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Eine Religion wie jede andere |
Katrin Schierbach
setzt sich mit gängigen Vorurteilen gegenüber dem Islam
auseinander.
„Wie gefährlich
ist der Islam?", fragte kürzlich das Magazin „Stern" auf
seiner Titelseite. In dem dazugehörigen Leitartikel stellten die
Redakteure zwar fest, dass die meisten Muslime völlig harmlos
sind - um aber gleich hinterher zu schicken, dass die meisten
Terroristen eben doch Muslime seien: „Es mögen in Deutschland
ein paar Hundert, in Europa ein paar Tausend unter Millionen Muslimen
sein, die im Namen des Glaubens Terror in den Städten
propagieren, ein paar Dutzend, die Anschläge vorbereiten. Aber
es sind eben Muslime, keine Buddhisten, keine Veganer und auch keine
Angehörigen einer neuen RAF-Generation."
Zur Erklärung
zitieren die Autoren den Schriftsteller Ralph Giordano: „Ich frage
mich, wie jemand, dem der Koran, diese Stiftungsurkunde einer
archaischen Hirtenkultur, heilig ist, auf dem Boden des
Grundgesetztes stehen kann... Das eine schließt das andere
aus." Die angesprochene Rückständigkeit des Islam
aufgreifend, erläutern die Autoren: „Errungenschaften Europas
wie die Ideen der Aufklärung" hätten „in der
Ideengeschichte des Islam kaum Chancen." Und weiter: „Die
arabisch-islamische Welt ist der letzte Ballungsraum von Diktaturen,
egal ob sie sich Republiken nennen wie Syrien oder Tunesien oder
Monarchien wie Saudi-Arabien."
In diesen wenigen
Sätzen kommen gleich mehrere Vorurteile über den Islam zum
Vorschein, die sich in den vergangenen Jahren in der öffentlichen
Meinung festgesetzt haben: Der Islam sei Rückständig, er
könne keine Trennung von Politik und Religion vollziehen, die
Religion an sich fördere Fanatismus und sei mit Idealen wie
Demokratie, Freiheit und Gleichberechtigung nicht zu vereinbaren. Was
ist dran an diesen Behauptungen?
Vorurteil: Der Islam
ist eine gewalttätige Religion
Schon seit den
Anfängen seien Schwert und Islam nicht zu trennen, behaupten
viele Kritiker. Begründet wird diese Auffassung häufig mit
der schnellen Ausbreitung des Islam im 7. und 8. Jahrhundert nach
Christus. Die Anfänge dieser Religion liegen in dem
aufstrebenden Handelszentrum Mekka. Sie hat ihre Wurzeln im
Zusammenbruch zweier Großreiche - Persien und Byzanz - und
in der raschen Veränderung der Beduinen- und Stammesgesellschaft
des arabischen Raumes. Durch zunehmende Sesshaftigkeit und einen
entstehenden Handelsreichtum, über den aber nur einige wenige
Stammesoberste verfügten, zerbrach die egalitäre Struktur
der Beduinen.
Der Koran
reflektierte diese Spaltung und bot eine einende Interpretation der
Verhältnisse, die eine deutliche Kritik an arrogantem Anhäufen
von Reichtümern ausspricht, ohne jedoch den Reichen ihren Besitz
zu nehmen. Sie wurden lediglich aufgefordert, einen kleinen Teil
ihres Reichtums abzugeben: „Frömmigkeit besteht nicht darin,
dass ihr euer Gesicht nach Westen oder Osten kehrt. Fromm ist
vielmehr, wer an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und an die
Engel und die Schrift und die Propheten; und wer sein Geld - auch
wenn er selbst Bedarf hat - für seine Angehörigen und die
Waisen, die Armen und die Reisenden, die Bettler und die Gefangenen
ausgibt." (Sure 2, 177).
Während und
nach dem Zusammenbruch der beiden Großmächte Byzanz und
Persien gewann der Wunsch nach einem geeinten, nicht mehr von
Fremdmächten bestimmten Arabien an Bedeutung. Die beiden Reiche
hatten in ihrem eigenen Interesse lange Zeit einzelne Beduinenstämme
gegeneinander ausgespielt, um ihre jeweilige Macht zu stärken.
Der neu entstandene Islam konnte auch in dieser Hinsicht einend
wirken. Es gelang, unter seinem Banner die
Stammesauseinandersetzungen zu schlichten - und so die immer
wichtiger werdenden Handelsrouten zu sichern.
Das schnelle
Ausbreiten dieser Religion ist nicht, wie heute behauptet, besonders
blutigen Schwertern geschuldet. Vielmehr war es ein Produkt von
veränderten sozialen und Machtverhältnissen.
Vorurteil: Der Islam
kennt im Gegensatz zum christlichen Europa keine Aufklärung
Diese Sicht gibt
eine idealisierte Geschichtsschreibung wieder: dass aus der
christlichen Kirche heraus die Aufklärung entstanden sei. Die
Ideen der Aufklärung, so auch die Vorstellung, dass Staat und
Religion getrennt werden müssen, wurden jedoch gegen die Kirche
in einem langen gesellschaftlichen Kampf durchgesetzt.
Auch hier kann ein
Blick in verschiedene geschichtliche Epochen zeigen, dass die
angeführten Verabsolutierungen falsch sind. In ihrer Ausbreitung
übernahmen islamische Gesellschaften immer wieder bestehende
Traditionen und trugen so zu einer kulturellen und wissenschaftlichen
Blüte bei. Der US-amerikanische Anglistik-Professor Paul Siegel
erklärt: „So wie die Griechischen Provinzen des Römischen
Reiches zur Römischen Zivilisation beitrugen, so trugen die
eroberten Teile des Byzantinischen Reiches mit ihrem kulturellen Erbe
der griechischen Wissenschaft und Philosophie zur Islamischen
Zivilisation bei. Aus Persischer Tradition stammten hoch entwickelte
(und autokratische) politische Organisationsstrukturen. Indien fügte
sein medizinisches Wissen und seine Mathematik hinzu. Und schließlich
trugen die Araber, die die entwickelten Kulturen, die sie eroberten,
aufsogen und gleichzeitig ihren Stempel aufdrückten, zu dieser
Zivilisation bei."
Siegel beschreibt
weiter: „Die islamische Zivilisation war die reichhaltigste und
fortschrittlichste in der Welt des Frühen Mittelalters,
besonders von der Hälfte des 8. bis zur Hälfte des 11.
Jahrhunderts (...) Während dieser kulturellen Blüte war
griechische Philosophie äußerst einflussreich und prägte
das religiöse Denken der kulturellen Elite. Der berühmte
Philosoph und Mediziner Avicenna, der erkannte, dass sich Krankheiten
über Trinkwasser verbreiten können und dessen ‘Kanon‘
in Europa ‚für eine längere Zeit als alle anderen Werke
als eine Bibel der Medizin' galt, und der ebenso gefeierte
Philosoph und Arzt Averroes waren zwei von vielen, die ‚davon
überzeugt waren, dass die Wahrheiten, die aus rationalen Studien
und Philosophie entstanden, auch den weniger gebildeten Menschen
durch die symbolische Sprache der Religion übermittelt werden
müssen."
Zu dieser Hochzeit
wurde der Koran, wann immer er mit der Vernunft in Konflikt geriet,
nicht streng wortwörtlich interpretiert. Solch ein Denken war
für das christlich geprägte Europa des 10. Jahrhunderts
unvorstellbar. Während dieses die Wissenschaften unterdrückte,
blühten jene im islamischen Raum auf. Tariq Ali weist darauf
hin, dass der Islam „durch die (oben beschriebene)
Auseinandersetzung mit anderen Traditionen stets befruchtet (wurde).
Er entstand im engen Kontakt mit Judentum und Christentum (...) Nur
wenigen ist bekannt, dass es nach dem Niedergang der klassischen
Kultur in der Antike die islamische Renaissance des Frühmittelalters
war, die das Denken der alten Griechen bewahrte und weiter
entwickelte. Ihre Leistungen in den angewandten Künsten und den
Wissenschaften bildeten später die geistige Brücke zur
europäischen Renaissance und zu den Ideen, die das Abendland bis
heute geprägt haben (...) Der Weg vom antiken Griechenland ins
abendländische Europa führte über den langen Umweg
durch die Welt des Islam."
Vorurteil: Der Islam
ist eine intolerante Religion
Auch heute gibt es
unterschiedliche Strömungen und Denkrichtungen in islamischen
Gesellschaften - so existieren neben erzkonservativen Auslegungen
zur Rolle der Frau in der Gesellschaft auch feministische
Koranauslegungen wie beispielsweise die der indonesischen Muslima
Lily Zakiyah Munir.
Intolerante
Auslegungen des Islam entstanden schon in der Vergangenheit meist als
politische Maßnahmen der Herrschenden, wie Paul Siegel zeigt:
„Als Ergebnis des schrumpfenden Handels und der weiteren
Militarisierung der islamischen Gesellschaft während des 12. und
13. Jahrhunderts konnte sie (die islamische Gesellschaft) sich nicht
mehr den Luxus der Duldung leisten, die die früheren
Jahrhunderte gekennzeichnet hatte. Schulen für die offizielle
Interpretation der Religion und des darauf beruhenden Rechtes wurden
gegründet, freie philosophische und theologische Untersuchung
wurde untersagt und eine hierarchische religiöse Struktur wurde
aufgebaut. Frühere Theologen hatten die Säkularisierung der
Politik als Gegenleistung für einen Pakt der gegenseitigen Hilfe
zwischen der Regierung und der Ulema (die Gesamtheit der Gelehrten
des islamischen Rechts) gebilligt."
Gleichzeitig finden
sich in der Geschichte des Islam immer wieder Beispiele religiöser
Toleranz. So hebt Tariq Ali hervor, dass etwa das Osmanische Reich
(14. bis 19. Jahrhundert) verfolgten Andersgläubigen nicht
selten Schutz bot: „Viele der aus Spanien und Portugal vertriebenen
Juden fanden Zuflucht im osmanischen Staatsgebiet (...) Deutschen,
französischen und tschechischen Protestanten - in den
Reformationskriegen auf der Flucht vor den katholischen Häschern
- wurde ebenfalls Schutz gewährt."
Vorurteil: Islam und
Demokratie sind unvereinbar
In der „islamischen
Welt" existierten und existieren durchaus demokratische Bewegungen.
Sie wurden jedoch in den letzten 150 Jahren aktiv unterdrückt -
nicht nur durch Diktatoren, die sich zum Islam bekannten, sondern
auch westliche Industrienationen, allen voran die USA, trugen dazu
bei, demokratische Massenbewegungen niederzuschlagen. Nach wie vor
wird das Königshaus in Saudi Arabien, eine der schlimmsten
Diktaturen weltweit, aktiv vom Westen unterstützt. Auch die
Taliban wurden viele Jahre lang von der US-Regierung finanziert.
Damals waren sie „Freiheitskämpfer" gegen Russland und
erhielten finanzielle Hilfe.
Der Einfluss
fundamentalistischer Gruppierungen und das Erstarken konservativer
Strömungen in manchen islamischen Gesellschaften ist ein relativ
junges Phänomen. Ihr Ruf nach Widerstand gegen den Westen und
korrupte arabische Regimes ist oft die einzige Stimme des Wandels im
Nahen Osten und in Asien - dies ist auch ein Resultat davon, dass
in vielen dieser Länder in den vergangenen Jahrzehnten die
sekuläre Opposition brutal unterdrückt worden ist. So war
beispielsweise in den 1960er Jahren die Kommunistische Partei
Indonesiens die zweitgrößte weltweit. Unter dem vom Westen
unterstützten Diktator Sukarno wurde sie zerschlagen und knapp
eine Million Kommunisten umgebracht.
Entgegen der im
Westen weit verbreiteten Ansicht, er stamme aus dem Mittelalter,
begann die Formierung des politischen Islam erst vor rund einhundert
Jahren als Gegenwehr gegen die Auswirkungen des europäischen
Kolonialismus im Nahen Osten. Sein Einfluss ist aber wesentlich
begrenzter als westliche Politiker und Medien glauben machen wollen.
So schreibt der französische Politologe Gilles Kepel in seinem
„Schwarzbuch Dschihad": „Die Machtübernahme gelang nur im
Iran und Afghanistan, sowie mit Hilfe des Militärs im Sudan und
zeitweise in Pakistan (1977-1988). Weitaus erfolgreicher war der
Kampf um kulturelle Hegemonie. Die ‘Islamisierung' des
gesellschaftlichen Lebens (‘islamische' Kleidung, öffentliches
Gebet, Verbreitung religiöser Literatur, etc.) ist unverkennbar,
sie kann jedoch nicht mit politischer Unterstützung für den
Islamismus gleichgesetzt werden. Wo Wahlen und Umfragen Aufschluss
über die Stärke des Islamismus geben, wie in der Türkei
oder Palästina, können islamistische Organisationen auf die
Unterstützung höchstens eines Fünftels der Bevölkerung
zählen. Unempfänglich für die islamistische Botschaft
sind zunächst natürlich die religiösen Minderheiten.
Auch IndustriearbeiterInnen sind in islamistischen Bewegungen nur
spärlich vertreten, und nur wenigen islamistischen Gruppen
gelang es, die Landbevölkerung zu mobilisieren. In allen
Schichten der Bevölkerung hat der Islamismus mit der
Anziehungskraft der westlichen Konsumgesellschaft zu kämpfen."
Massenbewegungen,
die sich für Demokratie einsetzen, gab es in den 20 Jahre nach
dem Zweiten Weltkrieg im gesamten Nahen Osten. In den drei
Hauptzentren des Kampfes - Ägypten, Iran und Irak - hatten
diese Massenmobilisierungen Auswirkungen auf jeden Bereich der
Gesellschaft. Zunehmende Streiks führten dazu, dass religiöse
und ethnische Grenzen aufgeweicht wurden und dass Frauen im
politischen Leben eine größere Rolle spielten. In Ägypten
waren viele führende Personen der kommunistischen Organisationen
in den 1940er und 1950ern Juden; im Irak führten Aktivisten,
deren Familien Sunniten oder Schiiten oder Kurden oder Christen
waren, Massenkämpfe an, in denen ihr ethnischer Hintergrund
wesentlich unwichtiger als in früheren Generationen war.
Fazit
Die eingangs
zitierten Zuweisungen sind unhistorisch. In der Geschichte des Islam
lassen sich Beispiele für Toleranz und Intoleranz,
Fortschrittlichkeit und Rückständigkeit, sowie Demokratie
und Diktatur finden - je nach politischer Situation und
Bedürfnissen unterschiedlicher Gesellschaftsgruppen. Der Islam
unterscheidet sich so gesehen nicht von allen anderen Weltreligionen.
Alle können als Befreiungstheologien ausgelegt werden, aber auch
als Theologien, die Krieg, Ungerechtigkeit oder Unterdrückung
rechtfertigen.
Die heute
vorherrschende einseitige Darstellung des Islam als blutrünstig
und reaktionär hat eindeutig propagandistische Ziele. Mit dem
Zusammenbruch des Ostblocks und dem alten Feindbildern ist ein neues
entstanden. Die Islamophobie nützt als Rechtfertigung für
Kriege.
Zur Autorin:
Katrin Schierbach
ist Religionswissenschaftlerin und Mitglied von DIE LINKE.
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