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20.02.11: E-Mail aus Kairo #2 |
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Die Angst vor den Neuwahlen |
Wer profitiert von freien Wahlen in
Ägypten? Die neuen politischen Kräfte der Revolution oder die alten
Kräfte des Regimes mit Geld und Macht? Im zweiten Teil seines
Internettagebuchs berichtet Philip Bethge von Diskussionen bei der
Journalistengewerkschaft
 Demonstranten auf dem Tahrir-Platz zeigen Bilder von Bossen und Ministern, die sie bestraft sehen wollen (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) Sa, 19.02.11: Am Freitag haben wir noch ein bisschen
gefeiert und sind danach mit Omnia auf einen Tee ins Café gegangen.
Omnia ist eine Freundin aus Ägypten, die noch Journalismus
studierte, als wir uns kennenlernten. Seitdem habe ich kaum eine
politische Äußerung zur ägyptischen Politik von ihr gehört - bis
zum Sturz Mubaraks. Danach hat sie mir zwei Sätze gemailt: »Ich bin
25 Jahre alt und ich habe nichts anders kennengelernt als Mubarak.
Das ist nicht fair.«
Omnia ist selbstverständlich
begeistert von der neuen Bewegung, seit der sie endlich offen über
Politik reden darf. Sie hat aber viele Fragen. Sie will wissen, ob
wir glauben, dass Parteien gut sind. Sie ist Mitglied einer Partei,
die einmal einen Gegenkandidaten zu Mubarak aufstellen konnte, glaubt
aber, dass sich dieser Kandidat zu weit von der Parteibasis entfernt
hat. Ist Basisdemokratie in Parteien möglich? Und wenn ja, wie?
Liberale und das Kopftuch
Omnia hat auch Vorbehalte gegenüber
Liberalen. Wir haben schnell gelernt, dass die Ägypter diesen
Begriff eher im Sinne von »sozial« oder »sozialdemokratisch«
benutzen als im Sinne von »neoliberal« oder »FDP«. Sie findet,
dass die liberalen Parteien gute Ideen haben. Aber ihre Erfahrung mit
einzelnen Parteimitglieder ist, dass sie lieber fordern, dass sie ihr
Kopftuch ablegen möge, als über mögliche Gemeinsamkeiten zu reden.
Das ist für sie genau das Gegenteil von Liberalismus.
Während Omnia gestern Termine
wahrnehmen musste, sind wir spontan zum Gebäude der
Journalistengewerkschaft gegangen. Anfang des letzten Jahrzehnts fand
dort mehrfach die so genannte Kairo-Konferenz statt - eine
internationale Konferenz, die von den damaligen drei
Haupt-Oppositionskräften organisiert worden war - Sozialisten,
Nasseristen, d.h. heute linke Nationalisten, und der
Muslimbruderschaft. Diese Konferenz, die ich zweimal besucht habe,
war immer sehr spannend.
Rafah und der Gazastreifen
In der Haupthalle war eine
Veranstaltung der Familien der Opfer, die während der Demos gegen
Mubarak gestorben sind. Obwohl unsere fehlenden Arabischkenntnisse
bedeuteten, dass wir nur einen oberflächlichen Eindruck von der
Konferenz bekommen konnten, waren einige Sachen trotzdem klar. Ein
flammende Rede hat ein paar Mal Rafah erwähnt. Rafah ist der
Grenzübergang zum Gazastreifen, der nicht nur von der israelischen
Regierung, sondern auch von der ägyptischen abgesperrt ist - auch
noch nach Mubaraks Sturz. Offensichtlich denken einige Ägypter über
weitere internationale Folgen ihrer Revolution nach, wenigstens über
die für die Palästinenser.
In der Empfangshalle des
Gewerkschaftshauses haben wir mit einigen Leuten gesprochen, unter
anderem mit Walid El-Sheik, einem ägyptischen Journalisten, der in
Berlin lebt. Walid ist zurück nach Kairo gekommen, um die Revolution
zu erleben, und hofft auf eine neue liberale Regierung (schon wieder
dieses Wort). Er sagt aber deutlich, dass die Revolution noch nicht
vorbei ist, und dass alle existierenden Parteien kompromittiert sind.
Einige von Mubaraks Ministern sind immer noch im Amt, wenigstens für
die nächste Woche.
Problem der Neuwahlen
Walid hat jedoch Angst vor baldigen
Neuwahlen, weil er meint, die Parteien mit den größten Geldquellen,
die Stimmen kaufen können, würden gewinnen. Er schätzt, dass, wenn
in Ägypten wie geplant in zwei 2 Monaten gewählt wird, die
Muslimbruderschaft 40 Prozent bekommt und eine umbenannte
Mubarak-Partei 30 Prozent. Er betont, dass die Probleme in Ägypten
nicht nur in der Person Mubaraks lagen, sondern in seinem ganzen
Apparat, der Geld und Ämter benutzen werde, um seine Macht zu
behalten. Das müsse vermieden werden.
Ich stimme Walid teilweise zu. Wenn
Mubarak nur von einer westlich orientierten bürgerlichen Partei
ersetzt wird und die Machtverhältnisse bleiben, also auch die
Kontrolle über die Wirtschaft in denselben Händen bleibt, wird die
Kluft zwischen Arm und Reich bestehen bleiben. Ich glaube aber, dass
er die Fähigkeit der sozialdemokratischen Liberalen überschätzt,
daran etwas zu ändern, obwohl er die Schröder-Regierung in
Deutschland erlebt hat. Und vielleicht unterschätzt er auch die
potentielle Macht von kämpfenden Arbeiterinnen und Arbeitern. Dazu
vielleicht morgen mehr, nachdem wir Mahalla, das Herz der ägyptischen
Streikbewegung, besucht haben werden.
Gegen die arabischen Regimes
Was mich an Walids Argumentation auch
nicht überzeugt, ist seine Vorstellung, dass eine Verschiebung der
Wahl automatisch den nicht etablierten linken Parteien helfen würde.
1968 in Frankreich machte General de Gaulle einen Deal mit der
Kommunistischen Partei. Er bestand darin, die Streiks zu entschärfen,
die Arbeiter zurück in die Fabriken zu schicken und dann Neuwahlen
zu haben. Die so atomisierten Arbeiter verloren ihr Selbstvertrauen
und ihr Machtgefühl und de Gaulle gewann die Wahl. So etwas kann
auch in Ägypten passieren, wenn die Debatte über den Zeitpunkt der
nächsten Wahlen abgekoppelt wird von der Strategie, dass
Demonstranten auf der Straße bleiben und Arbeiter weiter streiken
sollen.
Walid hat uns über eine Demo vor der
libyschen Botschaft informiert - selbstverständlich unser nächster
Halt. Bei dieser Demo waren vielleicht 15 Personen anwesend - auch in
revolutionären Zeiten ist Spontaneität allein nicht ausreichend, um
Massendemos zu organisieren. Aber die Jugendlichen dort wollen ihre
Forderungen gegen alle arabischen Herrscher weiter in die Bewegung
bringen. Eine geplante Demo am Montag wird die Forderung nach dem
Rücktritt aller Regimes im arabischen Raum vor mehrere Botschaften
tragen. Hoffentlich kann ich dann von größerer Teilnahme berichten.
Soldaten vor dem Fernsehsender
Auf dem Rückweg sind wir an der
Haupt-Fernsehstation vorbei gegangen. Was wir gesehen haben, stand in
Widerspruch zu dem, was wir von fast allen gehört haben: »Wir
hassen die Polizei (die eigentlich nirgends zu sehen ist), aber die
Armee wird uns immer schützen.« Obwohl es wahr ist, dass die
meisten Soldaten immer noch auf der Seite der Demonstranten stehen,
bereitet sich die Militärführung schon auf einen Gegenschlag vor.
Vor der Fernsehstation stehen Dutzende von schwerbewaffneten Soldaten
hinter Panzern und Stacheldraht. Als ich sie fotografiert habe, hat
ein Soldat mich mit Verhaftung bedroht - und zwar nicht im Spaß.
Das Militärregime weiß, dass für
viele Ägypter die Revolution noch nicht weit genug gegangen ist, und
dass sie weiter gehen könnten, wenn sie sich von der neuen Regierung
verraten fühlen. Viele Ägypter machen jetzt die Erfahrung früherer
Revolutionen, dass es wichtig ist, Kommunikationszentren wie
Fernsehstationen und Postämter zu besetzen. Wie Walid, der
sozialdemokratische Journalist, gesagt hat: »Wir vertrauen der Armee
bis jetzt, aber falls sie die Durchsetzung der Ziele der Revolution
verhindert, wissen wir aus Erfahrung, dass wir kämpfen müssen.«
Zur
Person:
Philip
Bethge wird ab dem 27. Februar wieder in Deutschland sein und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
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