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Zum Internationalen Frauentag am 8. März 2008 | Drucken |
"Mutiger als hundert Mann"
Der Widerstand gegen die neoliberale Politik der ägyptischen Regierung entwickelte sich zu einer Streikwelle, an der sich tausende Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligten. Anne Alexander beschreibt die entscheidende Rolle von Frauen in diesem Kampf.

"Mutiger als hundert Mann": Streikende Textilarbeiterinnen in Ägypten (Foto: Mohamed Abul Dahab)
"Mutiger als hundert Mann": Streikende Textilarbeiterinnen in Ägypten (Foto: Mohamed Abul Dahab)
"Ägypten - das Geschäft brummt" lautet eine Schlagzeile auf der Investmentwebsite der ägyptischen Regierung. Dem scheinen die Funktionäre der Weltbank zuzustimmen. Im vergangenen Oktober bezeichneten sie Ägypten in einem Bericht als „Spitzenreiter bei der Gestaltung eines geschäftsfreundlichen Umfelds".

  Mit durchschnittlich sieben Prozent in den vergangenen drei Jahren verzeichnet das Land ein hohes Wirtschaftswachstum. Auf Drängen des Internationalen Währungsfonds (IWF) leitete die Regierung 1991 ein Privatisierungsprogramm ein: Hunderte von Staatsbetrieben wurden verkauft und die Gewerbesteuer für Konzerne gesenkt. Ausländischen wie inländischen Investoren ermöglichte dies eine deutlich höhere Profitabilität.

Doch hinter der Fassade der Hochglanzbroschüren und den schrillen Internetseiten, die für mehr Investitionen in Ägypten werben, verbirgt sich die andere Seite des wirtschaftlichen „Erfolgs" Ägyptens:

Eine ungezügelte Inflation, die Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter an den Rand des Ruins gebracht hat und zum Verlust von hunderttausenden Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst führte.

In den vergangenen zwei Jahren sind daher zehntausende Arbeiterinnen und Arbeiter im industriellen Kernland Ägyptens in den Streik getreten. Die Proteste waren ein Schlag gegen die brutale neoliberale Politik der Regierung: Arbeiterinnen und Arbeiter besetzten ihre Betriebe und forderten die Zahlung überfälliger Löhne und Zuschläge. Sie gingen auf die Straße, um die Entlassung korrupter Chefs und Gewerkschaftsfunktionäre zu verlangen. Textilarbeiter, Eisenbahnarbeiter, Tabakpacker, Postarbeiter, Lehrer und sogar Steuereintreiber beteiligten sich an den Streiks. Diese Proteste verliehen der Wut in der ägyptischen Arbeiterklasse Ausdruck - es war die größte Streikbewegung seit Generationen.

Kaum jemand erwähnt jedoch die zentrale Rolle, die Frauen bei der Organisierung dieser Streiks einnahmen. Arbeiterinnen entwickelten sich zu gewerkschaftlichen Basisorganisatoren und spielten eine führende Rolle, den korrupten und von der Regierung kontrollierten ägyptischen Gewerkschaftsbund, herauszufordern. Mit ihren Aktionen waren sie bemerkenswert erfolgreich: In ganz Ägypten haben besorgte Staatsbeamte und staatliche Manager Lohnerhöhungen, Nach- und Zuschlagszahlungen versprochen.

Die Streiks knüpfen an die unzähligen Proteste für mehr Demokratie im Jahre 2005 an. Zwar gibt es nur wenige direkte Verbindungen zwischen der entstehenden Arbeiterbewegung und der Demokratiebewegung von damals. Aber die Streikwelle muss zu der breiteren Mobilisierung „von unten" gegen Mubaraks Diktatur gezählt werden. Vor allem haben die Streiks das Potenzial, die Demokratiebewegung wieder zu beleben. Voraussetzung dafür ist, dass die Arbeiter ihre eigenen Schlussfolgerungen über die Notwendigkeit eines politischen Wechsels ziehen.

Rund 20 Prozent der ägyptischen Arbeitskräfte sind Frauen, die vorwiegend in der Landwirtschaft, als Lehrerinnen oder Angestellte im öffentlichen Dienst arbeiten. Industriearbeiterinnen machen nur knapp 5 Prozent der weiblichen Arbeitskräfte aus. Die Löhne sind erschreckend niedrig - vor allem im Textilbereich, in dem Frauen in großer Anzahl beschäftigt sind. Ägyptische Weberinnen im Privatsektor können nur rund 120 Euro im Monat verdienen. Das ist noch etwa doppelt so viel wie in einem Staatsbetrieb. Frauen besetzen oft die am schlechtesten bezahlten und am niedrigsten qualifizierten Stellen. Beispielsweise verdienen die Textilarbeiterinnen der Mansura-Espana-Fabrik gerade einmal 14,50 Euro im Monat. Hilfsarbeiter werden in der Regel ohne oder nur mit einem befristeten Arbeitsvertrag beschäftigt. In einer neueren Studie über die Textilindustrie wurde festgestellt, dass selbst in den verhältnismäßig großen Fabriken bis zu 65 Prozent der Arbeitskräfte keine Verträge haben.

Die jüngste Serie von Streiks begann im Dezember 2006 in der staatlichen Textilfabrik in der Industriestadt Mahalla al-Kubra. Ministerpräsident Ahmad Nasif, ein eiserner Neoliberaler und begeisterter Anhänger von Privatisierungen, hatte allen Staatsbeschäftigten eine Jahressonderzahlung in Höhe von zwei Monatslöhnen versprochen. Als diese feststellen mussten, dass sie lediglich den üblichen Zuschlag bekommen hatten, verwandelte sich die Enttäuschung in Wut: Rund 3.000 Textilarbeiterinnen stürmten in die zentrale Fabrikhalle in der sich die Weberei und die Spinnerei befand. Sie forderten ihre männlichen Kollegen auf, die Arbeit niederzulegen. „Wo sind die Männer? Hier sind die Frauen!", riefen sie. Dann versammelten sich 10.000 Arbeiterinnen und Arbeiter im Fabrikhof. Erneut standen die Frauen an der Spitze. Der Streikführer Muhammad Attar erinnerte sich später: „Die Frauen haben fast jeden Vertreter des Managements, der kam um zu verhandeln, in der in der Luft zerrissen."

Selbst die schutzlosesten Arbeiter können ihre Kräfte sammeln und die gnadenlose Logik des neoliberalen Kapitalismus angreifen. Das zeigen die Ereignisse bei der Bekleidungsgesellschaft Mansura-Espana in Talkha am Nildelta: Drei Viertel der 284 Beschäftigten in der Fabrik dort sind Frauen. Bis vor kurzem wurde mussten die Arbeiterinnen Überstunden für 18 Cent pro Stunde ableisten. Wenn sie sich weigerten, wurde ihr Lohn gekürzt. Am 21. April 2006 traten 150 der Beschäftigten in einen Streik. Gerüchte gingen um, dass das Land, auf dem die Fabrik steht, an einen Bodenspekulanten verkauft worden sei und der größte Anteilseigner, die Ägyptische Einheitsbank, die Fabrik dicht machen wolle.

Da sie eine Aussperrung und die Schließung der Fabrik fürchteten, besetzten die Streikenden die Fabrikhallen und schliefen nachts auf dem Boden zwischen den Maschinen. Der Journalist und Aktivist Hossam al-Hamalawi, der die Streikenden im Mai besuchte, berichtet, dass ein Manager damit drohte, die Frauen bei der Polizei wegen „Prostitution" anzuzeigen. Begründung: Sie verbrachten die Nacht in Gesellschaft ihrer männlichen Kollegen.

Im Juni wurden die fünf Aktivistinnen Suad Mamduh, Suad Salama, Sabrin Sabri, Hoda Said und Nermin Abbas, sowie ihr Kollege Mohsen al-Schair entlassen und der Polizei übergeben, um eine Untersuchung wegen Anstachelung zum Streik einzuleiten. Trotz des wachsenden Drucks durch die Polizei, die Funktionäre der staatlichen Textilgewerkschaft und des Managements, hielten die Streikenden zwei Monate lang durch und beendeten ihre Besetzung erst, nachdem ein Übereinkommen unterzeichnet worden war, in dem der Bestand der Fabrik gesichert wurde. Betriebsleitung und Regierungsbeamte machten weitere Zugeständnisse: Sie zahlten einige zurückgehaltene Zuschläge aus, verzichteten auf Strafmaßnahmen gegen die Streikteilnehmer und es gab eine Lohnfortzahlung für die Streiktage.

Die Besetzung der Mansura-Espana-Fabrik stellte einen Hauch von Arbeitermacht dar. Es war ein kleiner Vorgeschmack darauf wie die Unterdrückungsverhältnisse, die unsere Gesellschaft prägen, geschwächt werden können. Das zuvor Undenkbare wurde zur Realität: Außer Haus gemeinsam mit männlichen Kollegen auf dem Fabrikboden zu übernachten. Die Ehrfurcht gegenüber den Chefs, die Angst vor der Geheimpolizei und die Hilflosigkeit gegenüber den regierungsoffiziellen Gewerkschaftsfunktionären wurden durch den Streik gründlich erschüttert.

Eine der Streikteilnehmerinnen erklärte, dass die Manager und Staatsbeamten sich schmerzlich der kollektiven Stärke von Arbeitern bewusst wurden. „Das Management weiß jetzt, wozu wir fähig sind... Wenn sie uns nicht auch die übrigen Rechte geben, werden wir die Fabrik wieder besetzen."

Was erreicht werden kann, wenn Arbeiter geschlossen in Aktion treten, wurde auch in Mahalla al-Kubra sichtbar. Auch dort waren Frauen Teil einer wochenlangen Fabrikbesetzung im September 2007. Im Verlauf des Streiks haben sie nicht nur das Selbstbewusstsein hinsichtlich ihrer Fähigkeit, den Widerstand zu leiten, erworben, sondern auch die Ansichten vieler ihrer Kollegen verändert. Ein Arbeiter erzählte den Journalisten während des Streiks: „Wir sprechen hier nicht über ‚Frauen‘ und ‚Männer‘. Die Frauen der Misr-Spinn-und-Webfabrik sind mutiger als hundert Männer zusammen. Sie standen Schulter an Schulter mit den Männern im Streik."

Zur Autorin:
Anne Alexander hat sich als Journalistin auf den Nahen Osten spezialisiert. Sie schreibt regelmäßig für das englischsprachige Magazin „Middle East International" und hat für BBC World Service gearbeitet. Sie ist Autorin einer Nasser-Biographie.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 02/2014, Titelthema: Gefährlicher Kampf um Osteuropa

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