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24.02.11: E-Mail aus Kairo #6 |
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Der Alltag hat sich verändert |
Witze machen über den Diktator - was
vor vier Wochen noch Hochverrat war, ist jetzt Alltag. Philip Bethge
gibt einen Einblick in das Leben im Nildelta nach Mubaraks Sturz
 Kairo ist voll mit Fahnen und Transparenten. Hier wird an die Märtyrer erinnert, die Mubarak ermorden ließ (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) Mi, 23.02.11: Ein relativ ruhiger Tag
in Tanta, aber auch eine Gelegenheit herauszufinden, wie die
Revolution sich außerhalb der Hauptstadt ausgewirkt hat. Omnia hat
mir erzählt, dass der Widerstand gegen Mubarak zuerst in Tanta
ausgebrochen sei. Die Leute in Mahalla erzählen aber das Gleiche
über ihre Stadt. Klar ist, dass die Menschen zuerst in den armen
Städten im Norden auf die Straße gegangen sind, bevor die
Revolution nach Kairo gekommen ist.
Und Tanta ist arm. Die Einwohner sind
stolz und würdevoll, aber es gibt keine Grünfläche, die Straßen
sind höchst reparaturbedürftig und es bläst ein kräftiger
Sandsturm durch die engen Gassen. Kein Wunder, dass es Tantas Jugend
nach Kairo zieht. Die Einwohnerschaft wächst trotzdem, weil die
Bevölkerung der umliegenden Dörfer immer noch nach Tanta drängt.
Anders als in Kairo
Obwohl Tanta eine Quelle der Revolution
war, fehlt die Stimmung von Kairo hier. Kairo ist überall mit Fahnen
verziert - hier sind die Bäume und Laternenmasten immer noch
schwarz-weiß-rot angemalt, aber die Flaggen fehlen. Wie in Kairo
werde ich als Ausländer ständig begrüßt, aber hier ist es mehr
aus Neugier als aus Solidarität. Die Kairoer empfangen mich als
Unterstützer ihrer Revolution - die Tantaer wundern sich, was ich
hier mache. Sie sind freundlich, aber das Gefühl ist ein anderes.
Ich frage Omnia, wie das kommt. Sie
sagt, dass die Revolution in die Hauptstadt umgezogen sei. Die
Tantaer seien immer noch wachsam - wenn die Konterrevolutionäre
versuchen würde, zurückzukommen, werde es wieder militante Demos in
Tanta geben. Wird es eine Demo am kommenden Freitag geben ? »Ich
weiß nicht. Die Muslimbrüder sind hier in Tanta stark. Vielleicht
rufen sie auf. Wenn ja, werden wir dabei sein.«
In den Händen der Profis
Die Vorstellung, dass Widerstand und
Demonstrationen plötzlich an- und abgeschaltet werden können, ist
mir diese Woche oft begegnet. Und mit gutem Grund - wenn man eine
der größten Diktaturen der Welt gestürzt hat, ist alles möglich.
Viele glauben, dass die Revolution schon gewonnen hat. Die
Konterrevolution bleibe zwar immer eine Gefahr, aber die Bevölkerung
habe schon gezeigt, dass sie für Demokratie und Gerechtigkeit
kämpfen werde.
Das ist eine plausible Meinung, aber
sie trennt die Revolution von ihren Hauptakteuren und lässt sie in
den Händen von vermeintlichen Profis, die entscheiden, wann und wie
Widerstand geleistet werden soll. Das ist keine gute Basis für eine
neue, von der Bevölkerung kontrollierte Gesellschaft. Es ist auch
nicht das effektivste Mittel, um Schutz zu organisieren, denn so geht
die Dynamik der Bewegung langsam verloren.
Konterrevolution durch die Hintertür
Es gibt ein zweites Problem. Die
Konterrevolution kämpft nicht nur mit Polizisten und Blutbädern -
sie kann auch auf dem Weg demokratischer Wahlen kommen. Und wenn ein
neuer Präsident versucht, die Erfolge der Revolution schrittweise
zurückzudrängen, beispielsweise wegen wirtschaftlicher Probleme
oder um die US-Außenpolitik zu beschwichtigen, wie stark wird die
Straßenbewegung dann sein, um die Revolution zu verteidigen?
Diese Frage bleibt offen und muss von
den ägyptischen Aktivisten diskutiert werden. Ich glaube auf alle
Fälle, dass Ägypten nicht wieder werden wird, wie es war. Der Stolz
der Menschen, die ich treffe, und das Wissen, Geschichte gemacht zu
haben, sind da und werden bleiben. Es ist kaum anzunehmen, dass
Mubarak irgendwie zurückkehren kann. Nur diese Tatsache ist
Rechtfertigung genug für die Revolution. Aber um eine neue
Gesellschaft in Ägypten aufzubauen, muss der Widerstand sichtbar
bleiben - nicht nur in Kairo, sondern überall.
Bedürfnisse im Mittelpunkt
Doch es hat sich schon viel geändert,
auch in Tanta. Heute treffe ich mich mit Omnias Freundeskreis, der
seit 2005 Wohltätigkeitsarbeit macht - sie sammeln Kleider von
Verwandten und Bekannten, verkaufen sie billig an arme Leute und
benutzen den Gewinn, um Operationen für kranke Arme zu organisieren,
die anders unbezahlbar wären. Ein Beispiel, wie Menschen
zusammenarbeiten können, wenn Bedürfnisse und nicht Profit im
Mittelpunkt stehen.
Ich frage die jungen Leute, die meisten
Studenten und Mitte zwanzig, wie sich Tanta im letzten Monat
verändert hat. Alle sind sicher, dass es Veränderungen gegeben hat
- auch wenn nicht alle greifbar sind. Die Leute seien glücklicher,
der Umgang miteinander besser, mehr Leute kümmerten sich umeinander.
Die arabische Revolution geht weiter
Aber am wichtigsten sei die
Möglichkeit, offen zu reden, über Politik zu diskutieren. Diese
Woche habe ich mehrere Witze über Mubarak gehört. Die meisten waren
für mich nicht besonders lustig. Vielleicht braucht man auch nach 30
sprachlosen Jahren ein bisschen Zeit, um den Humor wieder zu lernen.
Vor einem Monat waren solche Witze jedenfalls noch Hochverrat. Jetzt
sind sie Teil jeder Unterhaltung.
Heute werden mehr Witze über Gaddafi
gemacht, den alle als verrückt ansehen. Die Überzeugung, dass
Diktaturen ewig währen, ist weg. Sie haben zwar Angst, dass Gaddafi
ausländische Söldnertruppen benutzt, um den ägyptischen Fall zu
vermeiden, dass die Soldaten sich weigern zu schießen. Aber alle
glauben, dass Gaddafis Tage gezählt sind. Die arabische Revolution
geht weiter.
Wir reden über die Probleme der Welt.
Omnia sagt, es sei ganz einfach: »Es gibt die Leute, die herrschen,
und es gibt die Bevölkerung. Und die Herrschenden werden die
Bevölkerung immer ignorieren und verarschen. In Ägypten war das
offensichtlich, aber das gibt es auch in Europa und den USA. Das
heißt, die Revolution darf nur ein Anfang sein. Man muss bereit
sein, alle Regierungen in Frage zu stellen.«
Zur
Person:
Philip
Bethge wird ab dem 27. Februar wieder in Deutschland sein und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
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