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Der Basis verpflichtet
Farah Koubaissy berichtet aus einer ägyptischen Tabakfabrik, in der eine Frau an der Spitze der Streiks stand.

Arbeiterinnen der Hennawi-Tabakfabrik fordern auf Flugblättern Neuwahlen des Gewerkschaftskomitees der Fabrik, dem sie nicht mehr trauen. (Foto: Farah Koubaissy)
Arbeiterinnen der Hennawi-Tabakfabrik fordern auf Flugblättern Neuwahlen des Gewerkschaftskomitees der Fabrik, dem sie nicht mehr trauen. (Foto: Farah Koubaissy)
Aischa Abd-al-Asis Abu-Samada gehört zu der der ständig größer werdenden Schicht von Gewerkschaftsaktivisten, die die staatlichen ägyptischen Gewerkschaften herausfordern. Als Hauptorganisatorin und Sprecherin für die Arbeiter der Hennawi-Tabakfabrik in der Nildeltastadt Damanhur ist sie besser bekannt als Hagga Aischa - eine respektvolle Bezeichnung für eine Person, die die muslimische Pilgerfahrt nach Mekka gemacht hat.

Die überwiegend weiblichen Beschäftigten müssen unter fürchterlichen Bedingungen arbeiten. Das Arbeitstempo ist erbarmungslos. Vor fünf Jahren waren in der Fabrik noch 1.000 Menschen beschäftigt, heute sind es nur noch 350, die aber dasselbe Arbeitspensum bewältigen müssen. Ihr langer Arbeitstag beginnt um 8 Uhr morgens und endet um 18 Uhr, und das bei einem Tageslohn von rund 1,30 Euro. Die Arbeit ist außerordentlich anstrengend und gesundheitsschädigend. Die Beschäftigten atmen ständig Tabakstaub ein und viele leiden unter Atemwegserkrankungen. Nachdem im April 2003 eine neue Betriebsleitung eingesetzt wurde, gibt es keine Plastikschuhe und Schutzkleidung mehr für die Arbeiterinnen. Angehörige eines betrieblichen Sicherheitsdienstes schikanieren die Beschäftigten und picken sich häufig gerade diejenigen heraus, die sich gegen das Mobbing des Managements wehren.

Eine der Arbeiterinnen erzählt: "Ich arbeite seit meinem elften Lebensjahr in der Fabrik, das sind jetzt 25 Jahre. Trotzdem haben sie sich geweigert, mir eine leichtere Tätigkeit zuzuweisen. Früher haben 25 Mädchen diese Arbeit erledigt, jetzt sind es nur noch fünf, der Druck hat sich also enorm erhöht. Einmal bin ich fünf Minuten zu spät zur Arbeit gekommen und sie haben mir sechs ägyptische Pfund von meinem Lohn abgezogen, was der Hälfte meines Tageslohns entspricht. Ich bin also zu meinem Chef gegangen und habe mich beschwert, und er sagte: 'Wenn du deine Beschwerde fallen lässt, dann mache ich dich zum Vorarbeiter' - Ich habe abgelehnt und versucht, vor Gericht Recht zu bekommen."

Im April 2003 trafen die neuen Manager die Entscheidung, Sozialleistungen zu streichen und die gesetzlich vorgeschriebene jährliche Sonderzahlung von 85 Tagesätzen auf 30 zu senken. Aischa gehörte zu der Gruppe von Beschäftigten, die deshalb einen Prozess gegen die Gesellschaft anstrengten. Sie organisierte auch eine Reihe von Streiks für die Auszahlung der Zulagen. Als Mitglied des Gewerkschaftskomitees in der Fabrik begann sie mit einer Kampagne zur Verteidigung der Arbeiterrechte, musste aber bald feststellen, dass die anderen Komiteemitglieder mehr an einer Kuschelpolitik mit der Geschäftsleitung interessiert waren. Aischas konsequente Weigerung, einen schlechten Kompromiss abzusegnen, brachte sie auf Konfrontationskurs mit den übrigen Mitgliedern des Gewerkschaftskomitees. Sie tat alles, um den Deal zu verhindern. Daraufhin wurde sie nicht mehr zu den Komiteetreffen eingeladen.

Diese Erfahrung machte ihr deutlich, dass das Gewerkschaftskomitee Entscheidungen gegen die Interessen der Arbeiterinnen traf. Im März dieses Jahres bestätigte sich ihre Sorge, als das Komitee ein neues Abkommen mit dem Management unterzeichnete, mit dem der Arbeitskonflikt durch Zahlung einer lächerlichen Summe von 10,60 Euro für die unbezahlten Zuschläge und Sozialleistungen beigelegt werden sollte. Tatsächlich handelte es sich um Zahlungsrückstände von rund 280 bis 520 Euro.

Vermutlich dachten die Gewerkschaftsfunktionäre und das Management, dass die Angelegenheit damit erledigt sei. Das sahen die Arbeiterinnen anders. Am 4. August informierten Hagga Aischa und eine Gruppe von Kolleginnen Management und Gewerkschaftskomitee, dass sie bereits am folgenden Tag in den Streik treten würden, wenn die Zulagen und Sozialleistungen nicht gezahlt würden. Am nächsten Morgen besetzten rund hundert Arbeiter und Arbeiterinnen die Fabrik, während weitere hundert mit einem Buskonvoi nach Kairo fuhren, um vor dem Arbeitsministerium und der Gewerkschaftszentrale zu demonstrieren.

Hagga Aischa übernahm die Rolle der Sprecherin und Streikorganisatorin. Sie knüpfte Verbindungen mit den Medien und sorgte dafür, dass Journalisten am 5. August kamen, um die Geschichte der Streikenden zu hören. Sie arrangierte den Transport von Damanhur zum Ministerium in Kairo und führte eine Delegation von Arbeiterinnen zur Gewerkschaftszentrale an.

Funktionäre der Nahrungsmittelgewerkschaft waren sprachlos, als sie eine Petition erhielten, unterzeichnet von hunderten von Arbeitern, in denen erklärt wurde, sie hätten ihr Vertrauen in das Gewerkschaftskomitee der Fabrik verloren und wollten Neuwahlen. Als die Streikenden zur Arbeitsministerin Aischa Abd-al-Hadi vorgelassen wurden, war Hagga Aischa Teil des Verhandlungsteams. Sie war das einzige Mitglied des Fabrikkomitees, das trotz des Versuchs, es zu isolieren, ohne Abstriche für die Forderungen der Arbeiter eintrat.

Andere Frauen schlossen sich begeistert dem Streik an. Sie gaben den Medien detaillierte Informationen über ihre Beschwerden und Forderungen und legten zum Beweis Dokumente vor. Außerdem spielten sie eine fantastische organisatorische Rolle. Sie teilten die Verantwortlichkeiten unter sich auf und brachten aus ihren Speisekammern alles, was sie nur tragen konnten, mit zum Streik: Käse, Fruchtsaft, Brot - und teilten die Lebensmittel unter den Streikenden auf, die vor dem Ministerium ausharrten. Sie wussten, es würde ein anstrengender Tag. Essen und Trinken sollte die Streikenden bei Kräften halten nach ihrer langen und ermüdenden Reise. Nicht einmal die vorbeikommenden Journalisten durften ohne einen Happen Käse oder einen Schluck Mangosaft wieder gehen, denn, so ein Streikender, „in dieser Frage gehören wir zusammen".

Überraschenderweise - jedenfalls für ein Land, wo Frauen nur selten aufstehen und auf ihre Rechte pochen - hatte ich den Eindruck, dass sowohl Männer als auch Frauen die Führungsrolle von Aischa in dem Streik begrüßten. Die Streikenden hatten größten Respekt vor ihr und verstanden, dass sie die Rechte aller Arbeiter, Frauen wie Männer, einforderte. Ich konnte keine Rollenaufteilung nach Geschlecht feststellen. Ich war sehr beeindruckt von der Einigkeit und der Zusammenarbeit zwischen Arbeitern und Arbeiterinnen und von dem stark ausgeprägten Bewusstsein, dass sie unter denselben Bedingungen arbeiten und einen gemeinsamen Kampf für Gerechtigkeit führen.

Als ich Hagga Aischa fragte, ob es Spannungen oder Spaltungen zwischen Männern und Frauen gebe, sagte sie, das sei zweitrangig angesichts der Arbeitsbedingungen. Ihre Antwort auf meine Frage, ob die Mitglieder des Gewerkschaftskomitees sie ablehnen, weil sie eine Frau sei, lautete: „Wäre ich ein Mann und würde für die Rechte der Arbeiter eintreten, würden sie mich ganz genauso behandeln."

Der Arbeitsminister machte sehr schnell Zugeständnisse an die Streikenden und versprach, ihre Forderungen vollständig zu erfüllen. Dennoch ist die Schlacht noch lange nicht geschlagen, da Hagga Aischa nach dem Streik den Schikanen von Management und Staatsgewerkschaft ausgesetzt ist. Sicher ist jedoch, dass sie und tausende Arbeiterinnen wie sie in ihrem Kampf für Gerechtigkeit nicht mehr alleine stehen.

Zur Autorin:

Farah Koubaissy ist Journalistin und politische Aktivistin. Sie lebt im Libanon.
 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 25, April – Juni 2012: Titelthema: Occupy! Wir sind alle Griechen.

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