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Schwerpunkt: 40 Jahre 1968 | Drucken |
Roter Mai und wilde Streiks
>> Audio-Datei (15 Minuten, mp3, 7,13 MB)

Der Generalstreik in Frankreich 1968 inspirierte auch die Aktivisten in Deutschland. Yaak Pabst beleuchtet das Verhältnis von Studierendenrevolte und Arbeiterkämpfen.

1968 in Paris: Nach heftigen Auseinandersetzungen von Studierenden und jungen Arbeitern mit der Polizei beschließt ein Spitzentreffen der Gewerkschaftsdachverbände für den 13. Mai einen 24-stündigen Generalstreik. In ganz Frankreich wird an diesem Tag gestreikt und demonstriert.

Unter der Parole „Solidarität zwischen Arbeitern, Lehrern und Studenten" versammelten sich in Paris nahezu eine Million Menschen zum größten Demonstrationszug der französischen Nachkriegsgeschichte. Ein Augenzeuge: „Endlos zogen sie vorbei. Jede Fabrik, jede größere Arbeitsstelle schien anwesend zu sein. Es gab zahlreiche Gruppen von Eisenbahnern, Postboten, Druckern, Metro-Personal, Metallarbeitern, Flughafenarbeitern, Marktmännern, Elektrikern, Rechtsanwälten, Schneidern, Bankangestellten, Maurern, Glas- und Chemiearbeitern, Kellnern, öffentlichen Bediensteten, Malern und Dekorateuren, Gasarbeitern, Verkäuferinnen, Versicherungsangestellten, Straßen­kehrern, Busfahrern, Lehrern, Arbeitern aus den neuen Kunststoffindustrien, Reihe an Reihe, das Fleisch und Blut der modernen kapitalistischen Gesellschaft, eine unendliche Masse, eine Macht, die alles beiseite fegen könnte, wenn sie sich dafür entschiede."

Die Gewerkschaftsführer wollten es bei einem Aktionstag belassen. Doch die Bewegung entfaltete ihre eigene Dynamik. Die Arbeiter und Arbeiterinnen hatten einen Hauch ihrer Macht gespürt. Am nächsten Tag entschieden die 2.000 Beschäftigten der Flugzeugfabrik Sud-Aviation bei Nantes, dass eine eintägige Aktion nicht ausreiche. Sie traten in einen unbefristeten Streik, besetzten die Fabrik und sperrten die Werkdirektion in ihre Büros ein.
Am Vormittag des 16. Mai besetzten die Arbeiter von Renault in Flins und Le Mans ihre Fabriken. Noch am selben Tage schlossen sich die übrigen Renault­arbeiter an. Damit waren 100.000 im Besetzungsstreik - am nächsten Tag vervielfachte sich ihre Zahl, ohne dass die Gewerkschaften einen allgemeinen Streikaufruf erlassen hätten.
In den folgenden Tagen griff die Bewegung auf die Metall- und Chemieindustrie über, den öffentlichen Dienst, dann auf nahezu alle Industriezweige. Auch die Angestellten der Warenhäuser, der Banken und Versicherungen sowie die Lehrer und Beamten schlossen sich dem Streik an. Ende Mai meldeten die Gewerkschaften in Frankreich zehn Millionen Streikende.

In Nantes zeigte sich, wie eine freie Gesellschaft aussehen könnte: Eine Woche lang kontrollierten die Arbeiterorganisationen praktisch die Stadt. Polizei und Verwaltung konnten nur machtlos zusehen. Arbeiter kontrollierten den Verkehr in die Stadt, die Treibstoffversorgung und die Nahrungsmittelzufuhr.

Der Generalstreik warf die gesamte gesellschaftliche Routine aus dem gewohnten Gleis: Totengräber, Nachtklubtänzerinnen, Orchestermusiker, Wissenschaftler im nuklearen Forschungszentrum Saclay, selbst Fußballspieler streikten und hissten auf der Zentrale des Französischen Fußballverbandes die rote Fahne. Junge Katholiken besetzten im Pariser Quartier Latin eine Kirche und verlangten Diskussion statt Messe.

Premierminister Pompidou schrieb rückblickend: „Es war nicht meine Position, die zur Disposition stand. Es war General de Gaulle, die Fünfte Republik und, in einem beachtlichen Ausmaß, die bürgerliche Demokratie selbst." Tatsächlich war Präsident de Gaulle schon nach Deutschland geflohen. Nicht nur, dass es in einem entwickelten Industrieland nach Revolution roch - die Bewegung war dazu noch von Arbeitern getragen, die anfingen, die Arbeit und Gesellschaft in die eigenen Hände zu nehmen und die Machtfrage zu stellen. Obwohl die Herrschenden in Frankreich in den kommenden Wochen wieder die Kontrolle erlangten, übten die Nachrichten aus Frankreich auf die linken Studierenden in Deutschland eine unheimliche Anziehungskraft aus - zeigten sie doch, dass die Arbeiterklasse keineswegs ihr revolutionäres Potenzial verloren hatte. Der Generalstreik in Frankreich stellten die bisherigen Vorstellungen vieler Aktivisten auf den Kopf.

Von der antiautoritären Aktion...

Die erste Phase der Radikalisierung der Studierendenbewegung in Deutschland war geprägt von den Ideen eines Philosophen der Frankfurter Schule, Herbert Marcuse. Marcuse war ein scharfer Kritiker des Kapitalismus, aber er sah in der Arbeiterklasse der Industrieländer keine revolutionäre Kraft mehr. Nach seiner Ansicht hatte es der entwickelte Kapitalismus geschafft, die inneren Gegensätze zwischen Lohnarbeit und Kapital zu überwinden. Statt auf die Arbeiter setzte Marcuse setzte auf die „Große Weigerung": Eine Revolte, die von den sozialen Randgruppen und Minderheiten in den Industriestaaten, vor allem aber von der Bevölkerung in den ehemaligen Kolonien der „Dritten Welt" getragen werden solle.

In der zentralen Organisation der Studierendenbewegung, dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) wurden Marcuses Ideen begierig aufgesogen. Sie entsprachen den Erfahrungen der Studierenden in den Jahren vor 1968. Zum einen fanden in der Nachkriegszeit gerade in der „Dritten Welt" Revolutionen gegen den Kolonialismus statt. In dessen Zentren, in den hochindustrialisierten westlichen Staaten, kämpften die Studierenden, aber die Arbeiterklasse rührte sich kaum. Das Bewusstsein der Arbeiter schien durch den bürgerlichen Medien­apparat und den kapitalistischen Massenkonsum so manipuliert zu sein, dass diese ein größeres Interesse an der Aufrechterhaltung des Status quo als am Sturz des Kapitalismus hätten. Die Arbeiterklasse in der BRD wurde von den meisten Studierenden vor dem Pariser Mai als konservativ, verbürgerlicht und integriert angesehen. Eine Veränderung dieses Zustands schien langfristig kaum möglich. Rudi Dutschke erklärte im Oktober 1967: „Und da meine ich, dass dieses Arbeitermilieu als bestimmte Negation des bestehenden Systems bei uns nicht existiert. Ich gehe davon aus, dass die Schaffung eines solchen Milieus erst als Resultat der Revolutionierung von Randschichten gelingen und nicht strategischer Ausgangspunkt der Transformierung sein kann."

...zur Fabrikarbeit

Unter dem Eindruck des Pariser Mai änderte sich diese Haltung. Die „Randgruppentheorie" von Marcuse schien durch die Aktionen der Arbeiter widerlegt - Arbeiterselbstaktivität und Streik bis hin zur Machtfrage waren als revolutionäre Strategie wiederbelebt. Große Teile der revolutionären Studierenden hielten nun eine strategische und praktische Umorientierung auf die Arbeiterklasse für notwendig - viele gingen zur so genannten „Fabrikarbeit" über. Aktivisten erinnern sich: „Wir machten Betriebszeitungen, sahen der Geschäftsleitung auf die Finger, deckten dunkle Geschäfte des Konzerns auf, bereiteten uns auf die Belegschaftsversammlungen vor oder stellten in Artikeln die ‚Lohn-Preis-Spirale‘ als ‚Preis-Profit-Spirale‘ vor."

Die Wendung zur Fabrikarbeit war begleitet von der Hoffnung, dass die aus der Studierendenbewegung entstandene revolutionäre Minderheit durch ihre Aktionen oder durch ihre theoretische Propaganda auch in der deutschen Arbeiterbewegung eine Radikalisierung vorantreiben könnte. Diese Hoffnungen schienen sich zu erfüllen - die deutsche Arbeiterbewegung kam in Wallung. Grund dafür war die Entwicklung einer Streikbewegung - an den gewerkschaftlichen Führungen vorbei. Die sogennanten „wilden" Streiks begannen, als am 2. September 1969 3.000 Stahlarbeiter der Dortmunder Hoesch-Werke die Arbeit niederlegten. Sie hatten eine Erhöhung der Stundenlöhne um 20 Pfennig gefordert, die Betriebsleitung hatte nur 15 Pfennig zahlen wollen. Nun zogen die Streikenden vor das Verwaltungsgebäude und forderten eine Erhöhung des Stundenlohns um 30 Pfennig. Am nächsten Tag waren bereits über 24.000 Stahlarbeiter der Hoesch-Werke im Ausstand. Die Betriebsleitung gab nach und bewilligte 30 Pfennig mehr pro Stunde. Dieser Erfolg löste eine spontane Streikbewegung aus, die zunächst die Eisen- und Stahlindustrie erfasste, dann auf den Bergbau übergriff und schließlich die metallverarbeitende Industrie und sogar Bereiche des öffentlichen Dienstes (Nahverkehr und Müllabfuhr) sowie der Textilindustrie erreichte. Über 140.000 Beschäftigte beteiligten sich.

Beendet wurden die Streiks erst durch Zugeständnisse der Werksleitungen und durch neue Tarifverträge, die beispielsweise im Bergbau und in der Metallindustrie rückwirkende Lohnerhöhungen um zehn bis zwölf Prozent brachten. Ein großer Erfolg für die Beschäftigten. Die Septemberstreiks waren spontane Arbeitsniederlegungen, die organisatorisch und finanziell von den Gewerkschaften nicht unterstützt wurden. Die Streikenden wählten oder bestimmten ihre Sprecher und Verhandlungsleiter selbst. In den meisten Fällen waren dies allerdings gewerkschaftliche Vertrauensleute oder Betriebsratsmitglieder.

Das gewachsene Selbstbewusstsein der Beschäftigten gegenüber den Gewerkschaftsführungen zeigte sich etwa drei Jahre später, als erneut spontane Streiks in Deutschland ausbrachen. Hatten sich die Septemberstreiks 1969 auf zweieinhalb Wochen konzentriert, so verteilten sich die wilden Streiks 1973 in mehreren Wellen über das ganze Jahr: Im Frühjahr streikten die Arbeiter in der nordrhein-westfälischen Stahlindustrie, im Sommer Arbeiter der Automobilindustrie, im Herbst die Bergarbeiter im Saarland. Auch hier konnten die Streikenden in den meisten Fällen Lohnerhöhungen durchsetzen. Noch deutlicher als die Septemberstreiks von 1969 dokumentierten die Streikwellen von 1973 die Unzufriedenheit der Gewerkschaftsmitglieder mit den Ergebnissen gewerkschaftlicher Interessenpolitik und die Mängel der innergewerkschaftlichen Willensbildung.

Die Arbeiterinnen und Arbeiter waren nicht länger bereit, der Politik der Vorstände zu folgen und die Lohnforderungen den Konjunkturerfordernissen der Wirtschaft anzupassen. In den Jahren 1969 bis 1972 beteiligten sich über eine Million Beschäftigte in 1.875 Betrieben an wilden Streiks. Dieser Aufschwung im Klassenkampf gab den revolutionären Studierenden und Organisationen der neuen Linken enormen Auftrieb.

Doch die Erwartungen vieler Studierenden, dass sich aus diesen spontanen Streiks eine revolutionäre Dynamik ergeben würde, erfüllte sich nicht. Hatten viele der Studierenden vorher nur eine integrierte, konservative Arbeiterklasse gesehen, so überschätzten sie jetzt die Entwicklung des Klassenbewusstseins. Zwar konnten die verschiedenen revolutionären Gruppen Netzwerke von oppositionellen Gewerkschaftsaktivisten stärken. Aber die revolutionäre Linke war weit davon entfernt, den Einfluss der SPD innerhalb der Arbeiterbewegung wirklich herausfordern zu können.

Die Krise und der Niedergang

Das machte sich ab Ende 1973 bemerkbar, als die BRD in die bis dato schwerste Rezession ihrer bisherigen Geschichte kam. Die Krise und die damit verbundene Angst vor Arbeitslosigkeit sorgten für Verunsicherung in den Betrieben. Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf über eine Million im Jahr 1975 an. Im Jahr 1983 waren es bereits 2,5 Millionen. Das gewachsene Selbstvertrauen der Beschäftigten aus den Kämpfen von 1969-1973 wich der Angst vor Entlassungen. Das Versprechen der SPD und der Gewerkschaftsführung, dass die sozialliberale Regierung fähig sei, diese Krise im Interesse der Beschäftigten zu überwinden, wurde von vielen Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben geglaubt. Die Kampfbereitschaft der Beschäftigten sank. Die Zahl der Streiks in Deutschland nahm ab, die Niederlagen häuften sich.

Mit dem Rückgang der Klassenkämpfe verlor sich auch die Vorstellung, dass gesellschaftliche Veränderungen durch die Macht kollektiv kämpfender Arbeiter erstritten werden können. Theorien, die den „Abschied vom Proletariat" behaupteten, bekamen wieder Konjunktur, und die Perspektive einer grundsätzlichen Veränderung der Gesellschaft geriet in den Hintergrund. Joschka Fischer verkündete 1980: „Die Arbeiterklasse verfügt im Spätkapitalismus über keine vorwärtsweisenden Alternativen mehr, man bescheidet sich mit dem Erreichten, richtet sich ein, verteidigt und macht endlich mit. Der Sozialismus begriff sich immer als der einzige legitime Erbe des kapitalistischen Systems, dessen entfesselten Produktivkräfte erst im Gemeineigentum zu ihrer wahren Bestimmung für alle kommen würden. Die Gegenwart erweist diese Erbschaft als verspielt, und die Erben gehen leer aus. Wir waren Mitglieder dieser sozialistischen Erbengemeinschaft und stehen nun mit leeren Händen da."

Angesichts der objektiven Schwierigkeiten, wie der einsetzenden Krise und dem Rückgang der Klassenkämpfe, der Vorherrschaft der Sozialdemokratie in der Arbeiterbewegung und der Stärke der Gewerkschaftsbürokratie, verloren viele das Vertrauen in die Arbeiterklasse, das sie zuvor durch die Arbeiterkämpfe gewonnen hatten.

Und heute

Die Ereignisse von 1968 veränderten die Gesellschaft nachhaltig. Auch wenn die Hoffnung auf eine andere Welt, eine sozialistische Welt, nicht erreicht wurde, sind die 68er nicht gescheitert.

Die Widersprüche der 68er Bewegung in Deutschland lagen vielmehr in der ungleichzeitigen Entwicklung von Studierendenbewegung und Arbeiterbewegung begründet. Die Hoffnung und Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse zum Träger einer Revolution in Deutschland werden könnte, kam zu einem Zeitpunkt, als die Arbeiterbewegung noch weitgehend in das sozialpartnerschaftliche Modell des deutschen Nachkriegskapitalismus integriert war. Auch die Entstehung der Massenarbeitslosigkeit in den 1970er Jahren hatte zunächst einen eher disziplinierenden Effekt auf die abhängig Beschäftigten. Radikale Strömungen blieben in der deutschen Arbeiterbewegung eine Randerscheinung.

Heute schwindet aufgrund der tiefen sozialen Krise das Vertrauen in die sozialpartnerschaftlichen Lösungsansätze der Sozialdemokratie. In Deutschland ist der dramatische Mitgliederschwund bei der SPD ein Ausdruck dieser Entwicklung, ebenso die Gründung der LINKEN.

Die Wiedergeburt einer lebendigen Tradition des revolutionären Marxismus innerhalb der Arbeiterbewegung ist heute wieder möglich. Allerdings fällt sie nicht vom Himmel, sondern muss wie vor 40 Jahren von der Linken aufgebaut werden - in der Hoffnung, dass diesmal ein neuer Aufbruch zum Erfolg wird.

Zum Autor:
Yaak Pabst ist Politologe und marx21-Redakteur. Er ist aktiv bei DIE LINKE.SDS an der Humboldt Unviversität Berlin.

 
 
 
AKTUELLES HEFT
marx21, Heft 02/2014, Titelthema: Gefährlicher Kampf um Osteuropa

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