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17.02.11: Tunesien |
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Die Revolution ist ein Prozess |
Nach dem Sturz des tunesischen
Diktators Ben Ali vor einem Monat ordnet sich die politische
Landschaft neu. Die Forderungen der Bewegung begrenzen den Spielraum
der Parteien. Aus Tunis berichtet Claudia Haydt
 Das Innenministerium wird nach wie vor vom Militär bewacht. Es wurden zwar 42 Führungsfiguren der Geheimpolizei entlassen. Oppositionelle berichten jedoch immer noch von Repression. (Foto: Claudia Haydt/IMI) Die Armee ist überall präsent, sie
ordnet Warteschlangen, steht an Kreuzungen und hält sich meist
auffallend zurück. Polizei sieht man selten, einzelne Kreuzungen
werden von Verkehrspolizisten geregelt, auf anderen Kreuzungen
unterhalten sich Polizisten, während sich der Verkehr um sie herum
mehr oder weniger selbst regelt. Parkregelungen sind außer Kraft,
wenigstens de facto, kein Polizist würde es wagen, ein Auto
abschleppen zu lassen oder Strafzettel zu verteilen.
Fliegende Händler verkaufen auf jedem
freien Quadratmeter der Bürgersteige ihre Ware, die ganz
offensichtlich von Plünderungen in den Wochen zuvor stammen.
Geplündert wurde jedoch nicht wahllos, sondern meist sehr gezielt
aus den Supermärkten und Lagern des Ben-Ali-Familienclans.
»Ben
Ali und die vierzig Räuber«
Die meisten Tunesier sahen das als
einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Waren doch Staat und
Wirtschaft faktisch im Privatbesitz der Familie Ben Alis. Jeder in
Tunesien kann zeigen, was sich »Ben
Ali und die vierzig Räuber« alles
unter den Nagel gerissen hatten: Supermarktketten, Banken,
Transportunternehmen, Unternehmen, Villen und Hotels. Nahezu alles,
was größere Profite abwirft, gehörte einem Schwager, einem
Schwiegersohn oder der Frau des Präsidenten.
Genau genommen ist der Verkauf von
Gütern auf der Straße ohne Genehmigung verboten - eigentlich.
Viele Regeln sind im revolutionären Tunesien außer Kraft, das
Rauchverbot auf dem Flughafen wird ignoriert, genauso wie manche
ungeschriebene Regeln. Niemand muss mehr Schmiergelder zahlen, um
Geschäfte abwickeln zu können. Infolge dessen macht der Hafen in
Tunis momentan wesentlich mehr Umsatz als zu Zeiten des alten Regimes
und trotz revolutionärer Rahmenbedingungen sind die Produkte des
täglichen Bedarfs nicht teurer geworden, manches ist sogar
günstiger.
Die
»Sidi-Bouzid-Revolte«
War es eine Revolution oder ein
Aufstand, der sich im Dezember und Januar in Tunesien ereignet hat?
Die Bezeichnung »Jasmin-Revolution« ist nichts weiter als eine
Erfindung der französischen Medien. Die Menschen in Tunesien reden
von Revolte oder Revolution. Wenn sie ihr einen Namen geben, dann
»Sidi-Bouzid-Revolte«
in Anlehnung an die Stadt, in der alles begann.
»Die
Revolution gibt uns Gelegenheit zu träumen«, mit diesen Worten
beschreibt der tunesische Autor und frühere Dissident Taoufik Ben
Brik das, was Akteure und Beobachter des Aufbegehrens und Umsturzes
in Tunesien verbindet. Ob die Revolution vorbei ist und das Gebot der
Stunde nun ein Übergang zur Normalität oder ob die Revolution ein -
längst noch nicht abgeschlossener - Prozess ist, darüber sind
sich die verschiedenen linken Gruppierungen in Tunis alles andere als
einig.
Neue politische Parteien
In Tunesien waren Mitte Februar 24
politische Parteien offiziell registriert, viele davon sind neu und
praktisch unbekannt. Welche davon eine zentrale Bedeutung im neuen
Tunesien haben werden, darüber mag niemand eine belastbare Prognose
abgeben.
 Hamma Hammadi, Kommunistische Arbeiterpartei PCOT (Foto: Claudia Haydt/IMI) Fragt man Menschen auf der Straße nach
linken Parteien, dann wird meist die PCOT, die Kommunistische
Arbeiterpartei, genannt. Ihr Vorsitzender Hamma Hammadi hat lange
Jahre im Gefängnis und in der Illegalität verbracht und wird
deswegen von einem breiten politischen Spektrum ob seines
konsequenten Engagements für Freiheit und Demokratie geschätzt.
Einheit statt Spaltung
Im Gegensatz zu anderen linken
Oppositionsparteien wurde die PCOT nie anerkannt. Es gelang ihr trotz
massiver Repression, Inhaftierung und Folter vieler Mitglieder
dennoch arbeitsfähig zu bleiben. Infolge dessen konnten sie auch in
der tunesischen Revolution eine wichtige Kraft sein. PCOT arbeitete
dabei bewusst mit den verschiedensten Oppositionskräften zusammen,
egal ob Mitte-links, ob liberal oder islamisch.
Nur durch diese Kooperation war es
möglich, Ben Ali los zu werden, der jahrelang die verschiedene
Oppositionsgruppen gegeneinander aufwiegelte. Mit der alles
dominierenden Angst vor Islamisten gelang es nicht nur, westliche
Staaten zu überzeugen, dass das Regime Ben Ali das kleinere Übel
sei, sondern auch Teile der tunesischen Opposition wurden so
paralysiert. Die herrschende Minderheit konnte nur an der Macht
bleiben, in dem sie die Mehrheit fragmentierte und gegeneinander
aufwiegelte, so Hammadis Analyse.
 Hamma Hammadi hält seine Polizeiakte in der Hand, die auch sehr viele familiäre Details enthält und bei der Erstürmung der Polizeistation in seinem Heimatdorf von Protestierenden entdeckt wurde. (Foto: Claudia Haydt/IMI) Die PCOT hat es nicht eilig damit, sich
als Partei registrieren zu lassen, diese Formalität steht
»demnächst« auf der Tagesordnung. »Wir sind von der Bevölkerung
anerkannt, das reicht als Grundlage unserer Arbeit«, heißt es.
Dennoch haben sie, wie andere Parteien auch, sofort nach dem Sturz
des Diktators Zine El Abidine Ben Ali begonnen, sichtbare
Parteistrukturen aufzubauen. Alle rechnen mit einem Achtungserfolg
der PCOT bei den nächsten Parlamentswahlen. Die Machtfrage Tunesiens
entscheidet sich jedoch voraussichtlich im politischen
Mitte-Links-Spektrum.
Soziale Fragen im Mittelpunkt
Neben der islamischen Ennahda gibt es
auch liberale und bürgerlich-konservative Parteien, doch gerade
letztere spielen momentan keine große Rolle in der Neuformierung der
politischen Landschaft. Die Revolution entzündete sich vor allem an
sozialen Fragen, folglich sind Parteien, die soziale Gerechtigkeit in
den Mittelpunkt stellen, diejenigen, die die besten Chancen haben. In
den konkreten Forderungen gibt es deswegen von Links bis Mitte,
einschließlich Ennahda, weitgehenden Konsens.
Priorität haben die Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit, die Regionalentwicklung, der Stopp von
Privatisierungen - ganz besonders im Bereich der öffentlichen
Dienstleistungen - und die Senkung der Lebenshaltungskosten. Ebenso
auf der Tagesordnung steht die Abkehr vom Präsidialsystem und der
Neuaufbau einer parlamentarischen Demokratie.
Kooperation mit der Übergangsregierung
Dissens gibt es in der Frage der
Kooperation mit der Übergangsregierung. Besteht die Gefahr, alles zu
verspielen, wenn nicht schnell Normalität einkehrt, wenn sich nicht
auch linke Parteien und Organisationen an der Regierung und damit an
der Kontrolle des Apparates beteiligen? Diese Position vertritt die
reformkommunistische Partei Ettajdid, die im Tunesien Ben Alis zur
legalen Opposition gehörte und zur Zeit mit zwei Abgeordneten im
Parlament vertreten ist.
Das Argument ist nicht völlig von der
Hand zu weisen, da Anhänger Ben Alis und seiner inzwischen
suspendierten Partei RCD nach wie vor versuchen, das Land zu
destabilisieren, und dazu auch ihre Positionen im Regierungsapparat
nutzen. Ettajdid stellt mit Ahmed Brahim den Minister für Bildung
und Forschung. Im Gegensatz zu anderen müssen die Reformkommunisten
beim Parteiaufbau nicht völlig von Null anfangen, sondern sie
besitzen bereits einen gewissen Grad an Professionalisierung.
»Verrat an der Revolution«
Der frühere Dissident Ben Brik sieht
in der Regierungsbeteiligung hingegen Kollaboration, ja »Verrat an
der Revolution«. Er befürchtet, dass Linke durch ihre »konstruktive
Mitarbeit« (Demokratische Fortschrittspartei/PDP) beziehungsweise
durch die »Übernahme von Verantwortung« (Ettajdid) gerade das
Überleben des alten Systems ermöglichen. Doch die Lage und die
Signale aus der Bevölkerung sind nicht ganz so eindeutig, und so
sieht auch eine weitere, unter Ben Ali marginalisierte, aber legale
Oppositionskraft aus dem Mitte-Linksspektrum, die Demokratische
Fortschrittspartei (PDP), die Notwendigkeit einer
Regierungsbeteiligung.
 Die Menschen haben die Angst verloren. Blick in ein Schaufenster in der Hauptstadt Tunis. (Foto: Claudia Haydt/IMI) Die PDP hat als erste tunesische Partei
eine Frau als Vorsitzende, Maya Jribi. Graue Eminenz ist der
ehemalige Vorsitzende und Anwalt Ahmed Néjib Chebbi, der als
möglicher Präsidentschaftskandidat gehandelt wird. Die PDP gilt als
eine der populärsten Mitte-Links Parteien. Bis jetzt scheint auch
die Beteiligung ihres Aushängeschilds an der Regierung der
Glaubwürdigkeit nicht geschadet zu haben. Chebbi ist Minister für
Regionalentwicklung, ein Posten, der für die unterwickelten Teile
Tunesiens von großer Bedeutung ist. Zu den ersten Projekten in
diesem Bereich gehören die Wiederherstellung und der Ausbau des
Schienennetzes in den ländlichen Regionen.
Ungleiche Parteistrukturen
Oppositionsparteien - auch die
offiziell anerkannten - hatten keinen leichten Stand im Tunesien
Ben Alis. Sie konnten kaum für ihre Positionen werben, Flugblätter
wurden meist beschlagnahmt oder konnten erst gar nicht gedruckt
werden. Wer wie die reformkommunistische Erneuerungspartei Ettajdid
bereits Abgeordnete in Parlament hat, dem fällt es jetzt leichter,
flächendeckende Parteistrukturen aufzubauen.
Die anderen Parteien müssen sich nun
unter Hochdruck von Null auf Hundert professionalisieren. Neben
Ettajdid und PDP beteiligt sich auch ein Aktivist der Piratenpartei
als Staatsekretär für Jugend und Sport an der Regierung. Doch auch
wenn das Internet und soziale Medien eine zentrale Rolle in der
tunesischen Revolution spielten, so hat die Piratenpartei -
zumindest bis jetzt - keine größere Massenbasis.
Rücktritt der Minister
Einen anderen Weg wählte das ebenfalls
im Mitte-Links Spektrum verortete Forum für Arbeit und Freiheit
(FDTL). Ihr Vorsitzender, der renommierte Arzt Mustapha Ben Jaafar,
erklärte sich am 17. Januar zunächst bereit, das
Gesundheitsministerium zu übernehmen. Als er jedoch realisierte, wie
viele RCD-Funktionäre Schlüsselpositionen in dieser Regierung
innehatten, trat er umgehend zurück - gemeinsam mit den meisten
Vertretern der Einheitsgewerkschaft UGTT, die ebenfalls kurzfristig
diverse Ministerposten besetzten.
 Mustapha Ben Jaafar, Forum démocratique pour le travail et les libertés - Forum für Arbeit und Freiheit FDTL (Foto: Claudia Haydt/IMI) Zusammen mit massiven Protesten auf den
Straßen Tunesiens führte dies dazu, dass nun außer dem
Premierminister Mohammed Ghannouchi keine RCD-Vertreter mehr in der
ersten Reihe der Regierung vertreten sind. Allerdings werden viele
Positionen von Experten aus der zweiten Reihe des alten System
besetzt, deren Loyalitäten nicht immer klar sind.
PDP und Ettajdid werfen Ben Jaafar vor,
er habe sich nur aus opportunistischen Gründen aus der Regierung
zurückgezogen, um so eine bessere Ausgangsbasis für die
Präsidentschaftswahlen zu haben. Tatsächlich gilt auch Ben Chaafar
als aussichtsreicher Kandidat. Seine unter gewerkschaftlich
organisierten Medizinern verankerte FDTL hat schon in den vergangenen
Jahren eine gewisse Popularität als konsequente Oppositionspartei
gewonnen.
Das Korrektiv der Straße
Welche der linken Machtstrategien nun
aufgehen wird, das werden die Wahlen zeigen, die voraussichtlich in
etwa einem halben Jahr stattfinden sollen. Momentan hat Tunesien wohl
eine »Regierung auf Bewährung«. Die Bevölkerung beobachtet sehr
genau, was diese macht.
 Demonstration in Tunis (Foto: Claudia Haydt/IMI) Es wird positiv aufgenommen, dass
endlich die Antifolterkonvention ratifiziert wurde, dass
Pressefreiheit herrscht und dass es bei der sozialen Absicherung
kleine Verbesserungen gibt. Doch als Außenminister Ahmed Ounaies
sich allzu begeistert über ein Treffen mit seiner französischen
Amtskollegin Michèle Alliot-Marie zeigte, da musste er innerhalb
kürzester Zeit seinen Hut nehmen, hatte die Dame doch neben
kostenlosem Urlaub bei Ben Alis Freunden vor allem dadurch von sich
reden gemacht, dass sie dem Diktator während der Proteste Hilfe
durch französische Fallschirmspringer angeboten hatte.
Die eigentliche politische Macht in
Tunesien liegt - zum Glück - immer noch bei der Bevölkerung,
die ihre Angst verloren hat. Es ist vor allem dieses Korrektiv der
Straße, das dafür sorgt, dass zumindest die generelle politische
Richtung stimmt. Die Übergangsregierung weiß sehr genau, dass
alles, was als »Verrat an der Revolution« wahrgenommen wird, zu
massiven Protesten führt.
Zur Autorin:
Claudia Haydt war in den vergangenen
Tagen in ihrer Funktion als Vorstandsmitglied der Europäischen
Linkspartei (EL) zusammen mit deren Vizepräsidentin Maite Mola in
Tunesien zu Gesprächen mit Vertretern verschiedener linker Parteien.
Mehr auf marx21.de:
- Die Schlacht von Tunis: Der Aufstand in Tunis hat die
Diktatoren der Region ins Mark erschüttert. Anne Alexander
beschäftigt sich mit den Wurzeln der Revolution und ihren Folgen
- Das Muster des Aufstands: Alex Callinicos beschäftigt sich mit
dem tunesischen Aufstand und seinem Potenzial, sich in einen Angriff
auf den Kapitalismus insgesamt zu entwickeln
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