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25.06.12: Rezension |
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»Das
Böse« gehört zu den Dingen, denen man im Leben nicht ausweichen
kann. Bis in unsere Zeit hinein ist die Geschichte der Menschheit vom
Bösen betroffen, jeder oder jede einzelne von uns. Das Böse ist
politisch, denn wir kämpfen für eine bessere Welt, in der es das
Böse nicht mehr gibt oder wenigstens möglichst wenig. Der
marxistische Literaturkritiker Terry Eagleton hat sich des
schwierigen Gegenstandes angenommen. Thomas Walter hat sein Buch
gelesen
 Terry Eagleton: Das Böse Terry
Eagleton, katholisch erzogen, beginnt mit mittelalterlicher
Theologie, um zu beschreiben, was das Böse eigentlich ist oder sein
könnte. Die mittelalterlichen Theologen wollten den Glauben an einen
gütigen Gott verteidigen, der die Welt erschaffen habe. Das Problem
war, dass die Schöpfung Gottes voll von Bösem war, was ja einem
gütigen Schöpfergott widersprach. Dialektisch löste der Theologe
Thomas von Aquin dieses Problem, indem er das Böse einfach zum
Nichts erklärte. Die Welt ist eine Art Schweizer Käse. Der Käse
selbst ist gut, die Löcher böse. Zum Schweizer Käse gehört aber
beides, um gut zu sein.
Diese
auf den ersten Blick einfältige Vorstellung findet sich in
abgewandelter Form später wieder. Hegel z.B. erklärte »Was
vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist
vernünftig«. Unvernünftiges ist also nicht wirklich. Bei Marx sind
alle Klassengesellschaften, auch der Kapitalismus, »Vorgeschichte«.
Die eigentliche Geschichte beginnt erst mit der zukünftigen
Befreiung von der Entfremdung des Kapitalismus, der die letzte
Klassengesellschaft darstellt. Klassengesellschaften sind so noch
nicht, erst die befreite Gesellschaft ist.
Böse
sind eigentlich tot
In
der Literatur, die der Literaturkritiker Eagleton anführt, werden
Böse denn auch als eigentlich Tote, als Nichtse beschrieben. In
einem Roman von William Golding erfährt der Leser am Ende, dass die
böse Hauptperson schon zu Beginn der Geschichte gestorben ist, aber
andererseits nicht sterben kann. Ähnlich in einem Roman des irischen
Schriftstellers Flann O'Brian, in welchem, vom Leser zunächst
unbemerkt, der böse Täter schon zu Beginn stirbt und nach seinem
Tod in eine Zeitschleife gerät. Eine Szene vom Anfang des Buches
wiederholt sich in genau gleicher Weise am Ende der Erzählung.
Die
Vorstellung, dass böse Menschen einerseits tot sind, andererseits
nicht sterben können, wenn sie nicht irgendwie erlöst werden,
findet sich in zahlreichen Mythen, etwa vom Fliegenden Holländer.
Für Jean-Paul Sartre waren die anderen die Hölle (»L'enfer,
c'est les autres«). Eagleton überlegt, ob nicht für böse
Menschen vielmehr das eigene Ich, das zur Unsterblichkeit verurteilt
ist, die Hölle ist.
Entfremdet
von der Menschheit
Bei
Thomas Mann findet sich das Böse und der Tod in dem genialen
Komponisten Adrian Leverkühn vereinigt. Dieser Leverkühn steckt
sich absichtlich mit einer tödlichen Geschlechtskrankheit an und
wird zum Mörder. Er will so aus diesem Bewusstseinszustand heraus
bis zu seinem Ende einerseits kunstvolle, andererseits Karikaturen,
letztlich sinnlose musikalische Meisterwerke komponieren.
Eagleton
sieht diesen Roman als ein Gleichnis auf den Nationalsozialismus.
Faschisten sind nach Walter Benjamin so entfremdet, dass sie nicht
nur den Untergang der anderen, sondern auch ihren eigenen als
»Gemeinschaftserlebnis«, als imposantes »gewaltiges« Kunstwerk,
als Götterdämmerung, anstreben.
Freud
und der Todestrieb
Vom
Bösen als Nichts, als einem scheinbar Lebendigen, das in
Wirklichkeit tot ist, geht Terry Eagleton zum Todestrieb der
Psychoanalyse von Sigmund Freud über. Den Todestrieb erklärt Freud
weniger mystisch, sondern über die Evolution. In der Evolution des
Lebens hat sich nicht nur Nächstenliebe und Solidarität (»Eros«)
herausgebildet, sondern auch der Todestrieb (»Thanatos«).
Auch
diese Fähigkeit, andere oder auch sich selbst zu zerstören, war zum
Überleben der Art notwendig. Freud erklärte sich die Katastrophen
des zwanzigsten Jahrhunderts nicht zuletzt über diesen von den
Menschen nicht beherrschten Trieb. Er hatte eine pessimistische
Weltsicht.
Schlecht
vs. böse
Schließlich
unterscheidet Eagleton »evil« von »wickedness«, was der deutsche
Übersetzer durch »Böse« und »Schlechtigkeit« wiederzugeben
versucht. Evil oder das Böse definiert Eagleton als das Böse
schlechthin, das Böse als Selbstzweck. Es kann nicht auf andere
Ursachen zurück geführt werden und ist deshalb eine besonders
unheimliche Art von Bösartigkeit. »Wicked« (»schlecht«) ist
dagegen das Böse als Instrument, um anderes wie Macht oder Reichtum
zu erreichen. Diese Art von Bösartigkeit erscheint leichter zu
erklären und ist deshalb nicht so unheimlich.
Hier
stellt sich die Frage nach den Unterschieden zwischen dem »bösen«
Hitler und den »schlechten« Stalins oder Maos. Eagleton stellt
fest, dass es den Opfern wenig hilft, ob sie von einem Verrückten
umgebracht oder wegen irgendeinem sozusagen »nachvollziehbaren«
Zweck, Aufbau der Sowjetunion oder der Volksrepublik China, Stärkung
der staatlichen Macht usw. ermordet wurden.
Zu
selten, um Angst zu haben
So
unheimlich das reine Böse sein mag, hält es Eagleton doch nicht für
etwas, das uns schlaflose Nächte bereiten sollte. Dazu ist es
einfach zu selten, meint Eagleton. Der größte und schlimmste
Schaden käme immer noch von banaler Schlechtigkeit, Kriege um Öl,
Ausbeutung und Unterdrückung anderer Menschen, Machtkämpfen,
Quälereien im kapitalistischen Alltag.
Angesichts
des Nationalsozialismus überrascht diese Auffassung etwas.
Vielleicht sollte man hier ergänzend überlegen, ob nicht auch
absolut Böses oft erklärbar ist, also »Schlechtigkeit« darstellt,
selbst wenn es sich um auf den ersten Blick unerklärliche Taten
handelt.
Elend
der Vergangenheit
Eagleton
wird bei manchen Marxisten, für die Optimismus zur marxistischen
Weltanschauung gehört, auf Widerspruch stoßen, wenn er etwa die
These Freuds vom Todestrieb ernst nimmt. Eagleton hält Geschichte
nicht für gesetzmäßig fortschrittlich. Er hinterfragt, ob
Kommunismus wirklich nur durch den vorausgehenden Kapitalismus als
zwar schmerzliche, aber eben doch notwendige Voraussetzung, erreicht
werden kann.
Schließlich
weist Eagleton (ähnlich wie vor ihm Jean-Paul Sartre) darauf hin,
dass für Millionen Menschen der Vergangenheit jede Hilfe zu spät
kommt. Auch ein zukünftiges kommunistisches Paradies kann das Elend
vergangener Einsamkeit und Sinnlosigkeit, vergangener Kriege und
Massenmorde nicht ungeschehen machen.
Hoffnung
durch Veränderung
Hoffnung
schöpft Eagleton aus einer materialistischen Weltanschauung.
Letztlich ist das Böse nicht von der Welt losgelöst, absolut, auch
wenn es das sein möchte, sondern immer an materielle Umstände
gebunden. Da die materielle Welt durch uns, die wir Teil der
materiellen Welt sind, verändert werden kann, ist das Böse nichts
absolutes, sondern überwindbar.
Vielleicht
ist das nicht so weit von Thomas von Aquin und seiner Vorstellung
entfernt, dass das Böse nicht wirklich Teil der Welt, insofern ein
Nichts ist. Trotz Todestrieb und vieler böser und schlechter
Erfahrungen haben wir als materielle Wesen in einer materiellen Welt
die Chance, eine bessere Welt zu schaffen.
Das
Buch:
Terry
Eagleton
Das
Böse
Aus
dem Englischen von Hainer Kober
Ullstein
Verlag
Berlin,
2011
208
Seiten, gebunden
18
Euro
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