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Serie: Marx neu entdecken - Teil 5 | Drucken |
Ein System, das die "Springquellen alles Reichtums" untergräbt: die Erde und den Arbeiter
Die kapitalistische, großindustrielle Produktionsweise überfordert die Natur ebenso wie die Menschen. Nachhaltiges Wirtschaften ist in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht möglich, meint Elmar Altvater.

Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.
Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.
Im "Wettbewerb der Systeme" nach dem Zweiten Weltkrieg war hohes Wirtschaftswachstum eine unbestrittene Zielgröße der Wirtschaftspolitik, und zwar in beiden Teilen der gespaltenen Welt. Krisen schienen der Vergangenheit anzugehören und das "Wirtschaftswunder" bezauberte die Menschen. Auch nach dem Ende des real existierenden Sozialismus in Zeiten der Globalisierung und des Neoliberalismus wird Wachstum vom „wissenschaftlichen Sachverstand" beschworen und in jeder Regierungserklärung wird mehr und höheres, grünes und neues, dynamisches oder nachhaltiges Wachstum versprochen. Von wirtschaftlichem Wachstum wird auch die Überwindung der gegenwärtigen Finanzkrise erwartet, über deren Ursachen bereits in dem Beitrag zur Marx'schen Geldtheorie die Rede war (marx21, Nr. 4, Februar 2008).

Aber Wachstum kommt nur zustande, wenn immer mehr Ressourcen verbraucht werden, insbesondere fossile Energie. Davon werden alle Ökosysteme schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das hatte bereits Rahel Carlsons Ökoreißer „Der stumme Frühling" aus den frühen 1960er Jahren thematisiert. Doch blieb dies ein eher vereinzelter Mahnruf gegen die ökologischen Zerstörungen. Heute füllen die Naturzerstörungen überall in der Welt die täglichen Fernsehnachrichten. Die Verbrennung fossiler Energieträger hat für das Klima des Planeten Erde dramatische Folgen. Die Klimaänderungen lassen die Eiskappen der Pole schmelzen, die Gletscherwelt der Hochgebirge verschwindet, Meeresküsten werden überschwemmt und waldreiche Gebiete verwandeln sich in trockene Savannen und manchmal sogar in Wüsten. Dass die Folgen der Klimaänderungen nicht nur desaströs, sondern teuer sind, haben die Berichte des Weltklimarats (IPCC) vorgerechnet.

In der ökonomischen Theorie der Wachstumsjahrzehnte wurden die Belastungen der Natur als "externe Effekte" abgehandelt, die vor allem interessierten, weil durch sie die unterstellte Rationalität des Preissystems auf Märkten in Frage gestellt war: Denn in den Marktsignalen der Preise waren nicht alle Kosten kalkuliert. Dass Umweltverschmutzung und -zerstörung als „soziale Kosten der Privatwirtschaft" auf die Gesellschaft abgewälzt werden, haben nur wenige kritische Ökonomen zur Kenntnis genommen. Bestenfalls wurden die ökologischen „spillovers" in einer „Kosten-Nutzen-Analyse" des Wachstums berechnet. Das Resultat dieser Berechnungen war jedes Mal erschreckend: Die im Akkumulationsprozess verbrauchten natürlichen Ressourcen übersteigen den Zuwachs an Gebrauchswerten, der der Befriedigung der Bedürfnisse dient. Nicht der Wohlstand der Nationen nimmt zu, sondern deren Missstand. Das ist ein Grund für die Entstehung einer weltweiten Umweltbewegung, und deshalb setzen sich seit den 1970er Jahren auch Ökonomen vermehrt mit ökologischen Problemen auseinander.

Auch bei der Lektüre von Marx dürfen ökologische Fragen nicht vernachlässigt werden, zumal Marx den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur sehr früh in seinen Schriften aus den 1840er Jahren thematisiert hatte. Denn wenn daran gezweifelt werden muss, dass wir uns auch weiterhin den Naturverbrauch wie in der Vergangenheit leisten dürfen, ohne den Kollaps des Klimasystems zu riskieren, ohne die Biodiversität so zu schädigen, dass die Evolution allen Lebens möglicherweise blockiert wird, muss das gesellschaftliche Naturverhältnis in jeder Analyse der Widersprüche des kapitalistischen Akkumulationsprozesses Berücksichtigung finden. 

Die Naturfrage bei Marx oder der gesellschaftliche Stoffwechsel

Das Interesse daran, was Marx zur Naturfrage zu sagen hatte, war in den 1960er Jahren in aller Regel nicht so groß wie jenes an der Aneignung der Kategorien zur Analyse der Akkumulationsdynamik des kapitalistischen Weltsystems und der Klassenkämpfe. Kein halbes Jahrhundert später ist die „Naturfrage" keine Frage mehr, sondern eine Katastrophensirene, die uns aus der Bequemlichkeit der Ignoranz gegenüber der Natur aufschreckt.

Die Gründe hatte Marx schon zu seiner Zeit deutlich erkannt: Die kapitalistische, großindustrielle Produktionsweise überfordert die Natur ebenso wie die Menschen. Nachhaltiges Wirtschaften, ein Begriff, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der preußischen Forstwirtschaft aufkam, ist in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht möglich. Denn die Akteure, die "Charaktermasken" des Kapitals, die den Akkumulationsprozess in Gang halten, folgen (ob sie es wollen oder nicht) der ökonomischen Rationalität des Profits und nicht den Bedingungen der belebten und unbelebten Natur sowie der Gesellschaft. Profite, die die Akteure der kapitalistischen Gesellschaft mehren müssen, sind „returns to capital", wie dies im Englischen präzise ausgedrückt wird. Der Profit „kehrt" zum Kapital „zurück", der reversible Kapitalzyklus muss also spiralförmig verlaufen, soll er den eigenen Rationalitätskriterien genügen.

Doch die Logik des Profits ist nicht die der Natur; in der Natur sind alle Prozesse gerichtet und prinzipiell irreversibel. Das muss auch der „gierigste" Kapitalist zur Kenntnis nehmen, selbst wenn dies schwer fällt. Der Kapitalzyklus hat nämlich zwei Seiten, eine stoffliche und energetische. Die Gebrauchswerte, von den Brötchen bis zum Fass Öl, werden produziert, dann konsumiert, und übrig bleibt der Abfall. Das ist der Stoffwechsel des Verhältnisses von Mensch und Natur. Die einmal bei der Nutzung von fossiler Energie frei gesetzten Kohlenwasserstoffe zirkulieren in und zwischen den Sphären des Planeten Erde als Treibhausgase und heizen uns gehörig ein.

Naturkreisläufe und ökonomische Kreisläufe sind beide gleicherweise bedeutsam für die gesellschaftlichen Existenzbedingungen, für Produktion und Konsumtion. Während thermodynamisch orientierte ökonomische Theorien die stofflichen Prozesse analysieren, sich also auf die Gebrauchswertseite und die konkrete Arbeit im Arbeitsprozess konzentrieren, rücken sowohl die keynesianische als auch die neoliberale ökonomische Theorie die Werttransformationen bzw. die Preisbewegungen ins Zentrum. Sie sehen vor allem die Tauschwertseite, die abstrakte Arbeit im Verwertungsprozess. Der Marx'sche Ansatz ist daher insofern einzigartig, als er anders als Thermodynamik oder Keynesianismus und Neoklassik beide Seiten und ihre Widersprüchlichkeit hervorhebt und zu analysieren vermag. Der von Marx so bezeichnete „Springpunkt" der politischen Ökonomie, der Doppelcharakter der Ware als Gebrauchswert und Tauschwert und der Doppelcharakter der Arbeit als konkrete und abstrakte Arbeit erweist sich nun als ein Schlüssel zum besseren Verständnis des gesellschaftlichen Naturverhältnisses.

Die kapitalistischen Destruktivkräfte

Besonders sichtbar wird dies in der Landwirtschaft, wenn sie großindustriell-kapitalistisch betrieben wird. Dies wurde von Marx, dem Theoretiker des Proletariats, klar gesehen. Er verfiel nicht einem Romantizismus des kleinen Eigentums und der bukolischen Landidylle wie viele andere romantischen Industriekritiker, auch solche aus neoliberalem Lager. „Große Industrie und industriell betriebene große Agrikultur wirken zusammen", schreibt Marx. „Wenn sie sich ursprünglich dadurch scheiden, daß die erste mehr die Arbeitskraft und daher die Naturkraft des Menschen, die letztere mehr direkt die Naturkraft des Bodens verwüstet und ruiniert, so reichen sich später im Fortgang beide die Hand, indem das industrielle System auf dem Land auch die Arbeiter entkräftet und Industrie und Handel ihrerseits der Agrikultur die Mittel zur Erschöpfung des Bodens verschaffen" (MEW 25: 821). Denn „die kapitalistische Produktion", erklärt Marx an anderer Stelle, „entwickelt (...) nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter" (MEW 23: 530).

Marx war also keineswegs der „Fetischist der Produktivkräfte", als der er häufig hingestellt wird, auch von ökologischen Ökonomen (die nicht immer einen Blick ins Marx'sche Werk geworfen haben). Er hat die zerstörerische Wirkung der Produktivkräfte gesehen, also nicht nur die Vernichtung von Kapital und von Arbeitsplätzen und Einkommen im Verlauf des kapitalistischen Krisenzyklus, sondern auch die Naturzerstörung durch den ungebändigten, „entbetteten" Markt, wie nach Marx der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi (1978) hervorhebt.

Die Unterordnung von Arbeit (und, so können wir hinzufügen, von natürlichen Bedingungen des Produzierens und Konsumierens) unter das Regime des Kapitals eröffnet zuvor unbekannte Möglichkeiten einer Steigerung der Produktivität der Arbeit. „In demselben Maß, worin die Industrie vortritt, weicht (die) Naturschranke zurück", resümiert Marx im „Kapital" (MEW 23: 537), d.h. die Produktion von Überschuss in der gesellschaftlichen Form des Profits entwindet sich der Grenzen, die biotische Energien und daher das natürliche Raum- und Zeitregime setzen. Dazu werden die angemessenen Techniken entwickelt, die schneller als je zuvor in der Menschheitsgeschichte gewandelt werden, weil sie mit der Akkumulationsdynamik Schritt halten müssen. Innovationen werden, im Gegensatz zur vorkapitalistischen und vorindustriellen Geschichte, zum Prinzip. So kommt jene „soziale Revolution" zustande, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt und vorläufigen Abschluss finden sollte - mit dem „Untergang des Bauerntums", wie der marxistische Historiker Hobsbawm in seinem inzwischen klassischen Werk über das „Zeitalter der Extreme" hervorhebt. Die industrielle Revolution triumphiert mit der Vernichtung jener Klasse, die mit der neolithischen Revolution vor etwa 6.000 Jahren entstand und die nächsten Jahrtausende der Menschheitsgeschichte bestimmte, das sesshafte Bauerntum. Alle Kultur stammte seitdem aus der Agrikultur. Doch seit der „great transformation" zur kapitalistischen Marktwirtschaft im Verlauf der industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert kann sie nur noch aus der kapitalistischen Industrie hervorgehen. Selbst die Bearbeitung des Bodens wird industrialisiert. „Die industrielle Revolution war (...) der Anfang einer Revolution, so extrem und radikal, wie sie nur je den Geist von Sektierern befeuerte", formuliert Polanyi pointiert, um den revolutionären Charakter dieser sozialen Transformation zu unterstreichen.

Das Resultat der Umformung von Stoffen und Energien, des „gesellschaftlichen Stoffwechsels" also, ist die Fülle von Gebrauchswerten, die den „Reichtum der Nationen" bilden. Dieser wird in spezifisch gesellschaftlicher Form produziert, nämlich als eine „ungeheure Warensammlung". Mit dieser Feststellung beginnt, wie wir gesehen haben, der erste Band des „Kapital", in dem der „Produktionsprozess des Kapitals" vor allem als ein sozialer Prozess der Ausbeutung der Arbeitskraft durch das Kapital im Zentrum steht. Doch eine aufmerksame Lektüre wird immer wieder feststellen können (und müssen), wie wichtig für die Marx'sche Argumentation der gesellschaftliche Stoffwechsel, das gesellschaftliche Naturverhältnis ist.

Erst in einer nicht-kapitalistischen, kommunistischen Gesellschaft sieht er die Möglichkeit der „wahrhafte(n) Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen" (MEW, Ergänzungsband, erster Teil: 536). Marx will also die ökologische (Mensch und Natur) und die soziale Frage (Mensch und Mensch) im Zusammenhang beantworten. Denn die Arbeit der Arbeitenden formt konzentriert und planmäßig die Natur zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse um. Bei der Verausgabung von Arbeit verändert sich der oder die Arbeitende individuell und, da immer in einem System der Arbeitsteilung Arbeit geleistet wird, auch das gesellschaftliche Kollektiv und dessen Kultur.

Die Naturschranken weichen zunächst zurück und kommen dann wieder

Dass die Verselbständigung gegenüber den sozialen Belangen über ein bestimmtes, historisch und kulturell gesetztes Maß nicht hinausgeht, haben die sozialen Konflikte seit der Heraufkunft des industriellen Kapitalismus gezeigt. Der Sozial- oder Wohlfahrtsstaat war darauf eine Antwort, die von der Arbeiterklasse in ihren Kämpfen den herrschenden Klassen abgetrotzt worden ist und die die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts bis ins frühe 21. Jahrhundert hinein charakterisiert. Doch auch die Naturschranken, die zunächst „zurückzuweichen" scheinen, zeigen sich mit unerbittlicher Härte erneut. Denn die fossilen Energieträger und andere mineralische und agrarische Rohstoffe sind endlich, sie gehen irgendwann zur Neige. Auch die Belastbarkeit der Natur mit den „Exkrementen" (MEW 23: 220) des Industriesystems, vor allem mit den Emissionen von Treibhausgasen in die Atmosphäre, ist begrenzt, wie heute allgemein bekannt ist.

Hier zeigt es sich, dass im Kapitalismus im Zuge der „reellen Subsumtion der Arbeit (und der Natur) unter das Kapital" (MEW 23: Fünfter Abschnitt) tatsächlich eine Revolution stattgefunden hat: der Übergang von einem offenen Energieregime, in dem die Strahlung der äußeren und unendlichen Energiequelle Sonne genutzt wird, zu einem geschlossenen und isolierten Energieregime, das die Energiequelle in der Erdkruste in Gestalt der Kohlenwasserstoffe findet. Deren Bestände sind begrenzt. Das ist heute durch die Debatte über „Peakoil", d.h. den Höhepunkt der Ölförderung, der bereits überschritten ist oder sehr bald überschritten sein wird, allgemein zu Bewusstsein gelangt. Das Energieregime ist aber auch geschlossen, weil die Treibhausgase, die Verbrennungsprodukte der fossilen Energieträger, in der Atmosphäre konzentriert werden und die Abstrahlung der Wärmeenergie ins Weltall behindern. Dies beschert uns den gefährlichen Treibhauseffekt, für den die Menschen verantwortlich sind.
Die Naturschranke, die zunächst im Zuge der industriellen und fossilen Revolution zurückweicht, zeigt sich später in ihrer ganzen Unerbittlichkeit als Energie- und Klimakrise, als Zerstörung lokaler Biotope, als Reduktion der Biodiversität, als ungewöhnliche Wetterereignisse, als Gesundheitsgefährdung. Das Energiesystem muss also wieder geöffnet werden. Doch wie? Es gab einen vorindustriellen und prä-fossilen Kapitalismus, doch wie kann ein post-industrieller und post-fossiler Kapitalismus aussehen? Oder ist eine wieder solare Energie nutzende Gesellschaft nur als sozialistische möglich? Die zunbächst harmlos erscheinende Naturfrage ist also eine soziale und eine zentrale politische Frage, auf die Antworten erarbeitet werden müssen.

Zum Autor:
Elmar Altvater ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Er arbeitet im wissenschaftlichen Beirat von attac und ist Mitglied von DIE LINKE.

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