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"Die herrschende Ordnung wurde erschüttert" |
Kürzlich ist Chris Harmans Buch "1968 - eine Welt in Aufbruch" auf Deutsch erschienen. Stefan
Bornost sprach mit dem Autor über sein Werk und die Situation
heute.
 Chris Harman (Foto: marx21) marx21: 1968
war viel mehr als eine Studentenrevolte - das ist eine zentrale
These deines Buchs. Was meinst du damit?
Chris Harman: 1968
verdichteten sich verschiedene krisenhafte Entwicklungen im
Weltkapitalismus - zum einen der Krieg der USA in Vietnam: Er
startete als Polizeioperation um die amerikanische Hegemonie zu
verteidigen. In den Vorjahren hatte es Dutzende solcher Einsätze
gegeben - beispielsweise in der Dominikanischen Republik oder im
Kongo. Diese Einsätze waren kurz und, im amerikanischen Sinne,
erfolgreich.
Nichts
deutete drauf hin, das die Intervention in Vietnam anders sein würde
als die vorherigen Einsätze. Doch Vietnam war anders. Die
Bauern-Guerilla war stark in der Bevölkerung verankert und durch
ihre kommunistischen Kader straff organisiert.
Die
Tet-Offensive im Januar 68 machte auch der amerikanischen Bevölkerung
deutlich, das dieser Krieg anders war - und nicht zu gewinnen. Er
wurde immer brutaler, die Kosten explodierten und die US-Armee
revoltierte. Das erschütterte natürlich die Ideologie vom
„freien Westen" und ist einer der wesentlichen Triebfedern der
Revolte gewesen.
Ein
zweiter Krisenfaktor war die widersprüchliche Entwicklung des
südeuropäischen Kapitalismus. In Frankreich, Italien und
Spanien hatte sich der Kapitalismus nach dem Krieg wieder
stabilisiert. Das maßgeblich von der katholischen Kirche
geprägte gesellschaftliche Klima war bedrückend, die
Regierungen autoritär: Die Präsidialherrschaft de Gaulles
in Frankreich, die Franco-Diktatur in Spanien und die Dauerregierung
der konservativen Democrazia Christiana (DC) in Italien.
Gleichzeitig
veränderte sich durch die Industrialisierung die Struktur der
Arbeiterklasse. Junge Arbeiter vom Land kamen in die Fabriken,
arbeiteten unter schlechtesten Bedingungen und radikalisierten sich.
Diese neue Generation sah sich von den bestehenden politischen
Parteien, sowohl den konservativen als auch den bürokratisierten
kommunistischen, nicht repräsentiert - und bildeten den Kern
eines Aufstands in den Betrieben, der sich in Italien sogar über
Jahre hinzog.
Auch
in Osteuropa endete die Friedhofsruhe. 1965 hatten Jacek Kuroń
und Karol Modzelewski eine marxistische Kritik an der polnischen
Gesellschaft verfasst und waren zu drei Jahren Gefängnis
verurteilt worden - unter dem Protest von Studenten der Universität
Warschau. Dieser wurde aber von der Polizei unterdrückt. 1968
drangen dann die Nachrichten über die politische Öffnung in
der Tschechoslowakei nach Polen durch und 4.000 Studenten
demonstrierten und besetzen die polytechnische Universität in
Warschau. In den folgenden Wochen lieferten sich in den polnischen
Universitätsstädten Studenten und junge Arbeiter erbitterte
Auseinandersetzungen mit der Polizei. Gleichzeitig gewann die
Bewegung in der Tschechoslowakei so an Dynamik, dass die
Sowjetführung die Panzer rollen ließ. Zusammengenommen war
dies die größte politische Erschütterung des
Ostblocks seit Anfang der Fünfziger Jahre.
Das
vierte Element der Krise von 1968 war der Aufstand der Schwarzen in
den USA. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg endete zwar die
Sklaverei, nicht aber die rassistische Unterdrückung. Im Süden
wurde die Rassentrennung per Gesetz abgesichert, im Norden waren die
Schwarzen formell frei, aber ökonomisch und sozial unterdrückt.
Diese Spannung entlud sich vor allem in den Ghettoaufständen und
der Formierung radikaler und auch revolutionärer schwarzer
Organisationen.
All
diese Elemente zusammen machen das explosive Gemisch von 68 aus -
deshalb ist jede Reduzierung, etwa auf einen Generationenkonflikt, zu
platt. Aber natürlich war es so, dass die Widersprüche, wie
bei jedem gesellschaftlichen Umbruch, von jungen Menschen am
deutlichsten empfunden worden - weswegen sie auch das Bild der
Demonstrationen und Streiks prägten.
 Buch: Chris Harman, 1968 - Eine Welt in Aufruhr 40
Jahre nach der Revolte ziehen viele Alt-68er Bilanz. Was wäre
deine?
Offensichtlich
ist das erklärte Ziel vieler damaliger Aktivisten - den
Kapitalismus durch eine menschenwürdigere Gesellschaft zu
ersetzen - nicht erreicht worden. Dennoch wurde die herrschende
Ordnung erschüttert. In Ländern wie Italien dauerte es über
zehn Jahre, bis sich das politische System wieder im Sinne der
Herrschenden stabilisiert hatte. Dazu waren, gerade in Ländern
des Südens, enorme Repressionen notwendig. Allein die Tatsache,
dass in einem Land wie Chile zehntausende linke Aktivisten durch das
Militär umgebracht werden mussten, um den Status quo wieder
herzustellen, spricht Bände über das Ausmaß der
Radikalisierung.
Von
der Bewegung wurden aber auch konkrete Erfolge errungen. Denn
Repression war nicht die einzige Methode der Herrschenden, um die
68er wieder einzufangen - es wurden auch Reformen zugestanden. In
Deutschland beispielsweise war die kurze „Reformära" unter
Willy Brandt ein Resultat der Studentenrevolte und des darauf
folgenden Aufschwungs von Arbeiterkämpfen. Auch der Abzug der
US-Armee aus Vietnam ist das Ergebnis von drei miteinander
kombinierten Bewegungen: der bewaffneten Widerstandsbewegung der
Vietnamesen, der Friedensbewegung - vor allem in den USA, aber auch
im Rest der Welt - und dem Widerstand innerhalb der amerikanischen
Streitkräfte. Direktes Resultat war, dass die US-Armee jahrelang
nicht mehr in anderen Ländern interveniert hat.
'68
und heute: Wo siehst du Parallelen, wo Unterschiede?
Genau
wie 1968 gibt es auch heute wieder global agierende Bewegungen - zu
nennen sind vor allem die globalisierungskritische Bewegung und die
von vielen ihrer Aktivisten getragenen weltweiten
Anti-Kriegs-Proteste.
Die
Bewegungen Anfang des 21. Jahrhunderts waren von den Zahlen her viel
größer als 1968. An der großen Demonstration gegen
den drohenden Angriff auf den Irak am 15. Februar 2003 nahmen
weltweit elf Millionen Menschen teil, Hunderttausende demonstrierten
in Seattle, Genua, Heiligendamm und vielen anderen Orten gegen die
kapitalistische Globalisierung. Wenn wir noch die unzähligen
Menschen hinzuzählen, die auf den verschiedenen Welt- und
Europäischen Sozialforen miteinander diskutiert haben, dann
stellt die Breite des Aktivismus 1968 in den Schatten.
Der
entscheidende Unterschied liegt aber in der Frage der Strategie der
Gesellschaftsveränderung. 1968 platzte der französische
Generalstreik in die Debatten der antikapitalistischen Minderheit.
Die Arbeiterbewegung wurde so zum strategischen Fokus, allgemein
anerkannt als zentrale Kraft um die Gesellschaft grundlegend zu
verändern.
Heute
sind wir in einer Phase, in der die Arbeiterbewegung erst anfängt,
sich von schweren Niederlagen und organisatorischen Krisen zu
erholen. Oftmals werden Gewerkschaften, gerade wenn sie noch stark in
sozialpartnerschaftlichen Traditionen verhaftet sind, als
konservative Kraft wahrgenommen. Zwischen der potentiellen Macht der
Klasse und ihrer realen Ausübung klafft eine große Lücke.
Deshalb gibt es keine klare Antwort auf die Frage: Wer hat die Macht,
die Welt grundlegend zu verändern?
Dabei
geht es der Masse der lohnabhängig Beschäftigten nach 30
Jahren neoliberaler Angriffe viel schlechter als 1968. Das führt
auf der einen Seite zu Demoralisierung und Zersplitterung der
Arbeiterbewegung. Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass
eine Revolte wie '68 weiter ausgreifen könnte, weil die Kritik
am globalen Kapitalismus viel allgemeiner ist. Wir sind in einer
Zwischenphase zwischen großen Revolten - wie die nächste
aussieht wird auch davon abhängen, ob es die Linke schafft, die
Brücke zwischen der konkreten Lebenssituation der Arbeiterklasse
und einer radikalen Kritik des Kapitalismus zu schlagen.
Zur Person:
Chris
Harman war 1968 studentischer Aktivist an der London School of
Economics. Heute ist er Chefredakteur von International
Socialism und Autor zahlreicher
Bücher.
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