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26. Juni: Venezuela |
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Chavez gefährdet die Pressefreiheit nicht |
In den Mainstream-Medien wird Venezuelas Präsident Chavez als
Quasi-Diktator beschrieben, der "oppositionelle" Rundfunksender
schließt und die Pressefreiheit gefährdet. Diese Darstellung ist falsch
und manipulativ.
marx21.de publiziert den folgenden Text mit freundlicher Genehmigung von ZNet Deutschland. Er ist dort zuerst in deutscher Sprache veröffentlich worden.
Venezuela und die Medien: Fakten und Fiktion
von Robert W. McChesney und Mark Weisbrot
Schaut man sich die amerikanische Nachrichtenberichterstattung der
vergangenen Woche an, so könnte man meinen, in Venezuela entwickle sich
eine Episode der Tyrannei - abstoßend für alle, die sehr viel von
demokratischen Freiheiten halten. Die venezolanische Regierung - unter
ihrem "starken Mann" Hugo Chavez - habe dem Sender RCTV eine seit
zwanzig Jahre bestehende Sendelizenz nicht erneuert, weil dieser Sender
die Kühnheit besitze, Regimekritik zu üben. Es ist immer dieselbe alte
Geschichte.
Nein, dieser Fall liegt anders.
Die Berichterstattung in den amerikanischen Medien über die Kontroverse
um den venezolanischen Sender RCTV sagt einiges mehr über unsere eigene
Berichterstattung und deren Mängel aus - leider - als über Venezuela.
Hier zeigt sich, was sich schon bei der Irakinvasion gezeigt hat:
Unsere Nachrichtenmedien sind nur allzu gewillt, für Washington den
Wasserträger zu spielen - anstatt Fakten zu bestätigen und die Wahrheit
zu berichten.
Hier einige Tatsachen und Zusammenhänge, die die Medien nicht erwähnt haben oder unter den Tisch fallen ließen.
1) Alle Staaten vergeben Sendelizenzen an Radio- und TV-Stationen. Das
liegt daran, dass der Äther nur eine begrenzte Zahl von Kanälen
verträgt. Es gibt viel mehr Bewerber um das Sendeprivileg, als
verfügbare Sendekanäle. In demokratischen Nationen ist die Sendelizenz
fristgebunden und muss erneuert werden. In den USA beträgt diese Frist
8 Jahre, in Venezuela 20 Jahre.
2) Venezuela ist eine konstitutionelle Republik. Chavez wurde mit
überwältigenden Mehrheiten gewählt - Erdrutschsiege, um die ihn die
allermeisten Regierungschefs dieser Welt beneiden dürften. Die Wahlen
in Venezuela wurden international überwacht.
3) Die große Mehrheit der venezolanischen Medien befindet sich in
privaten Händen. Nicht nur dies, die Medien stehen auch unter dem
Schutz der Verfassung. In Venezuela werden die Medien nicht zensiert.
Dominiert werden sie von der Opposition. So könnten die Besitzer des
Senders RCTV (beispielsweise) ihr Kabel- und Satellitenprogramm
ausweiten, oder sie könnten ihr Kapital in ein Presseimperium
investieren. Aggressive, unqualifizierte, politische Kritik ist in den
Mainstream-Medien Venezuelas sehr lebendig - in einer Art und Weise,
wie dies nur in wenigen demokratischen Staaten je der Fall war, die USA
eingeschlossen.
Unsere Medien berichteten: Präsident Chavez "beschuldigt RCTV, einen
Coup" gegen ihn "unterstützt zu haben". Dies ist ein typisches Beispiel
für Faktenverzerrung in den Nachrichten: Man berichtet über eine
Tatsache in Form einer Anschuldigung. Diese Anschuldigung wird mit
einer Quelle (Chavez) in Verbindung gebracht, die in der Presse nach
Kräften diskreditiert wurde. Tatsache ist, RCTV - und weitere
Nachrichtensender - haben im April 2002 eine derart führende Rolle beim
Militärcoup gegen die demokratisch gewählte venezolanische Regierung
gespielt, dass in diesem Zusammenhang oft vom "ersten
Medien-Staatsstreich der Welt" die Rede ist.
Auftakt zum Staatsstreich: RCTV half mit, die Leute auf die Straßen zu
bringen, sie gegen die Regierung zu mobilisieren. Um den Coup zu
rechtfertigen, wurden gefälschte Reportagen gesendet. Eine der
berüchtigtsten und gleichzeitig wirkungsvollsten Fälschungen waren
zusammengeschnipseltes Kamerabilder: Zuerst wird gezeigt, wie
Chavez-Anhänger von einer Überführung in Caracas Pistolenschüsse
abfeuern, dann wird eine Szene mit Demonstranten gezeigt, auf die
geschossen wird, die getötet werden. So bekommt man als Zuschauer den
Eindruck vermittelt, bewaffnete Chavez-Anhänger hätten (auf
Demonstranten) geschossen. Dabei bestand gar kein räumlicher
Zusammenhang zwischen den Bewaffneten und den Opfern. Diese
Horrorbilder - Fälschungen - wurden ständig gesendet, sie waren eine
der wichtigsten Rechtfertigungen für den Coup.
Während des eigentlichen Staatsstreichs verbannte RCTV sämtliche
Pro-Regierungs-Berichterstattung aus seinem Programm. Als Chavez wieder
im Amt war, wurde dies in den Nachrichten unterschlagen. Später im
selben Jahr (2002) - während eines lähmenden nationalen Ölstreiks -
rief RCTV die Venezolaner erneut zum Sturz der Regierung auf, in
Appellen, die den ganzen Tag gesendet wurden.
Wäre RCTV ein US-Sender, man hätte der Station schon vor Jahren die
Sendelizenz entzogen. Die Betreiber wären wahrscheinlich wegen
krimineller Vergehen strafrechtlich verfolgt worden - unter anderem
wegen Landesverrats.
Die Sendefrequenz, auf der RCTV ausgestrahlt wurde, ist inzwischen an
einen neuen Sender vergeben. Es handelt sich um einen landesweiten,
öffentlichen Kanal, der Beiträge Tausender unabhängiger Produzenten
senden soll, so wird versprochen. Es ist der Versuch, Millionen
Venezolaner in die Medien zu bringen - Menschen, die nie zuvor eine
reelle Chance auf Medienpartizipation, ohne staatliche Zensur, hatten.
Die Bush-Administration ist gegen die Regierung Chavez. Dies hat nichts
mit Demokratie zu tun, sondern mit anderen Gründen. Wäre 'Demokratie'
der Grund, wir Amerikaner müssten erst eine lange Liste von Regierungen
umdrehen oder stürzen, bevor Venezuela auch nur annähernd ins
Fadenkreuz geriete. Leider hat unsere Presseberichterstattung bisher
wenig dazu beigetragen, die Fakten zu diesem Thema zu beleuchten.
Unsere Nachrichtenmedien hätten aus ihrer Lektion im Irak lernen
sollen: Nehmt die Behauptungen eurer eigenen Regierung mit derselben
Skepsis auf, die ihr bei ausländischen Führern, zurecht, an den Tag
legt.
Dann würde vor den Augen der Amerikaner allmählich ein akkurateres
Weltbild entstehen, mit dem sie sich effizienter in unsere Außenpolitik
einmischen könnten.
Robert W. McChesney ist Research Professor of Communications an der University of Illinois (Urbana-Champaign).
Mark Weisbrot ist Kodirektor des Center for Economic and Policy Research in Washington, DC.
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