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Zum Internationalen Frauentag am 8. März |
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Farah Koubaissy berichtet aus einer ägyptischen Tabakfabrik, in der eine Frau an der Spitze der Streiks stand.
 Arbeiterinnen der Hennawi-Tabakfabrik fordern auf Flugblättern Neuwahlen des Gewerkschaftskomitees der Fabrik, dem sie nicht mehr trauen. (Foto: Farah Koubaissy)
Aischa
Abd-al-Asis Abu-Samada gehört zu der der ständig größer
werdenden Schicht von Gewerkschaftsaktivisten, die die staatlichen
ägyptischen Gewerkschaften herausfordern. Als Hauptorganisatorin
und Sprecherin für die Arbeiter der Hennawi-Tabakfabrik in der
Nildeltastadt Damanhur ist sie besser bekannt als Hagga Aischa -
eine respektvolle Bezeichnung für eine Person, die die
muslimische Pilgerfahrt nach Mekka gemacht hat.
Die
überwiegend weiblichen Beschäftigten müssen unter
fürchterlichen Bedingungen arbeiten. Das Arbeitstempo ist
erbarmungslos. Vor fünf Jahren waren in der Fabrik noch 1.000
Menschen beschäftigt, heute sind es nur noch 350, die aber
dasselbe Arbeitspensum bewältigen müssen. Ihr langer
Arbeitstag beginnt um 8 Uhr morgens und endet um 18 Uhr, und das bei
einem Tageslohn von rund 1,30 Euro. Die Arbeit ist außerordentlich
anstrengend und gesundheitsschädigend. Die Beschäftigten
atmen ständig Tabakstaub ein und viele leiden unter
Atemwegserkrankungen. Nachdem im April 2003 eine neue Betriebsleitung
eingesetzt wurde, gibt es keine Plastikschuhe und Schutzkleidung mehr
für die Arbeiterinnen. Angehörige eines betrieblichen
Sicherheitsdienstes schikanieren die Beschäftigten und picken
sich häufig gerade diejenigen heraus, die sich gegen das Mobbing
des Managements wehren.
Eine
der Arbeiterinnen erzählt: "Ich arbeite seit meinem elften
Lebensjahr in der Fabrik, das sind jetzt 25 Jahre. Trotzdem haben sie
sich geweigert, mir eine leichtere Tätigkeit zuzuweisen. Früher
haben 25 Mädchen diese Arbeit erledigt, jetzt sind es nur noch
fünf, der Druck hat sich also enorm erhöht. Einmal bin ich
fünf Minuten zu spät zur Arbeit gekommen und sie haben mir
sechs ägyptische Pfund von meinem Lohn abgezogen, was der Hälfte
meines Tageslohns entspricht. Ich bin also zu meinem Chef gegangen
und habe mich beschwert, und er sagte: 'Wenn du deine Beschwerde
fallen lässt, dann mache ich dich zum Vorarbeiter' - Ich
habe abgelehnt und versucht, vor Gericht Recht zu bekommen."
Im
April 2003 trafen die neuen Manager die Entscheidung,
Sozialleistungen zu streichen und die gesetzlich vorgeschriebene
jährliche Sonderzahlung von 85 Tagesätzen auf 30 zu senken.
Aischa gehörte zu der Gruppe von Beschäftigten, die deshalb
einen Prozess gegen die Gesellschaft anstrengten. Sie organisierte
auch eine Reihe von Streiks für die Auszahlung der Zulagen. Als
Mitglied des Gewerkschaftskomitees in der Fabrik begann sie mit einer
Kampagne zur Verteidigung der Arbeiterrechte, musste aber bald
feststellen, dass die anderen Komiteemitglieder mehr an einer
Kuschelpolitik mit der Geschäftsleitung interessiert waren.
Aischas konsequente Weigerung, einen schlechten Kompromiss
abzusegnen, brachte sie auf Konfrontationskurs mit den übrigen
Mitgliedern des Gewerkschaftskomitees. Sie tat alles, um den Deal zu
verhindern. Daraufhin wurde sie nicht mehr zu den Komiteetreffen
eingeladen.
Diese
Erfahrung machte ihr deutlich, dass das Gewerkschaftskomitee
Entscheidungen gegen die Interessen der Arbeiterinnen traf. Im März
dieses Jahres bestätigte sich ihre Sorge, als das Komitee ein
neues Abkommen mit dem Management unterzeichnete, mit dem der
Arbeitskonflikt durch Zahlung einer lächerlichen Summe von 10,60
Euro für die unbezahlten Zuschläge und Sozialleistungen
beigelegt werden sollte. Tatsächlich handelte es sich um
Zahlungsrückstände von rund 280 bis 520 Euro.
Vermutlich
dachten die Gewerkschaftsfunktionäre und das Management, dass
die Angelegenheit damit erledigt sei. Das sahen die Arbeiterinnen
anders. Am 4. August informierten Hagga Aischa und eine Gruppe von
Kolleginnen Management und Gewerkschaftskomitee, dass sie bereits am
folgenden Tag in den Streik treten würden, wenn die Zulagen und
Sozialleistungen nicht gezahlt würden. Am nächsten Morgen
besetzten rund hundert Arbeiter und Arbeiterinnen die Fabrik, während
weitere hundert mit einem Buskonvoi nach Kairo fuhren, um vor dem
Arbeitsministerium und der Gewerkschaftszentrale zu demonstrieren.
Hagga
Aischa übernahm die Rolle der Sprecherin und
Streikorganisatorin. Sie knüpfte Verbindungen mit den Medien und
sorgte dafür, dass Journalisten am 5. August kamen, um die
Geschichte der Streikenden zu hören. Sie arrangierte den
Transport von Damanhur zum Ministerium in Kairo und führte eine
Delegation von Arbeiterinnen zur Gewerkschaftszentrale an.
Funktionäre
der Nahrungsmittelgewerkschaft waren sprachlos, als sie eine Petition
erhielten, unterzeichnet von hunderten von Arbeitern, in denen
erklärt wurde, sie hätten ihr Vertrauen in das
Gewerkschaftskomitee der Fabrik verloren und wollten Neuwahlen. Als
die Streikenden zur Arbeitsministerin Aischa Abd-al-Hadi vorgelassen
wurden, war Hagga Aischa Teil des Verhandlungsteams. Sie war das
einzige Mitglied des Fabrikkomitees, das trotz des Versuchs, es zu
isolieren, ohne Abstriche für die Forderungen der Arbeiter
eintrat.
Andere
Frauen schlossen sich begeistert dem Streik an. Sie gaben den Medien
detaillierte Informationen über ihre Beschwerden und Forderungen
und legten zum Beweis Dokumente vor. Außerdem spielten sie eine
fantastische organisatorische Rolle. Sie teilten die
Verantwortlichkeiten unter sich auf und brachten aus ihren
Speisekammern alles, was sie nur tragen konnten, mit zum Streik:
Käse, Fruchtsaft, Brot - und teilten die Lebensmittel unter
den Streikenden auf, die vor dem Ministerium ausharrten. Sie wussten,
es würde ein anstrengender Tag. Essen und Trinken sollte die
Streikenden bei Kräften halten nach ihrer langen und ermüdenden
Reise. Nicht einmal die vorbeikommenden Journalisten durften ohne
einen Happen Käse oder einen Schluck Mangosaft wieder gehen,
denn, so ein Streikender, „in dieser Frage gehören wir
zusammen".
Überraschenderweise
- jedenfalls für ein Land, wo Frauen nur selten aufstehen und
auf ihre Rechte pochen - hatte ich den Eindruck, dass sowohl Männer
als auch Frauen die Führungsrolle von Aischa in dem Streik
begrüßten. Die Streikenden hatten größten
Respekt vor ihr und verstanden, dass sie die Rechte aller Arbeiter,
Frauen wie Männer, einforderte. Ich konnte keine
Rollenaufteilung nach Geschlecht feststellen. Ich war sehr
beeindruckt von der Einigkeit und der Zusammenarbeit zwischen
Arbeitern und Arbeiterinnen und von dem stark ausgeprägten
Bewusstsein, dass sie unter denselben Bedingungen arbeiten und einen
gemeinsamen Kampf für Gerechtigkeit führen.
Als
ich Hagga Aischa fragte, ob es Spannungen oder Spaltungen zwischen
Männern und Frauen gebe, sagte sie, das sei zweitrangig
angesichts der Arbeitsbedingungen. Ihre Antwort auf meine Frage, ob
die Mitglieder des Gewerkschaftskomitees sie ablehnen, weil sie eine
Frau sei, lautete: „Wäre ich ein Mann und würde für
die Rechte der Arbeiter eintreten, würden sie mich ganz genauso
behandeln."
Der
Arbeitsminister machte sehr schnell Zugeständnisse an die
Streikenden und versprach, ihre Forderungen vollständig zu
erfüllen. Dennoch ist die Schlacht noch lange nicht geschlagen,
da Hagga Aischa nach dem Streik den Schikanen von Management und
Staatsgewerkschaft ausgesetzt ist. Sicher ist jedoch, dass sie und
tausende Arbeiterinnen wie sie in ihrem Kampf für Gerechtigkeit
nicht mehr alleine stehen.
Zur Autorin:
Farah Koubaissy ist
Journalistin und politische Aktivistin. Sie lebt im Libanon.
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