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03.05.11: Ägypten |
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Der 1. Mai auf dem Tahrir-Platz |
In Kairo zeugte der Tag der Arbeit von
neuen Freiheiten und neuen Herausforderungen. Von Mona Dohle
 Demonstrant am 1. Mai auf dem Kairoer Tahrir-Platz (Foto: Maggie Osama CC BY-NC-SA) Rote Fahnen wehten am 1. Mai auf dem
Tahrir-Platz, als tausende Ägypter den Tag der Arbeit feierten.
Arbeiter von verschiedensten Fabriken in Ägypten, der neue Verband
unabhängiger Gewerkschaften und etliche linke Parteien kamen
zusammen, um ihre neuen Freiheiten zu feiern.
Ahmed El-Borai, Ägyptens Minister für
Arbeit und Einwanderung, verkündete vergangenen Monat, dass die
ägyptischen Arbeiterinnen und Arbeiter das Recht haben werden,
unabhängige Gewerkschaften zu gründen. Das ist ein Zeichen für den
beispiellosen Grad organisatorischer Freiheit in Ägyptens langer
Geschichte von Arbeitskämpfen.
Unterstützung für Linke
Dennoch ging es bei der ersten Begehung
des Tags der Arbeit nach dem Rücktritt von Präsident Hosni Mubarak
vor allem um die vor uns liegenden Herausforderungen. Während
Demonstranten begeistert Parolen riefen, wurden viele Zuschauer mit
bisher unbekannten Ideen konfrontiert: »Was ist dieser Kommunismus,
ist das eine Religion?«, fragte ein älterer Mann skeptisch. Als er
jedoch die Forderungen der Protestierenden erfahren hatte, konnte er
sich diesen voll und ganz anschließen.
Linke Gruppierungen waren ein
wesentlicher Flügel der Oppositionsbewegung, und doch ist es
einzigartig, dass sie so offen Unterstützung für ihre Vorstellungen
bekommen. Noha Wagdi, eine Pharmziestudentin, verfolgt die
Entwicklungen mit großem Interesse: »Ich glaube, ich bin eher eine
Linke, und ich bin hier, um mich über die politischen Parteien zu
informieren, damit ich entscheiden kann, welcher Partei ich beitreten
möchte«, erklärt sie.
Neue Parteien
Noha wird viele Parteien zur Auswahl
haben, da die Zahl der sozialistischen Parteien ständig wächst.
Unter den Parteien, die auf der Kundgebung zum 1. Mai anwesend waren,
befanden sich die Demokratische Arbeiterpartei, das Sozialistische
Volksbündnis, die Sozialistische Partei Ägyptens, die
Kommunistische Partei und die Revolutionären Sozialisten. Eins der
Kernthemen der Debatte scheint sich um die Rolle des Staats bei der
Wirtschaftsentwicklung zu drehen. Während die Demokratische
Arbeiterpartei die Wiederverstaatlichung großer Teile zuvor
privatisierter Industrien verspricht, fordern andere eine beschränkte
Rolle für den Privatsektor in einer autonomen Entwicklung.
Über solche abstrakten Debatten hinaus
interessieren sich viele Arbeiterinnen und Arbeiter für die
unmittelbare Verbesserung ihrer Lebensumstände. Eine Hauptforderung
lautet, den monatlichen Mindestlohn anzuheben, der zurzeit bei 400
bis 1.200 Ägyptischen Pfund (etwa 45 bis 135 Euro) liegt. Die Löhne
sollten an die steigende Inflation gekoppelt werden, sagen sie. Zudem
fordern die Demonstranten einen Maximallohn, der den Mindestlohn
nicht um mehr als 15-mal übersteigen darf.
Tradition des 1. Mai
Diese Forderungen stehen durchaus in
der Tradition des Tags der Arbeit, der zur Erinnerung an den
Generalstreik von 1886 in den USA, der am 1. Mai begann, begangen
wird. Der Streik wurde damals überwiegend von eingewanderten
Arbeitern aus Deutschland, Irland, Frankreich, Polen und Russland
getragen. Er gehörte zu einer Reihe von Aufständen, die ihr Vorbild
wiederum in der Pariser Kommune von 1872 hatten. Eine der Parolen
lautete damals: »Brot oder Blut!«.
Die Demonstranten bekamen Letzteres,
weil der Staat hart gegen die Bewegung vorging, Dutzende tötete und
Hunderte verletzte. Genau 125 Jahre nach der Niederschlagung des
Generalstreiks von 1886 durch die US-amerikanische Armee ist die
Hauptforderung der Arbeiter von damals »Acht Stunden Arbeit, acht
Stunden Ruhe, acht Stunden Freizeit« für die ägyptischen
Arbeiterinnen und Arbeiter immer noch nicht erfüllt.
Misstrauen gegenüber der Politik
Während die Radikalisierung von
Millionen Ägyptern während der Revolution der Linken eine
beispiellose Gelegenheit zur Mobilisierung bietet, kämpft sie auch
darum, große Flügel der Protestierenden anzusprechen, die gegenüber
politischen Organisationen weiterhin sehr misstrauisch sind. »Weder
die Regierung noch die politischen Parteien! Dies ist eine
Volksrevolution!« lautete einer der Rufe gestern.
Eine Gruppe Demonstranten behinderte
den Aufbau einer große Bühne, die die Gewerkschaft zur
musikalischen Unterhaltung aufgebaut hatte. Viele fühlten sich von
einer Organisation abgestoßen, die eine so teure Infrastruktur bot.
Die Lage konnte schließlich beruhigt werden, aber der Vorfall
scheint doch einen Graben zwischen der organisierten Linken und
vielen frisch radikalisierten Demonstranten zu zeigen, der noch
überwunden werden muss. Selma Said, eine Aktivistin, die an den
Vorbereitungen zum 1. Mai beteiligt war, sagte: »Ich denke, es ist
eine gute Lektion für Politiker, näher bei der Straße zu sein.
Wenn wir über Arbeiter reden, müssen wir wie Arbeiter aussehen, wir
müssen Arbeiter sein.«
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