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Das Einfache, das schwer zu machen ist |
Elmar Altvater über Kommunismus und die K-Debatte
Es
war, als ob alle auf das K-Stichwort von Gesine Lötzsch gewartet
hätten. Kaum hatte sie in der jungen
Welt
vom 3. Januar 2011 die »Wege zum Kommunismus« zur Diskussion
gestellt, wurden die Abwehrreflexe mobilisiert - bis hin zur
Forderung, DIE LINKE, deren Vorsitzende Lötzsch ist, nicht nur durch
den Verfassungsschutz zu beobachten (was ja schon passiert), sondern
gleich zu verbieten. Auch die weniger Klugen aus der politischen
Klasse haben ja mitbekommen, dass eine große Minderheit der
Deutschen den Kapitalismus nicht für der historischen Weisheit
letzten und besten Ratsschluss hält. Sie können sich Alternativen
zum gegenwärtigen gesellschaftlichen System vorstellen. Doch dies
als Meinung intelligent zu begründen und nicht nur bei einer
Befragung anonymisiert zu äußern, lässt sämtliche Motten in der
Kiste schwirren.
So
war es immer, seitdem »ein Gespenst in Europa« umgeht - »das
Gespenst des Kommunismus. Alle Mächte des alten Europa haben sich zu
einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet« (MEW 4:
461). »Der Sozialismus«, das schreiben Karl Marx und Friedrich
Engels im »Kommunistischen Manifest« aus dem Jahre 1848 weiter,
»war, auf dem Kontinent wenigstens, ‚salonfähig‘; der
Kommunismus war das gerade Gegenteil« (MEW 4: 580). Dennoch
bekannten sie sich als Kommunisten. Sie waren »von allem Anfang an
der Meinung..., daß die Emanzipation der Arbeiterklasse das Werk der
Arbeiterklasse selbst sein muß, [und daher - EA] konnte kein
Zweifel darüber bestehen, welchen der beiden Namen wir wählen
mußten. Ja noch mehr, auch seitdem ist es uns nie in den Sinn
gekommen, uns von ihm loszusagen« (MEW Bd. 4: 580). Denn, so
erläutern sie in der »Deutschen Ideologie« aus den Jahren 1845 bis
1847, die »kommunistische Gesellschaft« sei die »einzige, worin
die originelle und freie Entwicklung der Individuen keine Phrase ist,
ist sie bedingt eben durch den Zusammenhang der Individuen, ein
Zusammenhang, der teils in den ökonomischen Voraussetzungen besteht,
teils in der notwendigen Solidarität der freien Entwicklung Aller,
und endlich in der universellen Betätigungsweise der Individuen auf
der Basis der vorhandenen Produktivkräfte« (MEW 3: 424-425). Das
war im Vormärz, während der Restauration, vor Ausbruch der
Revolution von 1848 geschrieben. Sich zum Kommunismus zu bekennen,
war ein stolzes und mutiges Wort, und die, die es aussprachen, gingen
auf volles Risiko.
Aber,
so wird mancher fragen, ist nicht der Kommunismus zu Beginn des 21.
Jahrhunderts hoffnungslos durch seine Geschichte im 20. Jahrhundert
kompromittiert? Werden nicht im »Schwarzbuch des Kommunismus« aus
dem Jahr 1997 Millionen Opfer des »roten Holocaust« aufgezählt?
Sofern es sich dabei um Opfer von Verbrechen handelt oder wenn sie
vermeidbar gewesen wären, ist eine gewaltige historische
Verantwortung zu tragen und abzuarbeiten. Doch die notwendige Kritik
und Verurteilung stalinistischer Verbrechen kann nicht darin
bestehen, sich mit dem Kapitalismus, wie wir ihn kennen, zu
arrangieren und Alternativen zur real existierenden kapitalistischen
Gesellschaft gar nichts erst ins Auge zu fassen.
Im
Vergleich zu den antikommunistischen Stalinismus-Kritikern, die so
dem Kapitalismus einen Liebesdienst erweisen wollten, waren Adorno
oder Horkheimer, die Begründer der »Frankfurter Schule«, nach den
Erfahrungen des nationalsozialistischen Holocaust weiter. Sie haben
mit Nachdruck die kapitalistischen Verhältnisse für den Faschismus
und dessen ungeheure Verbrechen in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts verantwortlich gemacht. Wer über den Kapitalismus nicht
reden wolle, solle vom Faschismus schweigen, schrieben sie. Das
heißt: Wer die nationalsozialistischen, die faschistischen
Verbrechen verurteilt, muss sich mit dem Kapitalismus
auseinandersetzen.
Muss
also der Kapitalismus nicht genauso ernsthaft bekämpft werden wie
die stalinistischen Auswüchse des »real existierenden Sozialismus«?
Haben nicht Millionen ihr Herzblut gegeben für »eine Gesellschaft
ohne Hierarchien, Obrigkeit und Untertanen, ohne Lohnsklaverei und
Ohnmacht«, wie der ungarische Philosoph G. M. Tamás resümiert:
»Und das ist die kommunistische Gesellschaft... Im Kommunismus ist
der Mensch in Harmonie mit sich und der Natur...Es gibt keine
Klassen, die sich feindlich gegenüberstehen... Der Kommunismus kennt
nicht die Disziplin, die durch den kapitalistischen
Produktionsprozess erzwungen wird...« (Gespräch im Neuen
Deutschland,
5./6. Februar 2011).
Man
könnte mit der »Deutschen Ideologie« von Marx und Engels
vorsichtig einwenden, der Kommunismus sei kein Ideal, das als Maßstab
an die wirkliche Welt und deren Geschichte angelegt werden müsse
(MEW 3, insbes.: 70-77). Auch für Rosa Luxemburg, so Gesine Lötzsch
in ihrem Vortrag über »Wege zum Kommunismus«, ist der Sozialismus
(oder Kommunismus) »kein fertiges Ideal, kein genial entworfener
Bauplan, sondern etwas, das aus den realen Kämpfen wachsen würde«.
Marx und Engels nennen den »Kommunismus die wirkliche Bewegung,
welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung
ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung. Übrigens setzt
die Masse von bloßen Arbeitern - massenhafte von Kapital oder von
irgendeiner bornierten Befriedigung abgeschnittne Arbeiterkraft -
und darum auch der nicht mehr temporäre Verlust dieser Arbeit selbst
als einer gesicherten Lebensquelle durch die Konkurrenz den Weltmarkt
voraus. Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren,
wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als ‚weltgeschichtliche‘
Existenz überhaupt vorhanden sein kann; weltgeschichtliche Existenz
der Individuen, d.h. Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der
Weltgeschichte verknüpft ist« (MEW 3: 35-36). Der Kapitalismus
stellt mit seiner Akkumulationsdynamik den Weltmarkt her, und daher
hat auch eine Alternative globale Reichweite. Es war wohl ein Irrtum,
daraus zu schließen, dass die »Wege zum Kommunismus« uniformiert,
vereinheitlicht (durch eine Kommunistische Internationale mit einem
Zentrum in Moskau) sein müssten. In der ökumenischen Welt heißt
es, dass viele Wege nach Rom führen. In der Welt der Alternativen
gilt dies auch: Viele Wege führen zum Kommunismus, und dieser hat
viele Gesichter. Die große politische Aufgabe besteht darin, dass
diese vielen Gesichter menschliche Antlitze sind und bleiben.
Die
wirkliche Bewegung kann nicht erfunden werden, sie ist keine
Kopfgeburt, sondern Resultat praktischer Auseinandersetzungen
konkreter Individuen unter konkreten historischen Bedingungen. Daher
heißt es vom Kommunismus in Bertolt Brechts Gedicht »Lob des
Kommunismus«:
Er
ist vernünftig, jeder versteht ihn. Er ist leicht.
Du
bist doch kein Ausbeuter, du kannst ihn begreifen.
Er
ist gut für dich, erkundige dich nach ihm.
Die
Dummköpfe nennen ihn dumm, und die Schmutzigen nennen ihn schmutzig.
Er
ist gegen den Schmutz und gegen die Dummheit.
Die
Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen.
Aber
wir wissen:
Er
ist das Ende der Verbrechen.
Er
ist keine Tollheit.
Er
ist nicht das Chaos
Sondern
die Ordnung.
Er
ist das Einfache
Das
schwer zu machen ist.
Warum
die Anstrengung der gesellschaftlichen Veränderung, von der gewiss
ist, dass sie mühsam ist und lange dauert? Warum soll man den
zermürbenden Streit mit dem Zeitgeist und seinen Verfechtern auf
sich nehmen, warum eventuell in Konflikt mit der Staatsgewalt
geraten? Dafür, dass dies geschieht, sprechen nicht nur normative
Erwägungen über die zukünftige Gesellschaft, heiße sie
sozialistisch oder kommunistisch oder auch anders, sondern in der
kritischen Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft gewonnene
Argumente. Denn diese Gesellschaft bietet nicht allen Menschen und zu
allen Zeiten die Möglichkeit des guten Lebens in Frieden mit anderen
Menschen und mit der Natur. Die Utopie des guten Lebens bleibt daher
ein erstrebenswertes Ziel. Die schonungslose Analyse der
kapitalistischen Produktionsweise, die Marx als Kritik der
politischen Ökonomie betrieben hat, kann aufzeigen, warum und wie
die Utopie möglich und daher kein idealistisches Nirwana, sondern
konkret, und warum die Realisierung der konkreten Utopie durch
gesellschaftsverändernde Praxis notwendig ist.
Die
Analyse zeigt, dass der moderne Kapitalismus nicht nachhaltig ist,
dass er in den Krisen und Kriegen (selbst)zerstörerisch wirkt und
allenfalls einer Minderheit von Menschen ein gutes Leben ermöglicht.
Breite Massen der sieben Milliarden Menschen sind zu einem miserablen
Leben gezwungen. Es gibt kein gutes Leben im Schlechten und kein
richtiges Leben im Falschen.
Der
Kapitalismus hat in finanzmarktgetriebenen, neoliberalen Zeiten
bitter wahr gemacht, was der österreichisch-ungarische Historiker
Karl Polanyi vor mehr als einem halben Jahrhundert im Rückblick auf
200 Jahre kapitalistischer Entwicklung seit der industriellen
Revolution als »Entbettung des Marktes aus der Gesellschaft«
beschrieben hatte. Die Konsequenz der Unterordnung der sozialen
Systeme unter den Markt bedeutet deren Zerstörung. Gleiches
geschieht auch der Natur. Mit höchster Markteffizienz werden
rücksichtslos Menschen und die Natur ausgebeutet. Übrig bleiben ein
»schwarzes Loch« geplünderter Ressourcen, gefüllt mit den
Abfällen der »imperialen« Produktions- und Lebensweise, und
verzweifelte Massen auf der Suche nach einem besseren Leben.
Es
ist offensichtlich: Die »Kugelfläche« des Planeten Erde ist
begrenzt. So sagt es Immanuel Kant und begründet mit dieser
Erkenntnis den »kategorischen Imperativ«. Da es nicht möglich ist,
sie über die Maßen auszudehnen oder es den europäischen Siedlern
zu Beginn der Neuzeit gleichzutun und statt neuer Kontinente einen
neuen Planeten zu entdecken und zu besiedeln, müssen Markt und
Kapitalismus gebändigt und an die strengen Grenzen der Natur des
Planeten Erde angepasst werden. Das ist nicht leicht. Denn sogar mit
der Selbstzerstörung des Planeten lässt sich viel Geld verdienen
und gegen das Profitprinzip kommt man mit guten Argumenten allein
nicht an. Dazu bedarf es des sozialen Widerstands, vieler Bewegungen,
»welche den jetzigen Zustand aufheben« können - und müssen, da
an den von Ökologen in den letzten Jahren identifizierten »tipping
points« die Ökosysteme der Erde »kippen« können. Das könnte man
mit bitterer Ironie als eine »Revolution«, als so etwas wie den
»dialektischen Umschlag von Quantität in Qualität« bezeichnen.
Diese für die Menschen katastrophale Revolution im Verlauf der
natürlichen Evolution müsste sozusagen »konter-revolutionär«
gestoppt werden, um die menschliche Existenz, vielleicht das »nackte
Leben« zu retten und die Grundlage von gesellschaftlichem
Fortschritt und individueller Entfaltung in der Geschichte zu
erhalten. Paradoxerweise sind gerade die kommunistischen Dialektiker
aufgerufen, die Dialektik der natürlichen tipping points zu stoppen,
die infolge der ungebremsten kapitalistischen Dynamik immer näher
rücken. Es muss noch gelernt werden, dass die soziale Revolution in
der Natur stattfindet und dass die Revolution heute gerade darin
besteht, die Gesetze der Natur zu beachten und sie nicht von den
Kräften des rücksichtslosen Kapitalismus umwerfen zu lassen.
Wie
kann dies gelingen? Ein »Masterplan«, so auch Gesine Lötzsch in
der zitierten Rede, hilft nicht nur nicht weiter, er führt in die
Irre. Denn das wäre nichts anderes als die Anwendung einer
»top-down«-Philosophie, die in der internationalen Arbeiterbewegung
so viel Unheil angerichtet hat: Das Zentralkomitee oder eine
Avantgarde beschließen über Weg und Ziel - und alle anderen, die
»breiten« Massen folgen. Mit »Avantgarden«, so erneut G.M. Tamás,
»meine ich nicht die, die wir in der Geschichte bisher hatten. Nicht
leiten, nicht führen, sondern verführen,
das Andere vorleben.« Die Alternative zum real existierenden und so
zerstörerischen Kapitalismus wird also nicht erdacht und zum Prinzip
gemacht, dem alle folgen sollten, sondern in kritischer
Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Realität entwickelt,
praktisch erprobt und aktiv und kreativ verbessert. Das konkret
utopische Ziel bleibt: Die »positive Aufhebung des Privateigentums
als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung
des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als
vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der
bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als
eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser
Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als
vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung
des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem
Menschen...« (MEW, Ergänzungsband, 1. Teil: 536).
Der
Widerstreit zwischen den Menschen kann nur durch die solidarische
Gestaltung von Leben und Arbeit aufgelöst werden, durch die
Fortentwicklung aller Ansätze in die Richtung der solidarischen
Wirtschaft. Dafür gibt es Beispiele überall in der Welt, von denen
nicht gesagt werden kann, sie verkörperten bereits den Kommunismus,
die aber dennoch Auswege aus Arbeitslosigkeit und Armut und in nicht
wenigen Fällen aus nicht selbst verschuldetem Elend weisen. Der
Widerstreit zwischen Mensch und Natur kann nur aufgelöst werden,
wenn rigide Regeln der Nachhaltigkeit respektiert werden, wenn
Anstrengungen unternommen werden, das Energiesystem auf erneuerbare,
solare Energien umzustellen und die Systeme der (industriellen)
Energiewandlung und des Energieverbrauchs dem anzupassen. Das alles
ist, anders als Bertolt Brecht verspricht, nicht einfach zu machen,
sondern sehr schwer zu realisieren. Aber nichts zu machen und die
Verhältnisse so zu belassen, wie sie sind, wäre unverantwortlich,
weil dies ins Verderben führt.
Wir
stehen also im Jahr 2011 vor einem ähnlichen Problem wie Marx und
Engels Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Grenzen der kapitalistischen
Entwicklung sind heute jedoch deutlicher und dramatischer als je
zuvor. Die Zukunft gehört genossenschaftlichen Formen des
solidarischen Wirtschaftens, einer Renaissance von kollektiven,
gemeinwirtschaftlichen, privaten und staatlichen Eigentumsformen,
einer strikten Kontrolle der Finanzwirtschaft in Verbindung mit dem
Übergang zu erneuerbaren Energieträgern und einer nachhaltigen
Nutzung der Natur. Das sind Wegmarken zum Kommunismus oder zu einer
anderen Alternative, gleichgültig, wie sie benannt wird. Der Weg
selbst muss geebnet werden, durch Parteien, durch soziale Bewegungen,
durch spontane Aktivitäten. Auf dem Weg werden sich viele
Abweichungen und Änderungen ergeben. Darum werden
Auseinandersetzungen geführt. Vielleicht ist es sogar möglich,
diejenigen mitzunehmen, die heute das Nachdenken über Wege zum
Kommunismus am liebsten verbieten würden. Denn zurückgelassen im
fossilen Kapitalismus werden sie wenige Chancen haben, in Energie-
und Klimakrise das Leben so fortzusetzen, wie sie es aus der Zeit der
kapitalistischen Ölbonanza gewohnt waren. Die Zeitenwende, vor der
wir stehen, ist nicht theoretisch abgeleitet, sondern Folge der
Produktions- und Lebensweise in den vergangenen mehr als 200 Jahren
seit der industriellen Revolution.
Die Zitate im Artikel stammen aus:
- Karl
Marx und Friedrich Engels:
Werke, 43 Bde., Berlin 1956-1990 (abgekürzt: MEW).
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