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10.03.11: Libyen |
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Intervention schwächt Aufstand |
Derzeit bemüht sich die britische
Regierung um ein UN-Mandat für eine Flugverbotszone über Libyen.
Die US-Regierung schließt den Einsatz von Bodentruppen nicht aus.
Paul Grasse bestreitet, dass eine Flugverbotszone den Aufständischen
nützt. Er meint, dass im Interesse der Bewegungen im Nahen Osten
jede militärische Intervention verhindert werden muss
 Libysche Rebellen bei Bin Dschawad (Foto: Nasser Nouri CC BY-NC-SA) Die Stimmen aus Libyen sind
widersprüchlich. Zwar zitieren viele Medien Libyer, die eine
Flugverbotszone fordern, aber es gibt keine offizielle Vertretung des
Widerstandes, die um die militärische Hilfe des Westens bittet. Laut
Frankfurter Rundschau hat die »neue politische Führung« des
Ostens Libyens (wer auch immer das sein mag) kein Interesse an einem
militärischen Eingreifen des Westens. Die libysche
»Verfassungs-Union« warnt vor einer militärischen Intervention,
weil diese genau den Plänen der US-Regierung entsprechen würde.
Alle vermeintlichen Oppositionssprecher betonen, dass keiner von
ihnen je direkt von westlichen Regierungen kontaktiert worden ist.
Jede Flugverbotszone wird militärisch
durchgesetzt, ansonsten wäre sie wirkungslos.
US-Verteidigungsminister Gates hat mit bemerkenswerter Offenheit
festgestellt: »Eine Flugverbotszone beginnt mit dem Angriff auf
Libyen, um die Flugabwehr zu zerstören.« Die jüngere Geschichte
hat gezeigt, dass ein Flugverbot und seine Durchsetzung fast
zwangsläufig einen Krieg nach sich ziehen. Die am 2. März aus
»Personalfürsorgegründen« erfolgte Schließung der deutschen
Botschaft in Tripolis kann als Kriegsvorbereitung verstanden werden.
Bewaffnete Fallschirmspringer
Selbst ohne die Einrichtung einer
solchen Flugverbotszone sind verschiedene Staaten bereits dabei,
militärische Missionen ins Land zu schicken. So sandte die
Bundesregierung unter Umgehung des Bundestags Flugzeuge mit
bewaffneten Fallschirmspringern an Bord nach Libyen, um deutsche
Staatsbürger auszufliegen. Zwei britische Hercules-Maschinen
evakuierten Ölarbeiter. Ein Einsatz britischer Kommandosoldaten flog
auf, wie auch ein holländisches Team, das von libyschen
Regierungstruppen festgesetzt wurde. Über die Bewaffnung libyscher
Bürgerkriegsparteien als Alternative zu einem Angriff wird vor allem
in der US-Regierung laut nachgedacht, auch die Entsendung von
bewaffneten Zellen ist eine Option.
Jedes weitere militärische Eingreifen
des Westens würde Gaddafi politisch stärken, weil dadurch seine
Anschuldigungen, der Aufstand sei vom Westen gesteuert, untermauert
würden. Die Opposition würde die Initiative verlieren und der
Befreiungskampf würde sich auf die Erwartung von Luftschlägen durch
die NATO reduzieren. Stattdessen hat es sich als Erfolg versprechend
erwiesen, daran zu arbeiten, dass regierungstreue Truppen zu den
Aufständischen überlaufen, die ihre militärischen Kenntnisse an
die Zivilisten weiter geben können. Das ist bereits in vielen Fällen
geschehen.
Türöffner für UN-Mandat
Derzeit scheut sich die NATO davor,
ohne Mandat der UN einzugreifen. Ein Türöffner könnte das
Welternährungsprogramm WFP (World Food Programme) sein: Schon für
die Antipiratenmission Atalanta vor dem Horn von Afrika war ein
Angriff auf ein WFP-Schiff der Vorwand für ein militärisches
Eingreifen in einem Gebiet, das mittlerweile bis an die Seychellen
heran reicht. Am 4. März vermeldeten Nachrichtenagenturen bereits,
dass ein WFP-Schiff mit 1000 Tonnen Weizenmehl vor der libyschen
Küste abdrehen musste. Gründe wurden nicht angegeben, und ebenso
wenig ist klar, ob es überhaupt eine humanitäre Katastrophe
innerhalb Libyens gibt. Am gleichen Tag bestätigte eine Depesche des
Auswärtigen Amtes, dass die Lage in Bengasi stabil sei und
humanitäre Organisationen vor Ort arbeiten können. Die UN hat laut
derselben Depesche keine Präsenz in Libyen und kann so auch nicht
wissen, ob es einen humanitären Notstand gibt.
Bei einer Schwäche der Rebellen könnte
der Westen auf einen Angriff verzichten, bis klar ist, ob sich das
Blatt zu Gunsten der Rebellion oder Gaddafis wendet, um die Verluste
des Westens klein zu halten. Gaddafi weiter in Amt und Würden zu
behalten würde zwar auf der einen Seite die Gier westlicher
Unternehmen nach mehr und billigerem Öl ohne Abgaben an den
libyschen Staat nicht befriedigen. Auf der anderen Seite aber wäre
ein Verlust der Lizenzen, die die Mineralölkonzerne erworben haben,
durch eine neue Regierung der Aufständischen sehr wahrscheinlich,
weshalb der Westen in diesem Fall doch lieber weiterhin mit Gaddafi
leben würde. Wenn es zu einem Angriff durch die NATO kommt, kann man
sich darauf verlassen, dass der Westen angesichts der Revolten in den
Ländern der Region dort bleiben wird, schon um einen Fuß in der Tür
zu haben und die lange Grenze zu Ägypten zu kontrollieren.
Chávez' Fehltritt
Auch Gaddafi ist sich vollkommen
bewusst, welche Gefahr für ihn von der arabischen Revolte ausgeht
und ließ deshalb in der letzten Woche nicht nur eine große Anzahl
Syrer, sondern vor allem Ägypter und Tunesier verhaften. Die
Initiative des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, zwischen
den Aufständischen und Gaddafi zu vermitteln, ist deshalb nur bei
Gaddafi auf offene Ohren gestoßen, nicht bei seinen Gegnern. Chávez
hat mit der Opposition keinen Kontakt, und diese hat kein Interesse
daran, Gaddafi neue Legitimität zu verleihen. Verhandeln mit Gaddafi
könnte nur eine Vertretung der bis jetzt befreiten Teile des Landes,
was einer politischen Trennung gleich käme und dem Westen nützen
würde. Gaddafi wird nicht für Verhandlungen zur Verfügung stehen,
an deren Ende der Verlust seiner Macht, seiner Ämter und seines
Reichtums stünde. Das aber ist das legitime Ziel des Aufstands.
Alle Mutmaßungen, die Opposition sei
das Produkt westlicher Geheimdienste oder sie sei per se
monarchistisch, sind ohne wirkliche Grundlage: Warum sollte der
Westen den Verlust seines engen Bündnispartners in der Region
riskieren, nicht wissend, was dann kommen würde? Weshalb, wenn alles
von Geheimdiensten kontrolliert wird, haben die westlichen
Regierungen offenbar keine Ahnung, wer in Libyen auf der Straße ist?
Warum sind sie darauf angewiesen, im Geheimen Militärgrüppchen ins
Land zu schicken, die Kontakt mit der Opposition aufnehmen sollen?
Warum werden alle solchen Versuche von den Rebellen dann so brüsk
zurück gewiesen? Im Falle von Gaddafi und der Opposition von der
Wahl zwischen Pest und Cholera zu sprechen, ist zynisch. Massaker
durch die Opposition an der Zivilbevölkerung wie auch
Bombardierungen von Städten scheint es bislang jedenfalls nicht zu
geben. Die Opposition sperrt auch keine Flüchtlinge in der Wüste
ein oder versenkt ihre Schiffe im Mittelmeer.
Position beziehen
Die ägyptischen und tunesischen
Revolutionäre solidarisieren sich mit dem libyschen Aufstand. Jede
Verständnishuberei für Gaddafi ist ein Schlag ins Gesicht der
Aufstandsbewegungen in den arabischen Ländern, im Iran oder auch in
Simbabwe, wo die Solidarisierung mit Tunesien und Ägypten von dem
von Gaddafi unterstützten Diktator Mugabe mit der Todesstrafe belegt
wurde. Wer in dieser Situation keine Position bezieht, wendet sich
effektiv gegen die Bewegungen und erlaubt es Regimes, wenn sie sich
als antiimperialistisch darstellen und in Lateinamerika die richtigen
Freunde haben, Oppositionelle zu verhaften, Streiks niederzuschlagen
und Aufständische beschießen zu lassen.
Antiimperialismus muss von unten kommen
und von sozialen Bewegungen, vor allem der Arbeiterbewegung, getragen
werden. Er darf sich nicht in vermeintlichen Festungen einigeln. Die
Linke darf sich nicht in dem Dilemma fangen lassen, das viele Linke
Anfang der 90er Jahre angesichts der Kriegsdrohungen gegen den Irak
dazu verführte, Saddam Hussein als Antiimperialisten zu
idealisieren. Auch damals gab es eine Flugverbotszone und Massaker
durch die NATO-Truppen an der irakischen Zivilbevölkerung. Aber um
den schiitischen Aufstand niederzuschlagen, erlaubte die NATO Saddam
Husseins Truppen das Niederbomben der Rebellen und hob die
Flugverbotszone zu diesem Zwecke auf. Was einmal passiert ist, kann
wieder passieren.
Mehr auf marx21.de:
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