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09.02.11: Tunesien |
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Der Aufstand in Tunesien hat die
Diktatoren der Region ins Mark erschüttert. Anne Alexander
beschäftigt sich mit den Wurzeln der Revolution und ihren Folgen
Ohne Zweifel hat der Aufstand in
Tunesien die Diktaturen Nordafrikas und des Nahen Ostens in Angst und
Schrecken versetzt, während Millionen Menschen in der Region
Hoffnung geschöpft haben, dass ihre Kämpfe gegen Arbeitslosigkeit,
Armut und Korruption die Staatsmaschinerie der Unterdrückung
zerbrechen kann. Straßenproteste und Cyberaktivismus sind - wenn
auch verspätet - in die Vorstellungswelt der Medien vorgedrungen.
Der revolutionäre Prozess im Januar 2011 macht jedoch deutlich, dass
der Wandelt in Tunesien sehr viel tiefer geht.
Der Sturz von Zine Al-Abidine Ben Ali
zeigt, dass die Belastungen, denen die Staaten der Region durch die
Verbindung von neoliberalen Reformen und Weltwirtschaftskrise
ausgesetzt sind, zum Zusammenbruch der Regime führen können, wenn
dadurch Volksaufstände ausgelöst werden, die weder durch Kooptation
in den Griff gebracht noch durch Unterdrückung zerschlagen werden
können. Wichtiger noch ist die Art und Weise, wie die sozialen und
politischen Forderungen in den Protesten miteinander verwoben waren,
und wie sich die Gewerkschaften zur entscheidenden Kraft in dem
Aufstand entwickelten. Das eröffnet die Möglichkeit eines sehr viel
weiter reichenden Prozesses einer revolutionären Transformation von
unten.
Tunesische Gewerkschaften
Das Vorgehen des tunesischen
Gewerkschaftsverbands Générale des Travailleurs Tunisiens (UGTT)
war wesentlich für den Sturz Ben Alis, was auch von den verbliebenen
Führungspolitikern des alten Regimes verstanden wurde. Sie
versuchten sich an die Macht zu klammern, indem sie am 18. Januar ein
Koalitionskabinett zusammenstellten, zu dem auch drei Vertreter der
UGTT gehörten. Diese Ernennungen waren auf mehreren Ebenen von
Bedeutung: Es war die Anerkennung dessen, dass die Entscheidung der
UGTT, am 12. Januar einen örtlichen Generalstreik auszurufen und
dann einen landesweiten Generalstreik am 14. Januar, eine wichtige
Rolle beim Zusammenbruch von Ben Alis Regime spielte.
Die Ernennung von UGTT-Ministern war
aber mehr als eine Geste der Kooptation eines mächtigen Gegners, es
war auch ein verzweifelter Versuch, eine Partnerschaft zwischen der
herrschenden Partei und der Führung der Gewerkschaften
wiederzubeleben, die fast in den ganzen 1990er Jahren zur Stabilität
von Ben Alis Regime beigetragen hatte. Allerdings scheiterte dieser
anfängliche Versuch, das alte Bündnis zwischen der UGTT und der
Regimepartei RCD neu zu gestalten. Innerhalb weniger Stunden
mobilisierten Oppositionelle wieder auf den Straßen und forderten
die Auflösung der RCD. Die Kabinettsminister der UGTT traten zurück,
was die Demonstranten weiter ermutigte, denen sich jetzt Polizisten
und Mitglieder der Nationalgarde anschlossen.
Doppelter Riss
Der Rückzug aus dem Koalitionskabinett
verweist auf einen doppelten Riss, der einerseits zwischen dem alten
Regime und der UGTT-Führung verläuft, andererseits aber in der UGTT
selbst zwischen den Basisaktivisten und den Funktionären an der
Spitze.
Olivier Piot, der für Le Monde
diplomatique berichtete, reiste
in den Wochen vor dem Sturz Ben Alis durch Tunesien. Er stieß auf
örtliche UGTT-Aktivisten, die ständig darüber diskutierten, ob und
wie sie die nationale Führung zwingen könnten, mit dem Regime zu
brechen. Am 7. Januar erzählte ihm der Ortssekretär der UGTT in
Tozeur, dass die nationale Führung vorhabe, in drei Wochen zu einem
landesweiten Streik der Lehrerinnen und Lehrer aufzurufen. Angesichts
des verblüfften Schweigens des Journalisten ergänzte er: »Ich
weiß, bis dahin dauert es noch ziemlich lange, und ich weiß nicht,
ob es dann zu spät ist. Ich habe das den Gewerkschaftsführern
gesagt, aber sie sind eng mit den Staatsbehörden verflochten. Aber
ich denke, wir riskieren ab jetzt, dass die armen Bezirke der Städte
Zentraltunesiens und des Südens in Flammen aufgehen werden.«
Die
US-amerikanische Wissenschaftlerin Eva Bellin weist darauf hin, dass
der tunesische Staat seit der Unabhängigkeit 1956 im Umgang mit den
Gewerkschaften immer geschwankt hat zwischen Unterdrückungsstrategien
und Kooptation. Die UGTT spielte eine entscheidende Rolle im Kampf
gegen die französische Kolonialherrschaft in den 1950er Jahren, und
auch wenn ihre Mitgliedschaft sich weitgehend mit der der größten
nationalistischen Partei, der Néo-Destour (Neue Verfassungspartei),
überschnitt, ging sie in die Zeit nach der Unabhängigkeit mit einer
eigenen unabhängigen Basis.
Kooptation der
Gewerkschaften
Habib Bourguiba,
eine führende Persönlichkeit des antikolonialen Kampfs und
Tunesiens erster Präsident nach der Befreiung, unterstellte die
Führung der UGTT schließlich dem Staat nach einer Reihe von
Zusammenstößen in den 1950er und 1960er Jahren. Einer Zeit der
Kooptation folgte ein Ausbruch von Arbeiterprotesten und Streiks in
den 1970er Jahren und weitere Unterdrückung in den Schlussjahren des
Regimes von Bourguiba in den 1980er Jahren.
Ben Alis Putsch
gegen Bourguiba im Jahr 1987 kennzeichnete den Beginn einer neuen
Phase von Beziehungen zwischen der UGTT und dem Staat. Ben Ali war
sich der Gefahr der wachsenden islamistischen Bewegung, vor allem der
Ennahda-Partei, bewusst und stärkte die UGTT als Gegengewicht. Er
war auch in den Anfangsjahren seiner Herrschaft bemüht, sich als
Demokrat hinzustellen, im Gegensatz zu Bourguiba. Ben Ali ließ
Gewerkschafter aus den Gefängnissen frei, gab der UGTT konfisziertes
Vermögen zurück, wies den Gewerkschaften eine erweiterte Rolle bei
der Beratung des Regimes in wirtschaftlichen und sozialen Fragen zu
und unterstützte regelmäßige Lohnerhöhungen für die
Arbeiterinnen und Arbeiter, obwohl er zur selben Zeit ein
Reformprogramm verfolgte, mit dem der Einfluss des Staats auf die
Wirtschaft beschränkt werden sollte.
Sozialproteste gegen Ben Ali
Ben Alis
neoliberale Umstrukturierung erhielt Lob von Weltbank und westlichen
Regierungen, aber das Versprechen auf Wohlstand für alle konnte er
nicht einhalten. Die offizielle Durchschnittsarbeitslosenquote von
rund 14 Prozent verbarg sehr viel höhere Arbeitslosigkeit in Städten
wie Sidi Bouzid, wo der Aufstand begann, ebenso wie ein extrem hohes
Niveau von Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen und Hochschulabgängern.
Der Aufstand in den Phosphatbergwerken der Region um Gafsa Anfang
2008 zeigte auf lokaler Ebene, wie Proteste der Arbeitslosen
Widersprüche in der UGTT zutage förderten, die zu einer breiteren
sozialen Revolte führten. Am 5. Januar 2008 besetzten junge
Arbeitslose die Zentrale der UGTT in der Region Gafsa.
Schnell kamen
Witwen von Bergarbeitern und Familien hinzu und lösten so eine
Streikwelle und Proteste aus, die Arbeiter und Arbeitslose, Schüler
und örtliche Bevölkerung vereinigte. Die Ursache der Proteste von
Gafsa waren nicht die niedrigen Löhne, sondern die große
Arbeitslosigkeit, die dazu geführt hat, dass immer mehr
Familienmitglieder ohne Einkommen abhängig sind von einem Arbeiter
im Bergwerk. Die örtliche UGTT-Führung spielte eine wesentliche
Rolle bei der Protestbewegung, obwohl die Gewerkschaft immer wieder
korrupte Abkommen mit der Gafsa-Phosphat-Gesellschaft geschlossen
hat, um die Zahl der Neueinstellungen in den Bergwerken zu
beschränken. Etliche UGTT-Aktivisten, wozu auch Adnane Hajji
gehörte, der zum bekannten Sprecher der Bewegung wurde, erhielten
lange Haftstrafen, allerdings wurden Hajji und andere im Jahr 2009
von Ben Ali begnadigt. (siehe auch
http://www.amnesty.de/jahresbericht/2009/tunesien)
Der Aufstand der
Bergarbeiter von 2008 wurde am Ende unterdrückt und weitete sich
nicht über die Region Gafsa hinaus aus. Im Gegensatz dazu lösten
die Demonstrationen in Sidi Bouzid wegen der Behandlung von Mohamad
Bouazizi, einem 26 Jahre alten Gemüsehändler, der sich selbst
verbrannte, nachdem die Polizei seinen Handkarren beschlagnahmt
hatte, sehr viel länger anhaltende Proteste aus. Studenten spielten
eine wichtige Rolle bei den Demonstrationen, weshalb die tunesischen
Behörden Schulen und Universitäten schlossen, um die Proteste
einzudämmen. Den Studenten schlossen sich Anwälte an, 95 Prozent
haben nach Berichten an einem Generalstreik am 6. Januar
teilgenommen, um gegen Angriffe der Polizei auf ihre Kollegen bei
früheren Demonstrationen und Kundgebungen zu protestieren.
Spontaneität und Organisation
Es gab also schon
sehr früh eine Dialektik zwischen Spontaneität und Organisation bei
der Entwicklung des Aufstands, was es für den Staatsapparat
schwierig machte, ihn aufzuhalten. Einzelne Verzweiflungstaten, wie
Bouazizis Selbstverbrennung, wurden Auslöser für lokale
Solidaritätsproteste und manchmal fanden sie dank der Berichte in
den Medien und sozialen Netzen ein Echo im ganzen Land. Dennoch
bedurfte es des Eingreifens von Organisationen, die landesweit
mobilisieren konnten, so wie die Anwaltsvereinigung und schließlich
die UGTT, die letztendlich das Kräfteverhältnis zwischen Staat und
Oppositionsbewegung zugunsten Letzterer verschoben.
Die Frage lautet
jetzt, ob die Arbeiterbewegung in Tunesien nicht nur den Prozess
weitertreiben kann, die ganze alte politische Ordnung hinwegzufegen,
sondern ob sie auch beginnt, gegen die wirtschaftlichen Wurzeln der
Ausbeutung vorzugehen. Es gibt Berichte von einigen Betrieben, in
denen die Arbeiter die korrupten Manager des Regimes Ben Ali
rausgeworfen haben. Aber erst wenn sich das in eine Bewegung für
Arbeiterkontrolle in den Betrieben entwickelt, verbunden mit der
Geltendmachung der sozialen und wirtschaftlichen Forderungen, die zum
Auslöser der Intifada von Sidi Bouzid wurden, kann die Bewegung dem
Kapitalismus selbst an den Kragen gehen.
Gerade die
Möglichkeit, dass dieser Prozess, der in Sidi Bouzid begann, auf
Algier, Kairo und darüber hinaus überspringt, hat die
Unterdrückerregime der Region alarmiert. Noch vor dem Sturz Ben Alis
kam es wegen steigender Lebensmittelpreise zu Aufständen in
Algerien, und der Zusammenbruch seines Regimes öffnete die Tür zu
einer Protestwelle, in der sich soziale und politische Forderungen
vermischen und die bis in den Jemen und nach Jordanien reichte. Die
Auswirkungen der tunesischen Revolution auf Ägypten werden von den
USA und ihren Verbündeten besonders genau beobachtet werden. Es gibt
viele strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den Regimen von Ben Ali
und Husni Mubarak - beide haben Wirtschaftsreformen eingeleitet,
die Privatisierungen und den Zufluss von Auslandsinvestitionen mit
sich brachten und ihnen bis vor Kurzem das Lob der Weltbank
sicherten.
Arbeitslosigkeit in Nordafrika
Ägypten wie
Tunesien leiden unter hoher Arbeitslosigkeit vor allem bei
Jugendlichen und Universitätsabgängern und unter außer Kontrolle
geratenen Lebensmittelpreisen. Das Regime Mubarak hat versucht, die
sozialen und politischen Proteste durch eine Reihe von Mechanismen
einzudämmen, unter anderem durch die Manipulation von
Lebensmittelsubventionen - auch wenn der Prozess der neoliberalen
Reformen das zunehmend erschwert hat. Die Beziehung zwischen dem
ägyptischen Gewerkschaftsverband ETUF und Mubaraks Partei NDP weist
viele historische Parallelen auf zwischen der Führung der UGTT und
Ben Alis Partei. In beiden Fällen hat das Regime die nationale
Gewerkschaftsführung durch eine Mischung aus finanziellen Anreizen
und Integration in die herrschende Partei in das Regime kooptiert.
Im Gegensatz zu
Tunesien jedoch gehört zu den wichtigsten Erfolgen der letzten
Streikwelle in Ägypten die Entstehung von jungen, unabhängigen
Gewerkschaften, während es keine ernsthaften Anzeichen für einen
Bruch in der ETUF gibt. Aber es ist auch klar, dass neoliberale
Wirtschaftsreformen die ETUF als eine Schlüsselinstitution des
Regimes von Mubarak ausgehöhlt haben, weil dadurch die Gewerkschaft
ihren Mitgliedern zunehmend weniger Vergünstigungen und
Arbeitsplätze verschaffen kann. Die für September 2011 angesetzten
ägyptischen Präsidentenwahlen werden auch die Spannungen in und
außerhalb der Regierungspartei über die Nachfolge wiederbeleben, da
ein Ersatz für den alternden Mubarak gefunden werden muss.
Es gibt zu Tunesien
Unterschiede in der Anordnung der ägyptischen Oppositionskräfte,
die die künftigen Ereignisse gestalten werden. In Tunesien gibt es
beispielsweise keine Oppositionsgruppe des sozialen und politischen
Gewichts der Muslimbruderschaft, und der Rückzug der Bruderschaft
von dem Konflikt mit dem Staat hat es für die anderen
Oppositionsgruppen schwerer gemacht, auf den Straßen zu
mobilisieren.
Trotzdem ist die
Chance, dass die Volksaufstände nach einem Jahrzehnt des Aufblühens
einer Protestkultur die Risse im Regime vertiefen, in Ägypten
größer als wir es in Tunesien erleben konnten. Und je größer der
Wandel in Tunesien, desto mehr Möglichkeiten wird es für eine
ähnliche Protestdynamik in Ägypten und anderen Ländern geben. Je
länger der Druck von unten sichtlich die Entscheidungen der
Regierung in Tunis beeinflusst, sie sogar diszipliniert oder
zerbricht, desto größer wird das Selbstbewusstsein derer werden,
die ihren Staat in den Straßen von Kairo, Amman und vielleicht sogar
London herausfordern.
Zum Text:
Der Text erschien noch vor Beginn der Proteste in Ägypten in Englisch in der Zeitschrift »Socialist Review«. Übersetzung ins Deutsche: marx21
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