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10.03.11: FAQ Libyen |
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Gaddafi - Des Westens liebster Feind |
Nach den erfolgreichen Umstürzen in
Tunesien und Ägypten erreichte die arabische Revolution schnell
Libyen. Dort dauern die Kämpfe nun schon Wochen an. Paul Grasse
beantwortet die 10 wichtigsten Fragen zum Hintergrund von Muammar el
Gaddafis Regime
 (Karikatur: Flickr.com/DonkeyHotey CC BY) 1. Wie kam Gaddafi an die Macht?
Muammar el Gaddafi kam 1969 in einem
Putsch gegen die Herrschaft des libyschen Königs Idris as Sanussi an
die Macht. Sanussi selbst hatte nach dem Ende des UN-Protektorats
1951 die Macht im Staate übernommen. Der Staatsstreich Gaddafis war
inspiriert von dem ägyptischen Präsidenten Gamal abd el Nasser, der
1952 mit seiner »Bewegung der
freien Offiziere« in Ägypten die
Macht übernommen hatte und wegen seiner Versuche zur Einigung der
arabischen Staaten und zur Verstaatlichung des Suez-Kanals sehr
populär auf der arabischen Straße war.
Gaddafi hat sich in den ersten Jahren
seiner Herrschaft mit dem Westen angelegt. Nach 1969 verstaatlichte
Gaddafi die Ölunternehmen und begann, die Lizenzen neu zu vergeben.
Dabei sicherte er dem Staat stets einen Großteil der Gewinne und
stellte als erstes arabisches Land die Allmacht der bis dahin
beherrschenden sieben größten Mineralölkonzerne, der sogenannten
»Seven Sisters«, in Frage.
2. Wie leben die Libyer?
Trotz einer sehr geringen
Industrialisierung erlaubte das Öl Gaddafi, soziale Wohltaten zu
verteilen. Dank Libyens Ölreichtum hat das Land das höchste
Pro-Kopf-Einkommen afrikanischer Staaten, ungefähr dem Portugals
entsprechend. Die Einkommensverteilung unter den Einwohnern Libyens
ist unklar, aber angesichts der Tatsache, dass sich Gaddafis Vermögen
auf mehr als 70 Milliarden Euro beläuft, kann man sich vorstellen,
dass ein großer Teil des Geldes von ihm und seiner Clique
abgeschöpft wird. Immerhin erhält die Bevölkerung kostenlose
Alters- und Krankenversorgung.
Allerdings herrscht eine
Arbeitslosigkeit von ungefähr 30 Prozent unter der zu 85 Prozent in
Städten lebenden Bevölkerung. Jeder Dritte lebt unterhalb der
Armutsgrenze. Streiks sind in Libyen verboten, soziale und politische
Opposition wurde immer brutal unterdrückt. Beispielsweise ließ das
Regime 1996 1200 Gefangene erschießen, die gegen die
Gefängnisverwaltung rebelliert hatten. Die meist ausländischen
Unternehmen, die Großprojekte wie den Bau einer Eisenbahnlinie, die
ganz Libyen durchqueren soll, oder den »Great Man-made River« (das
größte Wasserversorgungsprojekt der Welt) verwirklichen, bringen
ihre eigenen Arbeitskräfte mit, so dass es bis zum Ausbruch der
Unruhen mehr als eine Million Gastarbeiter im Land gab.
3. Wie wichtig das libysche Öl?
Öl ist der zentrale Rohstoff Libyens:
Das Land hat kaum eigenes Wasser und nur 2 Prozent der Fläche sind
landwirtschaftlich nutzbar, 85 Prozent sind Wüste. Die ungleiche
Verteilung der Ressourcen unter den arabischen Staaten ist das
Ergebnis kolonialer Grenzziehungen, die ein Zusammengehen der Staaten
der Region aktiv verhindern. Ohne Öl wäre Libyen vermutlich auf der
politischen Landkarte des Westens kaum zu finden. In dem Land mit den
größten Ölvorkommen Afrikas machen die Einnahmen aus der
Ausbeutung des Öls mit 46 Milliarden Euro pro Jahr rund 60 Prozent
der gesamten staatlichen Einnahmen aus.
Nach dem Ende der Herrschaft der »Seven
Sisters« nach 1969 wuchs die Bedeutung libyschen Öls vor allem für
Europa stetig an. 85 Prozent der bis zum Einbruch der Produktion vor
wenigen Wochen täglich geförderten 1,6 Millionen Barrel gingen an
den europäischen Kontinent. Auch libysches Gas wird immer wichtiger:
Allein Italien bekommt über eine Pipeline jährlich 8 Milliarden
Kubikmeter Erdgas aus Libyen.
4. Welche Rolle spielt der Islam für
Gaddafi?
Als Gaddafi 1969 an die Macht kam,
hatte der Panarabismus Nassers durch den israelischen Sieg über die
arabischen Armeen im Sechstagekrieg 1967 bereits seine entscheidende
Niederlage erlitten. Seit den 70er Jahren benutzt Gaddafi statt
panarabischer mehr und mehr religiöse Rhetorik, um seine Macht zu
legitimieren.
So stellte er in den 80er Jahren eine
islamische Legion auf. Einer seiner Söhne trägt den Beinamen
arabisches Schwert, der andere aber heißt Saif al Islam - Schwert
des Islam. Der Austritt aus dem Islam wird mit dem Verlust der
Staatsbürgerschaft geahndet. Als Symbol der »Arabisierung« wurde
die größte Kathedrale in Tripolis in eine Moschee umgewandelt.
Ehebruch ist ebenso wie Homosexualität strafbar.
Diese Handlungen stehen im Widerspruch
zu Gaddafis Rolle als treuer Partner des Westens im »Krieg gegen den
Terror«: Seit 1999 erkaufte Gaddafi sich Schritt für Schritt die
Aufhebung der wegen des Anschlags von Lockerbie 1988 verhängten
UN-Sanktionen. Nach dem 11. September 2001 verteidigte er das Recht
der USA auf Selbstverteidigung, eine Legitimation der Kriege gegen
den Irak und Afghanistan. Als Belohnung für seine Unterwürfigkeit
wird Libyen seit 2006 nicht mehr von den USA als Terrorstaat gelistet
und wurde mit der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen beehrt.
Gaddafi wurde ein treuer Partner im Kampf gegen das Phantom Al-Qaeda
und gegen palästinensische Gruppen, die sich dem Ausverkauf
palästinensischer Rechte und Ressourcen 1994 im sogenannten
Oslo-Prozess nicht unterwerfen wollten. Damit sicherte er sich auch
israelische Unterstützung zu.
5. Was bedeutet die Zusammenarbeit von
Gaddafi mit der EU für afrikanische Flüchtlinge?
Libyen kooperiert mit dem Programm der
EU-Flüchtlingsbekämpfung FRONTEX. Dafür sagte die EU dem Land im
vergangenen Jahr 50 Millionen Euro zu. Die Kooperation schließt das
Beschießen und Versenken von Flüchtlingsbooten ein. In den
Flüchtlingslagern in der libyschen Wüste werden die Migranten auf
engstem Raum eingesperrt, misshandelt oder gar ermordet. Der Bau
solcher Lager wurde 2004 vom damaligen Innenminister Otto Schily
(SPD) gefordert. Viele Flüchtlinge werden auch mitten in der Wüste
ausgesetzt, was einem Todesurteil gleichkommt. Die Bundesregierung
assistiert dem Regime in vielfältiger Weise: 2005 kam heraus, dass
eine Security-Firma von deutschen Ex-Polizisten und GSG-9-Beamten mit
Wissen des Auswärtigen Amtes libysche Polizisten trainierte. Seit
2008 wurden mit offizieller Genehmigung Waffen und Ausrüstung für
mehr als 80 Millionen Euro aus Deutschland nach Libyen exportiert.
6. Wie ist das Verhältnis zwischen
Deutschland und Libyen?
Die Bundesrepublik hat schwere Aktien
in Libyen: Die BASF-Tochter Wintershall ist seit 1958 in Libyen
vertreten und betreibt acht Ölfelder. Libyen ist mit 10 Prozent der
drittwichtigste Öllieferant Deutschlands. Der Diktator und seine
Familie besitzen sogar eine eigene Tankstellenkette in Deutschland:
HEM. 2008 bestätigte der Konzern RWE Dea, dass er im Oktober 2007
Lizenzen zur Erforschung von Gasvorkommen auf 10.000
Quadratkilometern (andere Quellen sprechen von 40.000
Quadratkilometern) östlich der Hafenstadt Bengasi erworben hatte.
Für eine ähnliche Lizenz auf 55.000
Quadratkilometern hatte der britische Ölriese BP im gleichen
Bieterverfahren 600 Millionen Euro auf den Tisch gelegt. So wundert
es kaum, dass vor wenigen Tagen eine Gruppe bestehend aus britischen
SAS-Soldaten und einem Diplomaten in Libyen aufgegriffen wurde, die
von den Rebellen unter Empörung sofort ausgewiesen wurde.
Bei Infrastrukturprojekten stehen
deutsche Unternehmen an zentraler Stelle: Siemens ist an dem
weltgrößten Wasserversorgungsprojekt zum Bau des sogenannten »Great
Man-made River« beteiligt. Deutsche Exporte nach Libyen sind allein
2009 um fast ein Viertel gestiegen, wobei Investitionen in Libyen nur
durch die Beteiligung staatlicher Unternehmen gemacht werden können,
die zu großen Teilen vom Gaddafi-Clan kontrolliert werden.
7. Welche strategische Bedeutung hat
Libyen für den Westen?
Nur rund 400 Kilometer trennen Europa
von der Küste Libyens. Seit der Antike bis hin zu den Nazis galt
Libyen als strategisches Einfallstor nach Afrika. Der Westen ist
neben seinen materiellen Interessen an Öl und Gas daran
interessiert, nicht die gesamte Südküste des Mittelmeeres den
Menschen Nordafrikas zu überlassen. Bisher konnte die Flotte der
NATO im gesamten Mittelmeer relativ frei agieren. In Sachen Frontex
konnte sich die EU zusätzlich auf das Militär der arabischen
Despoten verlassen.
Dass die Südküste des Mittelmeeres
der westlichen Kontrolle zu entgleiten droht, ist für die
NATO-Strategen ein Alptraum. Auch Israel dürfte davon wenig
begeistert sein, denn dank der NATO und des Schweigens der arabischen
Staaten war es möglich, seine Seegrenzen beliebig zu bestimmen und
dadurch zum Beispiel die Solidaritätsflotte für Gaza weit außerhalb
seiner Hoheitsgewässer anzugreifen oder unbehelligt Gasfelder in
fremden Hoheitsgewässern zu erkunden. Der große arabische
Nachrichtenkanal Al Jazeera fasste diese Verschiebung der Macht unter
der Überschrift »Initiave for a New Arab Century« zusammen. Das
ist die Gegenthese zum US-Plan »Für ein neues amerikanisches
Jahrhundert« .
Eine militärische Präsenz der NATO in
Libyen würde eine ständige Bedrohung für die arabischen
Umsturzbewegungen darstellen. Eine gerechtere Aufteilung der
Reichtümer unter den arabischen Völkern wird durch die
Kolonialgrenzen verhindert: Konkret hat Ägypten eine ernstzunehmende
Industrie, Libyen nicht, Ägypten hat - wenn auch nicht viel -
Wasser, Libyen nicht, Libyen hat Öl im Überfluss, Ägypten ist dank
riesiger Pipelines und des Suezkanals ein zentrales Transitland. Wird
Libyen vom Westen kontrolliert oder ein UN-Protektorat, wird es auch
keine Debatte über mehr Gerechtigkeit geben können. Es wäre zudem
sehr wahrscheinlich, dass eine solche Intervention, wie man
Kriegseinsätze heutzutage beschönigend nennt, zu einem langen
Bürgerkrieg mit vielen Verletzten, Toten wie im Irak oder in
Afghanistan und zu einer dauerhaften Besatzung führen würde.
8. Wie kann man den Flüchtlingen
helfen?
Es gibt an den Grenzen Ägyptens und
Tunesiens zu Libyen durch die beinahe 200.000 bisher Geflohenen (zum
allergrößten Teil keine Libyer) eine humanitäre Notlage, wenn auch
nach Angaben des Auswärtigen Amtes in übersichtlichen
Größenordnungen: In Ägypten waren demnach am 4. März 4.000
Menschen zu betreuen, in Tunesien 18.000. Aber es zeigt sich auch
hier, dass das Militär nicht für humanitäre Aufgaben zu gebrauchen
ist: Während es den Ägyptern nach Berichten der Tagesschau gelang,
56.000 Menschen aus Tunesien nach Ägypten zu verschiffen, schafften
die deutschen Militärfregatten gerade mal 400. Das unterstreicht die
Unsinnigkeit militärischer Mittel zu Bewältigung der humanitären
Katastrophe.
9. Was will die libysche Opposition?
Dass bei den libyschen Protesten und
den bewaffneten Gruppen die Fahne des Königreiches Libyen auftaucht,
bedeutet nicht, dass es sich bei den Aufständischen um Royalisten
handelt. Die Fahne symbolisiert die Einigung der drei Landesprovinzen
zu einem Staat, und steht für den Unabhängigkeitskampf gegen die
italienische Besatzung bis 1943. Man sieht auf den Protesten, dass
das Symbol der Königsfamilie in der rot-schwarz-grünen Flagge meist
nicht benutzt wird. Es gibt ohnehin nur noch einen potentiellen
Kandidaten für die Thronfolge, nämlich den Sohn des Neffen des
ehemaligen Königs, den in Großbritannien lebenden Mohammed al Rida,
der bisher jedoch keinerlei Ansprüche angemeldet hat.
Abgesehen davon sind starke Zweifel
daran angebracht, ob die verschiedenen Stämme sich ausgerechnet
wieder auf einen Sanussi einigen würden. Der Anwalt der 1996
massakrierten Gefangenen, Fathi Terbel, widersprach in einem
Interview mit der ägyptischen Tageszeitung Al-Masry al-Youm der
Annahme, dass es sich bei dem aktuellen Aufstand überhaupt um
Stammeskonflikte handele. Zieht man in Betracht, dass die Bevölkerung
zu 85 Prozent in den Städten wohnt, ist Terbels Erklärung logisch:
Das ganze libysche Volk sei zu einem Volk zusammen gewachsen, da es
in jeder libyschen Stadt eine große Vielfalt von Stämmen gebe.
10. Wie will sich Gaddafi retten?
Gaddafis letzte Option ist die Spaltung
der Bevölkerung und auch des Landes. Schon im Jahr 2000 gab es
Pogrome arbeitsloser Libyer gegen afrikanische Gastarbeiter. Zwar
ließ Gaddafi über 300 der Angreifer verurteilen. Meldungen über
afrikanische Söldner haben aktuell aber dazu geführt, dass Menschen
mit dunkler Hautfarbe in Libyen um ihr Leben fürchten müssen.
Gleichzeitig versucht Gaddafi sich gegenüber Europa nach wie vor als
Bollwerk gegen afrikanische Flüchtlinge darzustellen. Angesichts der
Tatsache, dass über eine Million Libyer dunkelhäutige Afrikaner
sind, schafft die Hetze gegen dunkelhäutige Afrikaner ein
Misstrauen, das die Bewegung gegen Gaddafi schwächt und außerdem
dem Westen einen weiteren Vorwand für ein militärisches Eingreifen
liefert.
Slogans, die sowohl in Libyen als auch
auf Solidaritätsdemos sofort auftauchten, wenden sich eindeutig
gegen eine Teilung des Landes, die den Westen ohne Bodenschätze
lassen würde, die alle in einem relativ kleinen Gebiet in Libyens
Nordosten konzentriert sind: 95 Prozent der aktuell geförderten
Bodenschätze lagern im Sirte-Becken nahe der Hauptstadt Tripolis.
Mehr auf marx21.de:
- Intervention schwächt Aufstand: Derzeit bemüht sich die britische
Regierung um ein UN-Mandat für eine Flugverbotszone über Libyen.
Die US-Regierung schließt den Einsatz von Bodentruppen nicht aus.
Paul Grasse bestreitet, dass eine Flugverbotszone den Aufständischen
nützt. Er meint, dass im Interesse der Bewegungen im Nahen Osten
jede militärische Intervention verhindert werden muss
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