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Aktuelle Analyse |
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Panikverkäufe, Kursstürze an der Börse, Crash, schwarzer Montag, Bankenpleiten, drohende Rezession: In den Letzten Wochen überschlugen sich die Meldungen. marx21 beleuchtet die Hintergründe der gegenwärtigen Krise.
Was in den USA als
„Immobilienkrise" begann hat sich zu einer weltweiten Finanzkrise
ausgeweitet. Über 600 Milliarden Dollar stellten die Regierungen
der Industrieländer bereit um die Verluste der Konzerne
aufzufangen. Doch es mehren sich die Anzeichen für eine drohende
Rezession der US-Wirtschaft. So fiel etwa der viel beachtete
regionale Produktionsindex der Fed Philadelphia im Januar um 20,9
Prozent - verglichen mit einem Rückgang um 1,6 Prozent im
Monat zuvor. Er erreichte damit den niedrigsten Stand seit Oktober
2001.
In den vergangenen 25
Jahren ist es immer wieder zu großen Finanzkrisen gekommen: Von
der Schuldenkrise in Mexiko und Lateinamerika 1982, der Krise an der
New Yorker Börse 1987, über die Asienkrise 1997, die Krise
1998 in Russland und Brasilien, bis hin zum Platzen der New Economy
Ende der Neunziger Jahre und der Rezession in den USA von 2000 bis
2002.
Weltweit hat das Kapital
versucht, seine Profite durch Lohndruckerei, Entlassungen,
Sozialkürzungen und längere Arbeitszeiten
wiederherzustellen. Ein neuer Bericht der OECD zeigt auf, dass die
Lohnquote in allen industrialisierten Ländern der Welt fällt.
Der Aufstieg des
Neoliberalismus
Die Ursachen für die
Probleme des Kapitalismus liegen darin, dass es nicht gelungen ist,
die Profite auf dem Niveau der Nachkriegsjahre zu halten. Anfang der
1970er begann die Weltwirtschaft, die für Jahrzehnte gewachsen
war, sich zu verlangsamen.
Das Wachstum stagnierte,
die Profite fielen, und die Arbeitslosigkeit kehrte ins Herz des
Systems - die entwickelten Industrieländer - zurück.
Die Tendenz zum Sinken der Profitrate, ein Langzeitmerkmal des
Kapitalismus, das Karl Marx bereits vor 100 Jahren beschrieben hatte,
bestätigte sich aufs Neue. In den darauf folgenden
20 Jahren bestand die Antwort der Regierungen in der ganzen Welt in
einer zunächst zaghaften, aber dann immer schneller und
rücksichtsloser werdenden Durchführung von Maßnahmen,
die wir heutzutage als Neoliberalismus kennen.
Es handelte sich vor
allem um folgende drei: Erstens wurden große
Teile des Staatseigentums verkauft, was dem Privatkapital große
Summen in die Hände spielte - einer Schätzung nach
entsteht ungefähr ein Drittel aller Werte auf den Börsen
der Welt aus Privatisierungen. Zweitens wurden die
Kontrollen über die Bewegung von Gütern, Dienstleistungen
und - insbesondere - Geld von Land zu Land beseitigt. Eine
Maßnahme, die dem Kapital erlaubte, sich freier auf der ganze
Welt zu bewegen. Drittens, und das war die
einschneidenste Veränderung, wurden der Lebensstandard der
Arbeiterklasse angegriffen. Oft ist dies der schnellste und
einfachste Weg, die Profite wieder anzuheben: Den Beschäftigen
wird weniger bezahlt und die Arbeitszeit wird verlängert. Auch
der Abbau des Sozialstaates durch Steuersenkungen für
Unternehmen und die Kürzung von Sozialleistungen wirkt indirekt
auf eine Erhöhung der Profite.
In den Vereinigten
Staaten war dieser Angriff auf die Arbeiterklasse erfolgreich -
zwischen 1975 und 1995 stagnierten in den USA die durchschnittlichen
Reallöhne für männliche Vollzeitarbeiter. Teilweise
sanken sie sogar geringfügig. Anderswo schlugen die Angriffe
weniger durch, aber auch in großen Teilen Europas wurden die
Wohlfahrtsstaaten hinweggefegt. Die Arbeitsplatzunsicherheit stieg
an.
Stagnation trotz
Profite
Durch diese Attacken
gelang es dem Kapital, seine Profite um einiges zu erhöhen. Das
Wachstum kehrte in einige Bereichen des Systems zurück, es war
aber ungleich verteilt: Die US-Wirtschaft boomte in den späten
1990ern und den ersten Jahren dieses Jahrhunderts, während das
Wachstum in der heutigen Eurozone im Allgemeinen stagnierte. In den
weniger entwickelten Ländern war die Situation noch
widersprüchlicher. Während einige wenige wie China in der
Lage waren, wieder an die Weltwirtschaft anzuschließen,
versanken viele, wie zum Beispiel Afrika südlich der Sahara in
stetigen wirtschaftlichen Niedergang.
Zwar fand keine Rückkehr
zum „Goldenen Zeitalter" des Kapitalismus wie nach dem 2.
Weltkrieg statt. Aber der im Grunde relativ schwache Aufschwung wurde
durch das explosive Wachstum des Weltfinanzsystems beflügelt.
Die Finanzmärkte und die Finanzinstitutionen spielen eine
besondere Rolle im Kapitalismus. Sie helfen bei der Koordination des
Systems, indem sie das Kapital dahin verschieben, wo es den meisten
Profit bringen kann.
Ein einzelner Unternehmer
mag nicht in der Lage sein zu sehen, wo die besten Profite auf der
Welt erzielt werden können - die Finanzmärkte schon.
Theoretisch tragen sie zum „besseren" Funktionieren des
Kapitalismus bei: Sie finden heraus wo die höchsten Profite
gemacht werden können und vergrößern so, zumindest
der Theorie nach, die Profite im ganzen System.
Die Tücken des
neuen Finanzsystems
Jedoch hat das
Finanzsystem zwei große Risiken. Erstens kann es die
Realprofite falsch einschätzen. Die Folge sind wilde
Spekulationen. Die Finanzmärkte fiebern dann im Rausch immer
weiter ansteigender Aktienpreise zu neuen Höchstständen.
Diese Spekulationen werden „Blasen" genannt. Die Konsequenzen
ihres Zerplatzens können furchtbar sein.
Zweitens kann sich die
Schnelligkeit und Flexibilität, mit der das Finanzsystem Profite
erzielt, den Kapitalismus als ganzes destabilisieren. Das passiert
wenn eine Krise in einem Bereich der Wirtschaft oder einem Land sich
schnell auf alle anderen Bereiche der Wirtschaft oder andere Länder
überträgt.
Der elektronische Handel
macht die Börse zu einem der schnellsten Bereiche der
Wirtschaft. Geld kann per Mausklick um die ganze Welt bewegt werden.
Finanzinstitutionen sind in der Lage, über den Globus zu
schwärmen, um dort nach lukrativen Geschäftsmöglichkeiten
zu suchen, in Märkte hinein- und hinauszugehen, Aktien zu kaufen
und zu verkaufen, und dies mit unglaublicher Geschwindigkeit. In
London - eine der wichtigsten Drehscheiben des neuen globalen
Finanzsystems - stieg der Wert der gehandelten Waren seit 1986 um
das 15-fache: Von 217 Milliarden Euro auf 3,36 Billionen Euro heute.
Zusammen mit einer gewissen Erholung der Profitraten waren die
Finanzmärkte in der Lage, mehr und mehr Geld und Kapital in sich
aufzunehmen und sich so zu immer größeren Höhen
aufzuschwingen.
Darüber hinaus schuf
die Expansion und wachsende Komplexität des Finanzsystems eine
faszinierende neue Möglichkeit für den Kapitalismus. Es ist
im individuellen Interesse jedes Kapitalisten, seinen Angestellten so
wenig wie möglich zu zahlen, um die Profite zu erhöhen.
Aber wenn alle Kapitalisten dies täten, wären die Arbeiter
kollektiv nicht in der Lage, sich zu leisten, was die Kapitalisten in
ihrer Gesamtheit produzieren. Was für einen Kapitalisten gut
ist, ist für das System im Ganzen nicht notwendigerweise gut.
Indem Arbeitnehmern
billige Kredite und Darlehen angeboten wurden, konnten die
Kapitalisten den Beschäftigten gleichzeitig weniger zahlen, aber
dennoch ihre Güter und Dienstleistungen verkaufen.
Konsum trotz
Lohnerhöhung
Die Effekte sind
dramatisch. In Großbritannien, wo dieser Prozess vielleicht am
Weitesten fortgeschritten ist, sind die realen Löhne in den
letzten paar Jahren nur schwach gewachsen. Aber der Konsum ist seit
1998 um 40 Prozent gestiegen. Der Abstand zwischen geringen
Lohnanstieg und schnell ansteigenden Verbraucherausgaben wurde durch
Konsumentenkredite gedeckt. Mittlerweile sind die Menschen in
Großbritannien mit über 1,6 Billionen Euro verschuldet.
Doch dieses neue
Hochgeschwindigkeitsfinanzsystem steht auf sehr wackligen Füßen:
Zwar haben sich die Profitraten etwas erholt, aber sie bleiben zu
niedrig, um eine allgemeine Expansion des Kapitalismus
hervorzubringen. Das Finanzsystem konnte natürlich Geld mit
halsbrecherischer Geschwindigkeit um den Globus jagen. Doch der
Zustrom realer Profite in das System stieg sehr viel weniger
dramatisch an. Dies erhöhte das Risiko, dass sich spekulative
„Blasen" entwickeln und dann wieder zerplatzten. Die letzten 20
Jahre waren von diesem Prozess geprägt.
Aber diese Krisen haben
bis heute noch nicht das Systems als ganzes in den Abgrund gerissen.
Das Platzen der New-Economy-Blase zu Beginn dieses Jahrzehnts führte
zwar zu heftigen Kursverlusten, aber das schnelle Eingreifen der
amerikanische Zentralbank (Federal Reserve) hinderte die Krise daran,
sich auf die Realwirtschaft auszudehnen. Der Federal Reserve gelang
dies, indem sie eine neue Blase schuf, diesmal auf dem
Immobilienmarkt. Sie drosselte die Zinsraten und ermunterte viele
AmerikanerInnen, einfach weiter zu borgen und zu konsumieren.
Von der
Immobilienkrise zur Finanzkrise
Je mehr sich die
Immobilienblase aufblies desto mehr Konsumenten wurden in ihren Kreis
gezogen. Die Finanzinstitute suchten sich Leute heraus, die sich
normalerweise keine Hypothek leisten konnten, und gaben ihnen
Darlehen, die sie nicht würden zurückzahlen können.
Teilweise wurden diese Subprime-Kredite an Menschen ohne jegliches
Einkommen vergeben.
Das war natürlich
mehr als riskant. Denn Menschen, die sich die Zinszahlungen auf ihre
Kredite nicht leisten können, gehen ein hohes Insolvenzrisiko
ein. Hypothekenverleiher blieben so auf Milliarden Dollar „fauler"
Schulden sitzen. Die Komplexität des
Finanzsystems hatte die größten Banken dazu verleitet,
sich mit immer spekulativeren Aktivitäten zu befassen. Sie waren
die Geldgeber der Subprime-Verleiher, die die Kredite ihrerseits an
ihre Kunden weitergaben. Als die Banken merkten, dass sie in
Schwierigkeiten waren, gerieten sie in Panik. Sie riefen einige ihrer
Kredite zurück und stoppten die Kreditvergabe untereinander.
Normalerweise leihen
Banken einander Geld zu vergleichsweise niedrigeren Raten - sie
vertrauen einander, dass sie schon nicht Bankrott gehen werden. Auch
Banken auf Deutschland hatten sich auf dieses System verlassen. Als
die Banken nun plötzlich aufhörten, einander Kredite zu
geben, kamen manche Finanzinstitute in erhebliche Schwierigkeiten.
Bekannteste Beispiele hierzulande waren die IKB und die WestLB.
Aufgrund der Art und
Weise, wie das Finanzsystem den Kapitalismus zusammenhält, kann
ein ernstes Problem in einem auch nur kleinen Teil des Systems sich
sehr schnell in eine Krise für den gesamten Kapitalismus
verwandeln.
Als das letzte Mal eine
Finanzkrise drohte, war die Federal Reserve in der Lage, eine
Hypothekenblase zu schaffen, um das System über Wasser zu
halten. Jetzt ist die Hypothekenblase geplatzt. Aber was für
eine Blase will die Zentralbank als nächstes schaffen?
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