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03.03.11: Streiks in den USA |
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Mit Streiks und der Besetzung des
Landesparlaments antwortet der öffentliche Dienst im US-Bundesstaat
Wisconsin auf die amerikanische Variante der Schuldenbremse. Die
Demonstranten stellen ihren Senator Walker in eine Reihe mit dem
ägyptischen Ex-Diktator Mubarak und inspirieren Menschen bis hin auf
den Philippinen. Elizabeth Schulte und Lee Sustar berichten
 Das besetzte Parlamentsgebäude in Madion, Wisconsin (Foto: Jacob Anikulapo CC BY-NC-SA) Wisconsin ist vollständig von
protestierenden Menschen übernommen worden - sie sind überall,
auf den Straßen und im Capitol, dem Parlamentsgebäude. Mindestens
100.000 Menschen aus ganz Wisconsin und anderen Gegenden der USA
versammelten sich am Samstag, 26. Februar, in der Hauptstadt Madison,
um gegen die Gesetzesvorlage des republikanischen Gouverneurs Scott
Walker zu protestieren. Walker will neben Sparmaßnahmen das Recht
auf kollektive Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst und den
automatischen Abzug der Gewerkschaftsbeiträge vom Lohn abschaffen.
Außerhalb des Capitols marschierten
Arbeiterinnen und Arbeiter, Studierende und Familien in großen und
kleinen Blocks. Selbst die Polizei musste zugeben, dass es der bisher
größte Protest gegen Walkers Angriff war. Im Capitol, das von
Arbeiterinnen und Arbeitern sowie Studierenden seit fast zwei Wochen
besetzt gehalten wird, haben die Protestierenden die Kontrolle
übernommen.
Parlament besetzt
Am Abend des Samstags drohte die
Polizei der Bewegung mit der Räumung des Gebäudes. Aber die
Demonstranten hielten ihre Besetzung im Capitol aufrecht - dank
hunderter Aktivisten, die sich weigerten, den Aufrufen einiger
führender Leute der Bewegung zur Aufgabe des Ort zu folgen. Die
Polizei machte einen Rückzieher, obwohl sie Verhaftungen angedroht
hatte.
Gleichzeitig erhöhte Walker den Druck
durch die Ankündigung von Entlassungen am 1. März, wenn die
Demokraten im Senat von Wisconsin nicht in den Staat zurückkehrten
und seiner Gesetzesvorlage zustimmten. Vierzehn Senatoren hatten
kürzlich den Bundesstaat verlassen, um Beschlussunfähigkeit für
die Republikaner im Staatssenat herzustellen.
Kürzen bei den Armen
Walkers »Haushaltsrettungsgesetz«
würde nicht nur die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes ihrer
Gewerkschaftsrechte berauben, sondern zu scharfen Einschnitten im
Haushalt mit langfristigen Nachteilen für Arbeiterfamilien führen.
Staatsbeschäftigte müssten mehr für ihre Kranken- und
Rentenversicherung zahlen und Gesundheitsprogramme wie Medicaid oder
BadgerCare für Kinder von Familien mit geringem Einkommen würden
gekürzt.
Dagegen kämpfen Studierende und
Arbeiterinnen und Arbeiter in Wisconsin, und am vergangenen
Wochenende machten sie und ihre Unterstützer sich mit Bussen nach
Madison auf, um dort mit Demonstrationen Stellung zu beziehen in
einem Kampf für alle Beschäftigten.
»Macht Wall Street verantwortlich!«
»Ich bin hier, um die
Staatsbeschäftigten zu unterstützen, die in der Presse als nutzlos
verleumdet worden sind«, sagte Donna Doyle, eine ehemalige
Staatsangestellte im Ruhestand, die 35 Jahre lang für den
Staatssenat von Wisconsin gearbeitet hat. Sie trug verschiedene
Anstecker, einen von der Nationalen Krankenpflegergewerkschaft (NNU),
auf dem stand: »Macht Wall Street verantwortlich, keine
Zugeständnisse!«
»Das Wichtigste ist: wenn jemand
anfängt, einem anderen Rechte wegzunehmen, dann wird er allen die
Rechte wegnehmen«, meinte Doyle weiter. »Wenn man also im
Bundesstaat Wisconsin lebt, muss man aufstehen und ›Nein‹
sagen. Das ist Demokratie.«
Gewerkschaften kämpfen
Es schien, als ob jede nur erdenkliche
Gewerkschaft am 26. Februar da war, um ihre Ablehnung von Walkers
Angriffen zu zeigen. Die Gewerkschaft des öffentlichen Diensts
AFSCME, die NNU, die Internationale Dienstleistungsgewerkschaft SEIU,
die Gewerkschaften für Stahl- und Walzblecharbeiter, für
Kesselmacher und Beschäftigte des Energiesektors, die Teamsters
(Lkw-Fahrer), Bauarbeiter- und Pilotengewerkschaft und viele, viele
mehr.
Überall waren Lehrer und Dozenten,
ihre Schüler, Studenten und ihre Familien. Viele trugen Schilder mit
der Aufschrift: »Kümmert euch um die Lehrer, so wie die Lehrer sich
um eure Kinder kümmern.«
»Ich begreife nicht, wie man erwarten
kann, dass Kinder ihr Lernpensum schaffen, wenn man bei den Lehrern
kürzt, das ist unglaublich verletzend«, sagte Erika Ruhl, die
soeben ihre Ausbildung an der Marquette-Universität in Milwaukee
beendet hat.
Erzieher im Ausstand
»Ich bin auch für meine Mutter hier«,
ergänzte Ruhl. »Sie lehrt an einem technischen Gymnasium in
Appleton und hatte Glück, weil ihre Gewerkschaft schon die
Verhandlungen abgeschlossen hatte«, bevor Walkers Gesetzesvorlage
eingebracht wurde. »Aber andere werden es nicht mehr rechtzeitig
schaffen. Im Moment ist ihr Job gesichert, aber was ist, wenn ihr
Vertrag ausläuft?«
Eine andere Studentin, Caitlin Brock,
pflichtete dem bei: »Ich mache mir insbesondere Sorgen über das
Recht auf kollektive Tarifverhandlungen für Lehrer und andere
Staatsbeschäftigte«, sagte sie. »Als Tochter eines Erziehers mache
ich mir Sorgen über diesen Umgang mit Menschen, die unsere Kinder
schulen.«
Mubarak = Walker
Überall gab es handgemalte Plakate,
die von großer Kreativität und einer Menge Humor zeugten.
»Bibliothekare werden sich nicht zum Schweigen bringen lassen«,
hieß es auf dem Schild eines Demonstranten in einer Gruppe von
Kollegen. Auf einem anderen gab es drei einfache Forderungen: »Bier,
Bälger und Tarifvertrag«.
Die
Demonstranten nahmen kein Blatt vor den Mund angesichts ihrer Wut
über Scott Walker. Auf einem Plakat, auf dem der Gouverneur als
Marie Antoinette dargestellt war, hieß es: »Lasst sie Käse essen«
- und jeder weiß, wie es der französischen Königin 1789 erging.
Ein anderes Schild zeigte ein Bild des gestürzten ägyptischen
Präsidenten Husni Mubarak neben Walker, daneben die Worte: »Ein
Diktator ist schon weg. Einer fehlt noch.«
Vorzüge
von Provokateuren
Walkers
Anhänger von der Tea Party, die Koch-Brüder, ihres Zeichens
Milliardäre, waren ein beliebtes Ziel für den Spott der
Protestierenden. Ein paar Tage zuvor war Walker in ein
Telefongespräch hinein getrickst worden mit einem Blogger, von dem
er annahm, es sei David Koch. Der aufgenommene Dialog offenbarte
Walkers wirkliche Einstellung, als er die Vorzüge von Provokateuren
diskutierte, die in die Menge eingeschleust werden.
Demonstranten
standen Schlange, um in das Capitol selbst zu gelangen. Demonstranten
hatten am 15. Februar begonnen, das Gebäude zu besetzen. Seitdem hat
sich das Gebäude aus weißem Marmor deutlich verändert - von
einem stillen und kalten Ort, an dem sich die Abgeordneten
gegenseitig auf die Schulter klopfen und Gesetze verabschieden, mit
denen sie Konzernen Steuersenkungen schenken, in eine laute und
rebellische Stadt in der Stadt, dekoriert mit farbenfrohen
Solidaritätsbekundungen.
Lebensmittel
und Kinderbetreuung
Entlang
einer Treppe sind die Wände dicht behängt mit Ausdrucken von
Botschaften an Walker und Abgeordnete, in denen gefordert wird, gegen
Walkers Gesetz zu stimmen. Es sind über 10.000.
Es
gibt Lebensmittel und Wasser und eine Kinderbetreuung. Selbst ein
Fundbüro wurde eingerichtet, in dem Hüte, Jacken, Handschuhe,
Schals jeweils auf getrennten Haufen liegen. Freiwillige arbeiten
rund um die Uhr, sammeln Müll auf, säubern die Böden, damit das
historische Gebäude keinen Schaden nimmt.
Der
beliebteste Ruf ist: »So sieht Demokratie aus!« - die Parole der
globalisierungkritischen Bewegung der 90er Jahre. Und sie traf
niemals besser auf die Stimmung einer Gruppe von Menschen zu als
heute in Madison.
Irakveteranen
gegen Walker
Die
Demonstranten wechseln sich am Mikrofon ab und hunderte von Menschen
jubeln und rufen von den Balkonen der oberen Geschosse. Ein Mitglied
der Irakveteranen gegen den Krieg stand mit seinen Veteranenkollegen
und Soldaten dort und erzählte der Menge: »Wir sind öffentlich
Bedienstete und wir stehen an eurer Seite.« Diese Botschaft war von
besonderer Bedeutung, weil Walker versprochen hatte, die
Nationalgarde gegen die Arbeiterinnen und Arbeiter einzusetzen, wenn
sie sich zu streiken trauten.
Transparente
und Plakate hängen von den Balkonen und bedecken jedes Fleckchen an
den Wänden, Botschaften von Gewerkschaften aus Kalifornien bis New
York. Weißes Papier wird mit Forderungen bemalt wie: »Kill the
Bill!« (Killt das Gesetz), »Kill the WHOLE Bill!« (Killt das GANZE
Gesetz), »Besteuert die Reichen«.
Demos
im Capitol
Von
Zeit zu Zeit demonstrieren Leute in kleinen Zügen durch das Gebäude,
andere jubelen ihnen zu und stimmen in ihre Rufe mit ein. Am Samstag
nahmen Lehrer mit ihren Schülern teil, Ärzte in weißen Kitteln und
um den Hals gehängten Stethoskopen, Bauarbeiter mit ihren Helmen.
Die Feuerwehrleute erhielten am meisten Zustimmung. Bekleidet mit
ihren Feuerwehrhelmen und Stiefeln wurden sie von einer Gruppe
Dudelsackspieler angeführt, die »Amazing Grace« spielten. Die
Leute um das Gebäude erhoben die Fäuste.
 Ein Feuerwehrmann aus Milwaukee erklärt seine Solidarität mit der Besetzung (Foto: Mark Riechers CC BY-NC-SA) Die
Feuerwehrleute gehörten zu denen, die abwechselnd das Capitol nachts
mit besetzten, weil sie wissen, dass es für die Polizei schwieriger
ist, die Studenten und Schüler rauszuschmeißen, wenn die
Feuerwehrleute ebenfalls dort übernachten.
In
der Nacht vor der Freitagsdemonstration rief sogar der Verband der
Berufspolizei (WPPA) dazu auf, im Capitol zu übernachten. »Die
Ordnungskräfte des Bundesstaats haben beim Capitol gearbeitet und
waren sehr beeindruckt, wie friedlich alle waren«, erklärte
WPPA-Chef Jim Palmer am Freitag. Er ergänzte: »Ordnungskräfte
kennen den Unterschied zwischen richtig und falsch, und Gouverneur
Walkers Versuch, die kollektive Stimme der sich aufopfernden
Bediensteten Wisconsins zum Schweigen zu bringen, ist falsch.«
Polizei zwischen
den Stühlen
Die
gewerkschaftsfreundliche Haltung der Polizei zählte am Sonntag, 27.
Februar, nicht viel, als hunderte Polizisten eingesetzt wurden, um
die Protestierenden einzuschüchtern, damit sie ihre Besetzung
aufgäben. Die Androhung von Massenverhaftungen lösten Debatten aus,
wie - oder ob überhaupt - die Besetzung aufrechtzuerhalten sei.
Die Polizei hatte
verkündet, dass sie am Sonntag um 16 Uhr den Zugang zur Capitol
versperren werde. Mittags bewiesen sie, dass sie es ernst damit
meinten, als sie etwa 2.000 Menschen daran zu hindern versuchten, das
Gebäude zu betreten.
Im
Gebäude verwandelten sich die Reden am offenen Mikrofon in scharfe
Auseinandersetzungen. Etliche Redner drängten darauf, den
Anordnungen der Polizei zur Räumung zu folgen.
Scharfe
Auseinandersetzungen
Der
bekannteste unter ihnen war der Demokrat Brett Hulsey, der im Herbst
fast die Wiederwahl gegen seinen Herausforderer von den Grünen, Ben
Manski, gewonnen hätte. Hulsey dominierte das Mikrofon und
argumentierte, alle sollten das Haus friedlich verlassen, so Ashley
Smith, ein Sozialist aus Vermont. »Hulsey sagte, wir sollten mit ihm
friedlich rausgehen und morgen zurückkommen.«
Rund
100 Menschen folgten Hulsey aus dem Gebäude, wo er weiter
argumentierte, dass die Menge sich auflösen solle. Innen jedoch
riefen die Aktivisten »Lasst sie rein«, und die Polizei gestattete
100 Menschen den Zutritt, was die Moral derer hob, die die Besetzung
fortführen wollten.
Dennoch
argumentierten etliche Leute, die zur Führung der Bewegung gehörten
- auch prominente Mitglieder der Gewerkschaft der
wissenschaftlichen Hilfskräfte (TAA) der Universität Wisconsin -
für einen Rückzug.
Bleiben
oder gehen
Zuvor
hatte die TAA der Aufforderung der Polizei entsprochen, Lebensmittel
aus dem Gebäude rauszuholen, wodurch es schwieriger wurde, die
Besetzung aufrechtzuerhalten. Am Sonntagnachmittag argumentierten
Mitglieder der Gewerkschaft, dass es nur die Möglichkeit gab, das
Gebäude freiwillig zu verlassen oder aber verhaftet zu werden.
Etlichen Leute wurde das Mikrofon verwehrt, weil sie für die
Aufrechterhaltung der Aktion plädieren und Unterstützer aufrufen
wollten, zum Capitol zu kommen.
»Sie
sagten: ›Entweder
du bleibst, oder du gehst.‹
Entweder raus oder zur ersten Etage, wo wir unserem Schicksal
entgegensehen würden«, sagte Sarah Blaskey, leitende Redakteurin
der Studentenzeitung The
Clarion
an der Technischen Hochschule Madison. »Aber es gab etliche Leute,
die sagten, dass sie weder das eine noch das andere tun wollten -
dass sie nicht wüssten, ob sie verhaftet werden wollten. Wegen der
Aufforderung, das Gebäude zu verlassen, schrumpfte die Menge aber
ziemlich schnell.«
»Standhaft
bleiben!«
Dennoch
waren hunderte andere bereit zu bleiben. Das wurde deutlich, als
Katrina Flores, eine Leiterin der Studentengruppe der Nationalen
Studierendenbewegung Chicano
de Aztlán
(MEChA) an der Universität Washington schließlich ans Mikrofon kam
und erklärte, wenn eine große Zahl von Menschen bereit wären, die
Nacht im Gebäude zu verbringen, dann würde die Polizei einen
Rückzieher machen. Ihr Argument wurde mit den Rufen »Standhaft
bleiben! Standhaft bleiben!« aufgenommen.
Als
die Menschen nach oben gegangen waren, wurde Polizei sowohl unten als
auch über ihnen zusammengezogen. Unterdessen beriet sich eine Frau,
die sich mit einem Button als »Angestellte der demokratischen
Versammlung« auswies, mit dem Capitol-Polizeichef Charles Tubbs und
telefonierte mit ihrem Handy. Sie selbst beschrieb sich als
»Freiwillige«, weigerte sich jedoch, ihre Identität preiszugeben,
als sie von einem Reporter gefragt wurde.
Risse
auf Walkers Seite
Tubbs
seinerseits erklärte Reportern, dass die Gewerkschaftsführer einem
Plan zugestimmt hätten, wonach die Polizei die Besetzer zur
»freiwilligen« Räumung bewegen sollte, um das Gebäude zu
»säubern«. Er weigerte sich zu sagen, ob es Vorbereitungen für
Massenverhaftungen gebe. Aber etliche Polizisten rund um die Eingänge
des Gebäudes bestätigten, dass sie bereit seien, Demonstranten zu
verhaften.
Dann,
um 18 Uhr, kam die Information, dass der Staatssenator der
Republikaner, Dale Schultz, seine Unterstützung für Walkers
antigewerkschaftliches »Haushaltsrettungsgesetz« zurückgezogen
habe. Die Menge brach in Jubel aus, weil sich zum ersten Mal auf
Walkers Seite Risse zeigten. Etwa zur selben Zeit machte die Polizei
einen Rückzieher und Tubbs verkündete, dass die Protestierenden die
Nacht bleiben und Lebensmittel ins Haus gebracht werden könnten.
»Haus
der Bevölkerung«
Die
Entscheidung der Polizei hing vermutlich mit den möglichen
politischen Folgen einer Massenverhaftung zusammen. Es hätte Stunden
gedauert, 600 oder mehr Menschen aus dem Gebäude zu entfernen. Und
die Protestierenden konnten von Walker nicht als hitzköpfige
Studierende dargestellt werden. Die Besetzer kamen aus verschiedenen
Generationen und es gehörten gewerkschaftlich organisierte
Feuerwehrleute, Elektriker und Lehrer ebenso dazu wie Doktoranden,
Studierende und Gymnasiasten.
»Wir
haben das Recht, hier zu sein«, sagte Mahlon Mitchell, Präsident
der Berufsfeuerwehr Wisconsin, vom Capitol aus CNN. »Dies ist das
Haus der Bevölkerung, das Haus der Arbeit. Dies ist ein Haus, das
Wisconsin gebaut hat.«
Gewerkschafter
als Individuen
Trotzdem
waren die Gewerkschaftsmitglieder dort vor allem als Individuen,
nicht als organisierte Gruppe. Angesichts der frühzeitig verkündeten
Fristsetzung zur Schließung des Capitols hätten die Gewerkschaften
den Massenprotest vom Samstag nutzen können, um zur Unterstützung
der Besetzung aufzurufen, so wie sie es zuvor schon mal getan hatte.
Die Tatsache, dass sie es nicht taten - und anscheinend mit der
Polizei ein Überkommen geschlossen hatten -, wird zu heftigen
Diskussionen über die Wichtigkeit der Aufrechterhaltung der
Kontrolle über das »Haus der Bevölkerung« führen.
Wenn
Gewerkschaftsführer sich den Forderungen der Polizei beugen - die
natürlich von Walker kontrolliert wird -, wird das die Bewegung in
einem entscheidenden Moment schwächen.
Schlüsselfragen
Keiner
weiß, wie der Kampf weitergeht. Der Verlust des Capitols wäre ein
deutlicher Rückschlag. Damit würde die Bewegung ihren Mittelpunkt,
ihre Energie und das Organisationszentrum verlieren und es Walker
erleichtern, Druck auf die Demokraten im Senat auszuüben, nach
Madison zurückzukommen und ein Abkommen auf Kosten der
Gewerkschaften zu schließen.
Bei
Aufrechterhaltung der Besetzung kann die Bewegung beständig Leute in
Aktivitäten und politische Diskussionen einbeziehen und die
organisatorische Reichweite der Bewegung ausdehnen.
Die
andere Schlüsselfrage lautet, ob die Gewerkschaften bereit sind,
ihre Stärke, die sie zu Beginn des Kampfes gezeigt haben, als Lehrer
mit Krankmeldungen die Schulen in Madison und im Bundesstaat dicht
gemacht hatten, einzusetzen. Walkers harte Linie in der NBC-Sendung
»Meet the Press«, in der er erklärte, die Proteste ließen ihn
völlig kalt, wird den Druck auf die Gewerkschaften weiter erhöhen.
Spaltung
in den Gewerkschaften
Doch
trotz der großartigen Zurschaustellung gewerkschaftlicher Macht am
Samstag haben Gewerkschaftsführer schon Walkers Forderung nach
höheren Beiträgen für Kranken- und Rentenkasse für Beschäftigte
zugestimmt - solange er bereit ist, das Recht auf kollektive
Tarifverhandlungen und Einzug des Mitgliedsbeitrags über die
Lohnzahlung nicht anzutasten. Mit anderen Worten sind die
Gewerkschaftsführer bereit, zu militanten Aktionen aufzurufen, um
ihre eigene ökonomische Lage zu schützen, nicht aber die ihrer
Mitglieder.
Dieser Widerspruch macht vielen Gewerkschaftsaktivisten zu schaffen,
die enttäuscht darüber sind, dass die Funktionäre Walkers
Behauptung, dass Arbeiterinnen und Arbeiter Opfer bringen müssen, um
die Haushaltslöcher zu stopfen, nicht frontal angreifen.
Weiter gegen jede Kürzung
Deshalb
hatte die Krankenpflegewerkschaft am 27. Februar im Madison Labor
Temple ein Forum organisiert zu dem Thema, jedes weitere Zugeständnis
von Seite der Beschäftigten abzulehnen. Zu den Sprechern gehörten
bekannte Gewerkschaftsführer und Gewerkschafter wie Journalisten.
Etwa 60 Gewerkschaftsmitglieder und Unterstützer kamen und
vereinbarten, in Wisconsin und den USA insgesamt weiterhin gegen jede
Kürzung zu mobilisieren.
Ob
die Beschäftigten von Wisconsin meinen, dass Zugeständnisse an
Walker nötig sind, oder nicht - auf jeden Fall wissen sie, dass
dies ein Kampf nicht nur für die Mitglieder der Gewerkschaften des
öffentlichen Diensts ist, sondern aller Arbeiter. Auf der riesigen
Kundgebung am 26. Februar war das Gefühl weit verbreitet, dass viel
auf dem Spiel steht.
»Spitze
des Eisbergs«
»Ich
bin kein Gewerkschaftsmitglied, aber ich unterstütze die
Gewerkschaften«, sagte Sharon Campshure, die seit 20 Jahren in
Wisconsin lebt, aber kürzlich entlassen wurde und jetzt überlegt,
in einem anderen Bundesstaat nach Arbeit zu suchen. »Ich denke, was
jetzt passiert, ist nur die Spitze eines Eisbergs.«
 Demonstranten ziehen Verbindungen zwischen Wisconsin und Ägypten (Foto: Flickr.com/janinsanfran CC BY-NC-SA) Claude
Rochon, seit acht Jahren Kinderkrankenpfleger am American Family
Hospital der Universität Wisconsin in Madison, ist seit über einer
Woche jeden Tag zum Capitol gekommen.
»Ich
bin hier, um kollektive Tarifverhandlungen zu schützen«, sagte er.
»Ich glaube, wir werden keine Schichten mehr ablehnen können, wir
werden zu Überstunden verpflichtet sein und 16-Stunden-Schichten
arbeiten, und das wird zu unsicheren Verhältnissen im
Gesundheitswesen führen. Ich denke, die Bewegung wird größer und
größer und das wird dazu beitragen, dass die Sache größer wird,
als alle gedacht haben. Ich habe am ersten Tag gesehen, dass etwa
4.000 Leute da waren, und es wird immer größer.« Etliche seiner
Kolleginnen und Kollegen aus der SEIU hatten die Nacht vorher dort
zugebracht.
Bis
auf die Philippinen
Es
gab auch ein Bewusstsein darüber, dass dieser Kampf auch andernorts
Wellen schlägt. Mit Blick auf die Frau neben ihm sagte Rochon: »Ihre
Familie auf den Philippinen hat davon gehört und angerufen, um zu
hören, ob es ihr gut geht - so weit ist das schon. Wenn Wisconsin
fällt, werden die anderen republikanischen Gouverneure das als
grünes Licht begreifen, ebenfalls die Gewerkschaften
kaputtzumachen.«
Außerhalb
des Gebäudes versammelten sich am Samstag Tausende, um den Reden zu
lauschen, obwohl es schneite. Zu den Rednern gehörten die in
Wisconsin geborenen Schauspieler Bradley Whitford und Gabrielle
Carteris und eine Reihe gewerkschaftlicher Basismitglieder. Sie
widerlegten anschaulich Walkers Behauptung, dass die Demonstranten
alle von außen in Wisconsin eingefallen seien.
Macht
der Arbeiter
Selbst
als die Menschen durch die Straße liefen auf der Suche nach einem
Platz im Restaurant brachen sie immer wieder in Rufe aus. Wisconsiner
Einwohner begrüßten glücklich die angeblichen Reisekader aus den
anderen Bundesstaaten, über die Walker sich so beklagt.
Die
Leute stellen sich gegenseitig vor und sprechen darüber, was in
ihrem Betrieb passiert, wie weit dieser Kampf gehen kann und sollte.
Eine Gruppe Lehrerinnen und Lehrer aus Wisconsin diskutiert den
Angriff auf die Lehrer in Providence, Rhode Island, wo die
Schulleitung kürzlich dafür gestimmt hatte, jeder Lehrperson die
Kündigung zu schicken - insgesamt mehr als 1000.
Aber
am 26. Februar äußerte sich diese Sorge, die Enttäuschung und Wut
auf andere Weise, die immer dann entsteht, wenn Arbeiterinnen und
Arbeiter zusammenkommen und ihre Macht zeigen.
(Der Artikel erschien zuerst auf www.socialistworker.org - aus dem Englischen von Rosemarie Nünning.)
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