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Interview | Drucken |
Ist Marx ein Muss für die neue Linke?
Interview mit Michael Ferschke über den Kongress „Marx is’ Muss."

Michael, du gehörst zu den Veranstaltern von „Marx is‘ Muss". Erzähle uns etwas zu den Hintergründen.

Anfang Juni waren wir Teil der erfolgreichen Protestwoche gegen das Gipfeltreffen der G8 in Heiligendamm. Zwei Wochen darauf ist mit der Vereinigung von WASG und Linkspartei endlich eine bundesweite Alternative zum neoliberalen Kurs der Sozialdemokratie entstanden.
Marx21 versteht sich als marxistische Stimme innerhalb der neuen Linken und organisiert diesen Kongress, um zentrale Herausforderungen für die Linke zu diskutieren.
Beispielsweise finden sich in der Programmatik der Partei Die LINKE viele Forderungen wieder, die einst zum Kernprofil der Sozialdemokratie gehörten - bevor sie unter Schmidt und Schröder nach rechts ging. Dazu zählen: Mehr staatliches Eingreifen in den Markt, keine Auslandseinsätze der Bundeswehr, Ausbau des Sozialstaates, mehr Demokratie. Dieses antineoliberale Profil, am stärksten verkörpert durch das Auftreten Oskar Lafontaines, macht die Anziehungskraft und Popularität der neuen Partei aus. Dies ist zum einen nicht unumstritten innerhalb der neuen Partei und zweitens verbinden sich damit weitergehende Fragen der Durchsetzung dieser Forderungen.

Wieso ist das innerhalb der Partei umstritten?
Die Partei ist ein Zusammenschluss zweier recht unterschiedlicher politischer Traditionen, die sich aufgrund der Oppositionsbewegung gegen die Agendapolitik der Schröderregierung zusammengefunden haben: Zum einen die PDS, als Nachfolgerin einer Staatspartei, mit vielen Mandatsträgern in Kommunen und Städten Ostdeutschlands. Zum anderen die WASG, als politischer Ausdruck des Ablösungsprozess von der SPD, mit einem starken gewerkschaftlichen Element.
Aus diesen verschiedenen Kulturen ergeben sich entsprechend unterschiedliche Perspektiven auf linke Politik, wobei die politischen Flügel teilweise quer zu den ehemaligen Parteigrenzen verlaufen. Einen Flügel können wir als „Regierungssozialisten" bezeichnen, dessen vordringliches Ziel die „Gestaltung" der Politik über die Regierungsebene ist. Dem Bedürfnis, bereits heute Koalitions- und „regierungsfähig" zu werden, steht ein allzu scharfes politisches Oppositionsprofil im Wege. Von daher ist der Flügel der Regierungssozialisten bestrebt, dieses linke Profil aufzuweichen.
Wir positionieren uns als Marxisten ganz klar auf der Seite eines zweiten Flügels, der sich gegen eine Aufweichung des linken Profils stellt und für den Aufbau einer schlagkräftigen Opposition gegen den Neoliberalismus in und außerhalb der Parlamente eintritt.
Der Kongress bietet deshalb eine Plattform für viele Aktivisten aus dem bewegungsorientierten Spektrum der Partei und diskutiert die Herausforderungen für die Linke aus diesem Blickwinkel - beispielsweise unsere Haltung zu Privatisierungen, Auslandseinsätzen der Bundeswehr oder die Bilanz von Regierungsbeteiligungen der Linken.

Worin bestehen Deiner Meinung nach die strategischen Herausforderungen für eine erfolgreiche Linke?
Die neue Linke ist ein Produkt der Rechtsentwicklung der Sozialdemokratie. Viele ihrer Forderungen hätte man auch in der SPD unter Willy Brandt finden können. Oskar Lafontaine spricht für viele, wenn er sagt, er sei Sozialdemokrat geblieben, während sich die SPD von ihren Positionen verabschiedet und aufgehört habe, Arbeitnehmerinteressen zu vertreten.
Nun stellt sich die Frage, mit welcher Strategie heute linke Reformforderungen gegen das Kapital durchgesetzt werden können. Denn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich seit den 70er Jahren grundlegend verändert: Während das Wirtschaftswachstum unter der ersten Brandtregierung (1969-72) noch jährlich 5 Prozent betrug, waren es zwischen 2000 und 2006 nur noch 0,7 Prozent. Die Arbeitslosenquote hat sich seit Ende der 60er Jahre verzehnfacht.
Das alles bedeutet, dass eine systematische Reformpolitik heute nur gegen erbitterten Widerstand des Kapitals durchsetzbar ist. Aufgrund der verschärften internationalen Konkurrenz und des mageren Wirtschaftswachstum sind die Herrschenden immer weniger bereit, soziale Kompromisse einzugehen.
Auf dem Kongress wollen wir diesen Zusammenhängen auf den Grund gehen. Eine Veranstaltungsreihe widmet sich sich der marxistischen Analyse des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Wir gehen der Frage nach, inwiefern sich dieses System regulieren lässt und wie die Linke das Kapital in die Knie zwingen kann. Klar dürfte sein, dass wir die sozialen Kräfteverhältnisse massiv zu Ungunsten des Kapitals verschieben müssen, um unsere Forderungen auch nur ansatzweise durchzusetzen.

Wie können die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse verschoben werden?

Seit der Krise der 70er Jahre ist international ein Umstrukturierungsprozess in Gange, in Zuge dessen das Kapital versucht, durch Erhöhung der Ausbeutungsrate der Beschäftigten seine Profit- und Investitionsbedingungen zu verbessern. Diese Offensive hat vielfältige Formen angenommen: Rückbau des Sozialstaates, Verdichtung der Arbeitsabläufe, negative Lohnentwicklung, Aushöhlung der demokratischen Einflussmöglichkeiten, etc.
In Deutschland hat diese Entwicklung unter der Schröder-Regierung erst richtig an Dynamik gewonnen. Die Gewerkschaftsbewegung ist relativ in die Defensive gedrückt worden, weil sie gegen die Angriffe des Kapitals politisch schlecht gerüstet war. In den Gewerkschaften sind sozialpartnerschaftliche Ansätze dominierend, die auf die Aussöhnung der Interessen von Kapital und Arbeit setzen. Das Kapital hingegen ist nicht mehr bereit, den bisherigen sozialen Kompromiss dieser Partnerschaft zu tragen.
Die sozialen Bewegungen müssen wieder in die Offensive kommen, damit sich auch die Ausgangsbedingungen für linke Politik verbessern. Es bedarf der kämpferischen Erneuerung der Arbeiterbewegung. Dazu muss die Linke den lähmenden Griff des Standortnationalismus und der SPD in den Gewerkschaften zurückdrängen. Arbeitskämpfe und Streiks, wie aktuell der Lokführer, bieten ideale Ansatzpunkte dafür.
In der Veranstaltungsreihe „Wie weiter für die Gewerkschaften?" widmen sich Aktive aus Betrieben und Gewerkschaften diesen Herausforderungen.

Im Programm der Konferenz finden sich auch historische Veranstaltungen zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution. Ist diese Perspektive nicht mit den Diktaturen des Ostblockes gescheitert?
Die staatssozialistischen Gesellschaften des Ostblockes können kein Modell für eine neue Linke sein. Mehrere Veranstaltungen des Kongress widmen sich deshalb der Analyse der DDR als Klassengesellschaft, in der es sowohl soziale Ungleichheit als auch Unterdrückung gab. Ebenso gehen wir der Frage nach, warum sich der Stalinismus in der Sowjetunion und in der internationalen kommunistischen Bewegung durchsetzen konnte. Von all dem grenzen wir uns ab. Allerdings sehen wir in der Geschichte der Arbeiterbewegung vor diesen Entartungen viele Anknüpfungspunkte für einen emanzipatorischen Marxismus: von Marx, über Lenin, Luxemburg und Gramsci. Diese Traditionslinien eines Sozialismus von unten gilt es wieder zu entdecken und für die neue Linke fruchtbar zu machen.
Denn die Frage von Reform und Revolution wird sich für die neue Linke wieder aufdrängen. Wenn wir uns die internationalen und historischen Erfahrungen der Linken anschauen, dann stand sie immer wieder vor zwei Optionen: entweder vor dem massiven Druck der Herrschenden einzuknicken und ihre linken Forderungen zu verraten oder den Konflikt eskalieren zu lassen und die Machtfrage zu stellen. Dann stellt sich die Frage der Revolution neu: wie können wir das Kapital enteignen und die reaktionären und repressiven Teile des Staatsapparats besiegen?
Auf dem Kongress wollen wir mit internationalen Gästen die Erfahrungen von Regierungsbeteiligungen der Linken ebenso diskutieren wie die aktuellen Umbrüche in Lateinamerika.

Zur Person:
Michael Ferschke hat Nordamerikastudien, Soziologie und Politik studiert. Er arbeitet in der Theorie-AG des Studierendenverbands DIE LINKE.SDS mit. Für Marx21 organisiert er den Kongress „Marx is' Muss".
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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TERMINE

16. bis 19. Mai:
Blockupy: Widerstand gegen das Spardiktat von Troika und Regierung – Für internationale Solidarität und Demokratisierung aller Lebensbereiche, Frankfurt am Main

07.- bis 10. Juni:
»MARX IS MUSS«-Kongress in Berlin.

17.- bis 19. August: »Sommerakademie« der Sozialistischen Linken.


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