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Staat und Demokratie | Drucken |
Der Staat, das Kapital und die Linke
Win Windisch und Yaak Pabst meinen, dass der Staatsapparat nicht neutral ist und daher kein Werkzeug für gesellschaftliche Veränderungen sein kann.

„Die unsichtbare Hand des Marktes kann ohne die verborgene Faust nicht funktionieren. McDonalds kann ohne McDonnell-Douglas (US- Waffenproduzent) nicht florieren. Die unsichtbare Faust, die Sicherheit in der Welt schafft, damit die Technologie des Silicon Valley floriert, nennt man US-Army, Luftwaffe und Marine-Corps."
Thomas Friedman, Journalist und enger Mitarbeiter des US-Außenministeriums

„Die Zusammenarbeit in irgendeiner Form von Politik und Wirtschaft ist etwas, was absolut natürlich ist in einer globalisierten Welt. Man braucht die Politiker manchmal für bestimmte Zwecke, für bestimmte Aufgaben, besonders im Ausland (...) Nicht übertreiben und sagen, Politik habe mit Wirtschaft nichts mehr zu tun. Das wäre katastrophal für die Politik und die Wirtschaft."
Daniel Goeudevert, früher im VW-Vorstand und Vorstandschef bei Ford

„Ein Abgeordneter ist nicht an Weisungen gebunden, sondern an Überweisungen"
Wirtschaftsmagazin Capital

Der Kapitalismus ist die erste Gesellschaftsform, in der die politische und ökonomische Herrschaft formell getrennt sind. Der Grund ist die ökonomische Konkurrenz der Kapitalisten untereinander. Sie zwingt die Unternehmer, die Ausübung ihrer Herrschaft zu versachlichen, zu entpersönlichen, allgemeinen Regeln zu unterwerfen und Willkür zu vermeiden. Der Staat im Kapitalismus erscheint deswegen als eine gegenüber den Klassen der Gesellschaft neutrale Instanz.

Der klassische Marxismus analysierte den Staat jedoch als Klassenstaat, der zwar formell vom Kapital getrennt ist, aber trotzdem dessen Interessen erfüllt. Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisieklasse verwaltet."[1] Das hat einen Grund. Die modernen Nationalstaaten entstanden aus der sich entwickelnden kapitalistischen Produktionsweise. Gleichzeitig wirkten sie aber auf diese Produktionsweise zurück und bestimmen Tempo und Richtung der wirtschaftlichen Entwicklung wesentlich mit. Das heißt nicht, dass die entstehenden Nationalstaaten ein unmittelbares Produkt der kapitalistischen Bedürfnisse waren. Viele Elemente des vorkapitalistischen Staates wurden eher übernommen, statt zerschlagen. Allerdings wurden sie aktiv umgeformt und den Bedürfnissen des darin aufwachsenden Kapitalismus und seiner neuen Art und Weise der Ausbeutung angepasst. Weder Staat noch Einzelkapitalien können dieser wechselseitigen strukturellen Abhängigkeit ohne weiteres entkommen.

Das Kapital braucht den Staat...

Der kapitalistische Staat nimmt für die rivalisierenden Einzelkapitalien eine Vielzahl unterschiedlicher Aufgaben wahr. Um diese erfüllen zu können, ist der Staat in verschiedene bürokratische Apparate unterteilt. Die Macht des Staates beruht auf der glaubhaften Androhung bzw. tatsächlichen Anwendung von Gewalt. Zentral sind daher die Institutionen, mit denen er das Gewaltmonopol ausübt: Armee, Polizei, Geheimdienste, Gerichte und Gefängnisse. Es lassen sich drei Kernbereiche beschreiben: rechtliche Ordnungsaufgaben, ökonomische Aufgaben und politische Aufgaben. Dazu gehören:
  • Der Schutz des Privatbesitzes an Produktionsmitteln und der rechtlichen Freiheit von Lohnabhängin
  • Die Regelung der wirtschaftlichen Beziehungen der Kapitalien untereinander durch einen stabilen gesetzlichen Rahmen und eine einheitliche Währung.
  • Eine geographische Basis für die Kapitalakkumulation - also der Aufbau und Erhalt der Verkehrsinfrastruktur, ein Bildungssystem, das den Nachwuchs künftiger Arbeitskräfte sichert, Privilegien gegenüber anderen „ausländischen Kapitalien innerhalb eines begrenzten Raums mit Hilfe von Subventionen, Zollschranken, Ausschluss ausländischer Produkte und billiger in Staatsbetrieben hergestellten Rohmaterialien."[2]
  • Militärische Handlungsfähigkeit, um einen privilegierten Zugang zu Rohstoffen, Handelsrouten und Absatzmärkten in aller Welt zu bekommen
  • Eine „Krisenfunktion" um den Schutz wichtiger nationaler Schlüsselindustrien zu gewährleisten sowie die Bereitstellung von Mitteln, um wirtschaftliche oder politische Krisen abzufedern.
In einer Studie über die 100 größten so genannten Multi- oder Transnationalen Unternehmen (TNCs) kommen Winfried Ruigrock und Rob van Tulder zu dem Schluss, dass „nahezu alle Großfirmen weltweit ihre Strategie und ihren Wettbewerbsvorteil dem entscheidenden Einfluss regierungspolitischer Maßnahmen (...) verdanken", während zumindest zwanzig von ihnen, „als unabhängige Unternehmen gar nicht Überlebt hatten, wenn sie nicht von ihren jeweiligen Regierungen gerettet worden wären." „In den letzten zwei Jahrhunderten", fahren die Autoren fort, waren staatliche Eingriffe „eher die Regel als die Ausnahme."[3]

Die Unternehmer wissen, wie sehr sie auf den Staat angewiesen sind. Der Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, meint: „Es ist ja unsere Aufgabe, die Politik darauf aufmerksam zu machen, dass Themen, die sie vielleicht gerade nicht als dringlich empfinden, weil sie nicht in ihr taktisches Spiel passen, eben doch dringlich sind."[4]

Die Beziehung zwischen den in einem bestimmten Land ansässigen Kapitalien und ihrem Staat ist nicht bloß eine zwischen unpersönlichen Strukturen. Es handelt sich um eine Beziehung zwischen Menschen - zwischen jenen, deren Hauptberuf die Ausbeutung der Massen der Bevölkerung ist, und denen, die die bewaffneten Körperschaften kontrollieren. Jeder Kapitalist strebt nach einem persönlichen Kontakt mit den führenden Staatsdienern. Es verwundert nicht, dass 1870 Unternehmen und Verbände auf der offiziellen Lobbyliste des Bundestages stehen. ARD-Korrespondent Walter Langlot schreibt: „Je nach Bedeutung des Ressorts [kommen] oft bis zu 25 Interessenvertreter auf einen der 603 Bundestagsabgeordneten, wie die Bundestagsverwaltung schätzt. Sie sind in Ausschuss-Anhörungen dabei, sie veranstalten ‚parlamentarische Abende‘ und laden zu diskreten Gesprächsrunden in Top-Hotels und Sterne-Restaurants."

...und der Staat braucht das Kapital

Im Gegenzug muss der Staat die Bedürfnisse des Kapitals befriedigen. Seine Macht und die Mittel, die er für seine Politik zur Verfügung hat, hängen vor allem ab vom Steuerertrag, den der Staat auf seinem Territorium erzielen kann. Will er seine Handlungsfähigkeit nicht aufs Spiel setzen, so darf er seine ökonomische Basis nicht gefährden. Die Staatsbürokratie ist also vom erfolgreichen Fortgang der kapitalistischen Ausbeutung und Akkumulation abhängig. Das zwingt die Politik, für Bedingungen zu sorgen die die kapitalistische Akkumulation innerhalb der Staatsgrenzen fördern. Sie muss ihre Interessen als national-kapitalistische Interessen verstehen. Sie muss für „ihre" Unternehmen die bestmöglichen Bedingungen zur „internationalen Konkurrenzfähigkeit" durchsetzen. Die Begründung für die Politik der Agenda 2010 ist ein Beispiel dafür. Die sozialdemokratische Abgeordnete Monika Griefahn erklärt: „Wir wollen mit der Agenda 2010 dafür sorgen, dass Deutschland stark ist, leistungsfähige, international wettbewerbsfähige und innovative Unternehmen hat."[5]

Aber nicht nur in der Sozialpolitik geht es um die Wettbewerbsfähigkeit. Die Staatsbürokratie sorgt auch dafür, dass die Interessen der deutschen Wirtschaft gegen andere Staaten und deren Kapitalien durchgesetzt werden können. CDU-Minister Volker Rühe formulierte 1992 in seinen Verteidigungspolitischen Richtlinien als Auftrag der Bundeswehr: „Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen".[6]

Der kapitalistische Staat ist ein Klassenstaat. Nicht weil er einfach als Instrument der Unternehmer fungiert, sondern weil es ein Interesse seiner bürokratischen und politischen Funktionäre gibt, die Profitlogik mit allen Mitteln zu verteidigen. Der Politikwissenschaftler Joachim Hirsch schreibt: „Das Staatspersonal sieht sich selbst dann dazu veranlasst, die Voraussetzungen für das Gelingen des Akkumulations- und Verwertungsprozesses zu garantieren, wenn es keinem direkten Einfluss oder Druck von Seiten des Kapitals ausgesetzt ist."[7] Dies hat wichtige Konsequenzen im Hinblick auf die Klassenstellung derjenigen, die die Staatsbürokratien lenken. Sie mögen als Einzelpersonen kein Privatkapital besitzen. Dennoch sind sie gezwungen, sich als „Agenten der Kapitalakkumulation" zu verhalten und sind somit, nach Marx Definition, Teil der kapitalistischen Klasse.

All das heißt jedoch nicht, dass es keine Eigeninteressen des Staates gibt, die ihn auch in Konflikt mit den Einzelkapitalien bringen können. Es gibt Fälle, in denen diejenigen, die den Staat kontrollieren, mit bestimmten Vertretern von Einzelkapitalien oder Kapitalfraktionen, brechen. So konfiszierten die Nazis den Besitz der Familie Thyssen und gründeten die staatlichen Hermann-Göring-Werke. Der ägyptische Präsident Nasser enteignete ausländisches und inländisches Kapital und machte es zu Staatskapital.[8] Der Staat besitzt, wie es der italienische Revolutionär Antonio Gramsci und später andere marxistische Staatstheoretiker herausgearbeitet haben, eine „relative Autonomie" gegenüber den gesellschaftlichen Klassen.

Kein neutrales Instrument


Nicos Poulantzas entwickelte den Gedanken der „relativen Autonomie" weiter. Er hat den Staat als „materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses zwischen Klassen und Klassenfraktionen, das sich im Staat immer in spezifischer Weise ausdrückt"9 beschrieben. Dieser Ansatz von Poulantzas wird in der Strategiedebatte der neuen Linksparteien in Europa gerade von denen betont, die damit ihre Orientierung auf Regierungsbeteiligungen begründen wollen. So schreibt etwa Michael Brie sich auf Poulantzas beziehend: „Transformationspolitik, die bei den gegenwärtigen Widersprüchen ansetzt und über sie hinaus führt, hat diesen Kampf auch in den Staat selbst hineinzutragen."[10]

Sah der klassische Marxismus seine Aufgabe im Kampf gegen den Staat, so will Brie nun den Kampf um den Staat führen. Leider haben wir es aber nicht mit einem so neutralen Kampfplatz zu tun, wie Brie es bei dieser Poulantzas-Interpretation unterstellt. Selbstverständlich ist die konkrete Ausgestaltung des Staates ein umkämpftes Terrain. Dies bleibt jedoch eine recht einseitige Feststellung, wenn man nicht auch die strukturellen Voraussetzungen betrachtet, unter denen diese Auseinandersetzungen stattfinden. Diese führen dazu, dass der Staat nicht einfach die Summe der gesellschaftlichen Kräfte widerspiegelt, denen er ausgesetzt ist. Vielmehr führt seine strukturelle Abhängigkeit tendenziell dazu, dass er zugunsten des Kapitals in die Auseinandersetzungen eingreift.

Den Staat als Gegner wahrzunehmen heißt nicht darauf zu verzichten, ihm gewisse Zugeständnisse abtrotzen zu wollen. Jedoch ist es ein großer Unterschied, ob die Linke als Opposition im Parlament und auf der Straße Druck auf eine kapitalistische Regierung ausübt, oder ob sie selbst, staatliche Funktionen ausübt. Denn der Spielraum der Staatsbürokratie besteht nicht darin, ob sie den Bedürfnissen der Kapitalakkumulation gerecht wird, sondern lediglich darin, wie sie dies tut. Regierungsbeteiligungen werden deswegen leicht zu Fallen für die radikale Linke. Selbst wenn eine linke Regierung unter günstigen Kräfteverhältnissen einige Reformen durchsetzen sollte, werde diese nicht dauerhaft bestehen. Denn der kapitalistische Staat ist nicht die Verkörperung des Allgemeinwohls. Er ist eine Formation von bürokratisch und hierarchisch organisierten Apparaten, die unter der Leitung von „Politikmanagern" stehen, deren Interessen eng verwoben sind mit denen des Kapitals. Sollten sich linke Politiker wagen, den Interessen der Konzerne etwas entgegenzusetzen, so können Kapital und Staatsapparat ein schlagkräftiges Duo bilden. Das eindringlichste Beispiel ist der Fall des Sozialisten Salvador Allende in Chile, der 1970 zum Präsidenten gewählt wurde. Aufgrund seiner radikalen Sozialreformen boykottierten ihn die Unternehmer. Schließlich wurde er 1973 vom Militär durch einen Putsch gestürzt und ermordet. Daher ist der Aufbau einer Gegenmacht notwendig, aus deren Kampf um Verbesserungen im Kapitalismus eine qualitativ andere Macht entstehen kann - zur Überwindung des Kapitalismus. Ihre Grundlage wäre nicht die Herrschaft einer kleinen Elite über die Mehrheit, sondern die demokratischen Selbstorganisation von Arbeiterinnen und Arbeitern und anderer unterdrückter Teile der Bevölkerung.

Zu den Autoren:
Yaak Pabst ist Politologe und Redakteur von Marx21. Er ist aktiv bei DIE LINKE.SDS an der Humboldt-Universität (HU) Berlin. Win Windisch studiert Philosophie, Politikwissenschaft und Soziologie und ist ebenfalls bei DIE LINKE.SDS an der HU Berlin aktiv.

Fußnoten:

[1] Karl Marx/Friedrich Engels: Das Manifest der kommunistischen Partei [1847], in: MEW 4, S. 464.

[2] Auf die Bedeutung der internationalen Staatenkonkurrenz bzw. die Vielstaatlichkeit kann hier nicht weiter eingegangen werden. Vgl. Alex Callinicos: Benötigt der Kapitalismus das Staatensystem?, in: Giovanni Arrighi u.a.: Kapitalismus Reloaded. Kontroversen zu Imperialismus, Empire und Hegemonie, S. 11-32, Hamburg 2007.

[3] Zit. nach: Noam Chomsky: Profit over People, Hamburg/Wien 2000, S. 49.

[4] Online am 20. Oktober 2007 unter: http://www.tagesschau.de/inland/meldung204714.html.

[5] Vortrag zur Agenda 2010: Mut zur Veränderung - Erneuerung hat bei uns Tradition (01.06.2003). Online am 20.10.2007 unter: http://www.monika-griefahn.de/inhalt/berlin/vortraege/reden2003/030601%20Vortrag%20zur%20Agenda%202010.htm.

[6] Zit. nach: Peter Bürger: Deutsche Kriege für das „nationale Interesse"? Online am 25.10.2007 unter: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22686/1.html.

[7] Joachim Hirsch: Materialistische Staatstheorie. Transformationsprozesse des kapitalistischen Staatensytems, Hamburg 2005, S. 26.

[8] Vgl. Chris Harman: The State and Capitalism Today, in: International Socialism, Nr. 51, Sommer 1991, S. 3-54.

[9] Nicos Poulantzas: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus, Hamburg 2002, 154ff.

[10] Michael Brie: Ist sozialistische Politik aus der Regierung heraus möglich? Fünf Einwände von Rosa Luxemburg und fünf Angebote zur Diskussion, S. 18. Online am 18.10.2007 unter www-bunken.tamacc.chuo-u.ac.jp/rosa_confe2007/pdf/papers/Brie.pdf
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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