewerkschaften jedoch stark sind, besteht Crosbys Ziel in gemeinsamem
Management mit dem Unternehmen, statt dafür zu argumentieren, gegen
das Kapital vorzugehen. Für Gewerkschaften gibt es, so sagt er,
»dann
auch Wege, zur Erhöhung der Produktivität und der
Konkurrenzfähigkeit real Verantwortung für die Betriebsführung zu
übernehmen«.
(10)
Obwohl
er durchgängig dafür argumentiert, die Gewerkschaften systematisch
wieder aufzubauen, weist Crosby jede Vorstellung von einer Kontrolle
von unten zurück und behauptet, Führung von oben sei ein
wesentlicher Faktor für den gewerkschaftlichen Erfolg. Er schreibt:
»Einige (...)
haben
das
Umschwenken auf eine Organizingkultur als Anstoß für die
Entwicklung einer Basiskontrolle über die Gewerkschaftsaktivitäten
interpretiert« (11).
Doch nichts
liegt ihm ferner. Er führt hypothetische Beispiele für die
Rückständigkeit von Gewerkschaftsmitgliedern an: Wie können wir
dafür sorgen, dass eine überwiegend junge Arbeitnehmerschaft Renten
als Priorität betrachtet, oder eine männliche Arbeitnehmerschaft
sich für bezahlten Mutterschaftsurlaub einsetzt. Dabei übersieht er
die Tatsache, dass
die Mitglieder nicht selten die Funktionäre gedrängt haben, diese
Forderungen aufzugreifen, und wringt voller Schrecken die Hände über
die Idee, die Mitglieder »machen
zu lassen« (12).
Eine
höchst elitäre Einstellung zeigt sich auch, wenn er die
Schlussfolgerung zieht: »Nehmen
wir uns nicht die Zeit, Arbeitnehmer auch in diesen Themen zu
schulen, können wir lediglich die Probleme und Vorurteile vieler
unserer Mitglieder widerspiegeln.«
(13)
Was
wir brauchen, sagt Crosby, ist eine aufgeklärte Führung, die dafür
sorgt, dass die Mitglieder ein Gefühl von Eigentum an der
Gewerkschaft haben, dass sie beteiligt sind und ihnen zugehört wird,
aber am Ende muss eine Führung »den
Arbeitnehmern ihren
Willen aufdrücken« (14).
Er
betont, dass ein von 51 Prozent der Mitglieder unterstützter Streik
nur in eine Katastrophe münden
kann. Statt aber
für
den Aufbau des Streiks zu werben,
für
Streikposten vor Betrieben, die sich gegen das Mehrheitsvotum
stellen, für den Aufbau eines Streikkomitees oder auch nur für die
Idee demokratischer Mehrheitsherrschaft einzutreten, argumentiert er,
ein solches Abstimmungsergebnis zeige den Arbeitgebern unsere
Schwäche und Spaltung, weshalb die Führung sich darüber
hinwegsetzen solle! Er beschließt diese Überlegungen wie folgt:
»Die
besten Gewerkschaftsführer werden dann darüber sprechen, dass ihr
größter Erfolg darin bestand, irgendwann Mitglieder von der
Weiterarbeit überzeugt zu haben, wie scharf die
Arbeitgeberprovokation auch immer gewesen sein mag.«
(15)
Es
ist richtig, wenn Crosby sagt, wir befinden uns in einem
Klassenkrieg, aber die Politik der Klassenzusammenarbeit, der
Schwächung von Kämpfen der Gewerkschaftsbasis, der Organisierung
von Beschäftigten in Gewerkschaften mit dem Ziel, Produktivität und
Profit zu fördern, für die er in seinem Buch wirbt, ist nicht die
Lösung dafür. Folgende Sätze bringen seine Philosophie auf den
Punkt:
»Die
Gewerkschaften müssen reformiert werden, weil sie den
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern gute Dienste leisten. Sie müssen
aber auch erneuert werden, damit die Beschäftigten ein Gegengewicht
zu denen aufbauen können, die die Produktionsmittel kontrollieren.
Nur mit starken Gewerkschaften können Arbeiter und Angestellte
darüber mitbestimmen, wie sie von der Gesellschaft, in der sie
leben, behandelt werden. Nur so kann eine Marktwirtschaft entwickelt
werden, in deren Mittelpunkt die Notwendigkeit der Chancengleichheit
für alle steht. Nur so können wir unser nationales Erbe bewahren -
die Essenz dessen, was es heißt, Australier zu sein.«
(16)
Wir
suchen vergeblich nach einer Vorstellung von widerstreitenden
Klasseninteressen, von Arbeiterkontrolle, von Internationalismus der
Arbeiterklasse oder auch nur von der Idee der Gewerkschaften als
unübertroffene »Kriegsschule«, wie Engels sie beschrieb (17).
Crosbys Buch zeigt Seite für Seite, dass diejenigen, die den
Klassenkrieg heute auskämpfen wollen, und jene, die Crosbys
Aufbaumodell folgen, in grundlegend unterschiedliche Richtungen
gehen.
Rosa Luxemburg macht das in »Reform oder Revolution« sehr deutlich:
»Wer
sich (...) für den gesetzlichen Reformweg anstatt
und im
Gegensatz
zur Eroberung der politischen Macht und zur Umwälzung der
Gesellschaft ausspricht, wählt tatsächlich nicht einen ruhigeren,
sicheren, langsameren Weg zum gleichen
Ziel, sondern auch ein anderes
Ziel (...)« (18).
Grundlage
von Crosbys fehlerhaftem Rezept für die gewerkschaftliche Erneuerung
ist die völlige Unfähigkeit, die wirkliche Ursache für den
Gewerkschaftsniedergang in Australien zu benennen, was sich auch in
der Kapitelüberschrift »Was zum Teufel ist passiert?«
widerspiegelt.
In
seinem kurzen Abriss über Australien und seine Gewerkschaften
beschwört er eine Vision von einer »egalitären«, klassenlosen
Vergangenheit, zu deren kollektiven Errungenschaften »unsere
Fähigkeiten im Krieg« und industrielle Entwicklungen
gehören (19).
Dabei verleugnet und entstellt er die wahre Geschichte von
Klassenkampf und den Errungenschaften der Arbeiterbewegung.
So
behauptet er, dass Australien seit Anfang des 20. Jahrhunderts »eine
»nach Gleichheit strebende Marktwirtschaft« war (20).
Haben wir jemals in der australischen Geschichte erlebt, dass die
herrschende Klasse die Gleichheit der Arbeiter angestrebt hätte?
Nein, es war Klassenkampf, der die Unternehmer und ihre
parlamentarischen Vertreter Schritt für Schritt auf diesen Weg
gezwungen
hat.
Ebenso
beschämend ist seine Darstellung der neueren Geschichte, die es ihm
erlaubt, eine Strategie der Klassenzusammenarbeit statt des
Klassenkriegs für Gewerkschaften zu untermauern. So stellt er die
konzertierte antigewerkschaftliche Politik und Praxis der
sozialdemokratischen Hawke/Keating-Ära von 1983 bis 1996 zwar als
nicht unproblematische, aber doch kooperativere, sogar privilegierte
Zeit für Arbeiter dar.
Tatsächlich
zerschlug die Hawke/Keating-Regierung zwei Gewerkschaften: Während
des Preis- und Lohnabkommens (Accord genannt), das zwischen den
Gewerkschaften und der Regierung geschlossen worden war, gerieten
einige militante Gewerkschaften unter Beschuss, weil sie die
Botschaft des Accords von »Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Harmonie« und
Lohnzurückhaltung bedrohten. Zu ihnen gehörten die
Bauarbeitergewerkschaft als stärkste Gewerkschaft Australiens und
die Pilotenvereinigung. Sie wurden im Namen des Accords durch die
Regierung mit aktiver Beteiligung einer Mehrheit der
Gewerkschaftsführer des Landes zerschlagen. Bauarbeiter und Piloten
kämpften hart und gewannen die Unterstützung einiger
Gewerkschaftsführer, vieler einfacher Gewerkschaftsmitglieder und
anderer progressiver Kräfte - am Ende jedoch obsiegte die
Regierung.
In
dieser Zeit wuchs die Ungleichheit, es kam zum schnellsten Niedergang
der Gewerkschaftsmitgliedschaft seit den 1890er Jahren und zur
Vereinzelung am Arbeitsplatz, womit der Grundstein für die
konservative Nachfolgeregierung unter John Howard gelegt wurde. Diese
Regierung verzichtete auf jede Kooperationsrhetorik und formulierte
offen ihre antigewerkschaftliche Tagesordnung.
Und
doch kam Howard bei seinem ersten Zusammenstoß mit der Seeleute-
und Hafenarbeitergewerkschaft MUA
(21)
einer Niederlage nahe, als die landesweite Klassenpolarisierung
Regierung und Arbeitgeber fast in die Knie zwang. Crosby beschreibt
den feigen Ausverkauf, auf den sich die MUA-Führung entgegen den
Vorstellungen ihrer Mitglieder einließ und wobei sie dem Arbeitgeber
fast jedes Zugeständnis machte, als Sieg einer erleuchteten Führung
angesichts der Unnachgiebigkeit der Basis, statt als Niederlage für
die Arbeiterbewegung, die es tatsächlich bedeutete. Folglich kann er
auch den politischen
Gewinn der Tatsache nicht erkennen, dass tausende von Gewerkschaftern
der MUA zu Hilfe kamen, dass die Arbeiterklasse mobilisiert war und
zeigte, was gegen eine Offensive der herrschenden Klasse möglich
war.
Nachdem
Howard eine Reihe kämpferischer Gewerkschaften aufs Korn genommen
hatte, richtete er seinen Hauptstoß schließlich gegen die gesamte
Arbeiterklasse mittels des mit einem wahrhaft Orwell'schen Namen
bezeichneten Gesetzes WorkChoices, das die Arbeiter und ihre
Gewerkschaften fast all ihrer Rechte beraubte.
Die
folgende Labor-Regierung unter Kevin Rudd und Julia Gillard kam auf
dem Rücken einer Großkampagne für Arbeitnehmerrechte (Your Rights
at Work) mit landesweiten Warnstreiks, wirkungsvoller Organisation
von unten, aussagekräftigen Anzeigen und Werbefilmen an die Macht.
Es war alles in allem eine Kampagne, die Labor zwang, WorkChoices »in
Stücke zu reißen«. Und doch hat sich nur wenig geändert.
Schlimmer noch hält sie an Howards Australischer Kommission für das
Baugewerbe (ABCC) fest, die Bauarbeiter zur Denunziation zwingt,
indem ihnen das Recht auf Aussageverweigerung genommen wurde, und
Arbeiter in den Knast schicken sowie Bußgelder gegen Arbeiter wie
Gewerkschaften verhängen kann.
Crosby
gibt zu, dass einige Gewerkschaften davon »enttäuscht« sind.
Dennoch tritt er dafür ein, die Regierung zu akzeptieren, da den
Gewerkschaften jetzt
»eine
ganze Reihe von Mitteln an die Hand gegeben [wurden], ihre Stärke
erneut aufzubauen«,
und
die Arbeitgeber die Stärke der Gewerkschaften anerkennen würden und
»bereit
zu kooperativen Beziehungen«
seien (22).
In Crosbys Buch
findet sich keine ernsthafte Kritik an Labors früherer oder heutiger
Politik. Das ist kein Wunder, denn gäbe er zu, dass Labor bereit
ist, Arbeiterrechte im Interesse der fortgesetzten Herrschaft des
Kapitals mit Füßen zu treten, würde das in Widerspruch zu dem von
ihm gezeichneten Bild einer progressiven Labor-Regierung geraten, die
auf ein reibungsloses Komanagement
des Kapitalismus zusteuert, an dessen Ende der versprochene Lohn
in Form
eines gleichen Anteils an seinem Wohlstand steht.
Crosbys
Vorstellung von der Aufgabe der Gewerkschaften hat viel Ähnlichkeiten
mit dem, was der italienische Marxist Antonio Gramsci als
kapitalismusfreundliche Tendenzen des Gewerkschaftswesens
analysierte.
Gramsci
schrieb, dass die Arbeiter, weil sie lediglich ihre Arbeitskraft
verkaufen können und gnadenloser kapitalistischer Konkurrenz
ausgesetzt sind, mittels der Gewerkschaften »ihr Eigentum, die
Arbeitskraft, in größeren und umfassenderen ‚Firmen‘ angelegt
(...), Preise und Arbeitszeiten festgelegt und den Markt
diszipliniert« haben. Diese »Firmen« oder Gewerkschaften nehmen
die Gestalt von Kapitalgesellschaften an, mit »vertrauenswürdigem
Verwaltungspersonal (...), das die Marktbedingungen beherrscht, fähig
ist, Verträge zu schließen, das kommerzielle Würfelspiel
abzuwägen, ökonomisch nützliche Schritte in die Wege zu leiten« (23).
Ihr Funktionärskörper, die Gewerkschaftsbürokratie, geht als
Verfechter kapitalistischer Politik und Verteidiger des
kapitalistischen Systems logisch aus dieser Entwicklung hervor.
Und
Rosa Luxemburg wies darauf hin, dass die Gewerkschaftsbürokratie
beständig nach Theorien oder Programmen der Sozialpartnerschaft
sucht (in Australien 1983 das Preis- und Lohnabkommen, Accord,
zwischen der Dachgewerkschaft ACTU und der sozialdemokratischen
Australian Labor Party), »die den gewerkschaftlichen Kämpfen im
Gegensatz zur sozialdemokratischen [sozialistischen] Lehre auf dem
Boden der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschränkte Perspektiven
des wirtschaftlichen Aufstiegs eröffnen würde« (24).
Auf
diese Weise werden die Arbeitnehmer
in ihrem gewerkschaftlichen und politischen Krieg gegen das Kapital
letztendlich entwaffnet - das ist die Politik, die Crosby vertritt.
Weitere
Literatur zum Thema:
-
Mick
Armstrong und Tom Bramble, The
Labor Party: a Marxist analysis,
Socialist Alternative, 2007
-
Tom
Bramble, Trade
Unionism in Australia.
From
flood tide to ebb tide,
Cambridge University Press, 2008
-
Defend
The Unions Committee. War
on the Waterfront. Link.
-
Rick
Kuhn und Tom O'Lincoln (Hg.),
Class and class conflict in Australia,
Pearson Longman, 1996
-
Rick
Kuhn (Hg.), Class
and struggle in Australia,
Pearson Longman, 2005. Link.
-
Liz
Ross, Dare
to Struggle, Dare to Win. Builders Labourers Fight Deregistration,
1981-1994,
Vulgar, 2004
-
Liz
Ross, »Dedication doesn't pay the rent. The story of the Victorian
Nurses strike of 1986«, in: Sandra Bloodworth and Tom O'Lincoln
(Hg.), Rebel Women Red Rag, 2007
-
Zu
verschiedenen Aspekten der Geschichte der australischen
Arbeiterklasse. Link .
Fußnoten:
1
Michael Crosby, »Power at work. Die
Rückgewinnung gewerkschaftlicher Macht am Beispiel Australiens«,
herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Detlef
Wetzel, 2. Vorsitzender der IG Metall, VSA
Verlag, Hamburg 2009. Michael Crosby war Direktor des »Organizing Centre« des australischen Gewerkschaftsdachverbandes ACTU. Er leitet derzeit das Europabüro des 2005 in den USA gegründeten Gewerkschaftsverbandes »Change to Win«.
2
Service Employees International
Union.
3
Nach neuesten Statistiken hat sich die Mitgliedschaft, nachdem sie
in den vergangenen 17 Jahren ständig gefallen war, stabilisiert:
bei 13,6 Prozent im Privatsektor und 41,9 Prozent im öffentlichen
Sektor (in dem aber nur knapp 20 Prozent aller Arbeitskräfte
beschäftigt sind), was einen Durchschnitt von 18,9 Prozent ergibt.
4
Crosby, S. 107.
5
Crosby, S. 107.
6
Crosby, S. 18.
7
Karl Marx, »Lohn, Preis, Profit«, in: Marx-Engels-Werke (MEW) Bd.
16, S. 152.
8
Crosby, S. 86-87.
9
Crosby, S. 32.
10
Crosby, S. 271.
11
Crosby, S. 114.
12
Crosby, S. 114.
13
Crosby, S. 210.
14
Crosby, S. 117.
15
Crosby, S. 122.
16
Crosby, S. 13.
17
Friedrich Engels, »Die Lage der
arbeitenden Klasse in England«, in: MEW Bd. 2, Berlin 1985, S. 441.
18
Rosa Luxemburg, »Sozialreform
oder Revolution«, in: Gesammelte Werke (GW) Bd. 1.1, Berlin 1987,
S. 428-429
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1899/sozrefrev/kap2-3.htm
.
19
Crosby, S. 12.
20
Crosby, S. 12.
21
Maritime Union of Australia.
22
Crosby, S. 305.
23
Antonio Gramsci, »Philosopie
der Praxis. Eine Auswahl«, Frankfurt am Main
1967, S.39-43,
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/gramsci/1919/10/gewerkrat.html.
24
Rosa Luxemburg, »Massenstreik, Partei und Gewerkschaften«, in: GW
Bd. 2, Berlin 1990, S. 164.
http://www.marxists.org/deutsch/archiv/luxemburg/1906/mapage/kap8.htm
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