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5. März: Zum Internationalen Frauentag am 8. März |
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"Wir Frauen müssen doppelt kämpfen" |
Emanzipation ist mehr als Gleichberechtigung mit dem Mann, meint Gisela Kessler im Gespräch mit marx21.
(Das Interview ist erschienen in: marx21 Nr.4, Februar 2008, Printausgabe)
marx21: Gisela, du hast von
1971 bis 1992 als Frauensekretärin in der IG Druck und Papier /
IG Medien und dann bis 1995 als stellvertretende Vorsitzende
gearbeitet. Was sind für dich die zentralen Erfolge und
Sternstunden in deiner Arbeit?
 Gisela Kessler (Foto: privat) Gisela Kessler: Manches sieht man/frau
erst im Rückblick klarer. Heute sehe ich es als einen der
zentralen Erfolge an, dass sich die Kolleginnen in unserer
Organisation durch Bildungsarbeit, in gemeinsamen Aktionen, Kämpfen
bis hin zu Streiks im Laufe der Zeit in ihrer Persönlichkeit
ganz deutlich weiterentwickelt haben. Wir hatten das Glück, in
der IG Druck und Papier eine Kampf- und Widerstandsorganisation zu
finden und haben als Frauen nicht wenig dazu beigetragen, dass dies
auch so blieb.
Die Frauenstrukturen
haben wir Schritt für Schritt hin zum Wechselspiel zwischen
Autonomie und Integration entwickelt. Unser strategischer
Ausgangspunkt war der Betrieb. Klar, weil dort der
Interessengegensatz von Kapital und Arbeit am unmittelbarsten
aufeinander trifft und so solidarisches Handeln zur Gegenmacht stets
neu entwickelt werden musste.
Was die Kolleginnen
angeht, lassen wir doch einfach eine Journalistin reden, die unsere
Bundesfrauenkonferenz beobachtet hat und ihren Artikel so
überschrieb: „Eine unnachahmliche Mischung aus Phantasie,
Heiterkeit, Frechheit, Erfahrung, Wissen, gelebter Solidarität
und harter Arbeit".
Und dann fragst du nach
Sternstunden. Es war fraglos die bundesweite Solidaritätsbewegung
mit den Heinze-Frauen gegen Lohndiskriminierung entlang aller
Instanzen bis zum Bundesarbeitsgericht und dem Sieg dort. Eine
Frauenforscherin der Bonner Universität betrachtet dies heute
als „einen der bedeutendsten Arbeitskämpfe in der Geschichte
der Bundesrepublik".
Offensichtlich
unterscheidet sich das Leben der heutigen Frauengeneration
grundlegend von dem ihrer Mütter und Großmütter.
Erwerbstätigkeit von Frauen ist zum Beispiel die Regel, nicht
die Ausnahme. An den Universitäten studieren mehr Frauen als
Männer und Deutschland wird von einer Kanzlerin regiert. Sind
die wesentlichen Ziele der Emanzipationsbewegung erreicht?
Also fangen wir mal an:
Die Fortschritte, die es ganz fraglos gibt, ob im gewachsenen
Selbstbewusstsein, im fortschreitenden Bildungsstand, mehr
ökonomische Unabhängigkeit vom Mann usw. sind nicht wie
Geschenke vom Himmel gefallen. Vieles - das meiste - ist auch das
Ergebnis von Kämpfen, in die sich Frauen zunehmend eingemischt
haben, in den Betrieben, als Betriebs- und Personalrätinnen, in
den Gewerkschaften, in Parteien und Politik, auf Demonstrationen, bei
Streiks.
Jedoch: Es gibt auch
Rückschläge. Schauen wir doch mal genau hin, wie sieht es
aus mit der Erwerbstätigkeit von vielen Frauen? Da gibt es einen
erheblichen Zuwachs an prekären Arbeitsverhältnissen:
Leiharbeit, Zeitarbeit, befristete Beschäftigung, erzwungene
Teilzeitarbeit, Mini- oder Midi-Jobs, von Hartz IV ganz zu schweigen.
Für immer mehr Menschen wird die Existenzsicherung unter
Vorbehalt gestellt. Die Verunsicherung reicht hinein bis in die
lohnabhängigen Mittelschichten. Sechs Millionen Menschen können
nicht mehr von Arbeit leben; die Arbeits- und Rentenzeit wird
verlängert statt verkürzt, Kinderarmut grassiert; Beruf
und Familie sind für viele nicht vereinbar.
Du fragst, ob die Ziele
der Emanzipationsbewegung erreicht sind? Was heißt denn
Emanzipation? Ich habe gelernt, es ist ein Prozess oder eine Bewegung
zur Befreiung; Befreiung von Fesseln! Es geht auch, aber um mehr als
Gleichberechtigung mit dem Mann. Emanzipation hat etwas
gesellschaftlich Anderes zum Ziel, etwas das über den
Kapitalismus hinausweist. Es geht um die Überwindung der
gesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, es geht
um Individualität - nicht Individualismus -, also um die
Freiheit des Individuums, sicher auch um die ökonomische
Unabhängigkeit der Frau vom Mann, aber auch um die Aufhebung der
Ausbeutung der Menschen durch den Menschen, eine Welt ohne Gewalt und
ohne Krieg.
In der Frauenbewegung
gibt es immer wieder einen Grundsatzstreit über das Verhältnis
von sozialer Befreiung und Frauenbefreiung. Du hast dich dafür
stark gemacht, die Geschlechterfrage mit der Klassenfrage zu
verknüpfen. Warum?
Vorab: Ich bin aus voller
Überzeugung Mitglied der Strömung Sozialistische Linke. Was
dort gesagt und geschrieben ist, entspricht meiner langjährigen
Erfahrung als Gewerkschafterin. Dort heißt es unter anderem,
dass „wir einen neuen Anlauf unternehmen wollen, um die Herrschaft
des Kapitals zu überwinden..." und wir sind „realistisch,
kritisch, radikal und klassenorientiert zugleich".
Was die Frauen angeht, so
lesen wir bei den Frauen der Europäischen Linken und anderswo,
dass es eine Verschränkung von Klasse und Geschlecht im
Lebenszusammenhang von Frauen und Männern gibt. Nun wollen wir
doch wissen, wie sich das konkret verhält. Und da sind wir auf
eine Untersuchung „Klasse und Geschlecht" gestoßen.
Ich bin keine
Intellektuelle, kann nur sagen, was bei mir aus meinen gelebten
Erfahrungen greift. Die beiden Frauen Margareta Steinrücke und
Petra Frerichs kritisieren, dass vielen Untersuchungen ein
Erklärungsansatz gemeinsam ist: Sie bleiben insofern abstrakt,
als Menschen nur auf ihre Eigenschaft, Männer und Frauen zu
sein, reduziert werden. Damit wird von anderen, für sie
möglicherweise bedeutsameren Eigenschaften, wie Angehörige
einer bestimmten Klasse zu sein, abstrahiert.
Aus dem Blick geraten
dabei spezifische Unterdrückungserfahrungen von Frauen
verschiedener Klassen, sowie Solidarität von Frauen und Männern
ihrer Klasse, wenn sie gemeinsam die Erfahrung von Ausbeutung,
Unterdrückung und Not machen und dagegen auftreten.
Nun kann ich hier nicht
die gesamte Untersuchung erläutern. Wichtig ist das Ergebnis:
Sie sagen, dass wir auf keinen Fall von einem einheitlichen und damit
solidarisierungsfähigen Großsubjekt „Frau" ausgehen
können. Frau-Sein bedeutet in verschiedenen Klassen
unterschiedliches. Und - das ist wichtig für uns - „dazu
bedarf es diskursiv strukturierter Zusammenhänge von Frauen und
der politischen Organisation, ohne die im übrigen noch keine
Befreiungsbewegung ihre Heterogenität hat überwinden
können..."
Was aber heißt das
für unseren politischen Alltag? Wir Frauen müssen doppelt
kämpfen, einerseits mit allen Lohnabhängigen zusammen gegen
Ausbeutung, Unterdrückung, Sozial- und Demokratieabbau und gegen
Krieg - andererseits mit den Frauen zusammen gegen soziale,
sexuelle und kulturelle Unterdrückung des weiblichen
Geschlechts. Und wenn wir mit Clara Zetkin weiterhin sagen „die
Frauenfrage ist ein Teil der sozialen Frage", dann verstehen wir
darunter die Zusammenfassung von all dem.
Was gibst Du der neu
gegründeten LINKEN für ihren Kampf gegen
Frauenunterdrückung mit auf den Weg?
Genau das! Es geht um
emanzipatorische Forderungen, die die Frauen entwickeln und
diskutieren müssen, Forderungen die gleichzeitig
mobilisierungsfähig sind. Also Kristallisationspunkte, in denen
sich wie in einem Brennglas gebündelt Diskriminierungen,
Unterdrückungen, Abhängigkeiten, Ausbeutungsverhältnisse
widerspiegeln. Aber auch kreative Aktionsformen, die die Entwicklung
der Solidarität fördern und damit dem neoliberalen Denkgift
des tödlichen Stachels der Konkurrenz entgegenwirken. Die Frauen
der Linken brauchen freilich auch BündnispartnerInnen. Wie wäre
es zum Beispiel mit Betriebsrätinnen? Davon gibt es 56.217 und
bestimmt - mir fehlen die genauen Zahlen - noch einmal so viele
Personalrätinnen. Sie alle sind, wenn sie Frauendiskriminierung
aufgreifen, Grenzgängerinnen zwischen den Klassen- und
Geschlechterverhältnissen und zwar am unmittelbaren Ort des
Geschehens. Die Frauen der Sozialistischen Linken haben sich
vorgenommen, an all diesen Herausforderungen weiterzuarbeiten. Und
das ist gut so!
(Das Gespräch führte Stefan Bornost, leitender Magazin-Redakteur marx21)
Zur Person:
Gisela Kessler war
von 1971 bis 1991 Frauensekretärin im Hauptvorstand der IG Druck
und Papier und bis 1995 stellvertretende Vorsitzende der IG Medien.
1979 organisierte Gisela Kessler die Solidaritätsbewegung mit
den „Heinze-Frauen" und deren Kampf um gleichen Lohn für
gleiche Arbeit. 2005 war sie dann Gründungsmitglied der Partei
WASG und wurde Mitglied im Landesvorstand Bayern. Nun ist sie
Mitglied der LINKEN und unterstützt dort die Strömung
Sozialistische Linke.
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