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28.02.11: E-Mail aus Kairo #8 |
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Scharfer
Kontrast zum letzten Freitag: Statt einer großen Party findet auf
dem Tahrir-Platz wieder eine politische Demonstration statt. Im
vorletzten Teil seines Internettagesbuchs berichtet Philip Bethge von
wachsender Kritik an der ägyptischen Führung
 Revolutionäres Wandbild in Kairo (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) Fr, 25.02.11: Als
ich um 8.30 Uhr aufwache, sind schon einige Menschen auf dem
Tahrir-Platz zu sehen. Darunter Fahnenverkäufer, aber auch viele
Leute, die offenbar nie zu früh demonstrieren können. Ich stehe
langsam auf, dusche, frühstücke, und als ich um 10.00 Uhr auf dem
Platz ankomme, sind schon Zehntausende dort.
Im
Laufe des Tages kommen immer mehr Menschen, aber wir schaffen es
nicht, die vier Millionen von letzter Woche zu erreichen. Trotzdem
sind 750.000 nicht schlecht, und die Versammlung heute hat viel mehr
Demonstrationscharakter als das Fest vom letzten Freitag. Diesmal
werden auch Flyer von verschiedenen Organisationen verteilt und linke
Zeitungen verkauft - angeblich mit großem Erfolg. Ich kaufe zehn für
arabische Genossen in Deutschland und die Verkäuferin fordert mit
Recht den Solipreis. Die ägyptischen Aktivistinnen und Aktivisten
brauchen jeden Cent.
Weg
mit Gaddafi
Nicht
nur die Organisationen intervenieren politisch. Die Demonstranten
sind auch selbst zu der Überzeugung gekommen, dass sie nicht nur
jubeln, sondern auch weiter kämpfen müssen. Überall sind libysche
Fahnen - zusammen mit selbst gemachten Schildern gegen Gaddafi.
Während letzten Freitag Abend nur gefeiert wurde, bleiben diesmal
die Parolen und Fahnen bis spät in der Nacht sichtbar. Feiern
können wir, nachdem unsere Forderungen erfüllt sind.
Überall
kleben selbst gemachte Aufkleber auf Englisch und Arabisch: »Shafik
= alte Regime«.
Das ist eine interessante und wünschenswerte Entwicklung. Die
Mehrheit der Leute, mit denen wir bis jetzt gesprochen hatten, waren
eher der Meinung, dass der Militärrat Vertrauen verdient hat und
dass man die kommenden Wahlen in sechs Monaten abwarten sollte. Jetzt
wird deutlich gesagt, dass Premierminister Shafik auch ein
Mubarak-Mann ist, und dass alle alten kompromittierten Politiker
wegmüssen, und zwar sofort.
Die
Welt soll alles sehen
Relativ
früh am Tag werde ich wieder herzlich von Mona begrüßt. Sie sitzt
in einer Gruppe von meist jüngeren Aktivistinnen und Aktivisten und
hat ihre Stimme so gut wie verloren - offensichtlich hat sie viel
schreien müssen, seit wir uns zum letzten Mal getroffen haben. Die
Unterhaltung ist deswegen schwierig, aber wir wünschen einander
alles Gute, und sie bittet mich noch einmal, ihr alle Fotos und
Berichte zu schicken.
In
den kommenden Stunden verbringe ich meiste Zeit mit Fotografieren. Es
ist wieder beachtlich wie divers die Anwesenden sind. Alle möglichen
Altersgruppen, viele Familien, Frauen mit und ohne Kopftuch. Es gibt
eine Gruppe von jungen Männern, die mit Nachdruck versuchen zu
verhindern, dass ich junge Frauen fotografiere, auch wenn die Frauen
selbst das bewilligt haben. Es gibt aber noch mehr Leute, die mit den
Machojungs streiten und sagen, dass die Welt alles sehen soll.
Militärputsch
statt Revolution?
Mehrere
Male bin ich von der einen oder anderen Gruppe von jungen Leuten
angehalten worden um sie zu fotografieren. Als ich mit so einer
Gruppe schwatze, höre ich meinen Namen im Hintergrund. Das kann doch
nicht sein. In Kairo? Dann noch einmal. Ich drehe mich um und vor mir
steht Suzanne, die ich zum ersten und bis dahin letzten Mal vor etwa
sechs Jahren bei der Kairo-Konferenz getroffen habe.
Suzanne
arbeitet als Reiseführerin und das erste Mal, als ich gesehen habe,
hat sie mehr nach Model ausgesehen als nach Aktivistin. Heute trägt
sie eine Armeeuniform mit Buttons aus verschiedenen Ländern - gegen
Krieg, für Palästina, für die Sperrung des deutschen Luftraums für
die US-Luftwaffe. Ich glaube, den letzten habe ich ihr verkauft. Im
Gegensatz zu den Liberalen, die wir im Laufe der Woche getroffen
haben, hat sie gar kein Vertrauen in die Armee, die, wie sie
behauptet, einen Militärputsch gemacht hat. Sie hat gegen Mubarak
gekämpft und wird nun weiter gegen das Militär kämpfen.
Gerüchte von
Folter
Wie
Mona und Omnia und Millionen andere hat Suzanne auch auf dem
Tahrir-Platz gelebt und gekämpft, bis Mubarak weg war. Im Gegensatz
zu vielen anderen ist sie danach geblieben. Am Abend des 11. Februar,
nachdem Mubarak sich verabschiedet hatte, sind Suzanne und ein paar
tausend andere dort geblieben, um zu protestieren, bis alle
Forderungen erfüllt sind.
Ihnen
fehlte die kritische Masse. Ein paar Tausend konnte das Militär
leicht räumen. Da die Mehrheit der Bewegung immer noch Hoffnung in
den Militärrat hatte, wurden die Besetzer des Tahrir-Platzes von den
Massen isoliert. Suzanne und mindestens 21 andere sind im
angrenzenden ägyptischen Museum verhaftet worden. Sie hat
Geschichten über Folter gehört, unter anderen über einen
ausländischen Journalisten. Sie weiß immer noch nicht, was den
anderen tatsächlich passiert ist.
Auslandsvermögen
einfrieren
Trotz
ihrer schrecklichen Erfahrung bleibt Suzanne ungebrochen. Ihr ist es
klarer denn je, dass dem Staat auf keiner Ebene zu vertrauen ist und
dass Ägypten einen totalen Regierungswechsel braucht. Sie
befürchtet, dass die versprochenen Wahlen gar nicht stattfinden
werden. Wenn doch, müsse der Kampf trotzdem weiter gehen. Heute
Abend bleiben sie und andere auf dem Tahrir-Platz, um zu versuchen,
die Interimsregierung weiter unter Druck zu setzen. Alle
Mubarak-Anhänger sollen weg, die politischen Gefangenen sollen alle
befreit werden und Mubaraks Auslandsvermögen sollen eingefroren
werden. Hier gibt es auch eine Aufgabe für deutsche Unterstützer
der ägyptischen Revolution.
Ich
bleibe und fotografiere bis 23.30 Uhr, begleitet von einer Gruppe von
Jugendlichen, die mir zeigen, was ich alles fotografieren soll. Dann
kommen die Machojungs zurück, die wieder Anstoß an meinen Fotos von
Frauen nehmen. Ich folge widerwillig dem Rat, ins Hotel zu gehen und
die Demonstration aus der Ferne von meinem Balkon aus zu verfolgen.
Die Parolen sind bis spät in der Nacht zu hören und ich schlafe
langsam ein mit der Revolution im Kopf.
Gestern
habe ich noch befürchtet, dass die Bewegung in Ägypten stagniert
oder zurückgedrängt wird, aber jetzt bin ich überzeugt, dass noch
längst nicht alles vorbei ist.
Zur
Person:
Philip
Bethge wird ab dem 27. Februar wieder in Deutschland sein und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
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