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25.09.07: Tarifstreit |
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Einzelhandel: Streiks für Löhne, die zum Leben reichen |
Trotz längerer Ladenöffnungszeiten wollen die Unternehmer im Einzelhandel keine Zuschläge für Spät- und Samstagsarbeit mehr zahlen. Nachtzuschläge sollen drastisch gekürzt werden. Für eine Verkäuferin würde das bis zu 180 Euro weniger Lohn bedeuten. ver.di hat für Oktober bundesweit weitere Streiks angekündigt.
 „Habe Arbeit, brauche Geld“: Für fast die Hälfte der Kolleginnen und Kollegen im Einzelhandel reicht das Arbeitseinkommen nicht zum Leben, sagt ver.di. Im Bild: Streik bei Karstadt in Berlin am Montag (Foto: Frank Eßers) Seit Monaten bleiben die
Unternehmensverbände im Einzelhandel bei ihren
Kürzungsforderungen. Nach bundesweit über 500 Warnstreiks
und Streiks bis Ende August ist Anfang September auch die vorerst
letzte Verhandlungsrunde im Pilotbezirk Nordrhein-Westfalen (NRW) an der
harten Linie der Bosse gescheitert.
Nun will die Gewerkschaft ver.di ihre
Streiks ausweiten. Um bundesweit für
Oktober geplante Streiks vorzubereiten, finden nach Mitteilung von
ver.di in vielen Betrieben Urabstimmungen statt. Nach gescheiterten
Verhandlungen wird seit Mitte September in Niedersachsen, Bayern und
Berlin bereits wieder gestreikt.
1,7 Prozent mehr Lohn haben die
Unternehmer in NRW angeboten. Dieses „Angebot" soll aber nur
gelten, wenn die Zuschläge wegfallen. Für die Kolleginnen
und Kollegen bliebe unterm Strich ein dickes Minus.
ver.di hingegen hat in den
Verhandlungen zwischen 4,5 und 6,5 Prozent mehr Geld und einen monatlichen Mindestlohn
von 1500 Euro für eine Vollzeitstelle verlangt. Viele der 2,6
Millionen im Einzelhandel Beschäftigten, 70 Prozent davon
Frauen, kommen mit ihrem Gehalt nicht aus und müssen einen
Zweitjob annehmen. „Habe Arbeit - Brauche Geld" ist deshalb auf
T-Shirts streikender Verkäuferinnen zu lesen.
Kern des Konfliktes sind die Zulagen für Arbeit nach 18:30 Uhr,
an Samstagen und in der Nacht. Die bisherigen Zuschlagsregelungen
würden „kundenfreundliche Öffnungszeiten"
wirtschaftlich unmöglich machen, behaupten die
Verhandlungsvertreter des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels
und des Handelsverbandes BAG. Außerdem würden diese
Arbeitsplätze gefährden. Wegen der „anhaltend schwierigen
Situation des Einzelhandels" seien die Verhandlungsspielräume
„sehr eng."
Allerdings sind es nicht die Zulagen
für belastende Arbeitszeiten, die Jobs gefährden, sondern
die Preisschlachten zwischen den Konzernen und Umsatzeinbußen
durch die Mehrwertsteuererhöhung. Seit Jahren kämpfen große
Einzelhandelsunternehmen verbissen um Marktanteile. Sie liefern sich
Rabbatschlachten mit Kampfpreisen, die in einigen Fällen sogar
unter den Einkaufskosten der Produkte lagen.
Ob Aldi. Lidl, oder Metro, sie alle
lassen für ihren knallharten Konkurrenzkampf die Belegschaften
bluten. Um billiger als die Konkurrenz zu sein, greifen viele
Unternehmer zu unsauberen Mitteln: geringe Bezahlung, nicht bezahlte
Überstunden, Einschüchterungen durch Filialleiter,
Behinderung von Betriebsratsgründungen.
Gerade die Großen der Branche,
die in den Tarifverhandlungen bestimmend sind, verweisen auf die
schlechte Lage im Einzelhandel. Sie selbst allerdings machen gute
Gewinne: Im vergangenen Jahr hat die Metro-Gruppe (real, Media Markt,
Saturn, Kaufhof) einen Gewinn von fast 2 Milliarden Euro gemacht,
14,1 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Bei der Edeka-Gruppe waren es
1,1 Milliarden Euro (plus 14 Prozent), die Rewe-Gruppe legte mit 655
Millionen um 24,9 Prozent zu. Bei der Otto-Gruppe machten 624
Millionen Euro Gewinn ein Plus von 10,4 Prozent aus. Der
Karstadt-Konzern steigerte seinen Gewinn auf 146 Millionen Euro, ein
Plus von 123 Prozent.
Um Personalkosten zu sparen, sind
zwischen 2003 und 2006 rund 130.000 Vollstellen im Einzelhandel
vernichtet worden. Laut ver.di wird nur ein Teil davon ersetzt,
allerdings durch Teilzeit- und Minijobs. Im selben Zeitraum haben die
Unternehmen ihre Verkaufsfläche jedes Jahr um bis zu 1,5
Millionen Quadratmetern erweitert: nicht, weil die Kauflust der
Bevölkerung stark zugenommen hätte, sondern um der
Konkurrenz Kunden abzujagen.
Immer häufiger werden
Leiharbeitskräfte eingesetzt. Den Zeitarbeitsfirmen zahlen
Einzelhändler zwar oft ein Entgelt in Höhe des im
Unternehmen üblichen Grundlohnes, aber keine Zuschläge für
Spät- oder Samstagsarbeit. Bei den Leiharbeitskräften
selbst kommt ein Lohn an, der oft nur halb so hoch ist wie jener der
fest angestellten Kolleginnen und Kollegen.
Ebenfalls zugenommen hat die Flucht der
Bosse aus Tarifverträgen. Mehr als ein Drittel der
Handelsunternehmen hat keine Tarifbindung mehr. In diesen Betrieben
werden auch keine Zuschläge bezahlt, teilte der
Verhandlungsführer der Unternehmer, Rainer Marschaus, mit.
In Berlin fordern die Unternehmer
außerdem eine Angleichung des West-Tarifs an die niedrigeren
Löhne im Osten. Auch deswegen haben am Montag 300 Kolleginnen
und Kollegen Karstadt bestreikt und am Kurfürstendamm
demonstriert. „Eine solche Angleichung hieße, 1 Stunde länger
ohne Lohnausgleich zu arbeiten und etwa 300 Euro weniger Urlaubs- und
Weihnachtsgeld", sagte eine Kollegin der ver.di-Streikleitung gegenüber
marx21. „Der Bruttolohn für eine
Vollzeitstelle beträgt in der Endstufe 1977 Euro im
Monat. Doch das verdienen nur wenige, weil viele Teilzeit arbeiten", so die Kollegin.
Mütter werden durch flexibilisierte Arbeitszeiten vor besondere Schwierigkeiten gestellt. „Laut Tarifvertrag
können sie sich von der Spätschicht befreien lassen, wenn sie Kinder unter 13 Jahren haben. Aber in der Praxis sieht
das anders aus", so die Streikleitung. Eine
Kollegin beklagte: „Wenn man den Arbeitsplatz behalten will,
muss man auch in der Spätschicht arbeiten. Deswegen vor Gericht
zu ziehen, kann man niemandem zumuten."
Es ist auch nicht so einfach, die Kleinen in
die Kita zu bringen. Denn die Arbeit beginnt oft, bevor diese öffnet. Für die Frühschicht gibt es in Berlin laut Streikleitung „keine entsprechende Regelung im Tarifvertrag".
Erika Ritter geht davon aus, dass die Arbeitsniederlegungen "noch deutlich an Breite" gewinnen werden. "Denn am Verhandlungstisch geht im Moment nichts mehr", sagte die ver.di-Fachbereichsleiterin Handel für Berlin-Brandenburg in einem Interview mit der "jungen Welt".
(Frank Eßers)
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