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Sudan | Drucken |
Schwarzes Gold und blaue Helme
26.000 UN-Soldaten sollen nach Darfur im Sudan - angeblich um bürgerkriegsähnliche Zustände zu beenden. Doch in Wahrheit stehen strategische und wirtschaftliche Interessen hinter dem Einsatz, meint David Meienreis.

Der Sudan ist das größte Land des afrikanischen Kontinents und umfasst eine Fläche, die sieben Mal so groß ist wie Deutschland. Seine Entstehung als einheitliches Staatsgebilde schuldet er der Kolonialpolitik Frankreichs und Großbritanniens, die die Gebiete am Horn von Afrika im 19. Jahrhundert untereinander aufteilten. Die Grenzziehung des Sudan wie auch seiner ostafrikanischen Nachbarstaaten nahm auf ethnische oder geographische Zusammenhänge keine Rücksicht, sondern fußte allein auf dem militärischen Gleichgewicht der beiden größten Kolonialmächte dieser Zeit.

Die Bevölkerung des Landes ist größtenteils muslimisch. Arabisch ist Landessprache. Wirtschaftlich unterteilt sich das Land in wenige städtische Industriezentren und ländliche Gebiete, in denen nomadische Stämme und sesshafte landwirtschaftlich orientierte Gemeinden nebeneinander leben. Die Bevölkerung des Landes ist von knapp zwei Millionen 1905 auf 26 Millionen 1993 und rund 40 Millionen 2006 angewachsen. Dies hat im Zusammenwirken mit dem vielerorts extrem trockenen Klima der Sahelzone bereits seit vielen Jahren zu zum Teil gewaltsamen Auseinandersetzungen um Weide- und Ackerflächen geführt, von denen die Weltöffentlichkeit kaum Notiz genommen hat.

Der Sudan ist seit seiner Unabhängigkeit von der britischen Kolonialmacht 1956 fast ununterbrochen Schauplatz innerstaatlicher bewaffneter Konflikte gewesen. Als Verbündeter des Westens im Kalten Krieg und als Empfänger auch deutscher Waffenlieferungen, die erst 1993 eingestellt wurden, war das Land aber von Kritik an seiner Menschenrechtsbilanz lange Zeit ausgenommen.

1998 machte die Regierung unter US-Präsident Bill Clinton die al-Qaeda als Verantwortliche für die Attentate auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar-es-Salaam aus. Weil die al-Qaeda im Sudan Lager unterhielt, bombardierte die US-Luftwaffe 1998 eine Medikamentenfabrik und forderte von der sudanesischen Regierung die Auflösung der al-Qaeda-Strukturen in ihrem Land. Präsident Al-Bashir kam dieser Forderung nach und stieg nach dem 11. September 2001 zu einem der Verbündeten der Bush-Regierung im „Kampf gegen den Terrorismus" auf.

Zu dieser Zeit bekämpfte die sudanesische Regierung im Süden des Landes verschiedene bewaffnete Gruppen, die sich zur Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA) zusammengeschlossen hatten, und sich seit Mitte der 80er Jahre im Aufstand befanden.

Dieser Krieg hat Schätzungen zufolge seit 1985 über zwei Millionen Todesopfer gefordert und ist damit einer der blutigsten seit dem zweiten Weltkrieg.

Der langjährige Anführer der SPLA, John Garang, orientierte seine Miliz auf eine größere Autonomie des südlichen Landesteils, der an der politischen Macht und den Ressourcen des Landes stärker beteiligt werden sollte. Garang kam im Juli 2005 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben.

Auf massiven diplomatischen Druck der USA hatte die sudanesische Zentralregierung im Januar ein Umfassendes Friedensabkommen (CPA) mit seiner Bewegung unterzeichnet, als Teil dessen die SPLM, der politische Arm der SPLA, an der Zentralregierung beteiligt wurde, und das für 2011 eine Volksabstimmung nur im Süden des Landes über dessen Unabhängigkeit vorsieht. Alle Beobachter gehen davon aus, dass dieses Referendum zur Bildung eines neuen Staates führen wird.

Unsicher ist, ob die Regierung in Khartum Militär einsetzen wird, um diese Entwicklung zu verhindern. Die NATO-Mächte und allen voran die USA setzen jedenfalls all ihrer öffentlichen Sorge um den Zerfall von Staaten und die Stabilität der internationalen Ordnung zum Trotz auf die Zergliederung des Sudan und nehmen dabei in Kauf, die sudanesische Regierung vor den Kopf zu stoßen. „Was des einen Terrorist, ist des anderen Freiheitskämpfer", wusste Präsident George W. Bush schon kurz nach dem 11. September.

Zur Rechtfertigung einer internationalen Invasion


Was in Darfur zurzeit geschieht ist umstritten. Teile der US-Regierung sprechen von Völkermord und bis zu 400.000 Toten. Der US-Gesandte für Darfur, Andrew Natsios, beschuldigt die sudanesische Regierung, bei Bombardements den massenhaften Tod von Zivilisten in Kauf zu nehmen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass bis zu 200.000 Menschen den Gewalttätigkeiten zum Opfer gefallen und bis zu 2,5 Millionen weitere vertrieben worden sind. Vier Millionen sollen denselben Schätzungen zufolge humanitärer Hilfe bedürfen. Bei einer Gesamtbevölkerung des Darfur von sieben Millionen Menschen würde das bedeuten, dass sämtliche Einwohner des riesigen Gebietes mehr oder weniger schwer von den Kämpfen betroffen sind.

Diese Schätzungen beruhen allerdings großenteils auf den Berichten von Mitarbeitern der UN-Flüchtlingslager, die in Darfur selbst und im angrenzenden Tschad eingerichtet wurden. In armen Regionen hat das Angebot von Lebensmitteln, sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und wetterfesten Unterkünften erfahrungsgemäß eine starke Anziehungskraft. Armut und Elend sind auch in Abwesenheit kriegerischer Auseinandersetzung ausreichende Motivation, Hilfe aufzusuchen, wenn sie denn angeboten wird.

Bislang sind keine Massengräber gefunden worden, und auch von den angeblich 2.000 zerstörten Dörfern in Darfur werden der Öffentlichkeit keine Bilder präsentiert. „Dies legt den Schluss nahe, dass man das wahre Ausmaß der Zerstörungen gar nicht wissen will. Punktuelle Überprüfungen der häufig abgedruckten Karte der USAID (US Agency for International Development) mit Hilfe von Quickbird-Aufnahmen ergaben vielmehr in einem der angeblich am schlimmsten betroffenen Gebiete keine einzige niedergebrannte Hütte", berichtete der Sudan-Experte Stefan Kröpelin von der Universität Köln Ende 2006. „Und warum ist der seit über drei Jahren angekündigte UN-Report, der die hohen Schätzungen belegen soll, noch immer nicht erschienen? In den letzten Ankündigungen im Juni 2006 sprach der Chefankläger Luis Ocampo entgegen den sonst genannten Zahlen nur noch von 'einer erheblichen Anzahl von Massakern mit jeweils Hunderten Opfern', was schrecklich genug ist, aber der Realität wahrscheinlich näher kommt. Bis endlich schlüssige Beweise vorgelegt werden, ist davon auszugehen, dass in den vergangenen Jahren ungleich mehr unschuldige Zivilisten im Irak, in Afghanistan, in Palästina und im Libanon ums Leben gekommen sind."

Jedes einzelne verlorene Menschenleben durch den Krieg im Sudan ist eine Tragödie. Doch es sollte misstrauisch stimmen, dass die Forderung nach dem Schutz der Menschenrechte durch ausländische Truppen von eben jenen Politikern am lautesten erhoben wird, die für zehntausende Opfer im Irak und Afghanistan verantwortlich sind.

Und wenn das Morden im Sudan die Dimensionen hat, die die Befürworter einer Intervention annehmen, stellt sich die Frage, warum nach Jahrzehnten völligen Desinteresses von Seiten der Bush-Regierung plötzlich eine militärische Intervention gefordert wird.

Globale Konkurrenz und das Ringen um Afrika

Die Vermutung liegt nahe, dass die westlichen Regierungen genauso wenig am Leid der Sudanesen interessiert sind wie an dem der Menschen in Afghanistan und Irak. Wie so oft stehen auch im Fall Sudan / Darfur hinter der Menschenrechtsrhetorik handfestere Interessen.

In den vergangenen Jahren sind am Horn von Afrika - besonders in Somalia und im Sudan - erhebliche Vorkommen an Erdöl und -gas entdeckt worden. Die Erkundung der Reserven im Sudan ist noch nicht abgeschlossen. Nach ersten Funden im Süden des Landes stellt sich nun heraus, dass die Felder sich kontinuierlich nach Osten, also nach Darfur hinein erstrecken. Optimistische Schätzungen gehen gar davon aus, dass diese Funde sich mit denen des Irak oder Saudi-Arabiens messen könnten.

Ein zentraler Streitpunkt zwischen der SPLA und der Zentralregierung in Khartum ist die Aufteilung der Einkünfte aus diesen Funden. Die US-Regierung unterstützt die Position der SPLA.

1980 war es der US-Ölkonzern Exxon, der sich Förderkonzessionen im Sudan sicherte. Aufgrund der sich verschlechternden Sicherheitslage, der geringen damals zu erwartenden Fördermengen und der Verschlechterung des politischen Klimas zwischen dem Sudan und den USA, die in US-Wirtschaftssanktionen gipfelte, gab Exxon seine Lizenzen Anfang der 90er Jahre auf. Mittlerweile ist der chinesische Ölkonzern CNPC der größte und praktisch einzige Investor und Abnehmer der sudanesischen Vorkommen, die zu 80 Prozent im Süden des Landes lagern und 40 Prozent der Gesamteinnahmen der Regierung in Khartum ausmachen. CNPC hat eine Pipeline nach Port Sudan am Roten Meer bauen lassen, die von 4.000 chinesischen „zivilen Schutzkräften" bewacht wird.

Sollte sich der Südsudan als unabhängiger Staat etablieren, könnte dessen Regierung alle geltenden Vereinbarungen, die mit der Khartumer Regierung geschlossen wurden, für nichtig erklären. Da dies wie alle bisherigen Schritte der westlichen Staaten nur gegen den Willen der sudanesischen Regierung durchzusetzen sein wird, zielt die US-Strategie auf deren weitest mögliche Schwächung. Vorschläge zur Untergrabung der Khartumer Regierung durch Stärkung der sudanesischen Provinzen präsentiert unablässig der oben bereits zitierte John Prendergast in seiner Funktion als Berater der International Crisis Group.

Die Präsenz ausländischer Truppen, deren Auftrag in Darfur eindeutig gegen die sudanesische Regierung gerichtet sein soll, unter Kommando der vom Westen initiierten und finanzierten Afrikanischen Union wäre hierbei ein wichtiger Meilenstein.

Öl ist ein strategischer Rohstoff. Der Bedarf der chinesischen Wirtschaft ist mit ihrem gewaltigen Wachstum der letzten Jahrzehnte dramatisch gestiegen. Seit Mitte der 90er Jahre ist China von Ölimporten abhängig und mittlerweile der drittgrößte Käufer weltweit. Verfügbarkeit und Preis des Erdöls sind allerdings politisch beeinflusst, dabei spielen Chinas Konkurrenten Russland und die USA wesentliche Rollen. Die USA wie auch die Regierungen Deutschlands und der EU sehen den wirtschaftlichen Aufstieg Chinas zunehmend als Bedrohung an. Denn mit seinem wachsenden wirtschaftlichen Gewicht steigt auch seine Bedeutung als möglicherweise kommende Weltmacht.

Die chinesische Regierung hat sich deshalb auf eine „Nischenstrategie" verlegt und nach Öllieferungen aus Ländern Ausschau gehalten, die von westlichen Unternehmen gemieden werden. Der politisch isolierte Sudan ist eines dieser Länder, Iran und früher der Irak weitere. „Doch der Späteinsteiger China", schreibt Friedemann Müller von der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik, „wirkt als Störenfried (...), weil es sich darum bemüht, Konkurrenten aus den enger werdenden Angebotsmärkten (für Erdöl) zu verdrängen." Müllers Kollege Denis Tull versteht Chinas „rücksichtslose Interessenpolitik" als „Herausforderung für die deutsche Afrikapolitik". „Mit dem Aufschwung wirtschaftsstarker Schwellenländer hat sich die globale Konkurrenz um die Beschaffung fossiler Brennstoffe dramatisch verschärft", erklärten die Regierungsfraktionen im Februar, „Deutschland steht vor der Herausforderung, seine Position und Kooperation gegenüber konkurrierenden Schwellenländern zu überdenken, den neuen politische Gegebenheiten anzupassen, die eigenen Interessen stärker zu betonen und den internationalen Interessenausgleich im Energiesektor zu fördern." Und die Bertelsmann-Stiftung fordert, bei der Beschaffung von Öl und Gas, „den Lebenselixieren der westlichen Industrienationen", die „geballte Macht der EU-27" einzusetzen, „drohen doch in der Zukunft Verteilungskonflikte, deren mögliches Ausmaß und deren Kosten die Zeit des Kalten Krieges noch in den Schatten stellen könnten."

In Kreisen der Bundeswehr, zu deren Aufgaben laut aktuellem Weißbuch zur Sicherheitspolitik Deutschlands auch die Sicherung von Ressourcen gehört, gilt der Sudan als wahrscheinlichster Schauplatz ihres nächsten Auslandseinsatzes.

Die USA, die China als strategischen Konkurrenten einstufen, zählen die Energiesicherheit seit eh und je zu den Kernthemen der nationalen Sicherheit. Das Horn von Afrika gilt wegen seiner Nähe zum Persischen Golf, seiner eigenen Ölvorkommen und seiner strategischen Lage an einem viel befahrenen Seeweg als strategisch bedeutsam. Es kann nicht bezweifelt werden, dass in den Pentagon-Planungen zum Sudan geostrategische und wirtschaftliche Interessen einen zentralen Platz einnehmen.

Zum Autor:
David Meienreis arbeitet im Arbeitskreis Internationale Politik der Linksfraktion im Bundestag

Glossar: (jeweils anklicken zum Öffnen)
Ende Juli beschloss der UN-Sicherheitsrat, eine bis zu 26.000 Mann starke Truppe in den Sudan zu entsenden, die die bisherigen AMIS-Kräfte in sich aufnehmen soll. Die Resolution 1769 des Sicherheitsrates, in der Auftrag und Befugnisse der Truppe geregelt sind, wurde aufgrund des chinesischen Widerstands erheblich gegenüber dem ursprünglichen Entwurf der Westmächte abgemildert.
Im Januar 2005 zwischen der SPLA und der sudanesischen Regierung unterzeichnetes Abkommen, das auf massiven westlichen Druck zustande kam. Es sieht eine stärkere Beteiligung der SPLM (politscher Arm der SPLA) an der Zentralregierung, die Entwaffnung der SPLA und für 2011 ein Referendum über den Verbleib des Südens im Sudan vor. Die Entwaffnung der SPLA macht keine Fortschritte.
Ein afrikanisches Bündnis aus 53 Staaten, das 2002 aus der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) hervorgegangen ist. Der Hauptsitz der AU ist in Äthiopien. Die AU und besonders ihr militärischer Bereich werden von der EU und anderen westlichen Staaten finanziell und logistisch unterstützt. Die deutschen Regierungsfraktionen loben, dass die AU das UN-Prinzip der Nicht-Einmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten aufgegeben hat.
Militärmission der Vereinten Nationen im Süden und Osten des Sudan zur Überwachung des CPA. An dieser Mission dürfen laut UN-Mandat bis zu 10.000 Militärangehörige teilnehmen, zurzeit sind darunter rund 40 Bundeswehrsoldaten.
Militärmission der AU im Sudan. Die 6.300 afrikanischen Soldaten werden unter anderem vom deutschen und US-Militär in ihr Einsatzgebiet in Darfur geflogen, wo sie das Waffenstillstandsabkommen zwischen der SLA, der JEM und der sudanesischen Regierung überwachen sollen. Die geplante „Hybrid-Mission" soll die AMIS mit der UNMIS verschmelzen und bis zu 26.000 Soldaten stark sein.
Sudanesische Volksbefreiungsarmee kämpft seit den 80er Jahren um mehr Rechte für den Süden des Landes. Ihr Anführer John Garang unterzeichnete 2005 das CPA.
Sudanesische Befreiungsarmee kämpft seit den 90er Jahren um Einfluss in Darfur.
Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit, zweitgrößte bewaffnete Gruppe in Darfur, die sich im Zuge der Auseinandersetzungen in Untergruppen aufgespalten hat.





 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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