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04.06.10: Henning Mankell berichtet |
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»Das war ein Akt der Seepiraterie« |
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Seite 3 von 3
Frage: Wie interpretieren sie die Tatsache, dass der
Angriff genau einen Tag stattfand, bevor Netanjahu Obama im Weißen
Haus treffen sollte? Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden
Geschehnissen? Das Ziel der Aktion war, die Blockade von Gaza zu
beenden. Aber es wird sich nichts ändern. Abgesehen von dem
Propagandaeffekt werden die Dinge bleiben, wie sie sind. Meinen sie
nicht?
 Müde und schockiert, aber engagiert vertrat Mankell die Sache der Solidarität Zur ersten Frage: Ich habe nicht die
leiseste Ahnung. Woher soll ich das wissen? Aber ich habe noch nie in
meinem Leben eine so starke und harte Kritik an Israel erlebt wie
heute. Jeder sagt, dass die Blockade von Gaza beendet werden muss.
Löst das Problem. Fangt an, zu verhandeln. In diesem Sinn glaube
ich, dass wir sehr nahe daran sind, dass Israel zu einer Beendigung
der Blockade gezwungen wird. Wir werden sehen. Sie ist noch nicht
beendet, aber wir haben noch nie so eine Reaktion in der Welt erlebt.
Und das ist wenigstens ein kleiner Schritt vorwärts.
Frage: Was haben Sie erwartet, was
passieren würde? Kam die Gewalt überraschend für sie?
Ich sagte schon, dass ich nicht naiv
bin und kein nützlicher Idiot. Was bin ich also? Ich denke, ich bin
ein Realist. Ich erwartete, dass die Israelis die Marine benutzen
würden, um den Konvoi zu stoppen. Ich dachte, sie würden das dort
tun, wo sie das Recht dazu haben. Und ich dachte, sie seien schlau
genug, keine Gewalt gegen Menschen einzusetzen, sondern gegen die
Schiffe. Sie hätten sehr leicht auf das Ruder oder den Propeller
zielen können und die Schiffe wären nicht mehr in der Lage gewesen,
weiterzufahren. Dann hätten sie die Schiffe wegschleppen können und
fertig. Das wäre passiert, wenn sie etwas schlauer gewesen wären.
Jedenfalls hätte ich das getan, wenn ich Marineoffizier in Israel
wäre. Aber einen friedlichen Konvoi anzugreifen, so auszurasten und
so tief zu sinken, Mord zu begehen... Jedenfalls denke ich, dass es
das ist, was sie auf diesem Schiff getan haben. Wir werden das noch
herausfinden. Ich verstehe nicht, warum sie so große Gewalt
angewendet haben und in dieser Weise. Das war das Dümmste, was sie
tun konnten. Ich denke, in der israelischen Regierung wird jetzt hart
darüber diskutiert, warum sie sich so entscheiden haben. Wir werden
das in den nächsten Tagen herausfinden. Ich verstehe nicht, warum
sie sich so entscheiden haben und hatte etwas anderes erwartet:
Gewalt ja, aber gegen die Schiffe, nicht gegen die Menschen.
Frage: Wissen sie
als Intellektueller von Solidarität israelischer Intellektueller?
Was für Unterstützung haben sie nach dem Angriff erfahren?
Vielleicht sollte ich erwähnen, dass
ich erst vor einem Monat in Israel und Palästina war. Ich bin zu
einem palästinensischen Literaturfestival gereist und habe Hebron
und Ramallah besucht. Ich kann ihnen versichern, dass ich jedes Mal,
wenn ich nach Israel komme, mehr und mehr Aktivisten treffe, die mir
erzählen, dass die Lage schrecklich sei und es so nicht weitergehen
könne. Sie versuchen, Solidarität aufzubauen, um eine Lösung zu
finden. Ich nehme an, dass es täglich mehr werden, weil immer mehr
Menschen einsehen, dass die Lage unerträglich ist. Ich habe mit all
meinen jüdischen Freunden in Europa diskutiert, die sich große
Sorgen darüber machen, was geschieht.
Ich erzähle Ihnen eine Anekdote, die
fast komisch wäre, aber in diesem Zusammenhang gibt es nichts
Komisches. Als ich von Bord gebracht wurde und von diesem Polizisten
oder aus auch immer befragt wurde, mit dem Mann vom Außenministerium
an meiner Seite, da fragte ich ihn: „Wessen werde ich beschuldigt?«
Und er antwortete: »Sie werden beschuldigt, illegal nach Israel
eingereist zu sein.« Ich antwortete, dass das absurd sei. »Sie haben
mich hierher gebracht, ich wollte nicht kommen.« Dann wollte er
nicht mehr mit mir reden, aber ich bat ihn um eine weitere
Diskussion.
Darauf sagte er: »Lassen Sie uns über
etwas anderes reden. Ich weiß, wer sie sind. Ich lese ihre Bücher
und ich mag sie.« »Das ist schön«, sagte ich. »Sollen wir
über meine Bücher reden?« »Nein«, lehnte er ab, »das will
ich nicht. Vielleicht, wenn ich mal nach Europa komme.« Darauf
sagte ich: »Okay, ich werde ihnen meine Telefonnummer in Schweden
geben. Lassen sie uns miteinander über diesen Vorfall reden, wenn
sie mich rauslassen und sie das nächste Mal nach Schweden kommen.« »Meinen sie das ernst?« fragte er. »Ja«, antwortete ich. Dann
habe ich meine Telefonnummer aufgeschrieben und sie ihm gegeben.
Danach wurde ich dann weggebracht, um abgeschoben zu werden. Ich
bemühe mich immer um Diskussion, weil ich an die Vernunft des
Menschen glaube. Das ist auch der Grund, warum es eine Lösung geben
muss. Und das jüdische Volk muss eine wichtige Rolle dabei spielen.
Frage: Wären sie
bereit, noch einmal eine Reise nach Gaza zu versuchen? Was für
Reaktionen erwarten sie von den israelischen Behörden?
Solange wir diese Regierung haben, wird
es mir wohl nicht gestattet werden, nach Israel einzureisen, da bin
ich ziemlich sicher. Ich habe oft versucht, auf dem Landweg nach Gaza
zu gelangen. Aber die Israelis haben mich nie einreisen lassen. Ich
weiß nicht, warum. Natürlich würde ich gerne noch einmal eine
Reise nach Gaza versuchen. Und natürlich würde ich auch gerne noch
einmal nach Israel fahren. Und es stimmt mich traurig, dass mir das
wohl nicht gestattet werden wird. Ich werde die Universitäten von
Hebron und Ramallah, wo ich viele Freunde unter den Studenten habe,
nicht besuchen können. Sie werden mich nicht reinlassen. Aber das
ist vielleicht der Preis, den man bezahlen muss. Ich hoffe
jedenfalls, dass ich noch erlebe, dass ich wieder hinfahren kann.
Frage: Was werden ihre
nächsten Schritte im Kampf für die Menschen in Gaza sein? Würden
sie Intellektuelle in anderen Ländern ermutigen, israelische
kulturelle und akademische Institutionen zu boykottieren? Das wird in
Norwegen gerade diskutiert. Werden sie ihre Erfahrungen in einem Buch
verarbeiten?
Was wird jetzt passieren? Wir wissen es
nicht. Keiner weiß das. Aber ich denke, es wird viel passieren. Ich
denke, die Geschehnisse haben vielen Menschen die Augen geöffnet.
Ich denke, dass die Diskussion über einen Boykott wiederkehren wird.
Sie wissen so gut wie ich, dass Boykotte nicht immer erfolgreich
sind. Wir haben Erfahrungen, wo sie gut geklappt haben und wo sie
überhaupt nicht geklappt haben. Aber wir müssen darüber sprechen.
Wir müssen dringend eine Lösung für die untragbare Lage im
Gazastreifen finden. Wir müssen uns alle daran beteiligen.
Eine Sache macht mir aber etwas Sorgen.
Wenn sie sich an das Schiff nach Bosnien vor vielen Jahren erinnern:
Damals haben sich viele verschiedene Intellektuelle beteiligt. Und
heute wurde mich die Frage gestellt, ob noch andere Schriftsteller an
dem Schiff nach Gaza beteiligt waren. Plötzlich musste ich
feststellen, dass ich der einzige Schriftsteller an Bord war. Das war
erst vor einer Stunde, seitdem denke ich darüber nach, woran das
liegt. Wenn sie mich in einer Woche anrufen, habe ich vielleicht eine
Antwort auf diese Frage.
Ich denke, wir müssen trotzdem weiter
an einer Lösung arbeiten. So ist das eben. Politische Veränderungen
sind Prozesse. Man macht nicht eine Aktion und geht dann nach Hause
ins Bett. Es muss weitergehen. Ob meine Erfahrungen in einem Buch
auftauchen werden, weiß ich nicht. Jetzt trauere ich um die Toten.
Und ich bin wütend darüber, wie Menschen zusammengeschlagen wurden.
Frage:
Wenigstens ein Journalist sollte ihnen für ihren Mut danken, mit dem
sie versucht haben, die Blockade zu brechen. Es ist immer noch ein
Schiff unterwegs, um die Blockade zu brechen, die irische »Rachel
Corrie«. Denken sie, die Besatzung sollte wegen der Gefahren
abbrechen? Die internationale Free-Gaza-Kampagne hat heute
angekündigt, im September oder Oktober weitere Schiffe zu schicken.
Werden sie an dieser Reise teilnehmen?
Sie haben recht. Es waren sechs
Schiffe, die angegriffen wurden, aber es sollten sieben sein. Die »Rachel Corrie« hatte Probleme, sie war zu der Zeit in Malta,
glaube ich. Jetzt ist sie unterwegs und ich denke natürlich, dass
sie die Reise fortsetzen wird. Ich bin ziemlich sicher, dass die
Israelis die Menschen auf diesem Schiff nicht angreifen werden. Was
passieren wird, weiß ich auch nicht. Vielleicht machen sie jetzt
das, womit ich ursprünglich gerechnet hatte und gehen gegen das
Ruder und den Propeller vor.
Die Frage ist auch in einem anderen
Zusammenhang interessant. Dieses Mal waren wir mit sechs Schiffen
unterwegs. Und die israelische Reaktion haben wir gesehen. Was, wenn
wir in einem Jahr mit 100 Schiffen kommen? Was soll Israel tun? Die
Bombe werfen? Wäre es nicht eine bessere Idee, die Blockade
aufzuheben? Wir werden sehen.
Natürlich bin ich bereit, wieder an
Bord zu gehen. Ich habe keine Angst um mich. Wenn sie einen Platz
brauchen, kann ich ihnen einen organisieren.
Frage: Möchten sie dem israelischen Volk etwas sagen?
Ich habe in den letzten Tagen viele
Telefonanrufe bekommen. Einer hat mich besonders gefreut. Er kam von
der israelischen Tageszeitung Haaretz. Sie wollten ein Interview.
Können sie sich vorstellen, wie froh ich war, dass sogar die
Israelis eine Einschätzung von mir wollten? Ich hoffe, dass ich
morgen früh mit ihrem Redakteur sprechen kann.
Das ist eine symbolische Antwort.
Natürlich will ich mit den Israelis sprechen und ich würde mir auch
gerne anhören, was sie dazu zu sagen haben. Ich sage noch einmal,
dass ich an den Dialog glaube. Der Dialog ist das Hauptelement, damit
Demokratie überhaupt funktionieren kann. Und er ist das beste
Instrument, um den Konflikt zu lösen. Lasst uns lieber damit
arbeiten als mit Waffen. Dann kommen wir weiter. Das kann ich ihnen
und ihren Freunden sagen. Übrigens Danke, dass sie gekommen sind.
Frage: Sie haben letztes
Jahr gesagt, dass die Zwei-Staaten-Lösung für Israel und Palästina
keine Lösung sei. Was soll dann mit dem jüdischen Staat passieren?
Sind sie dagegen?
Das ist nicht ganz richtig
wiedergegeben. Ich sagte schon, dass die Lösung nicht von außen
kommen kann. Wir können aber zwei verschiedene Ansätze erkennen.
Entweder die Lösung, die jetzt in der Diskussion ist: zwei Staaten.
Oder wir finden einen Weg zu einer südafrikanischen Lösung. Das ist
ein anderer Weg. Alle behaupteten, dass Südafrika in einem
Bürgerkrieg versinken würde, sobald das Apartheidsystem enden
würde. Das ist nicht passiert. Sie haben einen Ausweg gefunden. Ich
bin also nicht derjenige, der die Lösung bringt, sondern die Juden
und die Palästinenser müssen einen Weg finden, zusammenzuleben. Das
hoffe ich. Das ist die richtige Lösung, dass die Menschen einen Weg
finden, miteinander auszukommen. Ich sage ihnen noch einmal: Ich bin
nicht naiv. Ich bin ein Realist. Ich weiß, dass das sehr schwierig
sein wird. Aber ist das nicht das Ziel, dass die Menschen miteinander
auskommen? Dann müssen wir uns auch darüber unterhalten, in welcher
Form das möglich ist. In einem Staat oder in zweien? Ich bestätige,
was ich vor einem Jahr gesagt habe.
Wenn ich etwas müde klinge, liegt das
daran, dass ich es bin. Ich werde ihnen nicht vormachen, dass das
keine ermüdenden und harten Tage waren. Ich habe viel Gewalt
gesehen. Ich habe viel Aggression gesehen. Und ich habe viel Mut
gesehen. Ich muss sagen, dass ein Grund für diese Pressekonferenz
war, dass ich nach diesen Geschehnissen noch stärker als je zuvor
glaube, dass es möglich ist, Solidarität zu zeigen und die Welt zu
verbessern. Vielen Dank.
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