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01.03.11: E-Mail aus Kairo #9 |
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Die Massenbewegung gegen Mubaraks
Regime bringt neue politische Organisationen hervor. Aktivisten aus
verschiedenen Lagern bereiten die Gründung einer neuen
Arbeiterpartei vor. Im letzten Teil seines Internettagebuchs
berichtet Philip Bethge von den Plänen der ägyptischen Linken
 Revolution als Festival der Unterdrückten: Geistig und körperlich behinderte Ägypter demonstrieren gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz (Foto: Flickr.com/3arabawy CC BY-NC-SA) Sa, 26.02.11: Um 10.00 Uhr sind schon
rund 1000 Leute auf dem Tahrir Platz. Die Hälfte war die ganze Nacht
dort, und manche schlafen noch in improvisierten Zelten. In vielen
Ecken diskutieren Gruppen darüber, wie es weitergehen soll. Ich
suche Suzanne, aber sie ist nirgends zu sehen.
Nachdem ich ein bisschen fotografiert
habe, gehe ich zum Internetcafé. Unter meinen E-Mails sehe ich einen
Bericht von einer Genossin aus Berlin, dass gestern Nacht
Sondertruppen die Demonstranten angegriffen haben. Ich gehe schnell
zum Tahrir-Platz zurück.
Elektroschocks im Ägyptischen Museum
Suzanne ist immer noch nicht zu sehen -
ich höre später, dass mehrere Leute verhaftet worden sind, und ich
kann mir gut vorstellen, dass Suzanne dabei war. Statt dessen treffe
ich Mona. Ihre Stimme ist noch heiser, aber sie will unbedingt mit
mir sprechen. Mona hat auch auf dem Tahrir-Platz geschlafen und war
dort, als die Soldaten kamen. Sie waren vermummt und haben mit Gewalt
versucht, den Platz zu räumen. Wie nach dem 28. Januar sind die
Verhafteten zum Ägyptischen Museum mitgenommen worden, und es gibt
wieder Gerüchte, dass sie gefoltert werden. Später treffe ich einen
Arzt, der selbst nicht anwesend war, aber gehört hat, dass die
Soldaten Elektroschocks einsetzen.
Die Geschichten sind schrecklich, aber
sie haben zwei Folgen. Erstens sind die Proteste militanter geworden.
Die Demonstranten - immer noch viele Familien darunter - besetzen
den Platz den ganzen Tag und ich höre ihre lauten Parolen immer
noch, als ich spät abends zum Flughafen gehen muss. Zweitens ist es
einigen Leuten deutlicher geworden, dass die Rolle der Armee
widersprüchlich ist. Die einfachen Soldaten mischen sich immer noch
unter die Leute - deswegen wurde wohl eine Sondereinheit eingesetzt
-, aber der Militärrat ist offensichtlich bereit, mit Gewalt gegen
Demonstranten vorzugehen. Und dieser Rat hat immer noch die Macht im
neuen Ägypten.
Sozialistische Aktivisten
Ich pendele den ganzen Tag zwischen der
Demonstration, die im Laufe des Tages immer größer wird, und dem
Internetcafé hin und her, bis mein Handy klingelt. Ich habe die
ganze Woche gehofft, dass ich auch sozialistische Aktivisten treffen
würde, aber sie waren selbstverständlich sehr beschäftigt. Aber
jetzt hat Mohamed Waked ein bisschen Zeit. In der halben Stunde, die
wir reden können, bekomme ich viele Hintergrundinformationen zu
meinen Erfahrungen der letzten Woche.
Monas Demonstration am Dienstag hat
doch stattgefunden. Es haben aber nur etwa 6000 Leute teilgenommen -
winzig klein neben den Massenmobilisierungen auf dem Tahrir-Platz.
Mohamed versteht den Frust derer, die demonstriert haben, findet sie
aber auch vorschnell - um Ägypten zu verändern, muss man Massen
mobilisieren, meint er. Genauso findet er, dass die Besetzung des
Tahrir-Platzes gestern Abend zu isoliert von der Massenbewegung war.
Wir werden noch sehen, inwieweit diese permanente Aktion erweitert
werden kann.
Minderheit und Mehrheit
Mohamed bestätigt meinen Eindruck,
dass es eine Kluft gibt zwischen der Minderheit von Aktivisten,
welche die Revolution sofort weiterführen wollen, und den Millionen,
die tendenziell bereit sind, ein bisschen abzuwarten. Die Minderheit
misstraut dem Militärrat, sieht, dass bisher fast keine Reformen
umgesetzt worden sind, und versucht, weiter zu kämpfen, am besten
gemeinsam mit der Arbeiterbewegung. Die Massen werden weiterhin jeden
Freitag demonstrieren, aber Aktionen wie die Demo letzten Dienstag
und die Besetzung des Tahrir-Platzes beziehen zurzeit zu wenige Leute
ein.
Entscheidend ist, mehr Leute für die
militanten Aktionen zu gewinnen. Hier hat Mohammed gute Nachrichten.
In zwei Wochen soll eine neue Arbeiterpartei gegründet worden. Diese
Partei wird hoffentlich drei Strömungen zusammenbringen - erstens
Sozialisten und Gewerkschafter, zweitens radikale Jugendliche, die in
den Räten für die Verteidigung der Revolution von 25. Januar aktiv
sind und drittens den linken Flügel der Liberalen.
Räte zur Verteidigung der Revolution
Mohamed erzählt mehr über die Räte
zur Verteidigung der Revolution. Es gibt etwa 20 solcher Räte,
organisiert nach Bezirk, die sich miteinander koordinieren. Jede
Gruppe hat zwischen 20 und 200 aktive Unterstützer, und die
Vorgehensweise ist oft von anarchistischen Ideen geprägt, aber die
neuen Aktivisten haben - wie viele Ägypter - wenig genaue politische
Vorstellungen.
So ist es auch mit den Liberalen. Das
Bild, das Mohamed zeichnet, deckt sich mit einigen meiner Erfahrungen
von unseren verschiedenen Treffen mit El-Baradei-Unterstützerinnen
und -Unterstützern in Kairo und Mahalla. Es gibt unter ihnen gewisse
Übereinstimmungen: Die meisten sind jung, stammen eher aus den
Mittelschichten und oft erst kürzlich politisch aktiv geworden. Sie
sind überwiegend für einen säkularen Staat - auch wenn viele
gläubig sind.
In anderen Fragen sind sie aber sehr
verschiedener Meinung: Manche wollen eine bürgerliche Demokratie und
haben Illusionen, dass die USA eine progressive Rolle spielen können.
Im Gegensatz, sagt Mohamed, zur Muslimbruderschaft, die - trotz
aller anderen politischen Defizite konsequent antiimperialistisch
ist. Andere tendieren zu sozialistischen Ideen, oder etwas Ähnlichem,
und können für linke Ideen gewonnen werden, wenn es eine relevante
Organisation gibt - möglicherweise wie die neue Arbeiterpartei.
Solidarität aus Deutschland
Ich frage Mohamed, was die Deutschen
für die ägyptische Revolution tun können. Ich erzähle, dass viele
fragen, ob sie Geld sammeln sollen. Mohamed meint, zu diesem
Zeitpunkt eher nicht. Es ist nicht nur illegal, Geld nach Ägypten zu
schicken, wenn man nicht zufällig eine Regierung ist, es gab
außerdem genug westliche Unterstützung für Mubarak und Konsorten,
und jeder angeblich vom Westen finanzierten Organisation würden die
meisten Ägypter sehr misstrauen.
Nichts desto trotz gibt es viele
Möglichkeiten, um Solidarität zu leisten. Erstens können
ägyptische Aktivisten nach Deutschland eingeladen werden, um über
ihre revolutionären Erfahrungen zu berichten. Zweitens würden
ägyptische Aktivisten es sehr begrüßen, wenn Delegationen,
besonders von Gewerkschaftern, nach Ägypten reisen. Wer in der Lage
ist, Einladungen oder Delegationen zu organisieren, und Kontakt mit
Mohamed oder anderen Aktivisten, die wir getroffen haben, aufnehmen
möchte, kann die Kontaktdetails gern von mir über
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bekommen.
Die Dynamik bleibt
Nachdem Mohamed sich verabschiedet hat,
gehe ich zur Demonstration zurück, und nachdem ich mich von Nivin
verabschiedet habe, fahre ich zum Flughafen. Es waren tolle 10 Tage,
aber jetzt will ich zurück nach Deutschland, um die Erfahrungen im
revolutionären Ägypten weiter zu verbreiten. Der erste Termin bei
der LINKEN in Darmstadt am Donnerstag steht bereits fest. Wer sonst
von mir oder Steffi hören will, kann uns gerne kontaktieren. Ich
glaube auch, dass ich zu einem guten Zeitpunkt gehe. Vor ein paar
Tagen war mir noch nicht klar, ob die Revolution ihre Dynamik
behalten würde, aber die Aktionen vom Wochenende und die Nachrichten
über die neue Partei zeigen mir, dass sie nicht vorbei ist. Die
Ägypter beobachten auch, was in ihren Nachbarländern stattfindet -
besonders in Libyen, dessen Bewegung gegen Gaddafi hier volle
Unterstützung genießt.
Zu sagen, dass die Revolution nicht
vorbei ist, bedeutet aber auch, dass viele Fragen noch ungelöst
sind. Das Maß, in dem der Militärrat seine Macht behalten kann, die
Frage, ob eine bürgerliche Revolution mit reinem Regierungswechsel
ausreicht, die Möglichkeit einer Umverteilung des Reichtums in
Ägypten und anderen Ländern bleiben offen. Aber die ägyptische
Bewegung kämpft weiter, und überall auf der Welt werden Menschen
durch ihre Erfahrung viel lernen.
Zur
Person:
Philip
Bethge ist wieder in Deutschland und steht
für Berichte und Veranstaltungen zur Verfügung. Wer ihn auch
einladen möchte, kann per E-Mail an
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mit ihm in Kontakt treten.
Mehr zum Thema:
Der »MARX IS MUSS«-Kongress Anfang
Juni eröffnet mit einem Podium über die Lehren von Ägypten mit
Prof. Werner Ruf, der in Ramallah lebenden niederländischen
Sozialistin Mona Dohle und hoffentlich dem ägyptischen linken
Blogger Hossam el-Hamalawy.
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