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28.01.11: Tunesien |
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Alex Callinicos beschäftigt sich mit
dem tunesischen Aufstand und seinem Potenzial, sich in einen Angriff
auf den Kapitalismus insgesamt zu entwickeln
Die tunesische Revolution hat den
bisherigen Alltag in der arabischen Welt höchst dramatisch
durchbrochen. Trotz großer Ungleichheit, der verhassten
Vorherrschaft des US-Imperialismus und gelegentlicher Mordanschläge
leidet die Region unter einer erstaunlichen politischen Stagnation.
Die beiden wichtigsten arabischen
Staaten werden von Männern um die achtzig regiert. König Abdullah
von Saudi-Arabien ist einer der älteren Söhne des Gründers der
Monarchie, Ibn Saud. Hosni Mubarak feiert sein dreißigstes Jahr als
Präsident von Ägypten und hat seinen Sohn Gamal bereits als
Nachfolger auserkoren.
»Die arabische Straße«
»Die arabische Straße« wird in
vielen politischen Diskussionen über den Nahen und Mittleren Osten
beschworen, aber meistens herrschte dort wegen schwerer Unterdrückung
politische Stille. Jetzt hat sich in Tunesien »die Straße«
entschlossen zu Wort gemeldet.
Der Sturz des Präsidenten Zine
al-Abidine Ben Ali folgte einem klassischen revolutionären Muster.
Sein tief korruptes Regime regierte mittels einer Mischung aus
Kooptation und Furcht. Das Land ist Opfer der Weltwirtschaftskrise,
die die Exportmärkte schrumpfen ließ und die Lebensmittelpreise in
die Höhe trieb.
Die Weltbank pries Tunesien für seinen
»bemerkenswerten Fortschritt mit ausgeglichenem Wachstum,
Armutsbekämpfung und guten Sozialindikatoren«, aber die offizielle
Arbeitslosenquote blieb seit einem Jahrzehnt auf 14 Prozent stehen.
Die Jugendarbeitslosigkeit wird noch viel höher geschätzt, etwa 40
Prozent in der gesamten Region, was in Tunesien ein potenziell
explosives Thema ist, wo 42 Prozent der Bevölkerung jünger als 25
Jahre ist.
Ein kleiner Vorfall
Was hat die ökonomischen Probleme in
eine politische Krise verwandelt? Wie so häufig ein kleiner Vorfall
- der Selbstmord eines arbeitslosen Hochschulabgängers, Muhammad
Bouazizi, der so gegen die Beschlagnahme seines Gemüsestands
protestierte. Das wirtschaftliche Elend verband sich mit der Wut über
die Brutalität und Korruption des Regimes. Die Proteste weiteten
sich aus.
Das Regime reagiert zunächst mit
Unterdrückung. Als das nicht half, versuchte die
Regierung es mit Zugeständnissen. Als das auch keine Wirkung
zeitigte, versprach Ben Ali, im Jahr 2014 abzutreten. Einen Tag
später dankte er ab und flüchtete aus dem Land.
Die Revolte von unten spaltete das
Regime. Ein Wendepunkt war erreicht, als der tunesische
Gewerkschaftsdachverband UGTT, der bis dahin Teil des herrschenden
Apparats war, wegbrach, sich den Demonstrationen anschloss, das
Innenministerium blockierte und einen Generalstreik ausrief.
Machtstruktur retten
Um die bestehende Machtstruktur zu
retten, musste Ben Ali geopfert werden. Der Armeechef weigerte sich,
den Befehl, auf Demonstranten zu schießen, zu befolgen. Gerüchten
nach war er nicht bereit, seine Entlassung hinzunehmen und zwang
stattdessen Ben Ali aus dem Amt.
Jetzt hat sich der Schwerpunkt des
Kampfes auf die Frage verschoben, ob diese Struktur überleben wird.
Auch das folgt einem klassischen Muster. Die Proteste gehen weiter,
aber jetzt fordern die Menschen, dass alle Minister aus Ben Alis
RCD-Partei aus der neuen »Einheitsregierung« unter Mohamed
Ghannouchi entfernt werden.
Wieder einmal übernahm die UGTT die
Führung und rief zu Protesten und einem weiteren Generalstreik. Laut
New York Times »ist jetzt
die Gewerkschaft die größte institutionelle Kraft, die weiterhin
auf eine Aufhebung der Übergangsregierung drängt. Die
kleinen, anerkannten Oppositionsparteien sind in dem Kabinett
vertreten, und die verbotene islamistische Bewegung hier beginnt
gerade erst, sich zu sammeln.«
Neoliberales Aushängeschild
Worin liegt die Bedeutung der
tunesischen Revolution? Eins ist sicher: Sie ist keine der
prowestlichen »Farben«-Revolutionen, wie sie von den
US-Neokonservativen in Georgien oder der Ukraine gefördert wurden.
Ben Alis Regime war ein neoliberales Aushängeschild.
Auf Facebook-Seiten sind Statements
gesammelt, in denen sich Männer wie der französische Präsident
Nicolas Sarkozy, der ehemaligen Verteidigungsminister der USA, Donald
Rumsfeld, und der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban
Ki-Moon, voll des Lobes für Ben Ali zeigen.
Von Algerien bis Jemen
Studenten im Jemen demonstrierten
vergangene Woche gegen Präsident Ali Abdullah Saleh, einen
Verbündeten der USA, und riefen: »O Ali, folge deinem Freund Ben
Ali!« Larbi Sadiki von der Universität Exeter schreibt: »Westliche
Sicherheitsexperten sollten sich vielleicht ‚Das Kapital‘ kaufen
und sich mit Karl Marx zusammentun, damit sie Durchblick kriegen. Von
Tunesien und Algerien im Maghreb bis nach Jordanien und Ägypten im
arabischen Osten besteht der wahre Terror, der am Selbstwertgefühl
nagt, die Gemeinschaft schädigt und am
Erwachsenwerden hindert - bis hin zur Heirat - darin,
sozioökonomisch an den Rand gedrängt zu werden.«
Was in Tunesien auf der Tagesordnung
steht, ist eine politische Revolution. Die Demonstranten, die immer
noch in Massen auf die Straße gehen, wollen einen Regimewechsel,
nicht nur die Entfernung Ben Alis aus dem Amt, sondern die
Beseitigung des politischen Regimes, dem er vorstand.
Politische Revolution
Politische Revolutionen hat es im
modernen Kapitalismus schon oft gegeben, von Frankreich im Jahr 1830
und 1848 bis zu den Revolutionen von 1989, die die stalinistischen
Regime in Osteuropa stürzten. Sie lassen das Wirtschafts- und
Gesellschaftssystem intakt, also das, was Marx die Produktionsweise
nannte. Sie repräsentieren eine politische Reorganisation des
bestehenden Systems, aber keine soziale Revolution.
Der britische Marxist Chris Harman
beschrieb die Revolutionen von 1989 als einen »Schritt zur Seite«,
von einer Kapitalismusform zur anderen. Aber wird den tunesischen
Massen die Veränderung des politischen Regimes reichen?
Tunesien ist ein
kleines Land mit einer Bevölkerung von etwa 10,5 Millionen Menschen.
Aber es ist stark verstädtert, der Großteil der Arbeitskräfte ist
in der Industrie und im Dienstleistungssektor beschäftigt.
Wirtschaftliches Elend ungelöst
Materielle
Probleme, die durch die Weltwirtschaftskrise noch verschärft wurden,
haben die Revolution ebenfalls angeheizt. Eine neue Regierung und
eine demokratische Verfassung werden sie nicht lösen. Ökonomie und
Politik sind in Tunesien wie mit einer Nabelschnur verbunden.
Nach der russischen
Revolution von 1905 wies Leo Trotzki darauf hin, wie der politische
Aufstand gegen Zar Nikolaus II. in ökonomische Kämpfe gegen die
Bosse »hinüberwachsen« konnte. Das hing damit zusammen, dass die
Industriearbeiterklasse an der Spitze der Bewegung zur
Demokratisierung Russlands stand.
Demokratisch-politische
Forderungen verschmolzen mit den wirtschaftlichen Kämpfen gegen das
Kapital und drängten so in Richtung sozialistische Revolution.
Trotzki nannte diese Dynamik »permanente Revolution«. Sie fand
ihren Höhepunkt in Russland im Oktober 1917, als die Sowjets, die
Räte der Arbeiter und Soldatendelegierten, die Macht eroberten.
Permanente Revolution
Es ist noch zu
früh, um zu sagen, ob es in Tunesien zu solch einem Prozess der
permanenten Revolution kommt. Die Tatsache, dass die UGTT eine so
wichtige Rolle spielt, ist dabei von großer Bedeutung.
Natürlich streben
Gewerkschaftsführer, die mit Ben Ali zusammengearbeitet haben, keine
Revolution an. Aber indem sie Druck aufbauen für eine echte
Säuberung des alten Regimes, können sie Kräfte von unten
entfesseln, die sie nicht mehr kontrollieren können.
Als Ben Alis
bewaffnete Anhänger Chaos zu säen versuchten, organisierten sich
die Menschen in ihren Stadtvierteln, um sich zu verteidigen. Der
Versuch, den Staat zu säubern, kann selbst in eine revolutionäre
Richtung drängen.
Widersprüche im Staatsapparat
Der größte
revolutionäre Aufstand in Westeuropa in den vergangenen 50 Jahren
begann im April 1974 in Portugal, als ein linker Flügel der Armee
putschte. Eins der ersten Ziele der befreiten Massen war die PIDE,
die verhasste Geheimpolizei des alten Regimes. Arbeiter nutzten die
neu gewonnenen Rechte, um in den Streik zu treten, und Soldaten
schlossen sich ihnen auf der Straße an.
In
Tunesien stand die Polizei an vorderster Front, um die Revolte zu
zerschlagen, während die Armee sich fernhielt. Vergangenen Samstag
jedoch legten 2.000 Polizisten ebenso wie Feuerwehrleute und
Mitglieder der Nationalgarde rote Armbinden an und beteiligten sich
an den Protesten. »Sie sagen, sie wollen jetzt auf der Seite des
Volks stehen, sie wollen Teil der Revolution sein«, berichtete
al-Dschasira aus Tunis.
Je größer die
Spaltungen im Unterdrückungsapparat des Staats sind, desto größer
werden die Aussichten auf eine echte revolutionäre Transformation.
Ob es dazu kommt, hängt aber auch davon ab, ob eine politische
Massenorganisation mit dem notwendigen Verständnis der Lage
entsteht. Es ist unmöglich
für Außenstehende zu sagen, wie wahrscheinlich das ist.
Linke Traditionen
Westliche
Kommentatoren machen sich vor allem Sorgen, ob die islamistische
Partei die Initiative ergreift. Dazu muss es nicht kommen. Tunesien
hat säkulare linke Traditionen, die die Jahrzehnte der Diktatur
anscheinend überlebt haben.
Die Wahrheit ist,
dass ein revolutionärer Prozess in Tunesien begonnen hat. Seine
Bedeutung für die Menschen in Tunesien, für andere arabische Länder
und für die Welt wird sich im Kampf zeigen.
Zum Text:
Der Artikel ist zuerst erscheinen in der britischen Zeitung »Socialist Worker«. Übersetzung: Rosemarie Nünning.
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