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24.12.12: Klassiker |
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Muss man die Menschen für
den Sozialismus umerziehen? Keineswegs, meint Erich Fromm in seinem
Buch über Marx. Sie müssen nur ihre korrumpierende Erziehung
loswerden. Von Carla
Assmann
 Erich Fromm »Fromm reinigt das Bild«,
schrieb der begeisterte Rezensent in der Zeit. Es sind die
frühen 1960er Jahre, der Kalte Krieg nimmt weiter an Fahrt auf, da
veröffentlicht der bekannte Psychoanalytiker Erich Fromm ein kleines
Buch, das vielen die Augen öffnet. Es trägt den Titel »Das
Menschenbild bei Marx«.
Die »Verfälschung des
Marxschen Denkens« wird von zwei Seiten betrieben, heißt es dort.
Auf der einen Seite beanspruche das sowjetische Regime Marx zur
politischen Legitimation - und entstelle dabei seine Ideen. Der
antikommunistische Westen auf der anderen Seite glaube diese
Propaganda aber nur allzu gern und werfe Marx vor, sein Ideal einer
anderen Gesellschaft habe aus seelenlosen Robotermenschen unter der
Knute einer totalitären Bürokratie bestanden. Zugleich würden die
Antikommunisten nicht müde zu betonen, dass der Kapitalismus mit
seinem egoistischen Profitstreben nun einmal der menschlichen Natur
entspreche und die Idee einer sozialistischen Gesellschaft
realitätsfremde Träumerei sei.
Alternative zum Kapitalismus
Hat nicht die Geschichte
bewiesen, heißt es tatsächlich noch heute, dass keine Alternative
zum Kapitalismus möglich ist? Sozialismus könne nicht
funktionieren, und wenn, dann sehe er aus wie die DDR.
So sind denn auch die
Argumente, die Erich Fromm in »Das Menschenbild bei Marx« dagegen
anführt, heute genauso aktuell und notwendig wie damals.
Unfrei und unglücklich
Fromms Ausgangspunkt ist die
Tatsache, dass Marx' Kritik am Kapitalismus weit über die
Verteilung materieller Güter hinausgeht. Die kapitalistische
Produktionsweise macht nicht nur einige wenige Menschen absurd reich,
während die meisten anderen kaum genug zum Überleben haben, sie
macht alle Menschen auch unfrei und unglücklich, weil sie ihnen den
Zugang zu ihren wahren Bedürfnissen versperrt.
Zugleich richtet sich Marx
gegen jede Art von biologischem oder historischem Determinismus.
Menschen schaffen sich die gesellschaftlichen Ordnungen, unter denen
sie leben, selbst - und können sie daher auch verändern.
Zentral für Marx' Analyse
ist die Arbeit, die für die Menschen eine doppelte Funktion hat: Zum
einen ist die Produktion von Lebensmitteln absolut notwendige
Überlebensgrundlage, zum anderen Ausdruck des menschlichen
Bedürfnisses, mit der Natur und anderen Menschen in Kontakt zu
treten. »Nur wenn er produktiv tätig ist, kann der Mensch sein
Leben sinnvoll machen und sich daran freuen«, schreibt Fromm.
Entfremdete Menschen
Als Individuen sind die
Menschen aber geprägt von den Umständen, die sie sich als
Gesellschaft geschaffen haben. Im Kapitalismus verliert die Arbeit
durch Arbeitsteilung und Privateigentum an Produktionsmitteln den
Charakter selbstbestimmten Ausdrucks menschlicher Fähigkeiten und
wird zu einem Zwang, der die menschliche »Physis abkasteit und
seinen Geist ruiniert«.
Diese »Entfremdung« von
der eigenen Tätigkeit verhindert, dass die Menschen die produzierten
Gegenstände als ihr eigenes Werk erkennen. Da sie ihre Zeit und
Lebensfreude der Produktion von »Dingen« opfern, scheint es, als
würden die Dinge sie beherrschen. Ebenso erscheinen die
gesellschaftlichen und politischen Umstände wie Naturgewalten, denen
die Menschen machtlos gegenüberstehen.
Selbstständig mitbestimmen
Marx hat auch davor gewarnt,
die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln mit ihrer
Verstaatlichung zu verwechseln, denn dann wären die Menschen
lediglich dem »abstrakten Kapitalisten«, dem Staat, der Bürokratie,
unterworfen. Um die Entfremdung von der Welt und den Mitmenschen zu
durchbrechen, muss jede und jeder Einzelne über die
gesellschaftlichen Prozesse selbstständig mitbestimmen können.
»Sozialismus als solcher
war für Marx nie die Erfüllung des Lebens, sondern war vielmehr die
Bedingung einer solchen Erfüllung«, verdeutlicht Fromm. Auch
betont er, dass Forderungen, die sich einzig auf mehr
Verteilungsgerechtigkeit richten, ein Grundproblem außer Acht
lassen: Das Herrschaftsverhältnis bliebe erhalten und somit auch die
Möglichkeit, materielle Verbesserungen jederzeit rückgängig zu
machen.
Sozialismus ist Emanzipation
Wichtig ist Fromm, darauf
hinzuweisen, dass für Marx die Vorstellung nicht-entfremdeter Arbeit
keineswegs zum Inhalt hatte, im Sozialismus derselben stumpfsinnigen
Arbeit wie im Kapitalismus nachzugehen, bloß eben freiwillig, oder
gar sich der Gemeinschaft zuliebe in Askese zu üben. Im Gegenteil
stehen den Menschen in einer sozialistischen Gesellschaft alle
Möglichkeiten der Selbstverwirklichung offen, denn die
gesellschaftliche Regelung der Produktion befreit den Einzelnen von
der ständigen Sorge um die Sicherung des Überlebens. So entsteht
Raum für neue Wünsche und Ideen und das demokratische Wirtschaften
bietet Zeit und Gelegenheit, diese umzusetzen.
Im Leben der Arbeiterklasse
zeigt sich die aus der kapitalistischen Produktionsweise
resultierende Unterdrückung der Menschen besonders deutlich und
unerbittlich, graduell leiden jedoch alle gesellschaftlichen Klassen
unter der »Versklavung des Menschen (...) durch Dinge und Umstände,
die sie selbst machen«, betont Fromm. Deshalb müsse die
Emanzipation von diesen Umständen politisch zwar die Form der
Arbeiteremanzipation annehmen, aber eben nicht, um die bestehende
kapitalistische Herrschaft durch die neue Herrschaft einer Klasse
über andere zu ersetzen, sondern weil in der Befreiung der Arbeiter
die Befreiung aller Menschen enthalten ist.
Potenzial zur Befreiung
Erich Fromm versucht im
»Menschenbild bei Marx« zu zeigen, dass die kapitalistische
Gesellschaftsordnung nicht nur der »Natur des Menschen«
widerspricht, sondern dass eben die menschliche Natur auch das
Potenzial zur Befreiung von den selbst geschmiedeten Fesseln
bereithält. Seine philosophiehistorische Herleitung überzeugt zwar
nicht durchgängig, doch schmälert das keineswegs den
Gesamteindruck. Fromm zeigt sehr schön, dass die Kerngedanken aus
den frühen, philosophischen Schriften von Marx auch für sein
Spätwerk zentral sind. Neben vielen Zitaten im eigentlichen Text
gibt es einen Anhang mit umfangreichen Auszügen aus den
Frühschriften von Marx.
»Marx-Kenner mögen bitte
dazu nicht bemerken, dies sei nicht neu«, hieß es in der
Buchbesprechung der Zeit. »Für Millionen von Menschen, die
über Marx jeden Tag lesen, seinen Namen jeden Tag nennen (und meist
verfluchen), sind diese Tatsachen durchaus neu.« Leider gilt das noch
heute. Grund genug, Fromms Buch zu lesen.
Das Buch:
Erich Fromm
Das Menschenbild bei Marx.
Mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx
Ullstein Verlag
Frankfurt am Main
Wiederauflage 1980
Nur noch antiquarisch
erhältlich
Zur Autorin:
Carla Assmann ist
Redakteurin von marx21 und verzweifelt seit der Lektüre dieses
Klassikers nicht mehr so oft an ihren Mitmenschen.
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