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Serie: Marx neu entdecken - Teil 3 | Drucken |
Warum es zum Crash kommt, wenn monetäre und reale Akkumulation in Konflikt geraten
Die gegenwärtige Finanzkrise lässt sich besser verstehen, wenn man die Funktionen des Geldes kennt. Professor Elmar Altvater argumentiert, dass Karl Marx diese im "Kapital" genauer analysiert hat als bürgerliche Theoretiker. Teil 3 der Serie "Marx neu entdecken"


Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von Attac und ist Mitglied von DIE LINKE (Foto: privat)
Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von Attac und ist Mitglied von DIE LINKE (Foto: privat)
Kann man mit dem Marxschen "Kapital" die heutige Finanzkrise erklären? Es wäre keine Schande, wenn man mit "nein" antworten müsste, denn immerhin ist "Das Kapital" vor fast 150 Jahren geschrieben worden. Doch hat Marx den Anspruch formuliert, "die Bewegungsgesetze der modernen Gesellschaft" zu ergründen. Daher hat er das "Kapital im Allgemeinen" begrifflich entfaltet. Auch wenn er viele historische Neuerungen des 20. und 21. Jahrhunderts nicht vorwegnehmen und die abenteuerlichen Finanzinnovationen auf den globalisierten Finanzmärkten nicht erahnen konnte, wird man die Marxschen Kategorien in ihrem theoretischen Kontext auch heute noch gut nutzen können, um die historischen Phänomene der gegenwärtigen Finanzkrise gründlich analysieren zu können.

Im Folgenden wird daher das Geld untersucht, nachdem in dem vorangegangenen Beitrag die Arbeit und ihr Doppelcharakter Thema waren. Kapitalistische Gesellschaften, so wurde gezeigt, sind zugleich Arbeits- und Geldgesellschaften. Nun geht es darum, einige Aspekte der Vergesellschaftung durch Geld zu diskutieren. Nicht alle haben Geld. Die Gesellschaft spaltet sich in die, die es haben, und die anderen, die es nicht haben. Geld ist für sie eine "harte Budgetrestriktion", wie es in der modernen Wirtschaftstheorie heißt. Es zwingt zur Erwerbsarbeit. Der Zwang wird freilich als „Sachzwang" wahrgenommen, so als ob er aus dem Geld und nicht aus der Ordnung einer kapitalistischen Gesellschaft erwachse. Wenn man sich mit Geld beschäftigt, kann man also zu falschem Bewusstsein, zu Krisen und gesellschaftlichen Konflikten nicht schweigen.

Fetischcharakter von Ware und Geld

Gehen wir Schritt für Schritt vor und beginnen wir wie Marx auch mit dem Tauschwert. Dieser ist keine Eigenschaft der einzelnen Ware als Ding; er ergibt sich aus dem Verhältnis der Waren zueinander auf dem Markt. Das klingt einfach, ist aber nicht leicht zu verstehen. "Eine Ware scheint auf den ersten Blick ein selbstverständliches, triviales Ding", schreibt Marx. "Ihre Analyse ergibt, dass sie ein sehr vertracktes Ding ist, voll metaphysischer Spitzfindigkeit und theologischer Mucken. Soweit sie Gebrauchswert, ist nichts Mysteriöses an ihr, ob ich sie nun unter dem Gesichtspunkt betrachte, dass sie durch ihre Eigenschaften menschliche Bedürfnisse befriedigt oder diese Eigenschaften erst als Produkt menschlicher Arbeit erhält (...)." (MEW 23: 85).

Doch wird die Ware für den Austausch produziert, und im Tausch ist die eine Ware das Wertäquivalent der anderen. Daraus ergibt sich die Geldform der Ware. Ihr Wert lässt sich nun in Geld ausdrücken, die Ware erhält einen Preis. "Es ist aber ebendiese fertige Form - die Geldform - der Warenwelt, welche den gesellschaftlichen Charakter der Privatarbeiten und daher die gesellschaftlichen Verhältnisse der Privatarbeiter sachlich verschleiert, statt sie zu offenbaren. Wenn ich sage, Rock, Stiefel usw. beziehen sich auf Leinwand als die allgemeine Verkörperung abstrakter menschlicher Arbeit, so springt die Verrücktheit dieses Ausdrucks ins Auge. Aber wenn die Produzenten von Rock, Stiefel usw. diese Waren auf Leinwand - oder auf Gold und Silber, was nichts an der Sache ändert - als allgemeines Äquivalent beziehn, erscheint ihnen die Beziehung ihrer Privatarbeiten zu der gesellschaftlichen Gesamtarbeit genau in dieser verrückten Form (...)." (90).

Nicht nur die Waren, auch die Warenbesitzer gehen ein gesellschaftliches Verhältnis ein. Sie sind handelnde, auch Handel treibende Subjekte, also, wie man heute sagen würde, Marktakteure. Die Waren können ja nicht allein zum Markte gehen, um sich auszutauschen. Dabei handeln die Warenbesitzer nach vorgegebenen Regeln, spielen als "Charaktermasken" Rollen in einem "Warenwelt-Theater", auch wenn sie das gesellschaftliche Verhältnis nicht durchschauen. Sie verhalten sich funktional, indem sie Sachzwänge befolgen, die sie selbst gesetzt haben. Das ist der Fetischcharakter, der in der Ware und im Geld enthalten ist. Beispielsweise erheben sie jenes Material zum Geldstandard, das die funktionalen Erfordernisse der Geldform am besten erfüllt. Daher Viehgeld in Nomaden-Gesellschaften, Muschelgeld in frühen Gesellschaften, Silber- und Goldgeld in denjenigen Gesellschaften, in denen der Warenaustausch zur Regel geworden ist, und Papier- bzw. elektronisches Geld dort, wo das Geld bereits zum bargeldlosen Zahlungsverkehr und zum Kreditgeld fortentwickelt ist, wo der Fetischismus des Geldes seinen höchsten Ausdruck auf globalen Finanzmärkten erlangt hat.

Welche Funktionen hat das Geld?

Die Form des Geldes wird näher bestimmt durch die Funktionen, die es in einer kapitalistischen Gesellschaft ausübt. Bei Betrachtung der Geldfunktionen gibt es so manche vordergründige Übereinstimmung zwischen der Herangehensweise von Marx und derjenigen anderer Autoren: Geld fungiert als Maß der Werte, als Zirkulationsmittel, als Schatz oder "Wertaufbewahrungsmittel", als Zahlungsmittel oder Kreditgeld.

Doch weist die Marxsche Analyse der Geldfunktionen einige Eigentümlichkeiten auf. Erstens ist Marx weitsichtig genug, um eine Funktion hinzuzufügen, die sich aus der Verfasstheit der kapitalistischen Weltwirtschaft ergibt. Das Geld fungiert über die nationalstaatliche Zirkulation hinaus als Weltgeld. Das Wertgesetz, so schreibt er im ersten Band des "Kapital", wirkt auf dem Weltmarkt in "modifizierter Weise". Die spiegelt sich im Weltgeld, beispielsweise in der Bildung von Wechselkursen, die selbst in einer Goldwährung, so Marx im dritten Band des Kapital, eine Rolle spielen. Zweitens werden die Analyse der Formen, die Handlungs- und Funktionenanalyse in einen gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang gebracht, den es in anderen theoretischen Ansätzen nicht gibt. Eine neoliberale Vorstellung, als ob das Geld von einem Hubschrauber in die Zirkulation geworfen würde und dann die abgeworfene Geldmenge die Preise bestimme, kommt Marx nicht in den Sinn; über die „Quantitätstheorie" des Geldes, die zu seiner Zeit ähnliche Ideen pflegte, auch wenn es Hubschrauber noch nicht gab, konnte er sich nur lustig machen. Drittens verweist die Analyse der Geldfunktionen auf den Zusammenhang von realer und monetärer Zirkulation. Das Geld wird zum Maß realer Werte und gibt ihnen den Ausdruck des Preises. Das Geld zirkuliert die reale Warenwelt, aber kann sich ihr gegenüber auch als Schatz und als Zahlungsmittel verselbständigen. Dadurch kann der Schein einer Loslösung der monetären Sphäre von der realen Sphäre der Produktion und des Warentausches entstehen. Über Monate und Jahre scheint es so, als ob Aktienumsätze, Wertpapierkurse, Renditen scheinbar unabhängig von irgendwelchen realen Restriktionen wachsen können. Die Finanzmärkte expandieren zeitweise und in einem Tempo, das in der realen Wirtschaft nicht erreicht werden kann.

Doch Raum und Zeit kommen ins Spiel, und damit Geschichte, Entwicklung und Krisen. Niemand muss sogleich und am gleichen Ort das Geld ausgeben, das er oder sie eingenommen hat. Zahlungsketten können unterbrochen werden, eine Krise wird möglich. Die Marxsche Geldtheorie ist daher auch Krisentheorie.

Viertens führt die Analyse des Geldes methodisch zwingend zu jener Kategorie, die ab dem 4. Kapitel im Zentrum steht: Geld verwandelt sich in Kapital. "(...) Geld, dies letzte Produkt der Warenzirkulation, ist die erste Erscheinungsform des Kapitals" (161). Die Darstellung macht also den Dreischritt: Ware - Geld - Kapital. Im vierten Kapitel geht es folglich nicht mehr nur um Wert, sondern um die Selbstverwertung des Werts als Kapital. Wenn am Anfang und am Ende der Tauschakte Geld ist, macht dies offenbar nur Sinn, wenn ein quantitativer Zuwachs zustande kommt: Eine vorgeschossene Summe Geldes G bezieht einen Zuwachs g, so dass eine größere Geldsumme G' das Resultat ist: G + g = G'.

Der bisher betrachtete Kreislaufprozess Ware - Geld - Ware findet "Maß und Ziel an einem außer ihm liegenden Endzweck, der Konsumtion, der Befriedigung bestimmter Bedürfnisse. Im Kauf für den Verkauf dagegen sind Anfang und Ende dasselbe, Geld, Tauschwert, und schon dadurch ist die Bewegung endlos. (...) Geld kommt am Ende der Bewegung wieder als ihr Anfang heraus. (...) Die Zirkulation des Geldes als Kapital ist (...) Selbstzweck, denn die Verwertung des Werts existiert nur innerhalb dieser stets erneuerten Bewegung. Die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos" (166f).

Nicht der Gebrauchswert, sondern der Tauschwert ist Endzweck der Transaktion. "Die Zirkulation des Geldes als Kapital beginnt mit dem Kauf und endet mit dem Verkauf" (163), und beim Verkauf muss mehr hereinkommen, als beim Kauf ausgegeben wurde. Der objektive Inhalt jener maßlosen Zirkulation wird zum subjektiven Zweck des Kapitalisten. "Er funktioniert als personifiziertes mit Willen und Bewusstsein begabtes Kapital" (168). Er folgt einem „absoluten Bereicherungstrieb" (168). Aus einem begrenzten Bedürfnis wird grenzenlose Gier.

Produktion von Mehrwert und Bereicherung in der Zirkulation

Es stellt sich aber die Frage, woher der Mehrwert eigentlich stammt. Denn unter der Voraussetzung des Äquivalententausches kann aus einem vorgeschossenen G kein quantitativ größeres G' werden. "Wo Gleichheit ist, ist kein Gewinn", zitiert Marx den italienischen Ökonomen Galiani (173). Der Geldzuwachs G' scheint zwar aus der Zirkulation oder gar aus der Natur des Geldes zu entspringen. Er kann jedoch nur durch tatsächliche Arbeit im realen Produktionsprozess produziert worden sein. Die Arbeitenden erhalten zwar im Lohn in aller Regel den Wert der Arbeitskraft unter jeweiligen historischen Bedingungen erstattet. Aber der Wert des Produkts ihrer Arbeit liegt darüber. Die Arbeitskräfte leisten Mehrarbeit, sie werden ausgebeutet. Mit der Art und Weise, wie dieser Ausbeutungsprozess organisiert wird und welchen "Bewegungsgesetzen" er unterliegt, beschäftigt sich Marx im weiteren Verlauf des "Kapital". Der Zuwachs G' des Geldes wird als Mehrwert zum bewegenden Prinzip der sich historisch herausbildenden kapitalistischen Produktionsweise.

Voraussetzung dafür ist, dass der Geldbesitzer als Käufer die Arbeitskraft auf dem Markt vorfindet. Das historische Subjekt des "doppelt freien Arbeiters" muss "freier Eigentümer seines Arbeitsvermögens, seiner Person sein" (182). Er darf kein Sklave oder feudaler Leibeigener sein. Andererseits muss der freie Arbeiter auch von Produktionsmitteln frei sein, da er sonst nicht gezwungen wäre, seine Arbeitskraft auf dem Markt zu verkaufen. "Zur Verwandlung von Geld in Kapital muss der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, dass er als Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, dass er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen" (183). Die Freiheit hat also eine positive und eine negative Seite.
Die doppelte Freiheit des Arbeiters ist das Resultat historischer Entwicklung, die später im 24. Kapitel über die ursprüngliche kapitalistische Akkumulation genauer untersucht wird. Auf jeden Fall ist schon hier festzuhalten: „die ökonomischen Kategorien (...) tragen ihre geschichtliche Spur. Im Dasein des Produkts als Ware sind bestimmte historische Bedingungen eingehüllt" (183). Dies gilt für die Ware, für den Schatz, für das Geld und schließlich für das Kapital und seinen Counterpart, die Arbeitskraft.

Wenn Äquivalente getauscht werden, entsteht kein Mehrwert. Denn "die Zirkulation oder der Warenaustausch schafft keinen Wert" (178). Marx zitiert aber Benjamin Franklins Ausspruch "Krieg ist Raub, Handel ist Prellerei" (178). Und tatsächlich hat sich das historische Handelskapital beider Methoden bedient, um aus der Zirkulation den Mehrwert durch Nicht-Äquivalententausch herauszuziehen. Letztlich handelt es sich dabei um eine Form der Enteignung.

Enteignung im finanzgetriebenen Kapitalismus

Hier ergeben sich nun auch für die Analyse des gegenwärtigen "finanzgetriebenen Kapitalismus" wichtige Erkenntnisse. Die Renditen, die auf globalen Finanzmärkten gefordert werden, können real gar nicht produziert werden. Sie kommen durch Aneignung von Werten in der Zirkulation zustande, durch Ausplünderung. Die Gier von Geldvermögensbesitzern oder von bestimmten Fonds ist so groß, dass rücksichtslos die produktive Basis einer Ökonomie zerstört wird. Diese Tendenz ist mit der Metapher der „Heuschrecke" kritisiert worden. Das ist insofern richtig, als der "absolute Bereicherungstrieb", die Gier die Akteure auf Finanzmärkten antreibt. Doch muss man dabei wissen, dass sie als Charaktermasken in ihrer Gier kapitalistischen Tendenzen Ausdruck verleihen.

Die Verselbständigung des Geldes ist die Grundlage für die Entkopplung von monetärer und realer Akkumulation im Zuge der Entstehung des globalen Finanzsystems. Doch diese Entkoppelung findet immer wieder ihre Grenzen in dem real von den Lohnarbeitern produzierten Mehrwert. Es stellt sich heraus, dass das so unscheinbare G', dem man nicht ansieht, woher es stammt, faktisch produziert werden muss, um im Austausch angeeignet werden zu können.

Dies wird von Marx im dritten Band des „Kapital" im 5. Abschnitt über das "zinstragende Kapital" ausgeführt. Die Grundlagen lassen sich bereits in der Analyse der Waren- und Geldform entdecken. Die Verwandlung des "Geldes in Kapital geht in der Zirkulationssphäre vor und geht nicht in ihr vor. Durch die Vermittlung der Zirkulation, weil bedingt durch den Kauf der Arbeitskraft auf dem Warenmarkt. Nicht in der Zirkulation, denn sie leitet nur den Verwertungsprozess ein, der sich in der Produktionssphäre zuträgt" (209). Bisher hatten wir es mit der Waren- und Geldzirkulation zu tun und nur bei der Frage nach der Substanz des Wertes auch mit der Arbeit und daher mit dem Produktionsprozess. Nun wird gezeigt, dass die besondere Zirkulationsfigur des Geldes als Kapital (G-W-G') nur verstanden werden kann, wenn dieser Produktionsprozess als Verwertungsprozess von Kapital analysiert wird.

Der Überschuss in der Form des Mehrwerts stammt aus dem Verwertungsprozess, aus der Produktion. Er ist Resultat der Ausbeutung der Lohnarbeit. An diesem unumstößlichen Sachverhalt in der kapitalistischen Gesellschaft bricht sich immer wieder die Verselbständigung der monetären Sphäre. Aktienkurse und Renditen tendieren zwar dazu, abzuheben und jede Bodenhaftung zu verlieren. Das sind die manischen Zeiten, denen immer wieder die Depression folgt, weil in der Zirkulation des Geldes nicht mehr die Produktionsbedingungen des Mehrwerts berücksichtigt worden sind. Es kommt zum Crash.

Natürlich, so kann eingewandt werden, ist alles noch viel komplizierter. Vor allem müsse gezeigt werden, wie die Widersprüche des Akkumulationsprozesses des Kapitals sich zu Krisen zuspitzen. Driften nicht, wie Marx zeigte, Produktionskraft und Konsumtionskraft auseinander, und ist in dieser Divergenz nicht der wichtigste Grund der Krisen zu erblicken? Stimmt, aber dadurch wird nicht das falsch, was zu den Finanzkrisen ausgeführt wurde. Darauf wird in der nächsten Folge einzugehen sein.

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