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17.05.11: Ägypten |
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Armee unterdrückt Solidarität mit Palästinensern |
Am 15. Mai fanden in vielen arabischen
Ländern Demonstrationen zum Jahrestag der Vertreibung der
Palästinenser 1948 statt. Von Syrien aus gelangten Aktivisten mit
Mitteln des zivilen Ungehorsams auf die von Israel besetzten
Golanhöhen. In Ägypten schoss das Militär eine Demonstration vor
der israelischen Botschaft zusammen. Von Mona Dohle, Kairo
Die Spannungen zwischen der ägyptischen
Armee und Aktivisten der Palästinasolidarität haben sich am
Sonntag, dem 63. Nakba-Tag, zugespitzt. Nakba bedeutet Katastrophe
und bezeichnet die Vertreibung der Palästinenser bei der Gründung
des Staats Israel.
Das Gesundheitsministerium hat
mitgeteilt, dass über 350 Menschen bei den Zusammenstößen am
Sonntag verletzt wurden. Atef Jehja, einer der Demonstranten, erlitt
einen lebensgefährlichen Kopfschuss. Ali Chalaf, ein weiterer
Demonstrant, erhielt einen Bauchschuss, er scheint aber außer Gefahr
zu sein. Die Armee verhaftete mindestens 60 Leute.
Friedlicher Protest
Am Sonntag versammelten sich Tausende
vor der israelischen Botschaft in Kairo, um ihre Solidarität mit dem
palästinensischen Volk zu bekunden. Die Stimmung vor der Botschaft
war anfangs friedlich. Die Protestierenden sangen palästinensische
Lieder und riefen Parolen.
Auf die Anwesenheit der Militärpolizei
reagierten Demonstranten mit den Rufen: »Das Volk und die Armee sind
eins!« Dennoch stiegen die Spannungen am Nachmittag, als Einzelne
versuchten, in die Botschaft zu gelangen. Die Streitkräfte, reguläre
Streitkräfte wie Militärpolizei, begannen in die Luft zu feuern, um
die Menge aufzulösen. Die Demonstranten, die sich vor die Armee
stellten, wurden zunehmend wütend.
Armee mit scharfer Munition
Die Lage blieb auch am Abend gespannt,
als Demonstranten den Abzug der Armee forderten. Augenzeugen
berichteten, dass ein paar Leute den Zaun, der sie von der Armee
trennte, zu entfernen versuchten. Sie gingen auf die Soldaten aber
mit erhobenen Armen zu als Zeichen für ihre friedlichen Absichten.
Plötzlich feuerte die Armee mit Tränengas auf die Demonstranten.
Die Situation spitzte sich zu, als die Armee mit scharfer Munition in
die Menge zu schießen begann.
Mindestens eine Person erlitt einen
Kopfschuss, etwas fünfzehn andere wurden verletzt. Der Bereich um
die Botschaft wurde abgeriegelt und die Aktivisten wurden von dem
Gelände gedrängt. Rund hundert Protestierende stellten sich erneut
vor den Soldatenketten auf. Dutzende Demonstranten wurden daraufhin
verhaftet und etliche Journalisten misshandelt, darunter der
Vertreter von al-Dschasira, Rawja Rageh. Bis in den frühen Morgen
kam es zu Straßenschlachten mit der Armee. Rund 350 Personen wurden
verletzt.
Spannungen in Ägypten
Mohammed Effat, ein freiberuflich
arbeitender Journalist, beschrieb die Ereignisse für al-Dschasira:
»Sie richteten ihre Gewehre auf uns, zwangen uns, uns auf den Bauch
zu legen, gaben Salven in die Luft ab, beschimpften und schlugen uns.
Ein Offizier sagte zu mir, wer nach oben guckt, kriegt einen Schlag
in den Nacken. Zum Schluss nahmen sie uns unsere Handys und Ausweise
ab, drängten uns in Autos [der Staatssicherheit] und brüllten: Viel
Spaß im Militärgefängnis, revolutionäre Jugend!« Etliche
Aktivisten, die während der Revolution über Twitter Berühmtheit
erlangten, wie Tarek Schalabi und Mosaab Elschami, wurden verhaftet.
Dieser Zusammenstoß stellt einen neuen
Höhepunkt der Spannungen zwischen Protestierenden und Armee dar.
Konflikte entwickelten sich nach einer Kampagne über Facebook, mit
der der diesjährige Nakba-Tag als Tag der dritten palästinensischen
Intifada ausgerufen wurde. Diese Kampagne erzeugte zunehmend Druck
auf die ägyptische Militärregierung. Die Armee wird mit wachsender
Skepsis betrachtet. Es werden Fragen gestellt, warum sie die Angriffe
auf Kopten nicht verhindert hat und warum weiterhin Demonstranten von
Militärgerichten abgeurteilt werden. Die Facebook-Kampagne für eine
dritte Intifada scheint der Strohhalm gewesen zu ein, der dem Kamel
das Genick gebrochen hat.
Unterdrückungsapparat intakt
Die Proteste hatten am Freitag
begonnen, als Tausende auf dem Tahrir-Platz demonstrierten und ihre
Solidarität mit dem palästinensischen Volk wie auch mit den Kopten
kundtaten. Die Spaltung zwischen den Aktivisten und der Armee
vertiefte sich am Samstag, als tausende Menschen zur Grenze zwischen
Ägypten und dem Gazastreifen reisen wollten. Der Oberste Rat der
Streitkräfte wies Tourismusunternehmen an, keine Busse für den
Konvoi zur Verfügung zu stellen. Die wenigen Busse, die dann doch
abfuhren, wurden von der Armee angehalten.
Mai Schahin, eine der Organisatorinnen
des Konvois, sagt bestürzt: »Unter Mubaraks Regime konnten wir
einen Konvoi von Kairo nach Rafah organisieren. Jetzt, nach der
Revolution, ist das verboten.« Viele Aktivisten der
Palästinasolidarität hatten gehofft, dass die Übergangsregierung
die Absicht verkünden würde, die Grenze zum Gazastreifen zu öffnen,
Die Vorfälle vom Sonntag zeigen jedoch, dass Mubarak zwar politisch
abgetreten, sein Unterdrückungsapparat aber weiterhin intakt ist.
(Aus dem Englischen von Rosemarie Nünning)
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