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Der kapitalistische Weltmarkt und imperiale Konflikte |
Elmar Altvater über den Charakter globaler Warenproduktion
In den »Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie« schreibt Marx im Jahre 1857, es sei »unmittelbar im Begriff des Kapitals selbst gegeben«, den »Weltmarkt zu schaffen« (Marx 1953: 311). Damit verweist er auf eine begrifflich (»ideell«) zu rekonstruierende historische Logik, die keineswegs immer und überall »real« hergestellt sein müsse (ebd.). Doch in den brutalen Raubzügen der frühen Welteroberer aus Europa, in der Kolonisierung der Welt und der anschließenden Ausplünderung der Kolonien oder in den imperialistischen Auseinandersetzungen um »die weißen Flecken« auf der Landkarte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts oder in der modernen Globalisierung »(erscheint) jede Grenze als zu überwindende Schranke« (ebd.). Das Kapital bringt sich in der Herstellung eines kapitalistischen Weltsystems also auf den Begriff. Und dieser besagt, dass eine permanente Scheidung des Werthaltigen vom Wertlosen stattfindet. Dieser Prozess wird als »Inwertsetzung« bezeichnet. In dessen Verlauf wird das private Eigentum durch Aneignung hergestellt, wird die Klasse der Lohnabhängigen durch Enteignung von ihren Produktionsmitteln »freigesetzt«, entsteht also das Kapitalverhältnis.
 Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied der LINKEN. Im zumeist in seiner systematischen Bedeutung für die »Kapital«-Lektüre unterschätzten letzten Kapitel des ersten Bandes des »Kapitals« schreibt Marx über die »systematic colonization« (MEW 23: 793). Im Zuge der systematischen Inwertsetzung des globalen Raums entwickeln sich Geoökonomie und Geopolitik des kapitalistischen Weltsystems.
Es kommt dabei zum Zusammenstoß von kapitalistischer und auf »eigener Arbeit« beruhender, vorkapitalistischer Produktionsweise. Das siegende Prinzip in diesem Prozess der »Artikulation verschiedener Produktionsweisen« ist von Anfang an gewiss: Die kapitalistischen Eigentums- und Aneignungsverhältnisse - »kapitalistische Produktions- und Akkumulationsweise, also auch kapitalistisches Privateigentum, bedingen die Vernichtung des auf eigener Arbeit beruhenden Privateigentums, d.h. die Expropriation des Arbeiters« (ebd.: 802). Mit diesen Worten endet der erste Band des »Kapitals«. Die Prinzipien der kapitalistischen Reproduktion und Akkumulation verlangen die Expropriation der Arbeiter, und zwar weltweit. Kapitalismus heißt demzufolge auch Globalisierung; das gilt nicht erst, seitdem das Wort in Mode gekommen ist.
Es schließt sich gewissermaßen ein Kreis: Der erste Band des »Kapitals« begann mit der begrifflichen Entfaltung der Waren- und Wertform. An dessen Ende wird die historische Inwertsetzung auf globaler Ebene angesprochen. Inwertsetzung ist ein historischer Prozess, in dessen Verlauf Dinge, aber auch Lebewesen der Natur entrissen und in die Welt der Werte integriert, in Waren verwandelt und gegen Geld auf Märkten getauscht werden. Die Formen sind nun historisch da, mit deren begrifflicher Analyse Marx die Darstellung des »Kapitals« begann. Diese Formen bilden das Ensemble der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Doch auch diese ist historisch, weil sie anders als es sich mittelalterliche Theologen vorstellten, nicht »gottgegeben« ist. Die Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen, heißt es im »Kommunistischen Manifest« aus dem Jahre 1848 (MEW 4: 462).
Wie daraus die Herstellung der Gesellschaftsformation als Weltsystem resultiert, vermerkt Marx in den »Grundrissen« mit folgender Überlegung: Gerade wegen der »Verselbständigung des Weltmarkts« werde der Versuch gemacht, die dabei unvermeidliche »Entfremdung auf ihrem eignen Boden (...) aufzuheben«. Mit den Geschäften auf den globalen Finanzmärkten wächst auch die Notwendigkeit der Information über die ökonomischen Verhältnisse in aller Welt. Also wird ein Datennetz aufgebaut, um so über die Bewegungen auf dem Weltmarkt, d.h. über alle Orte im globalen Raum informiert zu sein. Marx erwähnt explizit »Preiscourantlisten, Wechselkurse, Verbindungen der Handelstreibenden untereinander durch Briefe, Telegraphen etc.«, mit denen das Wissen der Einzelnen um die Funktionsweise des Ganzen erweitert wird, ohne dass die »Fremdartigkeit« dadurch aufgehoben würde (Marx 1953: 78f.). Heute haben wir das Internet zur schnellen Information und daher zur Erleichterung und Rationalisierung von Entscheidungen. Die Rating-Agenturen monopolisieren und vermarkten ihr Wissen über Risiken, die der von Marx erwähnten »Entfremdung« geschuldet sind.
»Da die Verselbstständigung des Weltmarkts (...) wächst mit der Entwicklung der Geldverhältnisse und vice versa, der allgemeine Zusammenhang und die allseitige Abhängigkeit in Produktion und Konsumtion zugleich mit der Unabhängigkeit und Gleichgültigkeit der Konsumierenden und Produzierenden zueinander; da dieser Widerspruch zu Krisen führt etc., so wird gleichzeitig mit der Entwicklung dieser Entfremdung (...) versucht, sie aufzuheben« (Marx 1953: 78). Das ist eine sehr optimistische Interpretation eines Umschlags der kapitalistischen Tendenz, den Weltmarkt herzustellen, in eine »wirkliche Gemeinschaftlichkeit und Allgemeinheit« (ebd.). Doch immerhin besagt dies, dass Krisen nicht nur die heftigen Zuspitzungen von Widersprüchen der Produktionsweise sind, sondern auch Entwicklungsphasen, in denen sich etwas Neues herauszubilden vermag. Krisen, so lautet die vulgäre Version dieser historischen Interpretation, sind nicht nur ein Unglück, sie bieten immer auch »Chancen«. Doch sind diese ungleich verteilt und sicher sind sie auch nicht.
Die historischen Formen wandeln sich in Raum und Zeit, und daher ist es gerechtfertigt, von verschiedenen historischen Kapitalismen in verschiedenen Weltregionen und gleichzeitig von einem allgemeinen Kapitalbegriff auszugehen. Es ist bei diesem methodischen Zugang möglich, in der Geschichte des kapitalistischen Weltsystems den frühen Kolonialismus aus der Zeit der großen Entdeckungen von dem Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts und von dem heutigen »neuen Imperialismus«, der »Akkumulation durch Enteignung« (Harvey 2003), zu unterscheiden.
In der Zeit ist die Akkumulation von Kapital gleichbedeutend mit der Produktion von Überschüssen, daher mit vermehrter Produktion von absolutem und relativem Mehrwert, mit verschärfter Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital. Im Raum aber ist die Akkumulation von Kapital eine Expansion auf begrenzter Fläche. So wird notwendigerweise die territoriale Konkurrenz um Landnutzung angeregt. Konflikte, die sich daraus ergeben, können sich auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen zuspitzen. Daran müssen nicht unbedingt souveräne Truppen nationaler Staaten beteiligt sein. Sie werden auch von Bürgerkriegsparteien, privaten Söldnern im Auftrag von Konzernen, von »Warlords« geführt. Das Konfliktgeschehen ist also chaotisch, weil die Anzahl der Akteure groß ist und deren Interessen schwer zu vereinbaren sind, wenn in der »Akkumulation durch Enteignung« des einen Gewinn des anderen Verlust ist. Das ist nicht erst in der Gegenwart der so genannten »neuen Kriege« so, das war schon in kolonialen Zeiten nicht anders: Die Ostindische Kompanie und dergleichen imperialistische Konzerne plünderten ganze Länder aus. Marx zitiert Franklin: »Krieg ist Raub, Handel ist Prellerei« (MEW 23: 178).
Im zeitlichen Verlauf des Akkumulationsprozesses verändern sich die ökonomischen Strukturen, die Verhältnisse der Branchen, die Klassenstrukturen von Lohnarbeit und Kapital, das Verhältnis von Ökonomie und Politik. Auch verselbstständigt sich das Finanzkapital gegenüber dem industriellen Kapital. Dies ist das Thema von Rudolf Hilferding, auf dessen Analyse aus dem Jahr 1910 sich kritisch sowohl Lenin als auch Rosa Luxemburg beziehen.
Diese Strukturveränderungen des kapitalistischen Systems in der Zeit haben beträchtliche Auswirkungen auf die Expansion im Raum. Im historischen Kolonialismus seit den großen Entdeckungen im 15. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert zielte die räumliche Expansion vor allem auf die Schätze der Erde, auf mineralische und agrarische Rohstoffe, die unnachsichtig geplündert wurden. Auch wenn die Plünderungen für die Plünderer nicht immer ein gutes Geschäft waren, haben sie in den geplünderten Ländern dieser Erde ein soziales und ökologisches Desaster hinterlassen, dessen Nachwirkungen bis in unsere Tage zu verspüren sind. Zumal in Afrika ergänzten die europäischen Plünderer ihre Raubzüge von natürlichen Ressourcen mit der systematischen Menschenjagd, um die gegenüber den hochgerüsteten europäischen Eroberern wehrlosen Einwohner als Sklaven an die Plantagenbetreiber in Süd- und Nordamerika verkaufen zu können. Dadurch sind ganze Gesellschaften für mehrere Generationen traumatisiert worden. In Europa kam so das Kapital zusammen, das die »ursprüngliche« kapitalistische Akkumulation erst ermöglichte.
Schon im Kolonialsystem erlangten die Kolonien als Absatzmärkte für Waren aus den Metropolen und als Sphären der Kapitalanlage eine gewisse Bedeutung, wie schon Hobson (1902) und Rosa Luxemburg, Lenin und andere während des Ersten Weltkriegs hervorhoben, um so den »klassischen Imperialismus« der Vorkriegszeit zu erklären. Sie folgten in ihren Analysen implizit der eher lapidaren Feststellung von Immanuel Kant, dass die Menschen sich auf der »Oberfläche der Erde (...) als Kugelfläche (...) nicht ins Unendliche zerstreuen können«, machten aber die Kant'sche Schlussfolgerung, dass sie sich daher »endlich doch neben einander dulden« müssen, nicht mit. Denn es gibt auch die andere Umgangsform mit den Grenzen in Raum und Zeit, nämlich den Konkurrenten ihren Anteil an der irdischen Kugelfläche gewaltförmig streitig zu machen und sie daher mit Krieg zu überziehen. Das ist im Prinzip die Erklärung der imperialistischen Kriege, die im 20. Jahrhundert ihre Blutspuren hinterlassen haben. Die Akkumulation des Kapitals im imperialistischen Stadium steigert die Plünderung der Erde und die Ausbeutung der Menschen. Dies wird vor allem von Rosa Luxemburg leidenschaftlich kritisiert. Massenaktionen gegen die imperialistische Unterdrückung werden so begründet.
Lenins Schlussfolgerung ist dreifach: Erstens ist der Imperialismus ein Weltsystem, und daher kann die Revolution nur eine Weltrevolution sein. Doch zweitens sind die imperialistischen Länder hinsichtlich ihrer ökonomischen Entwicklung und politischen Macht ungleich. Daher bietet es sich taktisch an, die Revolution am »schwächsten Glied der Kette« zu beginnen. Das schien zur Zeit Lenins das zaristische Russland zu sein. Drittens aber, dies hatte Lenin in seiner Schrift »Staat und Revolution« gezeigt, sind bereits im Zuge der Organisierung des modernen Kapitalismus Formen entstanden, die von sozialistischen Kräften übernommen werden könnten. Dass dies eine Fehleinschätzung war, zeigte sich nach der russischen Revolution empirisch; theoretisch wurde dies von Rosa Luxemburg, aber auch mit anderem Hintergrund von Antonio Gramsci kritisiert.
In Zeiten der Globalisierung werden politische Interventionen zurückgenommen, öffentliche Güter weitgehend privatisiert und die Märkte liberalisiert. Die Politik dient nicht mehr wie in kolonialen und imperialen Zeiten dazu, nationalstaatliche Grenzen und damit das Herrschaftsgebiet des je nationalen Kapitals auszuweiten. Die Grenzen der Inwertsetzung und Verwertung werden vielmehr dereguliert; Grenzen spielen in der globalisierten Geoökonomie eine immer geringere Rolle. Doch scheint diese Phase der Globalisierung des kapitalistischen Weltsystems im 21. Jahrhundert zu Ende zu gehen. Die Hegemonie der nach 1989 »einzigen Weltmacht« USA ist am 11. September 2001 herausgefordert worden, und der danach eröffnete »Krieg gegen den Terror« wird mit den unvermeidlichen Niederlagen im Irak und in Afghanistan das US-amerikanische Hegemonialsystem weiter unterminieren. Hegemonie, so Antonio Gramsci, basiert auf Macht und Konsens. Die Macht ist also unterminiert, der Konsens aber nach Abu Ghraib und Guantánamo auch. Das hat zur Folge, dass der Globalisierung mehr und mehr der politische Rahmen und das politische Zentrum der Regulierung verloren gehen.
Dass dies in Zeiten geschieht, in denen die Weltwirtschafts- und Finanzkrise gerade außerordentliche Regulierungsleistungen auf globaler Ebene erforderlich macht, destabilisiert das imperiale System weiter. Es zeigt sich, dass jener Abbau von Grenzen in Zeiten der Globalisierung Freiräume vor allem für Finanzvermögen zur weltweiten Spekulation geöffnet hat. Die massive Spekulation hat nun eine kaum beherrschbare Krise befördert. Diese ist keine marginale Erscheinung mehr, sie ist ein Charakterzug des »neuen Imperialismus«.
Hinzu kommen neue territoriale Konflikte. Dabei geht es nicht mehr nur um die Fläche der Erdkugel, sondern um alles, was sich sonst noch verwerten bzw. in Wert setzen lässt: also um die Eiskappen der Pole, die Schätze der Tiefsee und was sich darunter in der »unterirdischen Geografie« noch verbirgt, um das erdnahe Weltall, die Innenwelten der genetischen Vielfalt aller Lebewesen einschließlich der Menschen, das intellektuelle Eigentum. Denn die Akkumulation des Kapitals in Zeit und Raum war nur möglich und kann auch nur fortgesetzt werden, wenn Ressourcen zur Verfügung stehen und Deponien für die Schadstoffemissionen in den Sphären der Erdkugel geschaffen werden. Konflikte werden nicht mehr wie gewohnt um Territorien geführt, sondern um alles, was in Wert gesetzt werden kann. Die Modi der Aneignung von Ressourcen und der Externalisierung der Schadstoffemissionen machen das aus, was inzwischen als »Akkumulation durch Enteignung« bezeichnet wird. Auf der und unter der begrenzten Kugelfläche der Erde werden also Null- und Negativsummenspiele gespielt, und dabei gibt es viele Verlierer. Die Frage ist, wie lange diese die Verluste wegstecken können und sich das gefallen lassen.
Die Zitate im Artikel stammen aus:
- Karl Marx und Friedrich Engels: Werke, 43 Bde., Berlin 1956-1990 (abgekürzt: MEW)
- Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953
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