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23.02.11: E-Mail aus Kairo #3 |
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Erfolgreicher Streik in Mahalla |
Nach dem Sturz Mubaraks gehen die
Kämpfe weiter. In den Textilfabriken von Mahalla haben Arbeiter für
25 Prozent mehr Lohn und gleiche Löhne für Ungelernte gekämpft. Im
dritten Teil seines Internettagesbuchs berichtet Philip Bethge von
seinem Besuch in der Stadt nördlich von Kairo
 Universitätsprofessoren demonstrieren aus Solidarität mit der Revolution in Kairo (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) So, 20.02.11: Den Sonntag haben wir in Mahalla
verbracht, wo - wie die dortigen Aktivistinnen und Aktivisten uns
stolz erzählen - der Aufstand gegen Mubarak angefangen hat. 2006 gab
es dort einen wichtigen Streik in den Textilfabriken, die die junge
Bewegung inspiriert hat. Zwei Jahre später, am 6. April 2008, haben
die Textilarbeiterinnen wieder gekämpft, weil sie zwei Monate keinen
Lohn erhalten hatten. 500.000 Menschen demonstrierten damals aus
Solidarität, praktisch alle Einwohner der Stadt. Leider fehlte im
Rest des Landes damals das Selbstbewusstsein, um mitzudemonstrieren,
aber nach diesem 6. April benannte sich dann eine wichtige
Oppositionsgruppe. Am Tag vor unserem Besuch hatten 14.000
Textilarbeiter gerade einen Streik beendet, nachdem sie eine
Lohnerhöhung von 25 Prozent, gleichen Lohn für ungelernte Arbeiter
und anderen Forderungen durchgesetzt hatten.
Unsere Gastgeber heute sind
Unterstützer und Sympathisanten der Demokratischen Front in Mahalla,
Liberale (im ägyptischen Sinn), die die Kandidatur von Mohammed
El-Baradei für das Amt des Präsidenten unterstützen. Fast alle
sind frisch politisiert, jung und stammen aus der Mittelschicht. Vier
von den fünf sind Ärztinnen und Ärzte. Inwiefern aber ein Arzt,
der 20 Euro im Monat verdient, tatsächlich Teil der Mittelschicht
ist, kann man diskutieren.
Wie wichtig ist die Muslimbruderschaft?
Sie haben keine einheitliche Meinung
und diskutieren unter sich, inwiefern die religiöse Frage momentan
wichtig ist. Zwei warnen, dass die Muslimbruderschaft versucht,
religiöse Spaltungen zu benutzen, um an die Macht zu kommen. Zwei
andere sagen, dass diese Gefahr nicht so ernst zu nehmen ist.
Interessant ist, dass auf beiden Seiten jeweils eine Muslimin und ein
Christ stehen. Trotz ihrer Angst vor einer Mischung von Religion und
Politik sind alle gläubig - eine trägt auch Kopftuch, aber sie
flüstert mir später zu, sie trage es es nur zum Schutz. Alle
kämpfen für ein säkularen Staat, in dem Religion Privatsache ist.
Vom Büro der Demokratischen Front
gehen wir zu den »Labourers of Egypt« (Ägyptische Arbeiter). Diese
Organisation von Ehrenamtlichen hilft den Arbeiterinnen in Mahalla,
Widerstand zu leisten. Der Koordinator für Mahalla Gamal Abu Ala
sagt, dass alle Gewerkschaften von dem alten Staat abhängig waren,
und dass es wichtig sei, neue Organisationen zu gründen. In diesem
Sinn stellt er Saeed Habib vor, der angeblich von diesem Büro aus
die letzten Streiks organisiert hat.
Streiken und demonstrieren
Wir sind nicht in der Lage, diese
Aussagen zu prüfen. Es ist aber angemessen zu sagen, dass die
Meinung der »Labourers of Egypt« nicht weit von den Ideen in den
Köpfen vieler streikender Arbeiterinnen entfernt ist. Deswegen ist
es spannend zu hören, was sie zu sagen haben.
Sie sagen, es sei gut, dass Arbeiter
unter der Woche streiken, und auch gut, dass sie am Freitag
demonstrieren. Beides seien Teile desselben Kampfes. Aber die
Forderungen der Streikenden sollen ökonomisch bleiben - für
höhere Löhne, Gleichheit zwischen gelernten und ungelernten
Arbeiter und so weiter. In diesem Sinn sei es ganz in Ordnung, dass
die Streikenden nur einige ihrer Forderungen gewonnen haben, und dass
der Streik beendet ist. Sie wollen nicht zu gierig erscheinen.
Die Idee, dass Arbeiter sich wegen
gewerkschaftlicher Forderungen organisieren sollen, während die
politische Arbeit getrennt davon stattfindet, kenne ich unter dem
Namen Syndikalismus. Wenn ein System auf der Kippe steht, wie im
heutigen Ägypten, zeigt der Syndikalismus Schwächen. Geht es jetzt
um bessere Bedingungen innerhalb des bestehenden kapitalistischen
Systems, oder soll dieses System als Ganzes abgeschafft werden? Die
Abwesenheit von politischen Forderungen bedeutet, dass, in Zeiten wie
jetzt, auch ihre ökonomischen Forderungen nur halbwegs umgesetzt
werden.
Kritik und Respekt
Von Gewerkschaftsaktivisten zu den so
genannten religiösen Fanatikern. Heute treffen die jungen Aktivisten
zum ersten Mal Mahmad Bara, den lokalen Anführer der
Muslimbruderschaft, und sie sind skeptisch. Nicht nur, weil sie
glauben, dass die Bruderschaft ihr Ziel eines säkularen Staats nicht
teilt, sondern auch aus Angst, dass er auf der Welle der Revolution
schwimmt, um an die Macht zu kommen. Nichts desto trotz haben sie
großen Respekt vor der Disziplin und Organisation der Bruderschaft
und nehmen sie als relevante Oppositionskraft wahr.
Bara erzählt, dass die Bruderschaft
die Revolution voll unterstützt und ihre offizielle Unterstützung
am Anfang der Proteste nur deswegen nicht erklärt hat, weil sie
verhindern wollte, dass die Revolution mit der Bruderschaft
identifiziert wird. Die Bruderschaft stellt keinen
Präsidentschaftskandidaten, und nur einen angemessenen Anteil von
Kandidaten für Abgeordnetenmandate.
Weiter meint er, die Erfolge der
Revolution müssten verteidigt werden, und deswegen seien die Streiks
letzte Woche konterrevolutionär gewesen - höchstwahrscheinlich
von Mubarak-Anhängern organisiert. Meiner Genossin Steffi und mir
kommen diese Argumente spanisch vor: Spätestens ab 1937
argumentierte die stalinistische Kommunistische Partei in Spanien
gegen Streiks zur Verteidigung der Revolution, um die bisherigen
Erfolge zu behalten. Das Ergebnis war, dass viele spanische Arbeiter
sich wenig mit den revolutionären Kräften verbunden fühlten und
Francos Faschisten letztendlich den Bürgerkrieg gewannen.
Konservative Interessen
Zuletzt fragen die jungen Aktivistinnen
und Aktivisten Bara nach Frauenrechten. Erst antwortet er, dass der
Koran fordert, dass Tiere respektiert werden sollen - warum nicht
auch Frauen? Die Frage, ob die Bruderschaft mit einem christlichen
oder weiblichen Präsidenten leben könnte, verneint er, meint aber,
dass die Frage abstrakt sei, weil die Christen eine Minderheit seien.
Nach dem Treffen geht die Diskussion
weiter. Die Männer und Frauen sind überzeugter denn je, dass Bara
und die Führung der Bruderschaft konservative Interessen vertreten.
Sie erkennen aber an, dass sie nicht ignoriert werden kann. Das Basis
der Bruderschaft, die nicht unbedingt alle Ideen teilt, muss durch
politische Auseinandersetzungen gewonnen werden. Die Bruderschaft
wird nicht hauptsächlich wegen der Konfession unterstützt,
sondern weil sie eine kohärente Weltanschauung in Opposition zu
Mubarak anbieten konnte und kann.
Wurzeln des Syndikalismus
Zuletzt gehen wir zur Bahnhof, um mit
Mohammed Mourad zu sprechen. Mohammed ist Bahnarbeiter und lokaler
Abgeordneter der »Party of Labour« (Arbeiterpartei). Wegen des
Parteienverbots war ägyptischen Organisationen es unmöglich,
Internationalen beizutreten. Außer Mubaraks Nationalpartei, die als
Mitglied der Sozialistischen Internationale immer noch
Schwesterpartei der SPD ist. Das heißt, es ist schwierig
abzuschätzen, genau wo die Arbeiterpartei steht, aber wir können
davon ausgehen, dass sie irgendwelche sozialdemokratischen Ideen hat.
Deswegen ist es interessant zu hören,
dass Mourad in einem Punkt Mahmad Bara von der Bruderschaft zustimmt:
Die letzten Streiks in Mahalla seien konterrevolutionär gewesen und
hätten nur von Mubarak-Anhängern organisiert sein können. Dass
eine relativ kleinbürgerliche Organisation wie die Bruderschaft so
argumentieren würde, hat uns nicht sehr überrascht, aber auch
Sozialdemokraten?
So ist es aber einfacher zu verstehen,
wie sich syndikalistische Ideen unter den kämpfenden Arbeitern
entwickeln können. Wenn die angeblich progressiven Politiker nicht
bereit sind, ihren Widerstand zu unterstützen, dann wendet man sich
vielleicht lieber von der Politik ab und kämpft am Arbeitsplatz.
Eine zusammenhängende Perspektive, dass nur politische Änderungen
dauerhaftige ökonomische Verbesserungen ermöglichen können, bieten
wenige ägyptische Organisationen oder Einzelpersonen an.
Umverteilung in Ägypten
Beim ägyptischen Abendessen klingen
die Diskussionen des ganzen Tages nach. Mario, unterbezahlter Arzt,
der in den letzten Wochen angefangen hat, über politische
Alternativen nachzudenken, fragt mich, wie das neue Ägypten aussehen
soll. Ich antworte ihm, was mir Walid, der sozialdemokratische
Journalist, erzählt hat: Das Problem in Ägypten ist nicht das Geld.
Ägypten ist ein reiches Land. Das Problem ist, wer das Geld hat und
wer nicht.
Wenn man Walids Argument zu einem
logischen Schluss bringt, wird ein reiner Regierungswechsel Ägyptens
Probleme nicht lösen. Was nötig wäre, ist eine Umverteilung, die
aber wiederum die Machtfrage stellt. Diejenigen, die eine alternative
Gesellschaft erfolgreich aufbauen können, sind die Arbeiterinnen und
Arbeiter wie in Mahalla, die einerseits die Bruderschaft und die
Sozialdemokraten ablehnen und die andererseits von syndikalistischen
Ideen beeinflusst sind und Distanz zur Politik halten. Eine
Organisation, die diese Lücke füllen kann, ist absolut notwendig.
Mario findet diese rohe marxistischen
Ideen plausibel. Er will ein Link zu meinem Blog (kommt demnächst
auch auf Englisch) und wir tauschen E-Mail- und Facebook-Adressen. Er
und seine Genossen haben so viel für die ägyptische Revolution
getan. Aber um die Erfolge zu sichern und die Revolution zu einem
erfolgreichen Ende zu bringen, wird noch mehr zu tun sein.
Zur
Person:
Philip
Bethge wird ab dem 27. Februar wieder in Deutschland sein und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
Diese E-Mail-Adresse ist gegen
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