Von Christine
Buchholz. Die Autorin war an der Vorbereitung und
Durchführung der G8-Proteste beteiligt. Sie ist Mitglied im
geschäftsführenden Vorstand der Partei DIE LINKE.
Die globalisierungskritische Bewegung feierte mit den
Mobilisierungen gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm einen großen
Erfolg. Nie zuvor gelang es, einen G8-Gipfel massenhaft und
gewaltfrei zu blockieren. Gleichzeitig tummelten sich unter den
Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Anhörung der Linksfraktion
in Bad Doberan und unter den mehr als 2 000 Gästen des parallel
zu den Blockaden stattfindenden Alternativgipfels viele
Rostockerinnen und Rostocker.
Zum Auftakt am 2. Juni reisten 80.000 Teilnehmerinnen und
Teilnehmern zur größten globalisierungskritischen
Demonstration in der Bundesrepublik nach Rostock. Allerdings löste
die Straßenschlacht zwischen einigen hundert Autonomen des so
genannten „Schwarzen Blocks“ unmittelbar nach der
Großdemonstration eine kontroverse Debatte in der Linken aus:
Manche beließen es nicht bei einer Kritik der „Steinewerfer“
und distanzierten sich sehr schnell von ihnen. Das war unnötig
und hilft nicht bei der politischen Bewältigung der Vorfälle.
Sowohl innerhalb des Demonstrationsbündnisses als auch bei
attac forderten manche, den „Schwarzen Block“ aus dem
Anti-G8-Aktionsbündnis auszuschließen. Viele sprachen
nebenbei die Staatsgewalt im Großen und Ganzen frei: Die
Polizei trage keine Schuld an der Entstehung der Gewalt, habe sich
tadellos verhalten und sei bei dem Konzept der Deeskalation und der
Kooperation geblieben. Ähnlich äußern sich Michael
Brie und Lutz Brangsch von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In ihrem
Papier „In der Sackgasse – oder: Mittel beherrschen Ziele“ (rls
standpunkte 9/2007) fordern sie, „Grenzen zu ziehen“ und
schlussfolgern: „Eine gemeinsame Demonstration ist nicht mehr
möglich.“ Brie und Brangsch fordern nicht nur den „Bruch“
des Aktionsbündnisses mit den Autonomen. Sie sprechen von einem
„Sieg der Unvernunft und Inhumanität“ und fragen: „Wo
liegt der Unterschied zu dem, wogegen demonstriert wird?“ Michael
Brie antwortete am 9. Juni im „Neuen Deutschland“ selbst auf
seine polemische Frage, wo der Unterschied zu unseren Gegnern hinter
dem Zaun noch liege, wenn aus unseren Reihen Polizisten mit Steinen
beworfen würden. Die USA seien zur „Hauptgefahr der
internationalen Sicherheit geworden.“ Allein durch den Irakkrieg
sind 700.000 Tote und 1,5 Millionen Flüchtlinge zu beklagen.
Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf
Nahrung, hat Recht, wenn er die Steine von Rostock mit einem Verweis
auf das tägliche Massaker des Hungers relativiert.
Auch angesichts einer Welle von Medienempörung über die
Steinewerfer aus dem „Schwarzen Block“ dürfen wir nicht den
kühlen Kopf verlieren. Peter Strutynski vom Kasseler
Friedensratschlag geht mit gutem Beispiel voran, wenn er in seinem am
5.6. veröffentlichten Papier „Gewaltverhältnisse –
Rostock, Heiligendamm und die Folgen“ fordert: „Den eifernden
Ordnungspolitikern aller Couleur, die jetzt auf der Woge der
Gewaltverurteilung daher kommen, muss der Spiegel vorgehalten werden,
der die wahren Gewaltverhältnisse wieder ins richtige Licht
rückt.“ Die Demonstration in Rostock habe das zunächst
vorbildlich getan und daran gelte es jetzt anzuknüpfen. Inhuman
verhalten sich die Heerscharen von Journalisten, die den Unterschied
ausblenden zwischen Unrecht, Gewalt und Kriegen der Herrschenden und
der ungeduldigen Empörung darüber.
Peter Strutynski meint über den „Schwarzen Block“:
„Manche von ihren streben den sofortigen Erfolg an, die punktuelle
Auseinandersetzung mit den Repräsentanten der Staatsmacht und
den Hauptverantwortlichen für die ungerechten Gewaltverhältnisse
in der Welt.“
Die Steine aus den Reihen des „Schwarzen Blocks“ drücken
Wut und Ohnmacht aus. Hier liegt der schwere politische Irrtum der
Steinewerfer, wenn sie diese Form des Protestes mit Macht oder
Gegenmacht verwechseln. Aber wir leisten dem Aufbau des Widerstands
einen Bärendienst, wenn wir erklären, dass wir den
„Schwarzen Block“ aus unseren Bündnissen ausschließen
wollen. Denn wer ist der „Schwarze Block“? Die Leute, die Steine
geworfen haben, waren nie offizieller Teil des Bündnisses. Sie
haben keine Vorsitzenden und keine Geschäftsstelle, wo wir uns
beschweren könnten. Die Interventionistische Linke, in deren
Block Steinewerfer mitgelaufen sind, ist nicht für jeden
einzelnen Fehltritt einer Person, die in ihrem Block gelaufen ist,
verantwortlich. Im Gegenteil: Sie hat viele eingebunden in einen
großen, bunten, politischen Block und von daher eine weitere
Eskalation verhindern geholfen. Wenn sich die
globalisierungskritische Bewegung erst für Steinwürfe
verantwortlich machen lässt und dann beansprucht, sie in Zukunft
zu verhindern, besteht der einzig sichere Ausweg darin, gar nicht
mehr zu demonstrieren. Und genau das ist das Ziel der „eifernden
Ordnungspolitiker“ und vieler Kommentatoren in den Massenmedien:
Unsere Bewegung zu zerstören. Über die Stöckchen, die
sie uns hinhalten, darf die Protestbewegung nicht springen. Wir
kritisieren die Steinewerfer, aber distanzieren uns nicht von ihnen.
Ihre Ohnmacht ist auch unsere Ohnmacht. Es liegt an uns, einen
anderen Ausweg aus der Inhumanität der herrschenden Verhältnisse
zu eröffnen.
Die Hafenarbeiter, die Telekom-Streikenden, die Drucker und
Bauarbeiter – die meisten von ihnen fehlten in Rostock obwohl der
globale Kapitalismus ihre Zukunft mindestens genauso bedroht wie die
von autonomen Jugendlichen. Anders gesagt: Die Ungeduld der
Autonomen, ihr Verlangen nach „sofortigem Erfolg“, drückt
nicht nur eine falsche politische Strategie aus, sondern auch unsere
eigene Schwäche. Noch schwächelt das Bündnis zwischen
globalisierungskritischer Bewegung und Gewerkschaften. Dabei brauchen
die Gewerkschaften die globalisierungskritische Bewegung, um der
Logik der Standortkonkurrenz einen neuen Internationalismus und eine
alternative Strategie für die gewerkschaftliche Gegenwehr
entgegenzusetzen. Die globalisierungskritische Bewegung braucht die
organisierte Arbeiterklasse, weil sie ansonsten – trotz
erfolgreicher Blockaden, phantasievoller Proteste und kluger Köpfe
– kein Potential hat, Gegenmacht zu entwickeln. Daran gilt es zu
arbeiten und hier kommt gerade der LINKEN eine wichtige Bedeutung zu.
Erinnern wir uns an die Wut der Hafenarbeiter, die in Straßburg
gegen das „Port Package II“ demonstrierten und dabei auch Steine
warfen. Niemandem kam es ernsthaft in den Sinn, diese Gewalt auf eine
Stufe zu stellen mit der strukturellen, stillen Gewalt der
Europäischen Kommission und der Konzerne, die mit ihrem
neoliberalen Feldzug Löhne und Arbeitsbedingungen in den
europäischen Häfen ruinieren wollten. Der Straßenkampf
in Straßburg stellte den Endpunkt eines erfolgreichen
europaweiten Streiks in den Wochen zuvor dar. Der einzige Unterschied
zwischen den Hafenarbeitern und den Rostocker Steinewerfern bestand
darin, dass die Hafenarbeiter die Fähigkeit hatten, mit ihrem
Streik realen Druck zu erzeugen.
Inzwischen wurde bekannt, dass Polizeieinheiten in Rostock brutal
in die Demonstration intervenierten und Zivilbeamte Eskalationen
provozierten. Menschenrechtsorganisationen brachten harte Kritik am
Verhalten der Polizei hervor. Die LINKE kritisierte stets die
Eskalation von beiden Seiten. Viele Mitglieder von WASG und
Linkspartei beteiligten sich aktiv an der Deeskalation der Situation
am 2.6. und riskierten dabei ihre Unversehrtheit. Dass Teile der
Bewegung sich vorschnell und reflexhaft vom „Schwarzen Block“
distanzierten, spiegelt ein zweifelhaftes politisches Kalkül
wider, dass darauf setzt, es sich nicht mit den bürgerlichen
Medien oder dem Staatsapparat zu verscherzen. Auf der Eröffnung
der Anhörung der Linksfraktion in Bad Doberan am Tag nach der
Demonstration forderte Oskar Lafontaine eine Demokratisierung der
Medien: „Es gibt den gewaltigen Irrtum, in den westlichen
Industriestaaten seien die Medien demokratisch. Das ist ein
gewaltiger Irrtum. Sie sind frei von staatlichem Einfluss, jawohl,
überwiegend. Sie sind aber in der Hand der Wirtschaft. Und eine
freie Presse kann nicht in der Hand der Wirtschaft sein.“
Zum Glück ging die Strategie der Regierung und der Medien
nicht auf, mit den gewollten Gewaltbildern die Proteste zu
diskreditieren, weil die Mehrheit der Protestbewegung besonnen und
diszipliniert ihren Protest fortsetzte. Das war die Quelle des
Erfolges von Rostock. Nicht ein „anderer Protest“ (Brie/Brangsch)
ist nötig, sondern eine Ausweitung der Bündnisse, des
Protestes und eine bessere Verzahnung mit sozialen Bewegungen und
Gewerkschaften. Eine bündnisinterne Diskussion wie mit
Eskalation und Steinewerfern umzugehen ist nötig und eine
unaufgeregte Auseinandersetzung mit der Unzulänglichkeit
autonomer Strategie und Taktik.
Literaturhinweise:
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