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19.02.11: E-Mail aus Kairo #1 |
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Ägypter feiern die Befreiung |
Letzten
Freitag stürzte Mubarak, eine Woche später jubeln Hunderttausende
auf dem Tahrir-Platz. Mit einem Bericht von der Siegesfeier beginnt
das Internettagebuch von Philip Bethge, der zehn Tage lang für
marx21.de aus Ägypten berichten wird
 Ein Demonstrant feiert am »Freitag des Sieges« auf dem Tahrir-Platz (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) Fr, 18.02.11: Heute
ist mein erster Tag in Ägypten. Bin um 2.30 Uhr gelandet und im
Flughafen ist die Atmosphäre ganz anders als das letzte Mal, als ich
in Kairo war (mehr dazu vielleicht in einer späteren E-Mail). Damals
haben misstrauische Soldaten alle Passagiere gecheckt und man konnte
sich nie sicher sein, ob sie einen reinlassen würden. Diesmal sind
die Soldaten weg - jedenfalls vom Flughafen.
Auf
den Autobahnen ist es anders. Viele Straßen sind gesperrt, manchmal
mit Panzern. Jeden Kilometer kontrolliert eine Gruppe von Soldaten
Führerscheine und Pässe kontrollieren. Manchmal kommen wir durch,
manchmal müssen wir einen anderen Weg finden. Eine Erinnerung daran,
dass in Ägypten immer noch die Armee herrscht.
Teil des neuen Ägypten
Aber
diese Soldaten sind anders als Mubaraks Truppen, die die Flughäfen
kontrollieren mussten. Sie sehen jünger aus, und alle lachen. Alle
quatschen mit den Autofahrern, als ob sie sich nicht sicher sind, was
sie hier zu tun haben. Es mag sein, dass diese Truppen später einmal
den Befehl bekommen werden, auf Demonstranten zu schießen, und sich
entscheiden müssen, auf welcher Seite sie stehen, aber bis jetzt
sind sie auch Teil des neuen Ägypten.
Einige
Stunden Schlaf und dann ist es Zeit, mich in Kairo umzuschauen. Ich
treffe mich mit einer Kollegin von der LINKEN in Berlin, die auch
hier ist, um die ägyptische Revolution selbst zu erfahren. Alle
Hotelmitarbeiter schauen im Fernsehen Massendemonstrationen an. Es
gab in den letzten Tagen so viele Aufstände im arabischen Raum, dass
es unklar ist, welches Land gezeigt wird.
»Platz
der Befreiung«
Sie
fragen uns, ob wir auf den »Platz
der Befreiung« gehen. So ist der
Tahrir-Platz, der eigentlich »Platz
der Freiheit« heißt, inoffiziell
umbenannt worden. Natürlich, sagen wir, und sie gratulieren uns,
neidisch, dass sie selbst bei der Arbeit bleiben müssen.
Obwohl
wir nicht sicher waren, wie man den Tahrir-Platz erreicht, brauchen
wir letztendlich keinen Stadtplan. Leute strömen von überall her
dorthin, nur in eine Richtung. Die meisten tragen ägyptische Fahnen,
oder T-Shirts, auf denen der 25. Januar genannt wird, »der
Tag, als Ägypten befreit wurde«.
Alle möglichen Altersgruppen sind dabei, Männer und Frauen, oft mit
der ganzen Familie. Und alle sind glücklich.
Ehrengäste aus Europa
Eine
Million werden heute erwartet, aber ab einer bestimmten Menge ist es
unmöglich zu schätzen, wie viele Leute wirklich anwesend sind. Der
Tahrir-Platz und alle angrenzenden Straßen sind in allen Richtungen
brechend voll. Heute ist keine Demonstration - es ist eher ein Fest.
Wir bleiben einfach auf dem Platz - ohne großen Plan, manchmal läuft
ein Demozug eine Straße entlang und begrüßt einen anderen Zug,
der aus einer anderen Richtung kommt. Es gibt keinen anderen Ort,
jeder weiß, dass er heute hier sein muss.
Als
fast die einzigen Europäer ziehen wir besonderes Interesse auf uns.
Vor einer Woche sind wir gewarnt worden, es sei zu gefährlich, nach
Ägypten zu fahren, weil Mubaraks Truppen Ausländer angegriffen
haben. Jetzt aber sind wir Ehrengäste. Wir werden ständig gefragt,
woher wir kommen, und viele wollen sich mit uns fotografieren lassen.
Ein paar Männer küssen mich. Zwei Jungs bieten mir die Hand -
direkt danach eine Frau in voller Burka.
Demokratischer Aufstand
Manche
sind verwirrt, dass wir auch ägyptische Fahnen tragen: »Aber
ihr seid keine Ägypter«. »Heute
sind wir alle Ägypter«, sagen
wir. Jetzt verstehen sie. Sie sind stolz auf das, was sie geschafft
haben. Dies ist keine nationalistische Demonstration wie die, wo
deutsche oder US- oder israelische Fahnen fliegen. Die Fahnen sind
ein Zeichen dafür, dass die normale Bevölkerung Ägypten
endlich für sich zurückgewonnen hat, nach Jahrhunderten der
Besatzung oder Marionettenregierung der USA.
Wir
hören oft, dass wir der Welt erzählen sollen, was wir erleben.
Viele haben Angst, dass die ägyptische Revolution in der
ausländischen Presse falsch dargestellt wird. Mehrere selbstgemachte
Plakate in verschieden Sprachen betonen den demokratischen und
gewaltlosen Charakter des Aufstands. Die Gewalttäter, die versucht
haben, eine Konterrevolution anzufachen, sind momentan in der
Defensive. Soldaten lassen Kinder mit Fahnen auf ihre Panzer, um sich
fotografieren zu lassen. Sie stehen momentan an der Seite der
Bevölkerung.
Feiern, dann Lösungen suchen
Es
gibt eine gewisse Unklarheit darüber, was jetzt passieren soll. Alle
wissen, dass sie nicht einfach nach Hause gehen können, aber wenn
wir fragen, was jetzt kommen soll, kriegen wir keine klare Antwort.
Alle sind froh, dass Mubarak und Suleiman weg sind, und misstrauen
der jetzigen Militärregierung, aber kurzfristig ist die Meinung
eher, jetzt zu feiern, und danach über Lösungen zu reden.
In
diesem Sinn ist die ägyptische Revolution sowohl höchst politisch
als auch politisch relativ inhaltsleer. Politisch, weil die Ägypter
einen Diktator gestürzt haben und wissen, dass sie auf der Straße
bleiben müssen, um die Erfolge von 25. Januar zu verteidigen.
Unpolitisch, weil es kaum politische Debatte gibt. Ich habe
vielleicht zwei Flyer gesehen - nicht zwei Gruppen von
Flyerverteilern, sondern zwei Stück. Sozialisten haben eine wichtige
Rolle in der Veränderung von Ägypten gespielt, aber die Bewegung
ist zu groß, um sie wirklich zu sehen. Niemand hat jetzt die
Hegemonie in der Bewegung.
Instabile Situation
Die
Situation kann aber nicht immer so bleiben. Das Militär ist immer
noch an der Macht und muss irgendwann entscheiden, ob es seine
Soldaten benutzen kann, um die Bewegung aufzulösen. Momentan scheint
das nicht möglich zu sein, aber sobald die Bewegung nicht mehr nach
vorne geht, kann alles schnell rückwärts gehen. So etwas gab es
schon - nicht zuletzt in Frankreich 1968 oder in Chile 1973, als
rechte Regierungen die Macht behielten oder übernahmen, nachdem nur
eine halbe Revolution durchgeführt wurde. In diesen Fällen war es
letztendlich entscheidend, dass die linken Kräfte nicht stark genug
waren, um die Revolution zum Ende zu bringen.
Es
ist noch zu früh zu sagen, wie es in Ägypten weitergehen wird. Auf
jeden Fall haben die Ägypter sich eine große Feier verdient. Am
Abend gibt es ein Konzert auf dem Tahrir-Platz. Wir werden hingehen,
und in der nächsten E-Mail werde ich ein bisschen davon erzählen.
Zur
Person:
Philip
Bethge wird ab dem 27. Februar wieder in Deutschland sein und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
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