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07.11.11: Einheitsfrontpolitik |
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Was für eine Art von Politik soll eine
revolutionäre Partei in nichtrevolutionären Zeiten verfolgen? Mit
dieser Frage sah sich in den frühen 1920er Jahren die KPD
konfrontiert. Von Florian Wilde
Als sich vom 22. bis 26. August 1921 in
Jena 279 Delegierte zum 7. Parteitag der KPD versammelten, standen
sie vor der Aufgabe, eine der veränderten Situation angemessene
Strategie zu entwickeln. Der durch die Novemberrevolution ausgelöste
Kampfzyklus war an sein Ende gekommen, die Räterepubliken
niedergeschlagen worden. Die parlamentarische Republik hatte sich
durchgesetzt und der Kapitalismus stabilisierte sich vorübergehend
wieder.
In ihrer »Märzaktion« hatte die
Partei 1921 erfahren müssen, zu welch bitteren Niederlagen das
Festhalten an einer Politik der »revolutionären Offensive« in
einem nicht mehr revolutionären Umfeld führen kann: Berauscht von
einem Gefühl der Stärke, dass die kurz zuvor durch ihre Vereinigung
mit dem linken Flügel der USPD plötzlich zu einer Massenpartei
gewordene KPD erfasst hatte, hatte sie im März 1921 versucht, aus
eigener Kraft heraus eine Revolution zu erzwingen. Der
Aufstandsversuch scheiterte dramatisch. Zahllose Mitglieder
betrachteten die Aktion als Putschversuch und verließen die Partei
wieder.
Unter dem Eindruck von Lenin und
Trotzki
Die Diskussionen der
Parteitagsdelegierten im August 1921 standen noch ganz unter dem
Eindruck des kurz zuvor beendeten III. Weltkongresses der
Kommunistischen Internationale. Nach hitzigen Debatten hatten sich
Lenin und Trotzki dort mit einer neuen Linie durchgesetzt, die sie in
dem Slogan »Heran an die Massen« zusammenfassten: Es reiche nicht
mehr aus, den bestehenden Verhältnissen einfach nur abstrakt
radikale Forderungen entgegenzuhalten, auf die Revolution zu warten
oder diese - unabhängig von den realen Kräfteverhältnissen -
selbst zu starten. Stattdessen müsse das Ziel kommunistischer
Politik in nichtrevolutionären Zeiten »die Eroberung des
ausschlaggebenden Einflusses auf die Mehrheit der Arbeiterklasse, das
Hineinführen ihrer entscheidenden Teile in den Kampf« sein.
Dieses könne aber nur durch eine
unbedingte Teilnahme der Kommunisten an allen alltäglichen Kämpfen
des Proletariats, auch wenn diese für sich genommen keineswegs auf
die Überwindung des Kapitalismus abzielen, geschehen: »Nicht darauf
kommt es an, dem Proletariat nur die Endziele zuzurufen, sondern den
praktischen Kampf zu steigern, der allein in der Lage ist, das
Proletariat zum Kampfe um die Endziele zu führen [...] Nur indem die
Kommunisten sich an die Spitze der praktischen Kämpfe des
Proletariats zu stellen verstehen, nur indem sie diesen Kampf
fördern, können sie in Wirklichkeit große Massen des Proletariats
[...] gewinnen«, so legten die Thesen des Weltkongresses fest. Aus
dieser strategischen Neuausrichtung ergab sich notwendigerweise eine
Veränderung im kommunistischen Herangehen an reformistische
Arbeiterorganisationen wie etwa der SPD. Statt sie wie bisher vor
allem als Gegner zu begreifen und frontal zu bekämpfen, mussten
künftig Formen einer Zusammenarbeit mit ihnen gefunden werden,
wollte man tatsächlich an allen Teilkämpfen der Arbeiterschaft
teilnehmen können.
Feindschaft gegenüber der SPD
Gerade den deutschen Kommunisten
bereitete die neue Linie große Schwierigkeiten. Viele prägte eine
tiefempfundene Feindschaft bis hin zu offenem Hass auf die SPD. Diese
hatte in ihren Augen mit der Unterstützung des Ersten Weltkrieges
alle sozialistischen Prinzipien verraten und war mitverantwortlich
für die Niederschlagung der Räterepubliken nach der
Novemberrevolution und für die Ermordung von Luxemburg, Liebknecht
und tausenden weiteren Kommunisten. Nun sollte man gemeinsam mit
dieser SPD für konkrete Verbesserungen kämpfen? Nur gegen starken
Widerstand des linken Flügels der KPD konnte sich die bald als
»Einheitsfrontpolitik« bezeichnete neue Ausrichtung auf dem Jenaer
Parteitag durchsetzen. Die Kommunisten, so wurde beschlossen, müssten
gegenüber allen Angriffen auf die Lebensbedingungen der
Arbeiterschaft gemeinsame Abwehrkämpfe aller Arbeiterorganisationen
unterstützen und offensiv für eine Einheitsfront eintreten.
Entscheidend dürfe dabei nicht die Radikalität einer Forderung an
sich sein, wie Ernst Meyer, der bei der Wahl zur neuen Parteiführung
in Jena die meisten Delegiertenstimmen erhielt und im folgenden Jahr
die Rolle des Parteivorsitzenden übernahm, betonte: »Diese
Forderungen sind für uns nur Mittel zum Zweck und nicht Zweck selbst
- Mittel zur Sammlung des Proletariats zum Kampfe.«
Im Zentrum dieser Annahme stand das
Potenzial, das in dem Aufstellen von (an sich noch reformistischen)
Forderungen lag, deren Durchsetzung aber nur in Form von breiten
Massenkämpfen gegen Bürgertum und Regierung gelingen konnte. Denn
solchen gemeinsamen Kämpfen wohne eine radikalisierende Dynamik
inne, die über den Rahmen reformistisch-parlamentarischer Politik
hinausweisen könne. Das zum Auslösen solcher Kämpfe notwendige
Angebot zur Zusammenarbeit an die SPD bedeutete für die Kommunisten
aber keineswegs die Aufgabe ihres eigentlichen Zieles: Sturz des
Kapitalismus und Aufbau einer sozialistischen Räterepublik. Im
Gegenteil, gerade durch die Einheitsfront sollte die Gewinnung einer
Mehrheit der Arbeiterklasse für diese Ziele ermöglicht werden. Auf
dem Jenaer Parteitag wurden zunächst die groben Umrisse der neuen
Linie festgelegt. Ihre konkrete Ausgestaltung sollte in der Praxis
der Partei in den folgenden Monaten entwickelt werden.
Serie "An den Quellen der Einheitsfrontpolitik":
Dieser Artikel bildet den
Auftakt zu einer bis Sommer 2012 unregelmäßig erscheinenden Reihe zur Geschichte der KPD, die außerdem in der Tageszeitung Neues
Deutschland veröffentlicht wird.
Mehr auf marx21.de:
- Radikale Antwort auf die Krise: Vor 80 Jahren wurde die Sozialistische
Arbeiterpartei gegründet. Florian Wilde über die Linksabspaltung
von der SPD, die auch die politische Heimat Willy Brandts war
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