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Juni 2008: marx21, Heft 6 |
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Ein realistisches Bild Chinas zeichnen |
Zum Interview mit Ulrike Eifler "Pekings Politik trägt koloniale Züge" und zum Kommentar "Gebrochene Versprechen" von Volkhard Mosler (Heft 5)
Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung von
politischen Freiheiten verdienen unsere Solidarität, auch in China. Ist
aber die Unterstützung der Unabhängigkeitsbestrebungen der tibetischen
Exilregierung der richtige Weg?
Die Politik der chinesischen Regierung gegenüber ethnischen
Minderheiten soll nicht von Kritik frei gestellt werden. Dennoch:
Ethnische Minderheiten sind von der Ein-Kind-Politik Chinas
ausgenommen, in der Autonomen Region Tibet ist Tibetisch neben dem
Chinesischen Amtssprache und Sprache im staatlichen Schulunterricht.
Ebenso wie die Tibeter wird die große Mehrheit der Chinesen
wirtschaftlich ausgebeutet und politisch unterdrückt. Die Tibeter haben
mit ihnen mehr gemeinsam als mit der früheren herrschenden Klasse
Tibets.
Im Falle einer Lostrennung Tibets von China würde diese Klasse zwar
wohl nicht den Feudalismus und die Leibeigenschaft wieder einführen,
aber sicherlich Anspruch auf ihre früheren Ländereien erheben. Und wer
wollte den "Befreiern" dann diesen Anspruch verwehren?
Ist Tibet die "Frontlinie für die Großmachtambitionen Chinas"? Chinas
außenpolitischer Einfluss beruht viel stärker auf seiner Attraktivität
als großer Absatzmarkt und billiger Produktionsstandort als auf seiner
militärischen Macht. Eine Autarkie - falls China überhaupt danach
strebt - ist für mehr als eine Milliarde Menschen jedenfalls mit den
Ressourcen Tibets nicht zu erreichen.
Die These eines expansionistischen und militaristischen China wird
immer wieder von rechtsgerichteten Politikern in Japan, Südkorea und
anderen Staaten der Region propagiert und dient nicht zuletzt als
Argument für die Stationierung US-amerikanischer Truppen in Ostasien.
Dieser These sollten wir ein realistisches Bild Chinas entgegen setzen.
Christian Schröppel, Hamburg
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