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09.04.10: Betrieb & Gewerkschaft |
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»Wir ziehen das Ding jetzt durch« |
Es war einer der erfolgreichsten Streiks des letzten Jahres:
Gebäudereiniger, mehrheitlich Frauen, wehrten sich erfolgreich gegen
Lohndumping. Stefan Bornost hat sich mit einer Beteiligten getroffen
 Demonstration der Gebäudereinigerinnen in Duisburg im Oktober 2009. Für viele war es der erste Streik Es hat mit einem schmucklosen
Rundschreiben der GRG begonnen, der Großberliner
Reinigungsgesellschaft. Eine der Empfängerinnen war Natascha
Storek*, 49 Jahre, Gebäudereinigerin in Berlin: »Die Gewerkschaft
hatte uns schon gesagt, dass die Verhandlungen nicht vorangehen. Und
dann kam das Rundschreiben, dass die Löhne gesenkt werden sollen auf
5,71 Euro im Westen und 4,61 Euro im Osten.« Über die Reaktion der
meisten GRG-Beschäftigten berichtet Natascha: »Das lassen wir uns
auf keinen Fall gefallen.« Fortan beteiligte sie sich an den
Vorbereitungen eines bundesweiten Streiks von Gebäudereinigern, der
im Oktober beginnen sollte. Einer ihrer Slogans war »Wir wollen
besser behandelt werden als der Dreck, den wir wegmachen« - das
traf die Stimmung voll, erzählt Natascha: »Wir können ja so kaum
von den Löhnen leben. Jeder, der dieses Schriftstück in der Hand
und gelesen hatte, war sich sicher, dass er für 5,71 Euro nicht
arbeiten geht. Wir müssen jetzt schon soviel Schweiß lassen, wir
schaffen kaum das Pensum, das uns vorgegeben wird. Das ist schon
Akkord, wie wir arbeiten müssen. Dabei muss der Standard stimmen -
du hast ein Leistungsverzeichnis, nach dem du arbeiten und das du in
einer gewissen Zeit bringen musst.« Fast eine Million Gebäudereiniger
arbeiten in Deutschland - die überwiegende Mehrzahl davon Frauen.
Laut Schätzungen sind bis zu 80 Prozent geringfügig beschäftigt
und verfügen über keinen Kündigungsschutz. Insgesamt müssen 7,8
Millionen Menschen in Deutschland im Niedriglohnsektor arbeiten.
Natascha kennt die damit verbundenen
Folgen aus ihrem persönlichen Umfeld: »Viele der Kollegen haben
Hartz IV oder ergänzende Sozialhilfe beantragt, damit sie überleben
können - und das bei 8,15 Euro Lohn. Da kann man sich doch
vorstellen, was los ist, wenn die Löhne auf 5,71 Euro fallen. Und
das wäre ohne Streik auch passiert - wenn eine Firma runtergeht,
dann ziehen die anderen doch mit.« Die IG BAU hatte sich auf die
Auseinandersetzung monatelang vorbereitet - die seit Januar 2009
laufenden bundesweiten Tarifgespräche hatten in sechs
Verhandlungsrunden kein Ergebnis gebracht. Und mit dem im September
ausgelaufenen Tarifvertrag endete auch die gesetzliche Regelung zum
Mindestlohn. Unternehmen im ganzen Land waren beim Abschluss neuer
Arbeitsverträge nun nicht mehr daran gebunden - und verschickten,
ähnlich wie die GRG, reihenweise Briefe, in denen sie die
Lohnkürzungen ankündigten. Mit gewerkschaftlichem Widerstand hatten
die Arbeitgeber wohl nicht gerechnet. Denn der gewerkschaftliche
Organisationsgrad in der Branche war bis dahin mit knapp 10 Prozent
sehr gering. Doch die wenigen IG-BAU-Mitglieder
haben gezeigt, was mit Entschlossenheit und Kampfgeist zu erreichen
ist: »Die Vorbereitung hat überwiegend die Gewerkschaft gemacht.
Die haben sich die Punkte gesetzt, wo sie anfangen und wo sie mehr
Leute aktivieren wollen. Damit das überhaupt Wirkung zeigt. Dann
haben wir die Kolleginnen und Kollegen morgens angerufen und gesagt
›Passt auf, wir holen euch in 10 bis 15 Minuten ab - wir streiken
jetzt, wir ziehen euch aus den Objekten raus‹. Und sie haben auch
mitgemacht«, berichtet Natascha.
Die Initiative einzelner kann einen
großen Unterschied machen. Natascha sagt, dass sie der »Leithammel«
gewesen ist - und meint das nur halb scherzhaft. »Ich habe die
Kollegen reingezogen, aufgeklärt und gesagt ›Hört mal zu, ihr
wollt für dieses Geld nicht arbeiten - dann müsst ihr auch was
tun. Dann müsst ihr auch mit mir zusammen auf die Straße‹.« Für die meisten Beteiligten war dies
der erste Streik - entsprechend groß auch die Verunsicherung.
Viele Kolleginnen, gerade langjährige, hatten Angst, den Job zu
verlieren, weil sie Alleinverdiener sind oder die Familie aufgrund
von Arbeitslosigkeit und Lohneinbussen des Mannes auf ihr Einkommen
angewiesen ist: »Du musstest die Frauen schon motivieren und sagen:
›Komm, wir ziehen das Ding jetzt durch.‹ Viele haben sich auch
erst mit ihren Männern abgesprochen. Die haben dann ihre Frauen
motiviert, mitzumachen«.
Während des Streiks hat es eine breite
Solidarisierung mit den Gebäudereinigern gegeben. Es sind zahlreiche
Soli-Erklärungen abgegeben worden wie diese: »Die Studierenden der
Universität Konstanz erklären sich mit den Aktivitäten und Streiks
der IG BAU solidarisch. Der Streik gegen Ausbeutung und prekäre
Beschäftigung ist schon lange nötig. Die GebäudereinigerInnen
können auf unsere Unterstützung zählen. Wir fordern die Leitung
der Universität auf, nur noch Unternehmen zu beschäftigen die
tarifgebunden sind und somit das bewährte Tarifsystem respektieren
und sichern.«
In Berlin sammelten allein die
Kolleginnen und Kollegen der Berliner Stadtreinigung über 2000
Unterstützerunterschriften - die Stimmung der Sympathisierenden
traf sich mit der Stimmung der Streikenden: »Alle waren sich einig,
alle haben an einem Strang gezogen. Die Unterhaltungen, das ganze
Klima war sehr gut. Wir wurden mit Essen versorgt, Frühstück und
allem, und es kamen reichlich Spenden rein.«
Die Solidarität half, dem großen
Druck der Arbeitgeber zu widerstehen. Schon im Vorfeld verbreitete
der Bundesinnungsverbands des Gebäudereinigerhandwerks ein internes
Papier, das der Redaktion der Zeitschrift Critica vorliegt. In diesem
wurden detaillierte Strategien zur Streikzerschlagung vorgeschlagen.
Zu den »taktischen Maßnahmen« gehöre unter anderem die »Androhung
fristloser Entlassung gegenüber Rädelsführern«. Zudem sei in dem
Papier empfohlen worden, »Streikende möglichst aus dem Betrieb bzw.
Objekt (zu) entfernen, um die Bildung von Solidarität zu verhindern
und Arbeitswilligen das Arbeiten zu ermöglichen.« Doch der Widerstand der Gebäudereiniger
war stärker. Ihr Streik endete nach acht Tagen mit einem Erfolg:
Insgesamt 6,3 Prozent mehr Lohn im Osten und 4,9 Prozent mehr im
Westen bei einer Laufzeit des Tarifvertrages von zwei Jahren. Damit
sind die Bruttolöhne im Osten um 42 Cent und im Westen um 40
Cent pro Stunde gestiegen. Außerdem erkämpften Natascha und ihre
Kolleginnen und Kollegen den Einstieg in die betriebliche
Altersvorsorge. Zu guter Letzt sind im Zuge des Streiks
3000 Reinigungskräfte in die Gewerkschaft eingetreten, so dass die
nächsten Aktionen von einem höheren Organisationsgrad aus in
Angriff genommen werden können. Die Arbeitgeber hatten sich
offensichtlich verrechnet, wie Natascha mit Genugtuung feststellt:
»Die haben die Leute richtiggehend in den Kampf getrieben, weil sie
den Bogen überspannt haben. Herr Schwarz von der GRG, bei der ich
arbeite, meinte, seine Leute würden nie streiken. Da kann man mal
sehen, wie wenig der Mann darüber weiß, was in seiner Firma
abgeht.«
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