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23.02.11: E-Mail aus Kairo #4 |
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Vereint und doch verschieden |
Viele Gruppen haben zusammengewirkt, um
Mubarak zu stürzen. Der weitere Weg und die Ziele der Bewegung sind
offen. Über die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kräften
berichtet Philip Bethge im vierten Teil seines Internettagebuchs
 Familie auf dem Tahrir-Platz (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) Mo, 21.02.11: Wir treffen uns heute im King Hotel mit
Mahmoud Adel Elhetta und Amr Aladin. Mahmoud und Amr gehören zur
»Generation Facebook«
- zu den Jugendlichen, die die ägyptische Revolution angeschoben
haben. Mahmoud sagt mit Recht, dass die Streiks und Großdemos
wichtig waren, aber erst später kamen. Es waren die Jugendlichen,
die den Zündfunken gegeben haben.
Ganz am Anfang weisen die beiden darauf
hin, dass der Begriff »Generation
Facebook« eher eine
Fehlbezeichnung ist. Zwar haben sie über Facebook für ihre
Demonstrationen mobilisiert, aber das war nur ein Teil der Arbeit.
Sie - und viele andere Organisationen und Einzelpersonen - haben
auch Flyer produziert und verteilt, sie haben telefoniert und ihre
Freunde mobilisiert. Der Aufstand vom 25. Januar ist nicht vom Himmel
gefallen, sondern war das Ergebnis harter Arbeit.
Jugendliche Aktivisten
Mahmoud und Amr sind - wie die
Jugendlichen, die wir in Mahalla getroffen haben - Unterstützer
des liberalen Mohammed El-Baradei. Ihre unterschiedlichen
Einschätzungen stimmen nicht immer überein. Sie sind sich einig,
dass Mubarak weg musste, und sind ein bisschen skeptischer gegenüber
dem herrschenden Militärrat als andere, mit denen wir gesprochen
haben. Manchmal wird behauptet, dass Mubarak vielleicht immer noch
von seinem Palast in Sharm El Sheik aus regiert. Aber außer den
abstrakten Zielen wie »Demokratie«
und »Freiheit«
haben sie wenig klare Vorstellungen davon, was sie an Mubaraks Stelle
wollen.
Obwohl das King Hotel kein Luxushotel
ist, ist es etwas opulenter als die kleinen Cafés, die wir bisher
gewohnt sind. Diese junge Aktivisten waren schon im Ausland, das
heißt, sie sind politisch erfahrener als viele ihrer Landsleute. Das
heißt aber auch, dass sie von uns mehr fordern: dass wir dafür
kämpfen sollen, dass die deutsche Regierung und Industrie mehr in
Ägypten investieren sollen. Sie diskutieren auch unter sich, ob die
Demonstrationen weitergehen sollen oder aufhören müssen - also ob
weitere Demonstrationen dem Tourismus und den Geschäften schaden
könnten.
Widerstreitende Interessen
Ohne die jugendlichen Aktivisten hätte
die Revolution nicht stattgefunden. Die Streiks in Mahalla waren zum
Beispiel erst nach ihren Demos ausgebrochen. Aber es ist schon
absehbar, dass die Interessen der Arbeiter in Mahalla und eines Teils
der Jugendlichen sich auseinanderentwickeln werden.
Die ägyptische Mittelschicht könnte
sich mit einer bürgerlichen Demokratie zufriedengeben, in der nicht
Mubarak, sondern sie die Arbeiter ausbeutet. Ihr kann es egal sein,
ob die Unterstützung aus den USA, China oder der EU kommt -
wichtig ist, dass sie kommt und die neue ägyptische herrschende
Klasse stützt.
Ob auch Mahmoud und Amr diesen Weg
einschlagen werden, hängt davon ab, inwiefern organisierte Arbeiter
und Sozialisten die Initiative ergreifen können. Diese jungen Leute
verstehen besser als viele, dass die Erfolge der Revolution
zerbrechlich sind. Sie können sich jetzt entscheiden, für eine
Fortführung der Revolution zu kämpfen, oder sich sagen: »Wenn
nur eine Minderheit profitieren kann, warum nicht wir?«
Revolutionäre Hausfrau
Vom King Hotel laufen wir erneut zum
Gebäude der Journalistengewerkschaft, wo wir einen Termin mit Mona
Wafa haben. Wir haben Mona erst bei der Veranstaltung vor zwei Tagen
kennen gelernt, wo sie uns mit einer emotionalen Rede beeindruckt
hat. Wir haben kaum eine Ahnung, was sie gesagt hat, da wir kaum
Arabisch können, und wollen hören, was diese Frau zu sagen hat.
Mona, etwa 50 Jahre alt, stellt sich
als einfache Hausfrau vor. Sie hat früher für die Fluggesellschaft
Egypt Air gearbeitet und keine politische Erfahrung. An der ersten
Großdemo am 25. Januar hat sie gar nicht teilgenommen. Aber nachdem
Mubaraks Polizei am 28. Januar zurückgeschlagen und viele Menschen
ermordet hatte, entschied sie sich, etwas zu tun. Zum ersten Mal in
ihrem Leben hat sie draußen geschlafen, als sie gemeinsam mit einer
Million anderen über zwei Wochen lang den Tahrir-Platz besetzt
hielt. Jetzt ist sie stolzes Mitglied der »25.-Januar-Bewegung«.
Als solches hat sie - wie viel
andere, die bisher nur Mubaraks Nationalpartei kannten - eine große
Skepsis gegenüber Parteien. Nicht nur das, sie ist überzeugt, dass
die neuen Organisationen wie die »Verteidiger
der 25.-Januar-Revolution« von
Mubarak oder von außen finanziert werden. Sie glaubt, dass die
Reformen zu langsam kommen, die Revolution immer noch gefährdet ist,
und dass die Bewegung auf der Straße bleiben und sich ausweiten
muss.
Bewegung ausweiten
Zu diesem Zweck hat Mona gemeinsam mit
anderen, die sie vom Tahrir-Platz kennt, für den nächsten Tag zu
einer Demo aufgerufen. Die Demo soll vom Tahrir-Platz zum
Regierungsgebäude führen, wo sie eine permanente Mahnwache
organisieren wollen, bis die folgenden vier Forderungen erfüllt
sind:
- Die Regierung von Ahmed Sharif
stürzen.
Sharif führt Ägypten mit Duldung des Militärrats. Er
ist aber auch Mubaraks ausgewählter Nachfolger und deswegen Teil des
alten Regimes.
- Freilassung aller politischen
Gefangenen
- Abschaffung der Notstandsgesetze, die
immer noch gegen Zivilisten benutzt werden
- Gerichtsverfahren gegen Mubarak und
Einfrierung alle seines Vermögens (einschließlich dessen in
Deutschland und der EU)
Monas Forderungen zeigen, wie weit
Ägypten noch gehen muss, um nur den Anschein von Demokratie zu
erreichen. Aber die Tatsache, dass sie so entschlossen ist, wie es
weitergehen soll, gibt uns Hoffnung. Wir werden sehen, wie groß ihre
Demo werden wird, aber sie sieht sie nicht als Gegensatz zu der
wöchentlichen Freitagsdemo, mit der sie Verbindung sucht. Nach
unserer Erfahrung mit der relativen Inhaltsleere des Festes letzte
Woche könnte die Freitagsdemo von diesen klaren Forderungen
profitieren.
Sozialistin in Ägypten
Wir verlassen Mona ungern, aber jetzt
ist es Zeit, Nivin zu besuchen. Nivin ist Sozialistin und hat letztes
Jahr auf der Sommerakademie der Sozialistischen Linken in Bielefeld
über Ägypten berichtet. Nivin teilt Monas Skepsis gegenüber Sharif
und dem Militärrat. Es gibt bis jetzt fast keine greifbaren
Reformen. Mit ein paar Ausnahmen sind die alten Herrschenden immer
noch im Amt. Die Revolution - obwohl inspirierend - muss noch weiter
gehen.
Wir fragen Nivin nach El-Baradei. Sie
ist weniger begeistert als die Jugendlichen, die wir am Vormittag
kennengelernt haben. El-Baradei führt seinen Wahlkampf vom Ausland
aus. Er wohnt zurzeit in Wien. Und er ist nicht wirklich in der
ägyptischen Bewegung verankert. Obwohl er sich gegen den Irakkrieg
gestellt hat, kann man nicht ausschließen, dass er gegenüber den
westlichen Mächten kompromissbereit wäre.
Bündnisse und Konferenzen
Nivin sieht drei wichtige
Oppositionskräfte in den kommenden Wahlen. Verschiedene liberale
Gruppen und Parteien bilden ein Wahlbündnis. Die Muslimbruderschaft
wird ebenfalls eine Wahlliste organisieren (einige Stunden später
hat die Bruderschaft eine Partei gegründet, um an den Wahlen
teilzunehmen). Und Linke, organisierte Sozialisten und unabhängige
Einzelpersonen kommen auch zusammen.
Im Rahmen der Feiern der Revolution
werden diese Bündnisse, vielleicht gemeinsam mit anderen, Ende April
eine Konferenz organisieren, die in der Tradition der
Kairo-Konferenzen des letzten Jahrzehnts steht - aber hoffentlich
viel größer wird. Internationale Gäste sind herzlich willkommen.
Die Konferenz ist noch in der ersten Vorbereitungsphase, aber sobald
mehr Informationen zur Verfügung stehen, werden wir sie auf
www.marx21.de und anderswo bekannt machen.
Ich verlasse Nivin mit der Verabredung,
sie bei der Freitagsdemo auf dem Tahrir-Platz wieder zu treffen. Dort
werde ich erfahren, wie genau die existierenden linken Kräfte sich
auf die neue Bewegung beziehen. Dazu demnächst mehr.
Zur
Person:
Philip
Bethge wird ab dem 27. Februar wieder in Deutschland sein und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
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