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Interview | Drucken |
„Marxisten tragen eine besondere Verantwortung“
Ein Gespräch mit dem Gründungsmitglied Klaus-Dieter Heiser über Sinn und Ziele von marx21

Warum hast du das Netzwerk mitgegründet?
Ich halte es für richtig und notwendig, dass Marxisten einen kollektiven und organisierten Beitrag zur Entwicklung der neuen Linken leisten. Was Anfang der 1990er Jahre noch als Zukunftsmusik galt - nämlich dass Linke und Gewerkschafter die Initiative ergreifen und sich eine neue Bewegung bilden würde - hat mit der neuen Partei DIE LINKE Gestalt angenommen. Sie ist ein breites Bündnis sehr unterschiedlicher politischer Strömungen. Das ist ihre Stärke, allerdings verbunden mit programmatischen und praktischen Zugeständnissen, die sich als Belastung im Kampf gegen den Neoliberalismus erweisen könnten.

Was meist du damit genau?

Beispielsweise wurde in den Programmatischen Eckpunkten die eindeutige Absage an zukünftige Auslandseinsätze der Bundeswehr durch den Zusatz „unter gegenwärtigen Bedingungen" abgeschwächt. Auch die Bedingungen für Regierungsbeteiligungen wurden eher „weich" formuliert. Während die WASG unter anderem ein prinzipielles Nein zu Privatisierung von öffentlichem Eigentum und Stellenabbau im öffentlichen Dienst forderte, ließ die Linkspartei.PDS nur ein Nein zur Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge stehen.

Eine Kampfansage hat nach der Parteigründung auch André Brie gemacht, der in einem Spiegel-Interview dafür plädierte, DIE LINKE ihres kapitalismus­kritischen Profils zu berauben und sie unter der Hegemonie der SPD an Regierungen zu beteiligen.

Die neue Partei steht so bereits am Anfang an einem Scheideweg: Wird sie durch Regierungsbeteiligungen zu einer Reparaturbrigade des kapitalistischen Systems oder wird sie zum Motor und Organisator gesellschaftlicher Gegenmacht, um den Kapitalismus zu überwinden?

Einige Linke innerhalb und außerhalb der Partei fürchten, dass die neue Partei bald dort enden wird, wo die Grünen und die SPD heute stehen: fest auf der Seite der Herrschenden und ihrer neoliberalen Agenda. Wie siehst du das?
Wir sehen mit der LINKEN die Chance, eine neue Partei des Klassenkampfes und eines Sozialismus von unten aufzubauen. Allerdings haben Marxisten in der Auseinandersetzung um die Zukunft der Partei eine besondere Verantwortung, die sie nicht nur individuell wahrnehmen können, sondern kollektiv und organisiert. Deswegen gibt es das Netzwerk. Wie es in unserer Gründungserklärung heißt, versteht sich das Netzwerk als Teil der neuen Linken und der globalisierungskritischen Bewegung. Wir haben uns darauf verständigt, den innerparteilichen Zusammenschluss „Sozialistische Linke" zu stärken, der den klassen- und bewegungsorientierten Flügel der Partei ausmacht. Aber wir wollen auch den aktiven Austausch mit anderen Linken.

Wofür steht marx21?
Für uns bedeutet marx21, dass wir zentrale Traditionslinien des emanzipatorischen Marxismus für das 21. Jahrhundert fruchtbar machen wollen. Denn das Scheitern des Staatssozialismus sowjetischer Prägung bedeutet nicht, dass der Kapitalismus das Ende der gesellschaftlichen Entwicklung ist. Nicht der Sozialismus ist gescheitert, sondern ein System, der Stalinismus, das einen Wesensinhalt des Sozialismus negierte: die Demokratie. Mit dem Wirken des Stalinismus in der sozialistischen Bewegung wurden Hypotheken angehäuft, die nur dadurch abzulösen sind, wenn künftig unmissverständlich gilt: Kein Sozialismus ohne Demokratie - keine Demokratie ohne Sozialismus. Marxisten können mit diesen Erfahrungen und Schlussfolgerungen auf eine neue Weise, über bisherige Fronten hinweg, darüber diskutieren, wie das Sozialistische gestaltet werden kann. Deshalb freue ich mich, dass in unserem Netzwerk Marxisten, die sich aus unterschiedlicher Sicht auf die historischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterbewegung beziehen, zusammen arbeiten können, um für die Anforderungen in unserer Zeit wirksame Strategien zu entwickeln.

Wir brauchen überzeugende Konzepte für aktuelle politische Fragen: Hartz IV, Rente mit 67, Mindestlohn, Militäreinsätze. Es geht aber auch um Grundlagen. Karl Marx hat den Kapitalismus des 19. Jahrhunderts analysiert und hat die politischen Schlussfolgerungen herausgearbeitet, die von der revolutionären Arbeiterbewegung aufgenommen wurden. Wir haben es heute mit einem globalisierten Kapitalismus auf dem Niveau einer hochtechnologischen Produktionsweise zu tun. Der künftige Marxismus wird die kritische Theorie dieser Produktionsweise und Entwürfe für ihre Überwindung erarbeiten müssen. Zentral wird, im Denken wie im politischen Handeln, die Suche nach akzeptablen Lösungen für das Problem der menschlichen Gesellschaft im Verhältnis zu ihren Naturbedingungen sein. Diese werden nicht auf der Grundlage kapitalistischer Eigentumsverhältnisse gefunden werden können.

Warum gruppiert sich das Netzwerk um ein Magazin?
Das Zusammenwirken von Marxisten durch ein regelmäßig erscheinendes politisches Magazin zu realisieren, um das sich ein Netzwerk von Diskussions- und Aktionskreisen bildet, ist kein neues Modell. Zum Beispiel haben 1915 die Linken in der SPD um Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring und Clara Zetkin mit der Zeitschrift „Die Internationale" Argumente für internationalistische Politik vermittelt, um dem Treiben der Kriegsbefürworter entgegenzuwirken. Vom Netzwerk linker Vertrauensleute wurde die Zeitschrift innerhalb weniger Tage verkauft. Die Argumente der Linken gegen den Krieg wirkten; revolutionäre Sozialdemokraten schlossen sich im Spartakusbund zusammen. Gegen den Krieg, gegen Hunger und Unterdrückung wurden Kundgebungen und Streiks organisiert - 1918 stürzte in der November-Revolution das Kaiserreich. 2007 ist nicht 1915. Aber ein Netzwerk wie marx21 kann heute ebenso wirksam werden: im Kampf gegen Krieg, Ausbeutung, Unterdrückung - und für Sozialismus.

Zur Person:
Klaus-Dieter Heiser war von 1967 bis 1990 Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Westberlins (SEW). 2004 gehörte er zu den Gründern der WASG in Berlin und setzte sich für den erfolgreichen gemeinsamen Bundestagswahlkampf von WASG und PDS und für die Bildung der neuen Partei DIE LINKE ein. Er ist dort nun aktiv im Bezirksverband Berlin-Neukölln und in der Sozialistischen Linken.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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