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Feindbild Islam | Drucken |
Hass gesät, Gewalt geerntet
Europaweit hetzen Nazis und Rassisten gegen Muslime. Leider erhalten sie dabei oft Schützenhilfe von liberalen Kräften, meint Christine Buchholz.

(Dieser Artikel ist erschienen in: marx21, Heft 7: "Islam, Rassismus und die Linke", September 2008)

In fast allen europäischen Ländern ist seit dem 11. September die Zahl von Diskriminierungen und Gewalttaten gegen Muslime gestiegen. Die Europäische Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC) hat 2006 in einer Studie einen ganzen Katalog an gemeldeten Übergriffen und Demütigungen erstellt: „Busfahrer, die Mädchen mit Kopftüchern an Haltestellen stehen lassen, muslimische Frauen, die bespuckt werden und muslimische Männer, die zusammengeschlagen werden, Flugblätter ‚Tod den Muslimen'." Dazu steigt die Zahl von Brandanschlägen auf islamische Schulen und Moscheen. Zudem sind Muslime „häufig Opfer negativer Stereotypisierung, was zum Teil durch die negative oder selektive Berichterstattung in den Medien verstärkt wird. Sie sind außerdem Vorurteilen und Hass ausgesetzt, die von verbalen Drohungen bis zu tätlichen Angriffen auf Personen und Sachen reichen."

Die Brandstifter

Diesen Taten gehen Worte voraus - für Nazis und Rassisten ist europaweit die Hetze gegen Muslime und den Islam mittlerweile zentraler Bestandteil ihrer Politik geworden.

Der niederländische Politiker Pim Fortuyn nannte 2002 den Islam eine „primitive Religion" und forderte ein sofortiges Ende des „Immigrantenstroms" - obwohl es nach Angaben der niederländischen Einwanderungsbehörden im ersten Halbjahr 2002 nur 8.000 Flüchtlingen überhaupt gelungen war, über die Grenze zu gelangen und einen Asylantrag zu stellen.

Nachdem Fortuyn während des Wahlkampfes 2002 von einem Tierrechtler ermordet worden war, löste sich die „Liste Pim Fortuyn" auf. Aus ihr ging unter anderem Geert Wilders rechte „Partei für die Freiheit" hervor. Wilders veröffentliche vor kurzem einen Kurzfilm, in dem er den Koran ein „faschistisches" Buch nennt. Ein führender Vertreter der niederländischen Stiftung „Die andere jüdische Stimme" kritisierte daraufhin: „Wenn Wilders das gleiche über Juden und das Alte Testament gesagt hätte, was er über Muslime und den Koran sagt, wäre er festgenommen und wegen Antisemitismus verklagt worden."

In Dänemark ist es vor allem die „Dänische Volkspartei", die den Hass auf Einwanderer im Allgemeinen und den Islam im Speziellen schürt. Sie wurde dabei lange von der faschistischen „Dänischen Front" unterstützt. Die Vorsitzende der Dänischen Volkspartei Pia Kjaersgaard erklärte einen „heiligen Krieg" gegen den Islam und warnte zugleich vor einer „Überfremdung" durch Muslime. Der Parlamentsabgeordnete Sören Krarup verglich das Kopftuch mit dem nationalsozialistischen Hakenkreuz.

In Belgien organisiert der „Vlams Belang" - bis zu dessen Verbot „Vlams Blok" - den Hass auf Muslime und organisiert beispielsweise große Kampagnen gegen den Bau von Moscheen. Der Fraktionsvorsitzende Filip Dewinter bekennt sich offen zur Islamfeindlichkeit, sieht sich dennoch nicht als Rassist: „Ich würde nicht das Wort Xenophopie nutzen. Wenn es denn eine `Phobie` sein muss, dann soll es ‚Islamophobie' sein."

Auch in Großbritannien schüren Nazis Rassismus gegen Muslime. So behauptet die „British National Party", dass ein Zusammenleben mit Muslimen unmöglich sei und ruft zum Kampf gegen „den inneren Feind" auf. Gleiches gilt für die Lega Nord in Italien.

Strategie der neuen Rechten

Hierzulande steht die NPD an der Spitze der Islamhetze. Für den Europawahlkampf 2004 druckte sie Plakate mit Fotos von Muslimen und dem Slogan „Gute Heimreise". Jürgen Gansel, der für die Partei im sächsischen Landtag sitzt, leitet theoretisch her, warum die Nazis Muslime ins Fadenkreuz nehmen: „Bei dem Gros der muslimischen Einwanderer in Deutschland bilden Rassen- und Religionsfrage aber zwei Seiten desselben Problems. Sie stellen ein doppeltes Problem dar, weil sie als Orientalen rassefremd sind und der Islam eine mit der europäischen Geistestradition unvereinbare Fremdreligion ist, die gleichzeitig das mentale Rüstzeug für die aggressive Landnahme auf Kosten der ‚Ungläubigen' liefert."

Gansels Äußerungen offenbaren das nationalsozialistische Gedankengut, das den Kampagnen der NPD gegen Muslime zugrunde liegt. Glücklicherweise sind die Nazis mit dieser Ideologie nach wie vor gesellschaftlich isoliert.

Daher versuchen sie, Brücken ins bürgerliche Lager zu bauen und das allgemeine Unbehagen gegenüber Muslimen aufzugreifen. Das Mittel der Wahl sind hierbei Kampagnen gegen Moschee- und Minarettbauten. So unterstützte die NPD beispielsweise entsprechende Kampagnen in Berlin-Heinersdorf, in Frankfurt-Hausen und Essen-Altendorf.

Ein neueres Phänomen stellt die Gründung von Initiativen wie „Pro-Köln" dar. Geführt vom Ex-Republikaner Markus Beisicht und dem Ex-NPDler Manfred Rhous hat die Wählervereinigung im Jahr 2002 gegen den geplanten Bau einer Moschee in Köln-Chorweiler mobilisiert. Im Vergangenen führte sie ein Bürgerbegehren gegen die Erweiterung des bestehenden muslimischen Gebetshauses in Köln-Ehrenfeld zu einer Zentralmoschee durch. Obwohl sie damit scheiterte versucht die Initiative, die derzeit mit fünf Abgeordneten im Kölner Stadtrat vertreten ist, die Ausweitung auf weitere Städte. Für 2009 plant sie sogar unter dem Label „Pro NRW" den Einzug in den nordrhein-westfälischen Landtag. Sprungbrett soll dabei die Dauermobilisierung gegen den Islam sein. „Wo keine neuen Moscheen geplant sind, wird halt gegen bestehende gekämpft", so Beisicht.

Die theoretischen Grundlagen dieser Taktik hat Alain Benoist, Vordenker der „Nouvelle Droite" (Neue Rechte) in Frankreich formuliert. Christian Schulz, Kenner der europäischen Naziszene, erklärt: „‚Nouvelle Droite' geht davon aus, dass ein klarer Schnitt zur Ideologie der alten Rechten vollzogen werden muss, weil bestimmte Positionen so kompromittiert sind, dass sie Sektenstatus garantieren, falls man sie weiter vertritt. An erster Stelle zählt für Benoist hierzu ein biologistischer Rassebegriff, wie er für die alte Rechte konstitutiv war und schließlich als Antisemitismus in den Holocaust mündete. Benoist verneint die biologische Überlegenheit einer Rasse gegenüber einer anderen. Für ihn gibt es nur kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien, deren jeweilige Lebensweisen aber grundsätzlich gleichwertig sind. Nur: Treffen die unterschiedlichen Kulturen aufeinander, bedeutet dies Stress und Aggression. Weil jedes Individuum in seinem Kollektiv und seiner Herkunft verwurzelt sei (Heimat), könne es sich nur dort optimal entwickeln. Entwurzelung führt zu Geisteskrankheit und/oder Kriminalität, weswegen jede Kultur im eigenen Interesse in der jeweiligen Heimat am besten aufgehoben sei. Die ‚Nouvelle Droite' entwickelt also einen Rassismus ohne Rasse oder auch einen Rassismus zweiter Ordnung."

Schützenhilfe von links

Die Nazis setzen auf Islam-Feindschaft als Gewinnerthema, weil sie meinen, so am politischen Mainstream anknüpfen zu können. Leider zu Recht - die CDU hat mit ihrer Debatte um die „deutsche Leitkultur" eine Schneise für die Argumente der Nazis geschlagen. Auch die maßgeblich von Unionspolitikern geführte Sicherheitsdiskussion nach dem 11. September hat allzu oft einen Generalverdacht gegen Muslime genährt.

Noch dramatischer sind jedoch die Aussagen von einer Reihe Linksliberaler, die in den Chor der Islamkritiker einstimmen. Und auch dies ist ein europäisches Phänomen. Eine der ersten, die nach dem 11. September einen großen Erfolg mit einem offen islamfeindlichen Buch gefeiert hat, ist die ehemalige italienische Linke Oriana Fellaci. Sie beschimpft Muslime als „Ratten", das muslimische Wesen als „hinterhältig, gewalttätig, verschlagen und schmutzig". Ähnliche Vorurteile formuliert der Dichter und ehemalige DDR-Dissident Gunter Kunert. Seiner Ansicht nach steckt, in jedem Türken in Deutschland ein „potenzieller Mörder", weil der Islam das Töten nicht verbiete.

Der Publizist Henryk M. Broder meint, die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus sei spätestens seit dem 11.September ein Wunschgedanke von feigen Gutmenschen. Vielmehr drohe die Islamisierung durch Zuwanderung und Geburtenreichtum. „Nach den Niederlagen von Poitiers (732) und Wien (1683) sollen die Europäer nun mit den Waffen der Demografie besiegt werden" schreibt Broder und greift mit dem Überfremdungsmotiv einen wesentlichen Kerngedanken der Rechten auf.

Ralph Giordano sprach im Sommer 2008 auf der „kritischen Islamkonferenz". Er verkündet stolz: „Heute kann mit Genugtuung gesagt werden, dass der inzwischen bundesweit gestreute Protest gegen die Absichten einer schleichenden Islamisierung das Problem endlich aus der Schmuddelecke des deutschen Rechtsextremismus und -populismus herausgeholt und ihn zu einer seriösen Institution des öffentlichen Diskurs gemacht hat. Dabei ist nicht die Moschee - der Islam ist das Problem."

Giordano irrt: Nicht der Islam ist das Problem - sondern dass der Islamophobie, dem neuen Rassismus im 21. Jahrhundert, kein entschiedener Widerstand aus der Gesellschaft entgegensetzt wird und zu viele Linksliberale den Nazis auf den Leim gehen und ihnen so neue Legitimation verschaffen.


Kommentar: Auch gegen den Strom

Von Christine Buchholz

„Mit dem Thema Islamophobie kannst du keine Mehrheiten gewinnen. Das ist nicht das, was die Menschen bewegt und - seien wir ehrlich - warum sollten wir uns für Leute stark machen, die zum Großteil keine Linke sind und vielleicht sogar konservative Vorstellungen über Frauen und Geschlechterverhältnisse haben."

Ich sage: Nein, so einfach ist es nicht. Rassismus ist kein interessantes Nischenthema von Menschen, die ein besonders großes Herz für Minderheiten haben. Eine grundsätzliche Verweigerung der Unterstützung einer wie auch immer definierten Bevölkerungsgruppe oder die Fortsetzung der rassistischen Spaltung in „gute" und „böse" Muslime lässt uns keine gemeinsamen Kämpfe gewinnen. Viele vergessen die Tatsache, dass Muslime in Deutschland eine Minderheit darstellen, die oft aufgrund fehlender deutscher Staatsbürgerschaft nicht die gleichen bürgerlichen Rechte und keine wirkliche Repräsentation besitzen; deren Religion nicht gleich behandelt wird wie andere Religionen; und die sich im zunehmenden Maße rassistischen Vorurteilen gegenübersehen.

Die LINKE ist zu Recht stolz darauf, die einzige Partei zu sein, die in den meisten wichtigen Fragen, die Position der Mehrheit vertritt - sei es bei der Ablehnung der Rente 67, der Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn oder dem Abzug der Truppen aus Afghanistan.

Linke Politik ist allerdings mehr, als nur die Mehrheitsmeinung zu reflektieren, sondern sie speist sich auch aus Prinzipien - wie eben dem Schutz von Minderheiten vor Diskriminierung. Wir müssen in der Lage sein, diese Prinzipien zu verteidigen, auch wenn die Mehrheit nicht auf unserer Seite ist - genau um neue Mehrheiten im linken Sinne zu gewinnen. Das heißt: Manchmal muss die LINKE auch gegen den Strom schwimmen.

Zur Autorin:
Christine Buchholz ist Mitglied des geschäftsführenden Parteivorstands der LINKEN.
 
 
 
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