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24.02.11: E-Mail aus Kairo #5 |
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Ägypter wollen Gerechtigkeit |
Mubaraks Regime ermordete Hunderte beim
Versuch, sich an der Macht zu halten. Die Familien der Opfer fordern
Gerechtigkeit. Im fünften Teil seines Internettagebuchs erzählt
Philip Bethge vom Treffen mit dem Vater eines Ermordeten und seinem
Anwalt
 Demonstranten in der Zeltstadt auf dem besetzten Tahrir-Platz (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) Di, 22.02.11: Monas Demo zum Regierungsgebäude ist
von der Armee verboten worden. Omnia ist nicht sehr beunruhigt
deswegen - wegen des Kairoer Straßenverkehrs sind Demonstrationen
unter der Woche problematisch. Am Freitag wird es hoffentlich
weitergehen.
Es gibt aber auch andere Anzeichen
dafür, dass nicht alles geradlinig nach vorne geht. Heute sehen wir
zum ersten Mal, seit wir hier sind, Polizisten. Nicht viele - zwei
Autos und ein Bus am ganzen Tag - aber die Polizei findet langsam ihr
Selbstbewusstsein wieder. Noch vor kurzem hatte die ägyptische
Bevölkerung der Polizei nicht erlaubt, sich offen zu zeigen. Das
heißt aber nicht, dass die Revolution erledigt ist.
In den Wünschen vereint
Beim Frühstuck quatschen wir mit einem
Spanier, der auch hier ist, um die Revolution zu erleben. Er hat mit
einigen Leuten gesprochen, die jetzt gerne so etwas wie Normalität
hätten. Die Jüngeren sind immer noch begeistert, dass Mubarak weg
ist, die Älteren sind auch froh, aber wünschen sich jetzt
Stabilität. Viele Leute leben vom Tourismus, und die Abwesenheit der
Touristen bedeutet, dass sie jetzt noch ärmer sind als vorher.
Die Demo am kommenden Freitag könnte
kritisch werden. Bis jetzt hat die Bewegung zusammengehalten, weil
wenige politische Forderungen erhoben wurden. Alle waren in ihren
Wünschen vereint. Aber ohne greifbare Verbesserungen der
Lebensbedingungen werden die unterschiedlichen Interessen zwischen
denen, die nur eine bürgerliche Demokratie wollen, und denen, die
ihre Armut bekämpfen wollen, bald deutlicher zutage treten. Die
Frage ist, ob die Arbeiter im Mittelpunkt stehen werden.
Hoffen auf Europa
Die Antwort werden wir frühestens am
Freitag erhalten. Wir machen zunächst einen Ausflug in den Norden,
um Omnias Familie zu besuchen, und danach hoffentlich die
Arbeiterstadt Alexandria. Omnias Eltern wohnen in Tanta, einer Stadt
mit 300.000 Einwohnern im Nildelta. Obwohl sie beide Professoren
sind, ist ihre Wohnung bescheiden, und Omnias Vater ist stolz auf
seinen alten Opel. Omnia träumt von Pariser Mode und italienischen
Handtaschen - fühlt sich aber hier im Kreise ihrer Familie auch sehr
zu Hause.
Wir reden über europäische Politiker.
Omnias Eltern machen einen etwas verwirrten Eindruck, als ich sage,
dass ich von David Cameron oder Tony Blair wenig halte. Genauso
können es viele Ägypter kaum glauben, wenn ich sage, dass Angela
Merkel Mubarak bis zum bitteren Ende unterstützt hat. Sie sind aber
froh, dass ich wenigstens den dritten britischen Politiker, den sie
kennen, gut finde - George Galloway. Nach der langen Diktatur
verbinden viele Ägypter Hoffnungen mit fast allen Politikern, die
aus Europa stammen, aber für Galloway haben sie eine besondere
Vorliebe, weil seine Antikriegsposition über Ländergrenzen hinweg
bekannt ist.
Gerechtigkeit für Opferfamilien
Omnia muss Besorgungen machen und beim
Anwalt ihres Vaters vorbeigehen. Dieser Anwalt, Medhat Senagawy,
erhebt auch Klage im Namen einiger Familien, deren Kinder am 28.
Januar gestorben sind.
Der 28. Januar war der Tag der
Konterrevolution. Nach dem Aufstand am 25. Januar zogen Mubaraks
Polizei und Geheimagenten zum Tahrir-Platz und ermordeten friedliche
Demonstranten. Scharfschützen haben den Platz beschossen. Wir haben
verschiedene Angaben darüber gehört, wie viele am 28. Januar
gestorben sind - bis zu 1.000 -, aber Medhat meint, es waren 300.
Kämpfe sind weiterhin nötig
Nach ägyptischem Gesetz fordert Medhat
die Todesstrafe für alle, die für die Toten verantwortlich sind.
Und wer ist verantwortlich? Drei Ebenen: Mubarak, der alte
Innenminister Habib Al-Adly, der den Einsatz befohlen hat, und die
einzelnen Polizisten, die geschossen haben. Der Angriff war illegal,
und die Opferfamilien brauchen nicht Rache, sondern Gerechtigkeit.
Medhat ist sicher, dass die Familien
ihren Fall gewinnen werden. Und wenn nicht? »Wir
werden gewinnen, aber wenn nicht, müssen die Proteste weitergehen.«
Medhat hofft auf das neue Ägypten, weiß aber auch, dass für
Gerechtigkeit auch Kämpfe wie seiner nötig sind.
Ins Herz geschossen
Kemal Anwar kommt ins Büro. Kemal
erzählt die Geschichte seines Sohns, Ahmed Kemal. Ahmed war 19 und
hat am 27. Januar seine letzte Prüfung abgelegt. Am Tag danach hat
er seinem Vater gesagt, dass er mit seinen Freunden rausgehen würde.
Ahmed hat nicht gesagt, dass er demonstrieren würde, aber dieses
Januar in Ägypten war das vielleicht zu erwarten.
Ahmed ist nie zurückgekommen.
Scharfschützen haben ihm ins Herz geschossen. Kemal holt die
Nationalflagge heraus, die Ahmed bei der Demo dabei hatte. Sie ist
überall mit Ahmeds Blut befleckt. Seine Freunde haben die Flagge
benutzt, um seinen Körper zu tragen, aber es war zu spät.
Kemal will Gerechtigkeit. Die
Verantwortlichen sollen bezahlen. Und Kemal benennt dieselben drei
Verantwortlichen wie sein Anwalt: Mubarak, Al-Adly und die einzelnen
Polizisten. Erst wenn sie verurteilt sind, kann er sich von seinem
Sohn verabschieden.
Frieden im Nahen Osten
Den Rest des Tages nutzen wir für ein
bisschen Tourismus: den Sonnenuntergang genießen, in die Moschee
gehen (angeblich die größte in Ägypten) und Omnias Großmutter
besuchen. Die ganze Zeit quatschen wir. Omnia versucht zu begreifen,
was in ihrem Land passiert ist. Sie hat großes Vertrauen, dass Allah
Ägypten beschützen wird. Sie vertraut aber gleichzeitig auf die
Macht von Menschen. Sie hat immerhin auch tagelang auf dem
Tahrir-Platz geschlafen, um Mubarak endlich zu stürzen.
Wir reden über Palästina und
Zionismus - ob es tatsächlich möglich ist, dass Juden und Muslime
im Nahen Osten in Frieden zusammenzuleben. Ich glaube, dass die
Revolution in Ägypten den Palästinensern einen großen Gefallen
getan hat. Früher konnte die israelische Führung immer behaupten,
ein Staat, wo Araber an der Macht sind, sei immer ein Diktatur. Jetzt
haben wir Revolutionen in Ägypten und Tunesien erlebt. Vielleicht
kommen bald Bahrain, Libyen und Algerien hinzu. Wer würde sich das
nicht wünschen?
Zur
Person:
Philip
Bethge wird ab dem 27. Februar wieder in Deutschland sein und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
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