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KULTUR - marx21, März/April 2010 | Drucken |
»Die Kunst dem Volk!«
Stephanie Hanisch erinnert an das revolutionäre Agitprop-Theater in der Weimarer Republik.

Als 1928 die Agitprop-Theatergruppe »Rote Blusen« in Berlin auftreten sollte, erkrankte der Darsteller, der in einem Sketch Karl Marx spielen sollte. Kurzerhand musste ein zufällig anwesender Genosse einspringen: »Im Nu bekam ich eine große Perücke aufgestülpt, einen gewaltigen Bart umgehängt, schnell wurde ich geschminkt und schon ›schwamm‹ ich auf der Bühne. Ich schwamm in jeder Beziehung, textlich, szenisch und wörtlich im Schweiße meines ›Karl-Marx-Angesichts‹.« So beschrieb Helmut Damerius seine erste Begegnung mit dem Agitprop-Theater. Später entwickelte er sich zu einem der wichtigsten Akteure dieser Bewegung und wurde zum Leiter einer der bekanntesten deutschen Gruppen, der »Kolonne Links«.

Agitprop-Theater war kein Randphänomen in der Weimarer Republik, sondern Teil der politischen Arbeiterkultur. Schätzungsweise 300 solcher Gruppen gab es Ende der 1920er Jahre in Deutschland, vor allem in Großstädten, aber auch in Halle, Erfurt, Gotha oder Hagen. Die meisten Ensembles waren in Berlin aktiv, deutschlandweit bekannt wurden außer der »Kolonne Links« die »Truppe 31« und »Das Rote Sprachrohr«.

Agitprop war eine spezifische Form des politischen Kampfes und eine Möglichkeit, Menschen zu politisieren. Als Kunstwort aus den Wörtern Agitation und Propaganda gebildet, bezeichnet es einen zentralen Begriff der kommunistischen politischen Werbung. In seiner Schrift »Was tun?« hatte Lenin 1902 eine revolutionäre Strategie der massenpolitischen Arbeit entworfen. Seine Idee war eine Zeitung für ganz Russland, mit deren Hilfe die Arbeit der Partei unterstützt werden sollte. Lenin definierte in seiner Schrift den Unterschied zwischen Agitation und Propaganda wie folgt: »Unter Propaganda würden wir die revolutionäre Beleuchtung der gesamten gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder ihrer Teilerscheinungen verstehen, unabhängig davon, ob das in einer Form geschieht, die dem einzelnen oder der breiten Masse zugänglich ist. Unter Agitation im strengen Sinne des Wortes würden wir verstehen: den Appell an die Massen zu bestimmten konkreten Aktionen, die Förderung der unmittelbaren revolutionären Einmischung des Proletariats in das öffentliche Leben.«

Agitprop war eine Theaterform, die eine marxistische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse bot und diese Analyse anhand einzelner tagespolitischer Ereignisse aufzeigte. Adressat dieser Kunstform war in erster Linie die Arbeiterschaft. Erste Agitpropgruppen gab es in Deutschland bereits Mitte der 1920er Jahre, der Höhepunkt der Bewegung lag in den Jahren 1929/30.

Diese Gruppen waren von verschiedenen Vorläufern beeinflusst. 1890 wurde die »Freie Volksbühne« gegründet mit dem Ziel, Theater zum ersten Mal Arbeiterinnen und Arbeitern zugänglich zu machen. Das Schlagwort der sich daraus entwickelnden Bewegung war »Die Kunst dem Volk!«. Volksbühnen waren Vereine mit regem Zulauf. 1890 hatte die »Freie Volksbühne« 2000 Mitglieder, 1924 bereits 140.000. Allerdings gab es auch Kritik an diesen sozialdemokratisch beeinflussten Bühnen. Erwin Piscator, einer der Begründer des revolutionären proletarischen Theaters, sprach von einem »ungestörten Dauerschlaf, in den alle, Vorstand, Autoren, Regie und nicht zuletzt das Publikum verfallen waren.«

Radikale linkspolitische Themen an die Theaterhäuser zu bringen, war in der Weimarer Republik nicht einfach. Zwar wurden nach 1918 die ehemaligen Hoftheater verstaatlicht und es gab nun 150 durch die öffentliche Hand subventionierte Bühnen, jedoch mischte sich die lokale Parteipolitik in deren Führung ein. Die offizielle Zensur war in der Weimarer Republik aufgehoben, dies hieß aber lediglich, dass es keine Vorzensur mehr gab. Jederzeit konnte sich die Polizei auf »die Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit« berufen und Aufführungen verbieten. Durch den anhaltenden politischen Trend nach rechts in den letzten Jahren der Weimarer Republik fanden es Theaterdirektoren meist zu gefährlich, linke Stücke aufzuführen. Aus diesen Gründen wurden linkspolitische Stücke zunehmend außerhalb des offiziellen Theaterbetriebs aufgeführt und es entwickelte sich eine Agitprop-Bewegung, die nicht an die Theaterhäuser gebunden war.

Diese war nicht nur von der Idee der Volksbühnen beeinflusst, sondern neben anderen Einflüssen, wie den Arbeiter-Sprechchören und Massenspielen, waren auch das revolutionäre proletarische Theater Erwin Piscators und die Theaterauffassungen Bertolt Brechts für ihre Entstehung wichtig. Während Brechts Einfluss vor allem darin lag, dass er eine einfache Form der Bühnen- und Requisitengestaltung forderte, beeinflusste Piscator das Agitprop-Theater durch seine politischen Revuen wie z.B. das 1924 aufgeführte Stück »Roter Rummel«. Er übernahm die Form der bürgerlichen Ausstattungsrevuen, die nach dem Prinzip der losen Nummernfolge funktionierten und Sketche, Gesang sowie Artistik beinhalteten. Wie das spätere Agitprop-Theater verwendete Piscator Elemente der trivialen Unterhaltungskunst und verband sie mit politischen Themen.

Ein weiteres Vorbild für die Agitprop-Bewegung war das Theater TRAM (Sowjetisches Theater der Arbeiterjugend) und die aus ihm entstandene sowjetische Agitprop-Bewegung der »Blauen Blusen«. Diese wurden bekannt, nachdem die Moskauer Gruppe 1927 in Deutschland aufgetreten war. Danach bildeten sich in Deutschland zahlreiche ähnliche Projekte.

Eine Ursache für das Entstehen so vieler Gruppen war die Wirtschaftskrise in Deutschland. Die Darstellerinnen und Darsteller waren zum großen Teil Erwerbslose. Gearbeitet wurde als Kollektiv, wobei oft ein Leiter oder eine Leiterin die Richtung des Spielplans vorgab. Ein Darsteller fasste das Selbstverständnis der Truppen - so die Selbstbezeichnung - folgendermaßen zusammen: »Wir gingen von der exakten Bestimmung unserer Funktion aus, die die Agitation - entsprechend den taktischen Aufgaben der Kommunisten - und die Propaganda für die Ziele des revolutionären Proletariats miteinander verband. Bewusst wählten wir auch die Bezeichnung ›Truppe‹. Sie wurde zu einem militanten, sehr wendigen, disziplinierten Künstlerkollektiv von Klassenkämpfern.«

Die meisten Darsteller waren Mitglieder der KPD. Nachdem sich die Partei erst 1922 Kultur- und Bildungsfragen zugewandt hatte, intensivierte sie von 1925 bis 1933 ihre diesbezügliche Arbeit. Sie förderte die Agitpropgruppen z.B. durch die Herausgabe der Zeitung Das Rote Sprachrohr, in der theoretische Beiträge, Szenen und Stücke der Gruppen veröffentlicht wurden. 1928 veranstaltete die KPD eine Konferenz der Ensembleleitungen, danach gab es Agitpropschulungen, Wettbewerbe und es wurden Gasttourneen geplant. Einige Gruppen tourten schließlich durch ganz Deutschland und verschiedene andere Länder, vor allem durch die Sowjetunion.

Nach der ursprünglichen Idee des proletarischen Theaters von Erwin Piscator wurde auf Straßen, in Hinterhöfen, Bierhallen, Festsälen, vor Fabriktoren, in Stempelstellen, Wahllokalen, zu politischen Feiern, bei Demonstrationen oder Streiks gespielt. So unterstützten die »Roten Agitatoren« und die »Kolonne Links« 1930 wochenlang den Mansfelder Bergarbeiterstreik. Die Gruppen sammelten darüber hinaus auch Gelder und bei der Lebensmittelversorgung der Lohnabhängigen war der alte Lastwagen der »Kolonne Links« ständig im Einsatz.

Da es für das Agitprop-Theater wichtig war, Arbeiterinnen und Arbeiter in ihrer gewohnten Umgebung zu erreichen, mussten Dekoration und Kostüme mobil sein. Daraus folgte eine kreative Mehrfachverwendung der gleichen Utensilien, die sich schnell zu anderen Requisiten umbauen ließen. Das Erkennungszeichen wurde der Trainingsanzug, ein Kleidungsstück, das in Deutschland erst seit der Jahrhundertwende bekannt war. Der Anzug wurde durch einfache Symbole, wie z.B. Koppel, Orden oder ähnliches in unterschiedliche Kostüme verwandelt, zusätzlich wurden verschiedene Masken und Kopfbedeckungen verwendet. So konnte sich ein Darsteller schnell von einem Offizier in einen Bäckermeister oder eine andere Figur verwandeln.

Inhaltlich arbeiteten die Künstler nach dem Prinzip der »lebendigen Zeitung«. Sie hatten den Anspruch, tagespolitisch aktuelle Stücke zu spielen. Daher gab es - angefangen von der Nazigefahr, über die Lage der Sozialdemokraten bis hin zum Abtreibungsparagraphen - kaum ein politisches Thema der Weimarer Republik, welches nicht auf den Agitpropbühnen zur Diskussion gestellt wurde. Die Stücke waren Montagen aus verschiedenen Szenen, häufig wurden kleinere Szenen um ein großes Thema gruppiert, wie einzelne Artikel in einer Zeitung um einen Leitartikel. Zu den Themen verwendete man Textgerüste, die immer wieder umgeschrieben und aktualisiert wurden.

Neben szenischen Elementen war das Einbeziehen von Musik für die Aufführungen sehr wichtig. Deshalb musste jedes Mitglied ein Instrument spielen oder zumindest singen können. Viele Gruppen hatten ein eigenes Auftrittslied, mit dem sie ihre Aufführungen einleiteten. Bekannt ist heute noch der Song »Roter Wedding« der gleichnamigen Agitpropgruppe, dessen Text von Erich Weinert zu einer Melodie von Hanns Eisler geschrieben wurde. Meist konnten die Ensembles jedoch nicht auf prominente Komponisten zurückgreifen und schrieben ihre politischen Lieder selbst zu den Melodien populärer Schlager.

Von besonderer Bedeutung waren auch pantomimisch-akrobatische Nummern. Schon Piscator hatte in seinen Revuen Arbeiterturner auftreten lassen, die singend Keulenschwingerübungen aufführten, um den Kampfwillen des Proletariats zu symbolisieren. Auch Boxkämpfe wurden auf der Bühne aufgeführt, bei denen Schauspieler gegeneinander antraten, die die Kandidaten der verschiedenen politischen Parteien darstellten. Die sportlichen Einlagen im Programm der »Kolonne Links« fanden sich z.B. in einer Szene, mit der auf die zunehmende Faschisierung und Militarisierung der deutschen Turnerbewegung aufmerksam gemacht wurde.

Agitprop-Vorstellungen waren also keineswegs langweilige politische Erziehungsmaßnahmen, sondern enthielten viel bissigen Humor und politische Satire. Allerdings wurden die unterhaltsamen Elemente der Vorstellungen stets durch kurze politische so genannte Kollektivreferate ergänzt, bei denen die Darsteller abwechselnd zu jeweils einem Thema sprachen. Gleichzeitig war die dokumentierende und informierende Begleitung der Bühnenhandlung zentral. Zur Darstellung der politischen Themen wurden Fotos, Schilder, Landkarten sowie Zitate aus Zeitungen, Dokumenten, Statistiken usw. verwendet. In einer Szene zum Thema Abrüstung traten bei der »Kolonne Links« die Figuren »England«, »Amerika«, »Italien«, »Frankreich« und »Deutschland« auf, die dem Publikum Statistiken zur Rüstung in den jeweiligen Ländern präsentierten.

Viele der bekannteren Gruppen verbanden ihre Aufführungen mit einem spezifischen Ziel, z.B. warben sie für Abos kommunistischer Zeitungen, verkauften Literatur, warben für den Eintritt in die Partei oder machten Wahlkampf. Die Gruppe »Kurve Links« agitierte z.B. für die Zeitung Rote Fahne, die »Kolonne Links« warb für die »Internationale Arbeiterhilfe«.

Ziel der Aufführungen waren nicht nur ausgefüllte Aufnahmeanträge und eine volle Spendenbüchse. Im Mittelpunkt der kulturpolitischen Arbeit stand der Versuch, mit den Zuschauern ins Gespräch zu kommen. Man versuchte, die Kluft zwischen Bühne und Publikum aufzuheben und politische Diskussionen anzuregen. Dazu gab es manchmal so genannte »vorbildliche Publikumsfiguren« im Zuschauerraum, politisch geschulte Darstellerinnen und Darsteller, die während der Aufführungen Fragen stellten oder Bemerkungen einwarfen, um eine Diskussion anzuregen. Dementsprechend verlief keine Aufführung »nach Plan«, sondern es wurde improvisiert und heftig diskutiert.

Aufführungen verliefen oft auch nicht nach Plan, weil der »Besuch« der Polizei alltäglich war. Viele Aufführungen wurden durch die »Ordnungshüter« vorzeitig beendet, manchmal wurden Darsteller von der Bühne herab verhaftet. Der Rechtsruck der Gesellschaft führte schließlich dazu, dass zunehmend Aufführungen verboten wurden. Gleichzeitig wurden Auseinandersetzungen mit Nazis zu einem immer größeren Problem. So schreibt Damerius: »Auf der Straße wurden die Nazis von Tag zu Tag frecher, oft hatten wir SA in Zivil im Saal und Bierseidel (Bierkrüge, Anmerkung der Redaktion) flogen auf die Bühne. Da gab es manchmal richtige Saalschlachten.«

1931 erließ Reichspräsident Hindenburg eine »Verordnung zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen«. Diese Notverordnung bedeutete praktisch die Aufhebung der Versammlungsfreiheit und schränkte die Arbeit der Agitpropgruppen enorm ein. Mit Hitlers Machtergreifung waren öffentlich Auftritte der Gruppen dann gar nicht mehr möglich. Zahlreiche Darsteller mussten Deutschland verlassen oder fielen den Nazis zum Opfer.

Zur Autorin:
Stephanie Hanisch ist Germanistin und aktiv in der LINKEN Berlin-Neukölln.

Buchtipp:
  • Helmut Damerius: Über zehn Meere zum Mittelpunkt der Welt. Erinnerungen an die »Kolonne Links« (Henschelverlag 1977).
 
 
 
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