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23.11.11: Tunesien |
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Warum die Islamisten gewonnen haben |
Die ersten freien Wahlen nach dem Sturz
von Diktator Ben Ali hat die religiöse En-Nahda für sich entschieden. Droht nach dem arabischen
Frühling ein islamistischer Winter, fragt Karl Naujoks
Das Ergebnis der Wahlen spricht eine
deutliche Sprache: En-Nahda konnte 89 der 217 Sitze der
verfassungsgebenden Versammlung erobern. Auf den Plätzen folgen die
linksliberale Republikanische Kongresspartei (29 Sitze), die
populistische Millionärspartei »Volkspetition« (26 Sitze) und das
sozialdemokratische »Forum für Arbeit und Freiheit« (Ettakattul,
20 Sitze). Den Rest der Sitze teilen sich über 20 weitere Parteien.
Die vom ehemaligen Außenminister des Ben Ali-Regimes geführte
»Initiative« errang lediglich 5 Sitze.
Vor den Wahlen
grassierte angesichts des bevorstehenden Durchbruchs der Islamisten
um En-Nahda eine gewisse Hysterie in liberalen Kreisen. Es drohe eine
Theokratie wie im Iran, das war vor allen Dingen die Angst der
wohlhabenderen Schichten. Den Islamisten wurde das Kaufen von Stimmen
unterstellt und eine Anfechtung der Wahlen ins Spiel gebracht, lange
bevor die Ergebnisse feststanden. Dies reflektierte nur die eigene
Denkweise mancher Liberaler. Die Süddeutsche Zeitung zitierte eine
Dame aus La Marsa, eines der vornehmen Viertel der Hauptstadt: »Von
mir aus können sie die Wahlen fälschen, Hauptsache, wir verhindern
En-Nahda!«
Doch nun hat sich die Situation etwas
beruhigt. En-Nahda ist sehr wohl bereit, eine Politik für das
tunesische Kapital und die säkularen Mittelschichten zu betreiben.
Verhältnismäßig problemlos ist sie mit Kongresspartei und dem
Ettakattul eine Koalitionsregierung eingegangen und überließ dem
renommierten Menschenrechtler und Führer der Kongresspartei Moncef
Marzouki das Amt des Staatspräsidenten. En-Nahda empfiehlt sich dem
internationalen Kapital so als Garant für die Stabilität im Land,
der nach allen Seiten integrierend wirkt.
Wurzeln des Islamismus
Diese Entwicklung kann nur jene
überraschen, die sich durch das Zerrbild haben täuschen lassen, das
arabische Diktatoren wie Ben Ali und ihre westliche Bündnispartner
vom Islamismus gezeichnet haben. Der Islamismus ist keine Bewegung
von Fanatikern, die die Welt ins Mittelalter zurückbomben wollen.
Sie ist eine moderne Erscheinung, die in unterschiedliche Strömungen
zerfällt.
Seinen Hauptflügel bilden heute
sozialkonservative Parteien, die wie die ägyptische
Muslimbruderschaft und En-Nahda die Aussöhnung der Klassen in einer
religiösen Gemeinschaft predigen. Sie sehnen sich nach einem
prosperierenden Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, in der die
Mittelschichten ihr Auskommen haben und die Armen in der Moschee
Trost finden. Im Großen und Ganzen ist diese Strömung nicht sehr
weit von jener Ideologie entfernt, für die in Deutschland die
CDU/CSU steht - allerdings unter gänzlich anderen historischen und
ökonomischen Rahmenbedingungen.
Den Aufstieg des Islamismus in den
arabischen Ländern seit den 70er Jahren ist nur im Wechselverhältnis
mit der Enttäuschung einer ganzen Generation von Intellektuellen
über den arabischen Nationalismus zu erklären ist. Der Lebensweg
von Rachid Ghanouchi, der Führungspersönlichkeit der tunesischen
En-Nahda, verdeutlicht dies.
Der »arabische Sozialismus«
1964 ging er erst nach Kairo, dann nach
Damaskus, um Philosophie zu studieren. Die Hauptstädte Ägyptens und
Syriens zogen ihn als Zentren der panarabischen Bewegung an, die von
linken Kräften unterschiedlicher Schattierungen dominiert wurden. Zu
dieser Zeit übernahm in Syrien die Ba'ath-Partei die Macht und
versprach, wie auch der damalige ägyptische Präsident Nasser, den
Aufbau eines arabischen Sozialismus. Doch in der Praxis lief dieser
»arabische Sozialismus« auf die Errichtung staatskapitalistischer
Einparteiendiktaturen hinaus, wie sie Ghannouchi bereits aus Tunesien
kannte.
Auch der Panarabismus, das Überwinden
der nationalstaatlichen Rivalitäten unter den arabischen Staaten,
war nur eine Worthülse. Die verschiedenen nationalen Führer konnten
sich zu keinem Zeitpunkt einigen und wurden von Israel 1967 in einem
Blitzkrieg vernichtend geschlagen. In der Folge zog sich Ghannouchi
auf sein Philosophiestudium zurück und suchte nach den Wurzeln des
»ursprünglichen Islam«. Diese Hinwendung zum Spirituellen stand
unter dem Einfluss der syrischen und ägyptischen Muslimbrüder, als
auch des algerischen Geistlichen Malek Bennabi. Dieser sah die
empfundene Unterlegenheit der arabisch-islamischen Welt in der
Unterwürfigkeit gegenüber dem Westen begründet. Die Abkehr von den
überkommenen Traditionen des Islam habe zum moralischen Verfall im
Innern geführt. Nach der Dekolonisierung der arabischen Länder
müssten nun auch die Seelen dekolonisiert werden.
Gründe des Wahlerfolgs
Auf dieser Grundlage baute Ghannouchi
mit anderen in den 70er Jahren in Tunesien die »Islamische
Vereinigung« auf, aus der später die »Bewegung der islamischen
Tendenz« und 1988 schließlich die »Bewegung der islamischen
Wiedergeburt« - Harakat en-Nahda al-Islami - hervorging, die nun
zur stärksten Kraft im Land gewählt wurde.
Der Weg bis dahin war von scharfer
Repression geprägt. Ghannouchi selbst wurde mehrfach inhaftiert, wie
viele Zehntausende anderer Anhänger der Bewegung. Das Schicksal der
Inhaftierung und Exilierung der Islamisten, als auch ihre politische
Ausgrenzung, haben ihre Politik wesentlich radikaler erscheinen
lassen, als sie wirklich waren. Zugleich war es dieser Leidensweg,
der der Partei einen enormen Kredit bei vielen in der Bevölkerung
einbrachte.
Dies beflügelte den Elan der Anhänger
unter den Bedingungen der neugewonnenen Freiheiten nach dem Sturz von
Ben Ali. Wie keine andere politische Kraft gelang es En-Nahda, neben
der Ausrichtung von Großveranstaltungen einen Wahlkampf von Tür zu
Tür durchzuführen. In den Tagen vor der Abstimmung sagte mir ein
Bekannter, der keineswegs aus einem geistlichen Umfeld stammt: Er
überlege sich En-Nahda zu wählen. Denn eigentlich sei En-Nahda die
»einzige wirkliche Partei«, die es in Tunesien gäbe.
Aktiv an der Basis
Dieser Eindruck ist sowohl der
Basisaktivitäten ihrer Anhänger geschuldet, als auch der
unerträglichen Zersplitterung der anderen politischen Kräfte.
Insgesamt kämpften rund 80 verschiedene Parteien auf mehrere Tausend
Listen verteilt um die Gunst der Wähler. Das staatliche Fernsehen
brauchte einige Tage, um in einer ununterbrochenen Abfolge von
Dreiminuten-Auftritten sämtliche Spots der Führer der
konkurrierenden Listen auszustrahlen. Das islamische Lager war das
einzige politische Lager, das unter der Fahne der En-Nahda
zentralisiert angetreten ist. Ihre Sammlungspunkte bilden die
Moscheen und die Märkte. Das unter religiösen Parolen vereinte
Kleinbürgertum konnte so erst die Armen, und von dort ausstrahlend
bedeutsame Teile der Arbeiterklasse erreichen.
Die Betriebe fielen demgegenüber als
alternative Sammlungspunkte aus. So gelang es nicht, aus der einzigen
relevanten organisierten Kraft des Januar-Aufstandes, dem
Gewerkschaftsverband UGTT, eine gemeinsame linke Arbeiterpartei
heraus zu bilden. Im Gegenteil haben sich in der Übergangsperiode
seit Januar - unterstützt von der SPD-nahen
Friedrich-Ebert-Stiftung - konkurrierende gewerkschaftliche
Verbände entwickelt. Mit Ausnahme der aufflackernden Streiks im Mai
und Juni waren überdies praktisch keine landesweiten Klassenkämpfe
zu verzeichnen, die eine politische Vereinheitlichung der Linken
hätten vorantreiben können.
Gespaltene Linke
So trat die Linke gleich mehrfach
gespalten an. Neben der revolutionären Kommunistischen
Arbeiterpartei (PCOT) standen vier verschiedene relevante Formationen
zur Wahl, die allesamt sozialdemokratisch oder linksliberal
ausgerichtet waren. Innerhalb dieses Lagers haben mit Ettakattul und
der Kongresspartei jene Kräfte das Rennen gemacht, die als
prinzipientreue Gegner des Ben Ali-Regimes galten und zugleich auf
einen scharfen Anti-Islam-Wahlkampf verzichtet haben.
Dagegen gewann die linksliberale
»Demokratisch-fortschrittliche Partei« PDP nur 16 Sitze, der
postkommunistische »Demokratische modernistische Pol« enttäuschende
5 Sitze. Beide Parteien waren unter Ben Ali als eine »anerkannte
Opposition« eingerichtet und beschwörten im Wahlkampf nun erfolglos
die islamische Gefahr, die von der einst unterdrückten En-Nahda
ausginge.
Erfolg auf tönernen Füßen
Dies verdeutlicht, dass der Islamismus
nicht bekämpft werden kann, in dem die Linke abstrakt gegen Religion
polemisiert. Vielmehr muss der Kampf auf dem sozialen und politischen
Feld fortgeführt werden, auf dem die Islamisten am Ende nicht mehr
zu bieten haben als durchschnittliche Konservative im Westen. Auf
diesem Feld werden sich unweigerlich jene Spannungen aufbauen, die
den Euphoriestoß unter der armen Bevölkerung nach dem
En-Nahda-Wahlsieg rasch verfliegen lassen werden.
Im Grunde genommen war die Stimmung vor
den Wahlen ohnehin nicht besonders gut. Das konnten alle Beobachter
spüren, die sich vor dem 23. Oktober im Land aufhielten. Viele
Jugendliche waren und sind angesichts der hohen Arbeitslosigkeit
frustriert und trauten keiner Partei eine Verbesserung ihrer Lage zu.
Die Beteiligung an der Wahl lag denn
auch real bei nicht mehr als 55 Prozent. Ungeachtet dieser eher
verhaltenen Quote wurde die Wahl als solche dennoch nach all den
Jahren der Diktatur zu Recht als ein großartiges Ergebnis
wahrgenommen, als einen zählbaren späten Erfolg der Revolution.
Zugleich verkörpert der En-Nahda-Erfolg in den Augen der
Bevölkerungsmehrheit nicht nur den völligen Bruch mit der Ära Ben
Ali und seinen Leuten. Er war auch einen Denkzettel in Richtung Big
Business, das in Tunesien traditionell säkular ist und gute
Geschäfte mit Europa macht.
Dieser Widerspruch wird leider nicht
von allen Linken in Tunesien als Chance, sondern von manchen gar als
Problem wahrgenommen. Maya Jribi, Führerin der PDP, schimpft:
»Tunesien ist das einzige Land in der Welt, wo die Linke bourgeois
ist und die Rechte proletarisch.« Diese Auffassung verdeutlicht
nicht nur die totale Entfremdung der alten, institutionalisierten
Linken der Ben Ali-Ära von den täglichen Sorgen der arbeitenden
Bevölkerung. Sie beruht auch auf einer vollkommenen Überschätzung
der inneren Festigkeit von En-Nahda.
Widersprüchlichkeiten bleiben
Nur weil sie von Arbeitern gewählt
wird, ist En-Nahda noch keine Arbeiterpartei geworden. So haben die
Islamisten es nie geschafft, in der UGTT Fuß zu fassen. Mit über 2
Millionen Mitgliedern verfügt der Gewerkschaftsverband weiterhin
über ein enormes politisches und soziales Gewicht. En-Nahda ist als
kleinbürgerliche Partei vielmehr an einer Aussöhnung mit dem
tunesischen und internationalen Kapital interessiert. Sie wird selbst
Anziehungspunkt für die tunesischen Geschäftsleute und Karrieristen
werden. Diese Entwicklung kann nur zu Lasten der Arbeiterklasse
erfolgen. En-Nahdas Stärke und seine innere Einheit beruht darauf,
dass es an der industriellen Front ruhig bleibt. Jede Neubelebung des
Klassenkampfes um die unbefriedigten Grundbedürfnisse, jede
Neubelebung des revolutionären Prozesses hingegen wird die inneren
Widersprüchlichkeiten der Partei heraufbeschwören.
Ein wichtiger Faktor wird sein, wie
sich die revolutionäre Linke in den kommenden Monaten positioniert.
Denn nur, wenn genügend politische Kräfte innerhalb der
Gewerkschaften wirken, die nicht durch ihre Einbindung in die
Regierungsgeschäfte gebunden sind, bieten sich Perspektiven für
eine neue Sammlung der revolutionären Kräfte. Das ahnt auch die
Führung der En-Nahda. Deshalb wurde trotz des schwachen Ergebnisses
der PCOT, die nur drei Sitze erringen konnte, ihr angesehener
Vorsitzender Hamma Hammami zur Beteiligung an der Regierung
eingeladen. Er hat abgewunken und stattdessen die Fortsetzung des
Kampfes angekündigt. Ein positives Zeichen, das hoffen lässt.
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