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08.02.11: Die iranische Tragödie |
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Von der Arbeitermacht zur Mullahdiktatur |
»Aus Ägypten könnte ein Gottesstaat
wie Iran werden« - mit diesen Worten lehnte Israels
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Revolution am Nil ab und
warb für eine Unterstützung des Diktators Hosni Mubarak. Doch die
Entwicklung der iranischen Revolution 1979 war offen. Die
konservativen islamischen Kräfte gewannen nur aufgrund politischer
Fehler der Linken. Von Jan Maas
 Internationaler Frauentag in Teheran 1979 In den 60er und 70er Jahren galt der
Iran als Vorzeige-Entwicklungsland. Steigende Öleinkünfte
ermöglichten ein riesiges Wirtschaftswachstum. Die
Verhandlungsposition der jungen iranischen Arbeiterklasse war so
stark, dass jährliche Lohnzuwächse von 30-50 Prozent möglich
waren. Im Zuge der Krise gingen ab 1975 die Öleinnahmen zurück.
Staatsverschuldung und Inflation stiegen, die Versorgung wurde
schlechter.
Die Zahl der städtischen Armen
explodierte. Die diktatorische Staatsmacht schlug Demonstrationen von
Studenten oder Slumbewohnern nieder. Trotzdem erklärte der Schah
Mohammad Reza Pahlavi im Juni 1978: »Niemand kann mich stürzen. Ich
habe die Unterstützung von 700.000 Soldaten, eines Großteils des
Volkes und aller Arbeiter«.
Ölarbeiter im Ausstand
Das änderte sich schnell. Die
Forderungen der Beschäftigten, die oft auf die Betriebe beschränkt
gewesen waren, wurden immer seltener erfüllt und neue
Streikforderungen tauchten auf: »Beendigung des Notstands« oder
»Freilassung aller politischen Gefangenen«. Im September 1978
traten die mächtigen Ölarbeiter in den Ausstand. Sie kamen aus den
Fabriken und versammelten sich millionenstark in den Zentren der
Industriestädte.
Die Bewegung wuchs täglich.
Medienangestellte verhinderten regimetreue Radio- und
Fernsehsendungen, Eisenbahner weigerten sich, Militär zu befördern,
Arbeiter in den Atomkraftwerken streikten und erklärten: »Die AKW
sind dem Iran durch die Großmächte im Interesse des Atomkrieges
aufgezwungen worden.« Zahlreiche Unternehmer verließen das Land.
Revolution für die Freiheit
Die herrenlosen Fabriken wurden von den
Arbeitern übernommen, die in Schoras (Farsi: Räte) die Produktion
kontrollierten. Am 16. Januar 1979 verließ der verhasste Schah
endlich das Land. Euphorie breitete sich aus: Die Mengen warfen
Soldaten Blumen zu und verbündeten sich mit ihnen. Gemeinsam
stürzten sie die Statuen des Diktators.
Am 1. Februar kehrte Ajatollah Khomeini
aus dem Exil zurück, die Hauptfigur der islamischen Opposition. Die
Basis des islamischen Klerus bestand vor allem aus Kleinbürgern -
den Basaris. Sie hatten, genau wie Arbeiter und Studenten, unter dem
Schah gelitten - allerdings aus anderen Gründen.
Opposition in den Moscheen
Die Basaris hatten in der
kapitalistischen Entwicklung des Iran kaum noch eine Bedeutung. Die
politische Macht des Klerus war immer weiter zurückgegangen. Die
Mullahs in den Moscheen boten aber einen Sammelpunkt für viele
andere Kräfte, die gegen die »Verwestlichung« kämpften, weil ihre
Oppositionsrolle staatlich geduldet war.
Die Unterstützung, die der
fortschrittliche Teil des islamischen Klerus erfuhr, gründete sich
auf revolutionäre Rhetorik. Er prangerte die Vernachlässigung der
ökonomischen Bedürfnisse der Arbeiter und Bauern, die barbarischen
Gefängnisse, die Einschränkung der Freiheit an.
Der traditionelle Flügel, darunter
zunächst auch Ajatollah Khomeini, isolierte sich von den Massen.
Khomeini sah diese Entwicklung und zog die Konsequenz: Er fing an,
die Forderungen der sozialen Bewegung aufzunehmen. Dafür wurde er
1968 ausgewiesen.
Aus dem Exil konzentrierte er sein
Feuer weiterhin auf den Sturz des Schahs und baute so seine
Glaubwürdigkeit auf. Fünf Tage nach seiner Rückkehr erklärte er
sich zum neuen Staatsoberhaupt.
Doppelherrschaft im Iran
Der Staatsapparat und der
revolutionsfeindliche Teil des Militärs kooperierten sofort,
heilfroh, wieder Ordnung schaffen zu können. Eine Doppelherrschaft
war entstanden: Die Macht über die Betriebe lag bei den Schoras,
aber die Macht über den Staat hielt Khomeini in seinen Händen.
Die Einmischung von Arbeitern in
leitende Funktionen wurde von der Regierung sofort für unislamisch
erklärt. Ein Shellarbeiter erzählt: »Die vom Staat ernannten
Manager haben die gleiche Einstellung wie die alten Manager. Die
wissen, dass ihr Schicksal besiegelt ist, wenn die Schoras ihre Macht
behalten. Sie können ihre arbeiterfeindliche Politik nicht direkt
umsetzen; also bekämpfen sie die Schoras erstmal auf der Grundlage
des religiösen Glaubens«.
Angriff auf die Frauen
Ende Februar erließ Khomeini Gesetze,
die gegen die Frauen gerichtet waren. Das Scheidungsrecht wurde
allein den Männern zuteil, gleichzeitig wurde ihnen die Polygamie
erlaubt. Tag für Tag wurden Frauen aus neuen Berufen verdrängt.
Am Frauentag, dem 8.März, wurde eine
Gegendemonstration von Regierungstreuen angegriffen. Die gesamte
Linke ließ die Frauen im Stich und behauptete, Frauenrechte seien
nur bürgerliche Forderungen. Die Reaktion erschien um so stärker,
weil die Linke sich nicht wehrte.
Linke Parteien und Bewegungen hatten im
Iran eine lange Tradition, ebenso wie Proteste der Studenten und der
nationalen oder religiösen Minderheiten. Die größte linke Partei
war die kommunistische moskautreue Tudeh-Partei.
Zögerliche Kommunisten
Die 1941 gegründete Tudeh-Partei wuchs
mit Stalins Volksfront-Taktik auf. Nach dieser Theorie sollten sich
die Kommunisten in sozialen Bewegungen auf vermeintlich
fortschrittliche bürgerliche Kräfte stützen, statt auf die Macht
der Arbeiterklasse. Dies führte die Anhänger dieser Taktik
regelmäßig zu Fehleinschätzungen.
So vertrat die Tudeh-Partei
trotz der zunehmenden Kämpfe der Arbeiterklasse die Meinung, der
Iran sei noch nicht reif für eine sozialistische Revolution und
trennte ihre Politik von den Interessen der sich radikalisierenden
Massen ab. Schon 1946 hatte sie im Interesse der Profite ausländischer
Investoren einen Generalstreik der Ölarbeiter verhindert.
Revolutionäre Ungeduld
Die zwei iranischen Guerillabewegungen
dagegen, die Modschahedin und die Fedayin, spiegelten die
revolutionäre Ungeduld der iranischen Jugend gegenüber den
traditionellen Oppositionsparteien wider. Die Modschahedin hatten
einen religiösen Hintergrund, die Fedayin waren eine Abspaltung der
Tudeh-Partei. Beide rekrutierten sich vor allem aus städtischen
Intellektuellen.
Mit Terroraktionen von den Bergen aus
versuchten sie, die Masse der Iraner in Aktivitäten gegen den Schah
zu drängen. Gleichzeitig schnitten sie sich damit von jeglicher
Massenaktion in den Städten ab und errangen nie breite
Unterstützung. Beide Strategien zielten an den Massen vorbei und
ließen die fortschrittlichen Arbeiter schließlich im Stich, als
diese für ihre Interessen kämpften.
Machtkampf mit der Bewegung
Die fehlerhaften Strategien der Linken
überließen dem politischen Islam das Feld. Doch so schnell kam die
Niederlage nicht. Als eine Arbeitslosendemonstration von Khomeinis
Revolutionsgarden zusammengeschossen wurde, besetzten ArbeiterInnen
das Justiz- und das Arbeitsministerium. Einer von ihnen sagte: »Ich
schlage vor, dass wir an diesem Ort bleiben, bis dieses Ministerium
der Bosse zu einem Ministerium der Arbeiter wird. Werft uns nicht
Ungläubigkeit vor. Ihr erfüllt unsere Forderungen und wir werden 37
mal am Tag beten statt 17 mal«.
Auch die Demonstration am 1. Mai zeigte
die Stärke der iranischen Arbeiterklasse. Eineinhalb Millionen
Menschen marschierten sechseinhalb Stunden lang. Ihre Banner trugen
Slogans wie »Nieder mit den alten Arbeitsgesetzen - schreibt ein
neues Gesetz unter unserer Mitwirkung!« oder »Schulen für Kinder,
nicht Kinderarbeit«. Khomeini antwortete mit Schlägertrupps.
Linke tatenlos
Doch die Linke reagierte wieder nicht,
weil sie argumentierte, dass sie in der Minderheit sei. Also gelang
es den Trupps, Parolen wie »Lang lebe der Islam, Tod den
Kommunisten« zu rufen und Banner niederzureißen. Die Guerilleros
der Modschahedin fürchteten, man könne ihnen Gegnerschaft zur
islamischen Republik vorwerfen und blieben der Kundgebung ganz fern.
Schritt für Schritt drängte Khomeini
mit religiös begründeten konservativen Argumenten seine Gegner
zurück. Trotzdem stand der Iran bis zum Herbst im Zeichen der
Revolution: Frauen widersetzten sich massenhaft den Gesetzen, die
Schoras arbeiteten weiter und überall fanden Demonstrationen statt.
Vermeidliche Niederlage
Im November ließ Khomeini die
US-Botschaft in Teheran besetzen. Er behauptete, damit den Kampf
gegen den Imperialismus aufzunehmen. Er appellierte an die nationale
Einheit und erklärte damit alle Aktivitäten, die der
Regierungslinie widersprachen, für imperialistisch.
Alle linken Parteien akzeptierten
dieses Argument. Sie fielen damit der Arbeiterklasse in den Rücken.
Um das zu rechtfertigen, sagten sie, der Bewusstseinsstand der
Arbeiter sei zu niedrig. Anstatt die Schoras als Keim einer anderen
Gesellschaft zu verteidigen, behaupteten sie, sie hätten nur einen
wirtschaftlichen Charakter.
Als 1980 der Irak mit US-Unterstützung
in den Iran einmarschierte, schlug Khomeini erneut erfolgreich in die
Kerbe der nationalen Einheit. Damit war der größte Teil der
Opposition gebrochen. Die Linke hatte sich von ihrer Unabhängigkeit
verabschiedet. Das war aber nicht unvermeidlich. Sie hätte auf
Grundlage der Schoras für die Übernahme der politischen Macht
kämpfen können und hatte monatelang Zeit dazu. Den Sieg der Mullahs
haben einzig die politischen Fehler der Linken zu verantworten.
Mehr auf marx21.de:
- Muslimbrüder, Blogger, Nasseristen: Der Aufstand in Ägypten erschien in
den ersten zwei Wochen ebenso spontan wie vereint. Nachdem das Regime
nun zunehmend auf Verhandlungen statt auf Repression setzt, werden
die Widersprüche innerhalb der Opposition deutlicher. Eine Anatomie
der ägyptischen Oppositionskräfte von Simon Assaf
- Mehr als Opium: Sozialisten haben Religion immer als
widersprüchliches Phänomen begriffen und entsprechend gehandelt. Ein
historischer Abriss von Volkhard Mosler
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