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9. November 2007: Interview über Arbeitskämpfe in Ägypten |
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"Frauen führten die Streiks der Männer an" |
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Der zentrale Widerspruch besteht womöglich zwischen der
Notwendigkeit, massenhaft zu mobilisieren, um der Unterdrückung durch das
Regime standhalten und eine ernsthafte politische Alternative aufbauen zu
können, und der Angst der Führung vor einer solchen Mobilisierung. Zu Recht
geht sie davon aus, dass sie die elementare Klassengewalt, die eine solche
Mobilisierung entfesseln könnte, nicht würde kontrollieren können. Daher ihre
Wankelmütigkeit und ihre fortgesetzten Appelle an die Mitgliedschaft, sich zu
gedulden und Verständnis für „die Komplexität der regionalen und
internationalen Lage“ zu haben und so weiter.
Die Linke kann drei mögliche Antworten entwickeln:
Einmal könnten wir sagen, dass die Kämpfe zwischen der
Muslimbruderschaft und dem Regime uns nichts angehen und wir uns darauf konzentrieren
sollten, eine Alternative zu beiden aufzubauen. Das ist abstrakt gesehen auch
richtig. Was bedeutet das aber in der Praxis? Eine Mehrheit der Arbeiter,
Studenten und Freiberufler unterstützt die Muslimbruderschaft, in der sie den
einzigen ernsthaften Herausforderer des Regimes und des Imperialismus sehen.
Diese abstrakte Position kann daher die Linke nur in die Isolation und ins
Sektierertum führen. Implizit bedeutete diese Haltung eine Unterstützung für
das Regime gegen die Muslimbruderschaft, vor allem angesichts der gegenwärtigen
Repressionswelle.
Oder aber wir steigen in ein umfassendes Bündnis mit der
Muslimbruderschaft ein und verschließen die Augen vor ihren internen
Widersprüchen und ihrer Unbeständigkeit , geben unsere eigene unabhängige Politik
und unsere Prinzipien auf oder verbergen sie und verzichten auf Kritik an der
Bruderschaft in Fragen wie Neoliberalismus, Frauen und Unterdrückung der
christlichen Minderheit der Kopten im Lande. Das wäre ein besonders krasser
Opportunismus, der schnell zum Zusammenbrechen jeder radikal linken
Organisation führen würde.
 Männer und Frauen protestieren gemeinsam in Mehalla Kubra (Foto: Mohamed Abul Dahab)
Wir entschieden uns für eine dritte Alternative auf
Grundlage der marxistischen Tradition der Einheitsfront. Sie beinhaltet die
Aufnahme gemeinsamer Kämpfe mit reformistischen Organisationen wie der
Muslimbruderschaft in bestimmten Fragen, auf bestimmten Gebieten, aber ohne
Aufgabe unserer Unabhängigkeit und unserer offenen Kritik und Argumente.
Kannst du uns
einige Beispiele nennen, was das in der Praxis bedeutet?
Während der Demonstrations- und Protestwelle um
demokratische Forderungen herum – gegen die erneute Kandidatur Mubaraks und die
Notstandsgesetze – gründete sich ein Komitee bestehend aus Führern der
Muslimbruderschaft, Sozialisten, Nasseristen und weiteren Leuten. Das eröffnete
uns die Möglichkeit, an Demonstrationen und Versammlungen teilzunehmen, die von
tausenden jungen Aktivisten der Muslimbruderschaft aufgesucht wurden. Damit
stießen wir eine Tür auf, um mit diesen Aktivisten zusammenzuarbeiten, ohne
unsere revolutionär-sozialistischen Ideen zu verbergen. Unsere Mitglieder
nahmen daran mit unseren roten Fahnen teil, sie verteilten Zeitungen und
Flugblätter und stritten sich über alle möglichen politischen Fragen.
Ein zweites Beispiel war die Demonstrationsserie der
Muslimbruderschaft gegen das Verbot des muslimischen Kopftuchs an öffentlichen
Schulen in Frankreich. Unverschleierte sozialistische Frauen beteiligten sich
an diesen Demonstrationen und verteilten eine Erklärung, dass sie das Recht von
Frauen in Frankreich, das Kopftuch zu tragen, voll unterstützten, zugleich aber
das Recht der ägyptischen Frauen, den Schleier abzulegen, verteidigten. Es
schlossen sich viele Diskussionen und Fragen an.
Schließlich beteiligten wir uns an der gemeinsamen
Organisation der Kairoer Konferenz gegen die Besatzung im Irak und in
Palästina. Dazu gehörte, Aktivisten aus der ganzen Welt nach Kairo zu holen und
die Frage des Imperialismus und wie er besiegt werden kann, ausführlich zu
debattieren.
Du sagtest, die
Muslimbruderschaft spielte keine aktive Rolle bei der Unterstützung der
Streiks. Was ist mit der revolutionären Linken? Hattet ihr Einfluss auf die
Arbeiter?
Die Arbeiter, mit denen wir gesprochen haben, die neue
Führung der Arbeiterklasse, ist offen für viele neue Ideen. Sie sagen dir, dass
sie die Muslimbruderschaft gewählt haben, dass sie aber nicht Mitglied sind.
Sie stimmen für sie aus Hass auf die herrschende Partei, oder weil sie weniger
korrupt zu sein scheint. Nur wenige sind ausgesprochene Anhänger der
Muslimbruderschaft. Die revolutionäre Linke versucht, die verschiedenen Kämpfe
miteinander zu koordinieren. Wir versuchen, die Arbeiter einer Industrie oder
über Industriezweige hinweg zusammenzubringen, ihre Kämpfe zu vereinen. Dabei
haben wir einigen Erfolg. Wir führen ernsthafte Gespräche unter Arbeitern
verschiedener Industrien, was die nächsten Schritte sein sollen. Aber noch sind
wir am Anfang.
Man hört
allerseits, dass Arbeiter heutzutage nicht in der Lage seien, sich zu wehren,
weil sie beispielsweise befristete Arbeitsverträge haben und sofort entlassen
werden können. In den großen ägyptischen Betrieben haben sie einige Rechte,
aber in den kleineren sind sie vollends rechtlos. Dennoch beteiligten sich
Arbeiterinnen und Arbeiter an den Kämpfen.
Ja, es gibt Arbeiter, die sich als „Praktikanten“ von
einem Dreimonatsvertrag zum nächsten durchhangeln, und das zuweilen schon seit zehn Jahren. Aber auch diese Arbeiter
sind mehrfach in den Streik getreten, haben ihre Betriebe besetzt und handfeste
Ergebnisse erzielt.
In der Tabakfabrik, die ich vorhin erwähnt habe, haben die
Arbeiterinnen alle keine Papiere. Als die Fabrikinspektoren den Betrieb
besuchten, mussten die Frauen versteckt werden.
 Frauen spielten eine führende Rolle beim Streik in Mehalla Kubra (Foto: Mohamed Abul Dahab)
Ein weiterer interessanter Aspekt der Arbeiterbewegung
ist, dass der erste Streik in der Mehalla-Textilfabrik von den Frauen ausging .
Nur wenige von ihnen haben Arbeitsverträge, und ihre Arbeitsbedingungen sind
schlechter als die der Männer. In den Bekleidungsbetrieben arbeiten zu 90
Prozent Frauen, und sie waren es, die andere Betriebe aufsuchten und die Männer
zum Streik aufriefen. Die meisten Frauen sind vollverschleiert, aber
außerordentlich kämpferisch und blieben die ganze Nacht Seite an Seite mit den Männern in der besetzten
Fabrik. Und oft führen sie die Streiks der Männer an. Wenn du den Schleier einmal ausblendest,
denkst du, sie sind militante Sozialistinnen.
In welchem Tempo
entwickeln sich die Kämpfe gegenwärtig? Und wie wirken sich die Streiks auf die
ägyptische Gesellschaft, auf die Bauern, die Studenten beispielsweise, aus?
Alle reden von den Streiks. Vier Monate lang mindestens
berichteten die bedeutendsten Zeitungen täglich darüber. Auf dem Land sind
keine direkten Auswirkungen zu verzeichnen, aber es ist schwierig, das im
Detail zu wissen.
Die Studenten der Muslimbruderschaft übten zeitweilig
Druck auf ihre Führung aus, etwas zu unternehmen. Linke Studenten beteiligten
sich sofort, oft ganz spontan, an den Kämpfen. Es gibt jetzt Anläufe, Komitees
von Studenten und Arbeitern zu gründen, um die Solidarität zu koordinieren.
Diese Tradition geht zurück auf die 1940er Jahre.
Gegenwärtig gibt es weniger Streiks. Aber manche Streiks,
wie der der Arbeiter vom Suezkanal, sind sehr bedeutsam. Es finden nicht so
viele Streiks statt, aber es ist eine neue Schicht militanter Arbeiter entstanden,
ohne gewerkschaftliche Vertretung, die nun auf Neuwahl der
Gewerkschaftsrepräsentanten in den Großbetrieben drängen.
Sie haben den staatlichen Gewerkschaften ein Ultimatum
gesetzt: Entweder haltet ihr freie und faire Wahlen ab, oder wir spalten uns ab
und gründen unsere eigene Gewerkschaft. Das hat es in Ägypten noch nie gegeben.
In Mehalla al- Kubra unterzeichneten 12.000 von insgesamt 27.000 Arbeitern eine
Erklärung, dass sie die Beitragszahlung an die staatliche Gewerkschaft
einstellen wollen.
Die Bewegung hat ihre Höhen und Tiefen, aber es hat eindeutig eine
qualitative Veränderung in der Arbeiterklasse gegeben. Jahrelang mühten sich
kleine Netzwerke von Aktivisten, ohne viel zu bewegen. Dann erleben wir
plötzlich diese Bewegung von zehntausenden Menschen, die ihre Forderungen
durchsetzen.
Das Interview erschien zuerst in International Socialism 116. Aus dem englischen von David Paenson und Rosemarie
Nuenning.
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