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Privatisierungen öffentlicher Wohnungen | Drucken |
Der Verkauf der WOBA in Dresden war ein Fehler
Die ehemals kommunale Wohnungsbaugesellschaft in Dresden ist 2005 an einen Finanzinvestor verkauft worden. Der Architekt Jürgen Ehlers widerlegt die Argumente der Privatisierungsbefürworter.

Dieser Hintergrundartikel bezieht sich auf Jürgen Ehlers allgemeine Analyse der Privatisierung öffentlicher Wohnungen: "Goldadern fürs Kapital"

Der Verkauf der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft (WOBA) in Dresden an den US-Finanzinvestor Fortress im Frühjahr 2006 war zwar nicht die erste Privatisierung, aber die folgenschwerste. In der Stadt gibt es seit Anfang letzten Jahres keinen öffentlichen Wohnungsbestand mehr. Vor dem Verkauf kam es zu heftigen politischen Auseinandersetzungen in der Stadt. Die Linke vor Ort ist über das Für und Wider des Verkaufs tief gespalten. Zwei Argumente sind immer wieder für den Verkauf ins Feld geführt worden: Die Entschuldung der Stadt über den Verkaufserlös und eine so genannte Sozialcharta, die die Mieter schützen soll.

Die in Dresden vereinbarte Sozialcharta nannte der Vertreter von Fortress laut "Frankfurter Rundschau" ein „gutes Marketinginstrument" und gab damit bereits zwischen den Zeilen zu verstehen, dass es ihm nicht um die Absicherung der Mieter ging. Die in der Charta vereinbarten Mieterhöhungsbegrenzungen beziehen sich auf den gesamten verkauften Wohnungsbestand und nicht auf einzelne Wohnungen, wie der Verein „Haus und Grund Sachsen" berichtet. Das bedeutet, dass in vielen Fällen Mieterhöhungen bis 20 Prozent, die gesetzlich zulässig sind, ausgesprochen werden können. Der Kündigungsschutz für WOBA-Mitarbeiter gilt nur zehn Jahre. Ebenfalls zehn Jahre gültig sind die Mietpreis-Begrenzungen, die darüber hinaus nur für Mieter gelten, die bereits einen Mietvertrag haben. Ein Konzern, der wie Fortress mit Rentenfonds arbeitet, kann sich viel Zeit lassen, bis er Rendite ausschüttet. Fortress hat die 1,7 Milliarden Euro für die WOBA nicht aus Mildtätigkeit gezahlt, sondern um Profite zu machen. Es ist ein Milliardenunternehmen, das im Fall von Klagen wegen Vertragsbruchs Rechtsanwälte aus der Portokasse zahlt - anders als die Mieter oder Mitarbeiter.

Wie fadenscheinig der Mieterschutz ist, zeigte sich wenig später sehr deutlich in Frankfurt am Main, als es zwischen der Gemeinnützige Aktien-Gesellschaft für Angestellten-Heimstätten (GAGFAH), deren Hauptanteile Fortress 2004 von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte gekauft hat, und einem der örtlichen Mietervereine zu einem Konflikt um Mieterhöhungen kam.

Die Frankfurter Rundschau berichtete im Juni 2006 hierzu: „In dem Streit beruft sich der Mieterverein auf die so genannte Sozialcharta. Diese regelt unter anderem Mieterhöhungsbeschränkungen, die Auslegung ist aber umstritten. Die von der GAGFAH geforderten Mieterhöhungen stünden im Widerspruch zur Charta, so der Verein. Die GAGFAH meint, bei der Charta handele es sich um eine ‚freiwillige Beschränkung mietrechtlicher Möglichkeiten‘, die kein ‚Anspruchsrecht‘ der Mieter beinhalte."

Einmal abgesehen davon, dass eine Entschuldung über den Verkauf von öffentlichem Besitz wegen der langen Laufzeit von vielen Krediten kein sofort erreichbares Ziel darstellt und die Handlungsfähigkeit der öffentlichen Hand immer weiter eingeschränkt wird, beugt man sich mit dem Verkauf vor allem dem Argument, es wäre nicht genug Geld da. Nicht erwähnt wird, dass die Finanzkrise durch die Steuerpolitik des Bundes mutwillig herbeigeführt wurde. Es sind die massiven Steuersenkungen für große Unternehmen im Rahmen der Steuerreform 2002, die bis heute die Haushalte der Kommunen belasten. Außerdem trifft die Bundesregierung oft Entscheidungen, deren Umsetzung Sache der Kommunen ist, stellt diesen aber wenig oder gar kein Geld dafür zur Verfügung. Beispiele hierfür sind das Recht auf Kindergartenplätze für Kinder ab drei Jahren und die Hartz IV-Gesetze. Dabei erklärte der Bund die Kosten zur Unterbringung der Bezieherinnen und Bezieher von Arbeitslosengeld II kurzerhand zur Sache der Kommunen ohne vollständig dafür aufzukommen. Die Freiburger Bürgerinitiative „Wohnen ist Menschenrecht" rechnet in ihrer Zeitung zum Bürgerentscheid gegen Wohnungsprivatisierung im November 2006 vor, dass „allein diese beiden Gesetze die Stadt Freiburg jedes Jahr 30 Millionen Euro (kosten)." Das Geld stapelt sich bei den Konzernen und fehlt den Kommunen.

Zum Autor:
Jürgen Ehlers arbeitet seit vielen Jahren als Archtitekt in der Altbausanierung und ist aktives Mitglied der LINKEN in Frankfurt am Main.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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