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12.7.11: Gustav Mahler |
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Vor 100 Jahren starb der Komponist
Gustav Mahler. Seine Werke markieren den Einbruch der Moderne in die
Welt der Musik. Von den Nazis verboten, nach dem Krieg ignoriert,
gewinnt seine Musik heute wieder an Resonanz. Von Simon Behrman
 Gustav Mahler in einer Radierung von Emil Orlik, 1902 In den vergangenen Jahrzehnten gehörte
die Musik des Komponisten Gustav Mahler ohne Zweifel zu den am
meisten eingespielten und aufgeführten Werken. Die Allgegenwart
seiner Musik auf Konzertbühnen und in CD-Regalen hat mit den
doppelten Gedenkjahren 2010 und 2011 noch zugenommen.
Im Jahr 2010 wurde Mahlers Geburt vor
150 Jahren gefeiert. Er kam als Sohn einer armen jüdischen Familie
in einer Kleinstadt im tschechischen Gebiet der Habsburger-Monarchie
Österreich-Ungarn zur Welt. Dieses Jahr begehen wir seinen Tod vor
100 Jahren in Wien, dem imperialistischen Zentrum der Monarchie. Zu
diesem Zeitpunkt war er einer der reichsten und berühmtesten Musiker
Europas.
Lebendige Kunst
Zu Lebzeiten beruhte sein Ruhm
überwiegend auf seiner Tätigkeit als Dirigent. Leider starb Mahler,
ehe sich die Aufzeichnungstechnik verbreitet hatte, weshalb es keine
Zeugnisse dafür gibt, wie er dirigierte. Es gibt nur ein paar
Aufnahmen auf Klaviernotenrollen. Faktisch war aber jeder große
Dirigent von Beginn bis Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich von
seinem Interpretationsstil beeinflusst.
Dieser Stil geht von der Idee aus, dass
die gedruckten Noten kein heiliger Text sind, dem man sich
unterwerfen muss. Stattdessen ist Musik eine lebendige Kunst, die nur
dann existiert, wenn sie gespielt wird. Und so wie jedes Konzerthaus,
jedes Publikum, jeder soziale Kontext sich von dem nächsten
unterscheidet, so verändert sich auch die Musik mit jeder
Aufführung, selbst wenn es nur auf subtile Weise ist. Dieses
Verständnis davon, wie Veränderungen der gesellschaftlichen
Bedingungen sich auf den Zuhörer und Ausführenden auswirken, tragen
dazu bei, die Wechselfälle in der Rezeption von Mahlers Musik in den
vergangenen hundert Jahren zu erklären.
Musik der Moderne
Verglichen mit anderen war Mahler kein
besonders produktiver Komponist. Er vollendete nur neun Symphonien
und ein paar Liederzyklen. In diesen Werken schaffte er es jedoch,
sehr viel über die Gesellschaft, in der er lebte, und die besonderen
Neurosen, mit denen die Moderne behaftet ist, auszusagen. Seine
religiösen Werke - die zweite und achte Symphonie - stellen
keine fromme Lobpreisung Gottes dar, sondern sind Ausdruck von
Glaubenszweifeln und des häufig qualvollen Wegs zur Spiritualität
(im weitesten Sinne) in unserem brutalen und säkularen Zeitalter.
In seiner fünften, sechsten und
neunten Sinfonie und dem »Lied von der Erde« lotet er die Tiefen
von Angst und Tod aus. Die Beschwörung des Todes wird noch
gesteigert durch das enge Nebeneinander mit dem Klang des vollen
Lebens. Mit dieser Engführung von völlig entgegengesetzten
Stimmungen setzt sich Mahlers Musik von anderer ab. Im dritten Satz
der ersten Symphonie zum Beispiel hören wir das Kinderlied »Bruder
Jakob« als Trauermarsch gespielt, der dann plötzlich durch einen
übertrieben rustikalen Bläsereinsatz unterbrochen wird. Der
Höhepunkt seiner sechsten Symphonie nach fast einer halben Stunde
schwankt unablässig zwischen Triumph und Verzweiflung.
Niedergang der Gesellschaft
Das damalige Publikum, das anmutige
Melodien und eine selbstbewusste große klassische Tradition gewohnt
war, fand seine Musik schwierig. Und doch sprach seine Musik viele
Zuhörer an, da Tragödie und Angst wesentliche Merkmale von Mahlers
Wien waren. Es war eine Gesellschaft, die nach der bekannten
Redewendung auf dem Vulkan tanzte.
Unter dem oberflächlichen Glanz des
Habsburger-Reiches entwickelten sich zunehmend gesellschaftliche
Spannungen, die erst mit den Verheerungen, die der Erste Weltkrieg
mit sich brachte, und dem Zusammenbruch der Monarchie aufgelöst
wurden. Der Niedergang dieser Gesellschaft führte dazu, dass einige
sehr hässliche Ideen zu schwären begannen.
Antisemitismus in Wien
Ende der 1890er Jahre, kurz bevor
Mahler die Stelle als Direktor der Wiener Hofoper antrat, war der
extreme Antisemit Karl Lueger zum Bürgermeister Wiens gewählt
worden. Die Politik der Bewegung Luegers wurde zu einer erstrangigen
Quelle der Nazis. Mahlers erzwungener Rücktritt als Hofoperndirektor
im Jahr 1907 ging vor allem auf einen antisemitischen Feldzug gegen
ihn in den Wiener Zeitungen zurück. Mehr als einmal erklärte er,
dass er sich wie ein Außenseiter fühle. Nicht nur, dass er ein
Provinzler in der Metropole Wien war, sondern er war auch Jude in
einer zunehmend antisemitischen Gesellschaft.
Das Geniale in seiner Musik besteht
darin, dass er seine eigenen tiefgehenden persönlichen Erfahrungen
mit Entfremdung und Angst auf eine Weise vermitteln konnte, die auch
bei anderen Anklang fand, die fühlen konnten, dass die Welt
auseinanderbrach. In einem Gespräch mit dem finnischen Komponisten
Jean Sibelius tat er den berühmten Ausspruch, dass die Sinfonie »wie
die Welt sein muss. Sie muss allumfassend sein.« Es gehört zu
Mahlers Größe, dass das Persönliche und das Gesellschaftliche in
seiner Musik wie im wirklichen Leben immer eng miteinander
verflochten sind.
Mahler öffnete Türen
Eine jüngere Generation von
Komponisten begriff, dass die alte klassische Tradition wie auch die
Gesellschaft, aus der sie kam, an Kraft verlor. Indem Mahler die
klassischen Harmonien erbarmungslos zuspitzte, öffnete er die Tür
für Arnold Schönbergs Revolution in der Tonalität. Obwohl Mahler
die radikal experimentellen Werke des jüngeren Komponisten schwer
verständlich fand, begriff er ihren Wert und begrüßte sie zu einer
Zeit, als es nur wenige andere taten.
Tatsächlich kann eine direkte
Verbindung von Mahler über Schönberg und seine Schüler bis zur
Nachkriegsavantgarde wie Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez
gezogen werden. Außerdem wurden viele andere Komponisten des 20.
Jahrhunderts deutlich von Mahlers Musik beeinflusst: Richard Strauß,
Dimitri Schostakowitsch, Leonard Bernstein, Benjamin Britten, Luciano
Berio, Hans Werner Henze, um nur einige zu nennen. Es ist keine
Übertreibung zu behaupten, dass kein anderer Komponist so viel
Einfluss auf die Musik des 20. Jahrhunderts hatte wie Mahler.
Von den Nazis verboten
Seine Musik wurde auch Opfer der
Naziherrschaft. In den 1920er Jahren gewannen seine Werke zunehmend
Anerkennung in Europa. Aber wegen seiner jüdischen Herkunft und der
beunruhigenden Vorwegnahme des Modernismus in seinen Kompositionen
wurden seine Arbeiten von den Nazis gerade in den Ländern verboten,
wo er am bekanntesten war: in Deutschland 1933, in Österreich ab
1938 und in den Niederlanden ab 1940.
Selbst nach 1945 wurde seine Musik
selten aufgeführt. Die Laufbahn vieler Musiker, die zu seinen
glühendsten Anhängern gehörten, wurde zerstört oder sie wurden an
den Rand gedrängt durch Exil und Krieg. Zudem entwickelte sich in
den 1950er und 1960er Jahren die klassische Musik in zwei völlig
entgegengesetzte Richtungen, bei der Mahlers Musik durch das Raster
fiel.
Musikhallen wie Museen
Die radikalen Avantgardisten wollten
vollständig mit der deutschen Tradition brechen, die sie für eine
Generation, die sich von den Schrecken des Faschismus und des Kriegs
erholte, für unbedeutend hielten. Die Mehrheit der Musiker
andererseits verwandelten die Musikhallen langsam in Museen, in denen
endlos eine Musik wiedergekäut wurde, die mehr oder weniger ohne
Umschweife heroisch, schön oder entspannend war.
Mahlers Verwendung traditioneller
klassischer Formen und die sonderbare Gegenüberstellung von
gebrochenen Melodien, widerstreitenden Tonalitäten, Kinderliedern,
idyllischen Bildern und Trauergesängen passten einfach nicht.
Außerdem fand seine Beschwörung einer durch innere Widersprüche
zerrissenen Welt in einer Zeit wachsenden Wohlstands und
gesellschaftlichen Friedens beim Publikum wenig Gehör.
Aus den Fugen geraten
Erst als Boulez und einige andere
versuchten, den untergründigen Strom wiederzuentdecken, der zum
Aufstieg ihres Helden Schönberg führte, stießen sie auf Mahler.
Auch das Publikum fand in Mahlers Musik wieder eine Stimme, mit der
es sich identifizieren konnte, als ab Ende der 1960er Jahre der lange
Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg von gesellschaftlicher Rebellion
und Wirtschaftskrise abgelöst wurde.
Erneut war die Welt sichtbar aus den
Fugen geraten, und sie geht seitdem immer weiter aus den Fugen. Die
makabre Welt von Mahlers Musik, in der die Banalitäten
bildungsbürgerlicher Elite und Volkskultur eine immer gewalttätigere
und sterbende Gesellschaft begleiten, spricht zu uns vielleicht mehr
denn je.
(Zuerst erschienen in der britischen
Zeitschrift »Socialist Review«. Aus dem Englischen von Rosemarie
Nünning)
Mehr im Internet:
Viele Aufführungen von Mahlers Werken sind beispielsweise über den Onlinedienst Grooveshark kostenlos im Internet verfügbar. Im Text erwähnt wurden zum Beispiel:
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