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08.02.12: Chile |
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»Spannung zwischen Neoliberalismus und Demokratie« |
Camila Vallejo ist das Gesicht der chilenischen Studentenbewegung. Auf
einer Rundreise durch Europa erläutert sie, wofür sie kämpft
 Studentendemo in der chilenischen Hauptstadt Santiago (Foto: Flickr.com/0sama!! CC BY-NC-SA) Chile hat sich in den vergangenen
Monaten ruckartig verändert. Die Unzufriedenheit, die sich in der
Bevölkerung seit Jahren aufstaute, drückt sich nun in Form von
Protesten, Streiks und lärmenden Demonstrationszügen aus. Die
Jugendlichen gingen auf die Straße und forderten ein kostenloses und
hochwertiges Bildungswesen. Der Konflikt überforderte die Regierung
um Präsident Sebastián Piñera, der nach und nach an Beliebtheit
verlor, bis er Ende 2011 nur noch auf 23 Prozent kam. Die linke
Mitte, die zwanzig Jahre lang den chilenischen Präsidentenpalast La
Moneda bewohnte, war gelähmt. Camila Vallejo wurde zur Symbolfigur
für diese Metamorphose. Abgeschirmt von einer Gruppe Leibwächter,
führte die Akademikerin mit den klaren Augen und dem Nasenpiercing
Hunderte von Protestzügen an.
Die chilenische Empörung ist nicht die
Folge einer Wirtschaftskrise. Dieses Land wächst um durchschnittlich
sechs Prozent jährlich. Die Armut sank von 45 Prozent auf 15 Prozent
zwischen 1987 und 2009. Nichtsdestotrotz, die oberen 10 Prozent der
Chilenen verdienen 27 mal mehr als die unteren 10 Prozent, gemäß
einem Bericht der OECD (Organisation für Kooperation und
wirtschaftliche Entwicklung). »Es gibt erhebliche soziale
Ungleichheit, wenig Demokratie und eine nicht tolerierbare Menge an
Missbräuchen«, sagt Camila Vallejo, während sie langsam ihren
Kaffee umrührt.
»Wir arbeiten jeden Tag viele Stunden,
wir sind Sklaven der Schulden, wir werden bei den Rechnungen für
Licht und Wasser hintergangen und gerade weil wir keine Freizeit
haben, fordern wir nicht ein, was uns gerecht zu sein scheint. In uns
haben sich Frustration und Unzufriedenheit angestaut. All das brach
2011 auf los. Chile erwachte und wir sind hier um in Frage zu
stellen, zu kämpfen und um nicht länger ein Zahnrädchen in diesem
System zu sein«, erklärt sie.
Einer kürzlich erhobenen Umfrage
zufolge, sind 39 Prozent der Bevölkerung »sehr empört«. Eine der
Theorien, die man in diesem Land aufgestellt hat, um die
Unzufriedenheit zu erklären, ist das Einbrechen der Mittelschicht,
welche in den letzten 20 Jahren die Armut hinter sich ließ. Die
Koalition versicherte damals, dass die effektivste Lösung für die
Probleme der Ungleichheit das Bildungswesen sei. Das unter der
Regierung Pinochets umgesetzte Konzept brachte jedoch keine
substanzielle Veränderung und die Resultate blieben mittelmäßig
und ungleich. Die Leute wurden dessen überdrüssig und der soziale
Konflikt brach auf. Die Familie Vallejo Dowling gehört zu diesen
Leuten.
»Als meine Eltern in meinem Alter
waren, waren sie arm und kämpften ums Überleben. Damals, als sie
sich in der Welt des Theater kennenlernten, mussten sie Empanadas
verkaufen, um von etwas leben zu können. Sie gehörten der
Kommunistischen Partei an, hatten jedoch keine leitende Position«,
berichtet die Akademikerin. Auch wenn sie jetzt in einer Mietwohnung
im Zentrum Santiagos lebt, so wuchs sie doch einst in der Gemeinde La
Florida südlich von Santiagos auf. Hier lebt die Mittelschicht,
trotzdem gibt es Baracken, die mit den modernen Zentren und
Autobahnen einher existieren. Das war das Szenario, in dem Camila
Vallejo anfing »sich über die Lage Chiles aufzuregen«. Und als sie
in die Universidad de Chile eintrat, die bedeutendste staatliche
Universität des Landes, trat sie der Kommunistischen Partei bei.
Auch wenn sie es wohl abstreiten würde,
gelegentlich erwies sie sich als eine etwas undisziplinierte
Aktivistin. Nach dem Tod Kim Jong Ils kritisierte sie beispielsweise
öffentliche die Entscheidung ihrer Partei, ein förmliches
Kondolenzschreiben an Nordkorea zu schicken.
Abgesehen davon, dass sie empört sind,
vertrauen die Chilenen auch ihren Institutionen nicht. Eine kürzlich
durchgeführte Umfrage zeigt, dass alle den Rückhalt der Bürger
verloren haben. Die Streitkräfte, die katholische Kirche, die
Massenmedien, die Regierung, die privaten Unternehmen, die
Rechtsprechung, der Kongress und die politischen Parteien, die
derzeit die am geringsten geschätzt werden. Nur etwa 16 Prozent der
Chilenen sind der Meinung, dass die Demokratie in diesem Land
tatsächlich funktioniert.
 Camila Vallejo (Foto: Flickr.com/Marcos S. González Valdés CC BY-NC) El País: Was ruft das Wort Diktatur in
jemandem hervor, der sie nie erlebt hat?
Camila Vallejo: Das Bild, das ich mir
anhand der Berichte gemacht habe, zeigt ständige Furcht. Mit
Straßenkleidung ins Bett zu gehen aus Angst, dass sie nachts kommen,
um dich zu holen, die Schüsse in den Stadtteilen, die heimlichen
Versammlungen. Die Generation, die diese Zeit hautnah miterlebte, ist
davon traumatisiert und ein Produkt der Repression. Und aus diesem
Grund setzte sich trotz der bereits aufgestellten Demokratie der
Individualismus durch und die Idee, dass es besser sei, sich nicht in
die Politik einzumischen, weil es allzu oft schlecht ausgehe.
Was unterscheidet Ihre Generation von
der ihrer Eltern?
Unsere Generation hat keine Furcht. Und
daher haben wir im Gegensatz zu unseren Eltern keine Probleme,
anzuprangern, dass es in Chile Missbrauch gibt, Repression, dass die
Unternehmer stehlen und die Politiker häufig ohne jede Scham in
ihrem eigenen Interesse handeln.
Chile ist eines der wenigen Länder der
Welt, wo der Schwangerschaftsabbruch nicht legal ist. Halten sie es
für gerechtfertigt, dass man ihre Heimat im Ausland als eines der
konservativsten Länder Südamerikas porträtiert?
Es ist widersprüchlich, denn obwohl
wir das Land des Neoliberalismus schlechthin sind, existiert in Chile
ein starker Werte-Konservativismus, sowohl im rechten Flügel, als
auch in der Mitte und dem linken Flügel.
Was meinen Sie damit?
Wir müssen vorankommen, was die Rechte
sexueller Minderheiten betrifft. Ich bin einverstanden mit
Schwangerschaftsabbruch unter verschiedenen Umständen. Zunächst ist
es wichtig, das Selbstbestimmungsrecht der Frau zu respektieren,
bevor man jemanden auf die Welt bringt, der nicht kompatibel zu dem
Leben sein wird, das die Mutter führen möchte. Heutzutage tun das
jene, die Geld haben. Letztlich ist es eine Freiheit, die vom
Bankkonto abhängt. Ich bin ebenfalls für die Legalisierung von
Marihuana, weil mit diesem Schritt die Möglichkeit geschaffen wird,
den Drogenhandel zu kontrollieren.
Im Gegensatz zu dem aktuellen
Geschehen, wo die Kommunisten im Kongress sitzen, entschied sich die
Partei während der Diktatur für den Griff zur Waffe.
Das Volk hat das Recht in der Masse
gegen die strukturelle Gewalt, die in der Gesellschaft vorherrscht,
anzukämpfen. Und wir haben den Weg des bewaffneten Widerstandes nie
kategorisch ausgeschlossen, den wir beschreiten würden, wenn die
Umstände es erforderten. Allerdings ist dieser Weg im Moment
gänzlich ausgeschlossen, weil die Spannung, die heute existiert,
eine Spannung zwischen Neoliberalismus und Demokratie ist.
Sie haben Kuba gegenüber, wo sie 2009
der 50 Jahre Revolution gedachten, jedoch nie Vorhaltungen gemacht.
Das kann man nicht vergleichen. Kuba
ist nicht das beste Modell einer Demokratie, das sich weltweit finden
lässt, aber dort wurden vieles erreicht, was wir in Chile nicht
geschafft haben. Es gibt immer reaktionäre Bereiche, die lieber
trotzig individuelle Freiheiten verteidigen als allgemeine. Die
Chilenen bewahren die Freiheit der Unternehmen lieber als das Recht
auf Bildung. Wie dem auch sei, ich denke nicht, dass dass jetzt
diskutiert werden sollte, weil auch ich viele der Variablen nicht
kenne.
Sie sind in der politischen
Einschätzung die viertbeliebteste Person in Chile und man munkelt
schon an, dass Sie für ein Abgeordnetenamt kandidieren werden.
Das Problem ist nicht damit gelöst,
dass ich kandidiere, das spielt keine Rolle. Die wahre
Herausforderung besteht darin, dass es Menschen geben muss, die
bereit sind, die Wechselwirkung der Kräfte in den Räumen zu ändern,
wo Entscheidung gefällt werden. Wenn uns nicht gefällt, wie die
Sachen laufen, müssen wir uns ihrer annehmen. Wir müssen das
Parlament dafür rügen, damit es tatsächlich repräsentativ und
nicht nur von Bürokraten besetzt ist.
Am 26. Januar werden Sie in Berlin sein
und am 2. Februar in Italien ankommen. Was halten Sie von Europa?
Ich denke, dass sich die Entwicklung
der Länder des Nordens dank der Unterentwicklung der Länder des
Südens vollzieht. Europa auf der einen Seite, und Lateinamerika,
Asien und Afrika auf der anderen. Es muss immer ausgeplünderte Orte
geben, damit andere das Vergnügen eines exzessiven Lebens genießen.
Die Europäer waren Teil des Kolonisierungsprozesses, der unsere
indigenen Völker ausradierte. Sie haben sie niedergedrückt,
massakriert und versklavt.
Genozid?
Es ist doch eine bewiesene Tatsache,
dass es in Lateinamerika Genozide gab. Hier tötete man mit dem
Schwert und mit dem Kreuz. Zudem beutete man die Natur aus, unsere
Bodenschätze. Und nach wie vor holen sie sich die Rohstoffe wie
Blutsauger. Woher kommen denn die multinationalen Konzerne? Aus
Spanien, den USA ...
Mit welcher der lateinamerikanischen
Linken identifizieren Sie sich?
Man muss aus jeder Elemente
herausgreifen, weil sie alle ihre Besonderheiten haben, abhängig von
ihrer geschichtlichen Entwicklung und der politischen Wirklichkeit.
Aber mir gefällt sehr, was Rafael Correa in Ecuador macht, Evo
Morales in Bolivien und José Mujica in Uruguay.
Würden Sie sich stark machen für eine
eventuelle Wiederwahl der chilenischen Ex-Präsidentin Michelle
Bachelet, jetzt wo die Kommunistische Partei eine Allianz mit der
Opposition eingehen könnte?
Ich wäre niemals bereit, eine Kampagne
für Bachelet durchzuführen noch würde ich die Jugendlichen dazu
aufrufen, sie zu wählen. Niemand kann mir die Sicherheit geben, dass
ihr Programm die Ideen repräsentieren würde, welche die
studentische Bewegung aufgestellt hat. Und ich bekomme keine
Weisungen von der Partei. Alles passiert letztendlich aufgrund meiner
persönlichen Entscheidung. Ich bin niemandem gegenüber
verpflichtet.
Wie wird sich die studentische Bewegung
in Chile in Zukunft entwickeln?
Diese Bewegung ist Initialzündung für
einen sozialen Prozess, auf den wir weiterhin hinarbeiten werden. Wir
wollen strukturelle Reformen im Bildungswesen, aber auch ein Land mit
mehr Rechten und Garantien vonseiten des Staates aufbauen. Das
Aussterben der studentischen Bewegung ist keine Option.
Mehr zum Text:
Das Interview erschien zuerst in der spanischen Zeitung El País. Die deutsche Übersetzung veröffentlichte zuerst das Portal amerika21. Wir danken für die freundliche Genehmigung. Die Fragen stellte Rocio Montes Rojas. Übersetzung: Tobias Schulz.
Mehr im Internet:
Ausführliche Informationen über die Rundreise mit Camila Vallejo gibt es bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Mehr auf marx21.de:
- Mobilisieren statt Minister stellen: Wie chilenische Linke in den 60er und
70er Jahren gegen den Kapitalismus kämpften, illustriert das Buch
»MIR - Die Revolutionäre Linke Chiles«. Von Florian Wilde
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