|
 |
 |
 |
 |
| |
|
15.02.11: Ägyptens Armee |
| Drucken |
|
Dass das Militär während der
ägyptischen Revolution nicht eingriff, erweckte den Eindruck, als
stehe es über den Kämpfen zwischen der Bewegung und dem
Mubarak-Regime. In Wirklichkeit ist es von diesem Konflikt zerrissen
 Auf dem Tahrir-Platz verbrüderten sich einfache Soldaten mit den Demonstranten (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA 2.0) Als Omar Suleiman, jetzt Ägyptens
ehemaliger Vizepräsident, am Freitag sprach, sagte er zweierlei:
Mubarak geht und die Armee übernimmt die Regierung. Es ist noch
nicht klar, was das heißt. Die Herrschaft der Armee könnte heißen,
dass die Soldaten sich mit der Massenbewegung identifizieren oder
dass das Kriegsrecht verhängt wird.
Es gibt Hinweise darauf, dass die Armee
unter enormem Druck steht. Auf dem Tahrir-Platz war am Freitag ein
Offizier zu sehen, der seine Waffen ablegte und sich den
Protestierenden anschloss. Das ist ein Anzeichen dafür, dass sich
Teile des Offizierskorps ablösen. Möglicherweise begreifen wichtige
Leute in der Armee, dass sie die Loyalität eines Teils ihrer eigenen
Offiziere verlieren.
Privilegiertes Militär
Die ägyptische Armee ist enorm
mächtig. Im Verlauf der letzten 20 Jahre wurde sie in ein vom Regime
betriebenes System von Privilegien eingebunden. Aus der Zeit Gamal
Abdel Nassers, als die Armee und die Bürokratie an der Spitze des
Staates standen, verfügt sie ohnehin noch über eine Menge
Privilegien.
Im Jahr 1952 hatten Nasser und die
»Freien Offiziere«
erfolgreich gegen das Regime von König Faruk geputscht. Zwei Jahre
später zog die britische Armee ab. Bis zur Ära von Präsident Sadat
(1970-1981) wurde Ägypten von hohen Armeeoffizieren regiert. Das
Land war damals ein klassischer radikal-nationalistischer Staat, der
die Kontrolle über fast alles ausübte.
Armee als Großaktionär
Ab den 1970er Jahren gab es erste
Schritte weg von der Staatskontrolle der Wirtschaft hin zu
Privatisierungen, Kennzeichen dessen, was später als Neoliberalismus
bezeichnet wurde. Von diesem Moment an kam es zu einer Veränderung
in der Beziehung zwischen Armee und Regime. Am deutlichsten wurde das
unter Mubarak.
Die Armee selbst verankerte sich in dem
Netz aus Reichtum und Privilegien, und Mubarak förderte das. Die
Armee ist deshalb heute Großaktionär nominell
privatwirtschaftlicher Aktivitäten. Es gibt viele Privatunternehmen
mit großen Militäranteilen.
Einige der größten
Wirtschaftsunternehmen in Ägypten sind Armeebetriebe, wozu
landwirtschaftliche, industrielle und kaufmännische Operationen
gehören. Sie werden von der Armee geleitet und dienen unmittelbar
ihren Interessen.
Das letzte Bollwerk
In diesem System sitzen die
Streitkräfte mit dem Privatkapital in einem Boot, ein bisschen wie
in China. Die Armee selbst, das Offizierskorps, war in den
vergangenen 20 Jahren Nutznießer des wachsenden Privatkapitals in
Ägypten. Das heißt, dass die Armee, wenn sie jetzt die Kontrolle
übernimmt, mit einem Regime zusammenarbeitet und Teil eines Regime
ist, das die meisten Ägypter endlich loswerden wollen.
Zwar ist die Armee eine etwas andere
Organisation als die Polizei und die Staatssicherheit. Die Polizei
hat bei der Unterdrückung der Arbeiter- und Bauernbewegungen die
Hauptrolle gespielt.
Aber auch die Armee hat in der
Vergangenheit Bewegungen unterdrückt: bei den großen
Hungeraufständen von 1977, bei dem Aufstand von 1984 in Mahalla
al-Kubra und bei unzähligen anderen Gelegenheiten.
Im Jahr 1986 kam es zu einem
Polizeiaufstand und die Armee schlug ihn nieder. Die Armee ist das
letzte Bollwerk der kapitalistischen Klasse in Ägypten.
Betriebe und Stadtviertel
Die Menschen auf dem Tahrir-Platz haben
richtigerweise gerufen: »Das
Volk hat das Regime gestürzt.«
Doch auch nach Mubaraks Sturz ist das Regime im Großen und Ganzen
noch intakt.
Ein wichtiger Grund für das Zögern
der Armee, klar Stellung zu beziehen, liegt darin, dass hohe
Armeeoffiziere und die Polizei nur zu gut wissen, dass die Massen mit
ihnen abrechnen wollen. Vor allem die Polizei war über all die Jahre
für die grausame Misshandlung der ägyptischen Bevölkerung
verantwortlich. Das Regime Mubarak hat Ägypten mit einem
Foltersystem überzogen, in dessen Mühlen viele Menschen gerieten.
Während der Revolution wurden daher etliche Polizeistationen
niedergebrannt und Gefängnisse geöffnet.
Wenn die Menschen mit ihren Folterern
abrechnen wollen, wird das wird nur mit Hilfe von Selbstorganisation
gehen. Wahrheitskomitees werden gebraucht, wie nach anderen
Diktaturen auch. Das erfordert Formen kollektiver Organisation. Das
Regime und die Armee werden das nicht leisten. Die Hauptaufgabe
besteht daher darin, die Macht der Straße in Macht in den Betrieben
und Stadtvierteln umzuwandeln, Betriebskomitees und Stadtteilkomitees
zu gründen, wie es bereits geschieht. Die Ägypter müssen ihr
Schicksal in der eigenen Hand behalten.
(Socialist Worker/Jan Maas, Übersetzungen: Rosemarie Nünning)
Mehr auf marx21.de:
|
|
|
|
 |
 |
 |
| |
VOR ORT

|
|
NEWSLETTER
Um den marx21-Online-Newsletter zu erhalten, trage deine E-Mail-Adrese hier ein. Du erhälst dann eine Mail von uns mit einem Bestätigungslink...
|
TERMINE
30.05. - 01.06.2013
14.06 - 16.06.2013
LINKE-Bundesparteitag in Dresden
Weitere Termine ...
|
|
|